Elektronik-Lieferketten kranken am Coronavirus

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Der Ausbrauch des COVID-19-Virus in China wird weltweite Auswirkungen auf die Wirtschaft haben: Finanzanalysten gehen davon aus, das Lieferengpässe und Produktionsausfälle das globale Wirtschaftswachstum ausbremsen werden. Die EU-Handelskammer beklagt zudem, dass das bürokratische Chaos vor Ort für weitere Verzögerungen sorgt.
Der Ausbrauch des COVID-19-Virus in China wird weltweite Auswirkungen auf die Wirtschaft haben: Finanzanalysten gehen davon aus, das Lieferengpässe und Produktionsausfälle das globale Wirtschaftswachstum ausbremsen werden. Die EU-Handelskammer beklagt zudem, dass das bürokratische Chaos vor Ort für weitere Verzögerungen sorgt. (Bild: Gerd Altmann / Pixabay)

Die schon seit Wochen andauernde Epidemie in China wirkt sich störend auf den weltweiten Technologiemarkt aus, warnen Finanzanalysten. Der disruptive Einfluss auf Hardware-, Halbleiter- und EMS-Anbieter droht, sich negativ auf die weltweite Wirtschaft auszuwirken.

Knapp zwei Monate sind seit den ersten Meldungen vom Ausbruch des Coronavirus in China vergangen. Schon jetzt bekommt vor allem die Consumer-Elektronik-Branche die Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs in China deutlich zu spüren. So werden die Smartphone-Verkäufe auf dem chinesischen Festland im Zeitraum von Januar bis März 2020 um wenigstens 30% gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal einbrechen, schreiben Analysten des Marktforschungsinstituts IDC. Der PC-Absatz werde ähnlich hart getroffen. Dabei war es vor allem der Verkauf in China, der in den vergangenen Jahren noch einmal das Wachstum dieser beiden Produktkategorien angetrieben hatte.

Dabei hatten sich zu Jahresbeginn Branchenverbände und Unternehmen noch vorsichtig optimistisch gezeigt. Nachdem der Elektronikmarkt in den vergangenen beiden Jahren aufgrund des Handelsstreits zwischen den USA und China, dem Verfall des Speicherpreises und anderer Faktoren nachgelassen hatte, erwarteten die Meisten für 2020 wieder eine Erholung und neuerliches Wachstum. Nun aber hat dieser Optimismus einen neuen Dämpfer verpasst bekommen: Der unerwartete, und vor allem unerwartet umfangreiche, Ausbruch des Coronavirus droht, den Fertigungsstandort China auf noch nicht absehbare Zeit zu lähmen – was sich nachhaltig auf Lieferketten weltweit auswirkt.

Das weltweite Wirtschaftswachstum wird nachgeben

Finanzanalysten von Standard & Poor's Global haben nun eine Einschätzung abgegeben, wie sehr sich diese Disruption in der Elektronikfertigung auf die weltweite Wirtschaft auswirken wird. Die Einschätzung ist ernüchternd: „Die Geschwindigkeit und die Ausbreitung [von SARS-CoV-2] in den letzten zwei Monaten stellen ein Risiko für die Weltwirtschaft und die Kreditvergabe dar“, heißt es in dem Bericht. Das für 2020 veranschlagte Bruttoinlandsprodukt Chinas werde demnach statt der veranschlagten 5,7% nur noch 5,0% betragen. Dies hat auch weltweite Auswirkungen: das globale BIP wird im Schnitt um 0,3 Prozentpunkte weniger wachsen.

Um eine größere Verbreitung des Virus zu unterbinden, stellte die chinesische Regierung Wuhan, den Ort des größten SARS-CoV-2-Ausbruchs, und weitere Städte am 23. Januar 2020 unter Quarantäne. Zudem hat die Regierung eine Einschränkung der Reisefreiheit ausgesprochen, um die Gefahr einer Ausbreitung einzudämmen. Zahlreiche Fabriken und Fertigungsstätten standen in der Folge still, als einer der bekanntesten Namen setzte etwa Foxconn seine Fertigung aus. Es haben zwar seit dem 10. Februar einige Standorte ihre Produktion wieder aufgenommen. Doch selbst hier laufen die meisten von ihnen noch nicht wieder mit voller Kapazität - wie etwa Bourns für seine Fertigungswerke in Donggian und Xiamen bestätigt.

Chinas radikale Maßnahmen im Kampf gegen die neuartige Lungenkrankheit sorgen für große Verwirrung und bereiten europäischen Unternehmen im Land enorme Probleme. Die EU-Handelskammer in China teilte am Dienstag in Peking mit, dass widersprüchliche Regeln lokaler Stellen es extrem schwierig machten, die Arbeit diese Woche nach den - wegen des Virus verlängerten - Ferien über das chinesische Neujahrsfest wieder aufzunehmen.

Distributoren und EMS-Provider mit am stärksten betroffen

All diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass weltweit Lieferketten unterbrochen wurden oder Materialien nur verzögert geliefert werden. So musste beispielsweise Smartphonehersteller Apple seine Umsatzprognose für das erste Quartal 2020 deutlich zurückfahren und von 63 bis 67 Milliarden US-$ auf 58 Milliarden US-$ zurückfahren. China, Taiwan und Hongkong fahren laut S&P Global etwa 20% des Umsatzes bei Apple ein. Dieser Umsatzrückgang wirkt sich indirekt weiter auf den Börsenkurs von Unternehmen aus, die Apple beliefern. Als besonders stark betroffen gelten nach Standard & Poor's etwa die Chiphersteller Qorvo, Broadcom und Qualcomm.

Auch Distributoren und Electronic Manufacturing Services (EMS) dürften von der Disruption in China besonders betroffen sein. S&P schätzt, dass chinesische Elektronikbauteile bei diesen Unternehmen im Schnitt 20-25% des Umsatzes ausmachen – in Einzelfällen, wie etwa beim US-amerikanischen Auftragshersteller Jabil, bis zu 50%. Dieses Volumen lässt sich nicht kurzfristig auf Bauteilelieferanten aus oder eine Fertigung in anderen Regionen verlagern. Laut S&P dürfte das direkte Geschäft großer Distributoren wie Arrow oder Avnet hier spürbar betroffen sein.

Verkauf von Halbleitern wird spürbare Delle erleiden

Auch das Halbleitergeschäft dürfte aufgrund des Produktionsstillstands in China spürbare Konsequenzen davontragen: Weniger wegen der Herstellung der Chips selbst, sondern weil die Anlagen stillstehen, in denen die Produkte verbaut werden. China's Bedarf an Halbleitern macht mittlerweile zwischen 40 und 50% des weltweiten Marktes aus. Zwar versucht China seit einigen Jahren zunehmend, den Bedarf mehr und mehr durch einheimische Produktion zu decken. Doch das Land ist von diesem Ziel noch weit entfernt.

Zentrale Regionen für die Fertigung von Elektronikbauteilen in China. Das vom Coronavirus am stärksten betroffene Gebiet, Wuhan, gilt als Hochburg für die Produktion optischer Module und Displays.
Zentrale Regionen für die Fertigung von Elektronikbauteilen in China. Das vom Coronavirus am stärksten betroffene Gebiet, Wuhan, gilt als Hochburg für die Produktion optischer Module und Displays. (Bild: S&P Global Ratings)

Der Coronavirus würgt zudem den chinesischen Automarkt ab, der Fahrzeug-Absatz ist im Januar um ein Fünftel zurückgegangen. In der betroffenen Region Hubei finden etwa 9% der chinesischen Autoproduktion statt. Nach den Schätzungen des Autoteams von S&P Global Ratings werden die Stilllegungen in China die jährliche Gesamtproduktion in und um Wuhan wahrscheinlich um 2-4% verringern. China könnte die Stilllegungen über Hubei hinaus ausdehnen, um das Ansteckungsrisiko zu begrenzen, was bis zur Hälfte der chinesischen Auto- und Autoteileproduktion betreffen könnte. Da diese Fahrzeuge zunehmend Halbleiter verbauen, wird dieser Produktionsrückgang entsprechend auch auf die Chipindustrie durchschlagen.

Auch deutsche Automobilhersteller sind von dem Ausfall der Lieferketten und dem Einbruch des lokalen Marktes in China betroffen. So beklagt beispielsweise VW ebenfalls Probleme mit der Supply Chain und der Logistik. Der chinesische Markt macht inzwischen bis zu 40% aller Auslieferungen von VW aus.

Vor Ort herrschen Verwirrung und bürokratisches Chaos

„Wir sind definitiv sehr besorgt,“ sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer, angesichts der Lieferengpässe und Produktionsausfälle in China. Selbst wenn Produkte derzeit ausgefertigt seien, könnten sie häufig aufgrund bürokratischer Hürden und unterschiedlicher lokaler Regelungen im Umgang mit der Krise noch nicht einmal transportiert werden.

Besonders kleine und mittelständische Unternehmen würden von der Krise schwer betroffen. Viele könnten vielleicht nur zwei bis drei schlechte Monate verkraften. So drohten Pleiten, wenn nicht der Staat mit Krediten und anderer Unterstützung zur Hilfe komme. „Wenn diese Krise noch einen Monat oder so anhält, wird es verheerend für kleine Unternehmen“, sagte Paul Sives, Vertreter der EU-Handelskammer in Südwestchina. Während einige Unternehmen wieder anfingen zu arbeiten, fehle es an Zulieferern. In einem Industriepark in seiner Region hätten erst 5 von 50 Unternehmen den Betrieb wieder aufgenommen.

„Bürokratie und Verwirrung sind die wichtigsten Worte, die wir von unseren Mitgliedern hören“, sagte Carlo D'Andrea, Vertreter der EU-Kammer in Shanghai. Ein Problem seien schon die Heizungen, die in den Bürohäusern ausgestellt blieben, weil befürchtet werde, dass das Virus durch die Ventilation verteilt werden könne. Es könne nicht gearbeitet werden, weil Beschäftigte bei viel zu kalten Temperaturen im Büro säßen und sich auf diese Weise erkälten könnten.

China ist in den vergangenen Jahrzehnten zum führenden Produktionsstandort für zahlreiche Elektronikbauteile geworden, was vor allem an der hohen Verfügbarkeit kostengünstiger Facharbeiter liegt. Die Region Hubei, in der mit Wuhan das Epizentrum des SARS-CoV-2-Ausbruchs liegt, ist hierbei zu einem bedeutenden Standort insbesondere für Optik-Module und Displays herangewachsen. Offiziell sind aktuell (Stand 19. Februar 2020, Vormittag) mehr als 74.000 Menschen erkrankt und etwa 2000 an den Folgen der neuen Lungenerkrankung gestorben. (mit Material von S&P Global, IDC und dpa)

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