Bill Lamie, CEO von Express Logic

„Echtzeitbetriebssysteme haben eine gute Zukunft“

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„Wir leben zwischen Barebones-Applikationen und Linux“

Das klingt plausibel. Wie würden Sie die Zukunft von Echtzeitbetriebssystemen sehen? Manche Experten denken ja, die Bedeutung von Virtualisierungslösungen würde zunehmen und mehr und mehr würde sich auf der Applikationsschiene abspielen.

Echtzeitbetriebssysteme haben immer noch eine gute Zukunft. Das beste Beispiel dafür ist wahrscheinlich das iPhone, das so viele Komponenten-Chips hat. Ich denke aber, dass das RTOS als zentrales Betriebssystem eines Smartphones keine gute Zukunft hat. Das werden Linux oder Android oder iOS sein, auf jeden Fall kein RTOS.

Aber die Peripherie-Chips werden immer Aufgaben vom zentralen Prozessor übernehmen, und da spielen Linux oder Android typischerweise keine Rolle. In diesen Bereichen haben Echtzeitbetriebssysteme eine starke Zukunft.

Im traditionellen Embedded-Segment trifft man immer auf RTOS, wenn es um eine dedizierte Aufgabe geht, die zeitkritisch und antwortzeit-kritisch ist und wo es auf kleine Größen ankommt. Wir behaupten also unser Terrain.

Als Linux aufkam, gab es eine richtige Schlacht, weil keiner wusste, wie man Linux einschätzen sollte und wie man ein RTOS einschätzen sollte. Und manche versuchten, Linux überall und in jeder Nische einzusetzen. Aber das hat sich jetzt gelegt. Wir haben jetzt auch gute Freunde im Linux-Bereich.

Es gibt Experten, die ein deterministisches Verhalten auch für Linux nachgewiesen haben – zumindest empirisch.

Ich bin mir nicht sicher, ob man Linux wirklich als deterministisch ansehen kann. Aber nehmen wir mal an, es ist so deterministisch, dass es einen Context-Switch in 200 Mikrosekunden garantiert. Was ist aber, wenn der Kunde einen Context-Switch in 10 Mikrosekunden braucht?

Der Code-Umfang, der im Linux-Kernel steckt, kann unmöglich auf die Größe eines RTOS heruntergebrochen werden. Es kann also nicht schneller werden.

Echtzeit bedeutet ja: Es gibt Echtzeitbeschränkungen für bestimmte Aufgaben, kann das System das liefern? Und für manche Aufgaben kann Linux das durchaus. Wenn das System 200 Mikrosekunden als Grenze für Context-Switches benötigt und wenn es deterministisch ist, dann ist Linux eine gute Lösung. Und wenn genug Speicher vorhanden ist.

Aber es wird immer Applikationen geben, die mit weniger auskommen müssen. Es gibt sogar Barebones-Applikationen, die gar kein Betriebssystem benötigen. Und in diesem Spektrum zwischen den Barebones-Apps und Linux liegt das Reich der Echtzeitbetriebssysteme. Klopfen wir auf Holz – ich hoffe, dass es so bleibt.

Der Trend geht ja Hardware-seitig zu Systems on a Chip. Haben RTOS auch dort eine Existenzberechtigung?

Wir haben bereits eine Reihe von Portierungen auf verschiedene SOCs gemacht. Ein gutes Beispiel ist der TI AM 335X, der auf einem ARM Cortex A8 oder A9 basiert. TI arbeitet sehr stark mit Linux. Sie zielen mit diesem Chip auf Linux-basierte Applikationen. Aber ein gewisser Prozentsatz wird für andere Dinge eingesetzt. Und hier kommen wir ins Spiel. Auf der anderen Seite gibt es auf den ARM-Cortex-M-Chips Komponenten, die für Linux zu klein sind.

Ist Virtualisierung für Sie auch ein Thema? Ein Betriebssystem mit kleinem Footprint könnte einen guten Hypervisor abgeben.

Eine Menge unserer Kunden schalten zwischen Linux und ThreadX hin und her. Wenn man harte Echtzeitanforderungen hat, nimmt man ThreadX, und dann schaltet man zurück zu Linux.

Liefern sie dafür den Hypervisor?

Nein. Wir arbeiten mit Partnern zusammen, manche Kunden haben Hypervisoren von Partnern genommen, aber wir stellen das nicht selbst her.

Könnte das in Zukunft ein Geschäftsfeld für Sie sein?

Ich weiß nicht, ob sich das auszahlt. Es ist viel Arbeit, es ist nicht einfach, und wir wissen nicht, wieviel Geschäft wir daraus generieren können – speziell im Multicore-Umfeld. Multicore ist quasi des Hypervisors schlimmster Feind. Denn wenn Multicore-Chips so billig geworden sind – warum teilt man einen Prozessor auf, wenn man zwei oder vier Kerne zur Verfügung hat? Ich bin mir nicht sicher, wie die Zukunft für Hypervisoren aussieht.

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