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Aktion Elektronik hilft Ein Stück mehr Lebensqualität durch Antriebstechnik

| Autor / Redakteur: Stefan Roschi * / Gerd Kucera

Jährlich erleiden weltweit geschätzt 130.000 Personen eine Querschnittlähmung. Mit einem Exoskellet können diese Menschen wieder stehen, laufen, sich umdrehen und selbstständig hinsetzen.

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Andre van Rüschen ist heute täglich im aufrechten Gang unterwegs.
Andre van Rüschen ist heute täglich im aufrechten Gang unterwegs.
(Bild: BERLIFOTO)

Eine annähernd genaue Zahl zu Personen, die beispielsweise durch einen Unfall auf den Rollstuhl angewiesen sind, ist trotz der Studien zu schwerbehinderten Menschen kaum zu finden. Zum Jahresende 2015 lebten laut Statistischem Bundesamt rund 7,6 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland. Weltweit sind nach Schätzungen von maxon motor etwa 185 Millionen Menschen auf den Rollstuhl angewiesen. Ein Roboter-Exoskelett kann Querschnittgelähmten Menschen ein Stück Lebensqualität zurückgeben.

Ein Exoskelett stützt den menschlichen Körper von außen. Exoskelette werden entwickelt, um Menschen mit Bewegungseinschränkungen das Gehen zu ermöglichen, was ihre Stärke und Ausdauer verbessert. Sie können aufstehen, sich umdrehen und sich selbstständig wieder hinsetzen; Seitwärtsbewegungen, Treppensteigen und das Gehen auf harten, ebenen Oberflächen inklusive Steigung und Gefälle, sind ebenfalls möglich. Zwar sind die bionischen Beine kein vollständiger Ersatz für den Rollstuhl. Aber allein einem Menschen im Gespräch wieder in Augenhöhe gegenüberzustehen, ist für diese Menschen ein unglaubliches Erlebnis.

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Andre van Rüschen beispielsweise kann seit einem Autounfall seine Beine nicht mehr spüren. Trotzdem ist er täglich zu Fuß unterwegs. Sogar Treppen meistert er inzwischen alleine. Andre van Rüschen hält sich mit der einen Hand am Geländer, mit der anderen stützt er sich auf den Gehstock. Seine Beine meistern Stufe für Stufe, und oben angekommen, lächelt er. Für ihn ist Laufen ein reines Glücksgefühl. Denn Andre ist querschnittsgelähmt. Durch den Autounfall wurde sein Rückenmark durchtrennt. Dennoch ist er täglich im aufrechten Gang unterwegs. Ein Exoskelett übernimmt die Funktion seiner Beine. Es ist ein mechatronisches Stütz- und Bewegungssystem, in dem Elektromotoren die Bewegung der Hüften und Knie übernehmen.

Die israelische Firma ReWalk Robotic entwickelt solche Systeme und gilt bereits als sehr etabliert, obwohl der Markt für Exoskelette noch jung ist. Ihre Produkte sind in den USA, in Europa und weiteren Ländern für den Privatgebrauch zugelassen. Mehr als 120 Trainingszentren weltweit sind mit solchen Geräten ausgestattet.

Andre van Rüschen meldete sich 2012 als Testperson bei ReWalk und wurde daraufhin nach London in ein Trainingscamp eingeladen. Dort lernte er, mit dem Exoskelett zu stehen, zu laufen und sich umzudrehen. Die Steuerung funktioniert über eine Uhr und mittels Gewichtsverlagerung. Eine Betreuungsperson stand ihm jeweils zur Seite. Später konnte sich der Familienvater aus Deutschland alleine fortbewegen.

„Es ist ein grandioses Gefühl – fast wie Schweben“, sagt er, „sobald ich mich am Exoskelett anschnalle, möchte ich nur noch laufen, laufen, laufen.“

Wenn querschnittgelähmte Menschen wieder selbstständig gehen können, hat das einen positiven psychologischen Effekt: Wieder mal eine andere Perspektive, den Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen. Aber nicht nur das. Klinische Studien haben gezeigt, dass vermehrtes Gehen und Stehen auch der Gesundheit zuträglich ist. Exoskelett-Benutzer haben eine verbesserte Blasen- und Darmfunktion, einen ruhigeren Schlaf und allgemein weniger Schmerzen, sodass sie seltener Medikamente benötigen. Auch bei Andre sind die häufigen Rückenschmerzen und eine chronische Blasenentzündung praktisch ganz verschwunden, seit er wieder gehen kann.

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