Disruption – Vom Pfeifen im dunklen Wald

| Redakteur: Hendrik Härter

Guido Körber: Geschäftsführer bei dem mittelständischen Unternehmen Code Mercenaries Hard- und Software glaubt an den Wandel als Chance.
Guido Körber: Geschäftsführer bei dem mittelständischen Unternehmen Code Mercenaries Hard- und Software glaubt an den Wandel als Chance. (Bild: Code Mercenaries)

Disruption ist ein Prozess, bei dem eine neue Technologie einen Markt komplett auf den Kopf stellt, ihn neu definiert oder eliminiert und durch etwas ganz Neues ersetzt.

Seit dem Beginn der Industrialisierung ist die Disruption ein ständiger Begleiter des technischen Fortschritts. Jedes Mal kam es dabei zu Verschiebungen in der Wirtschaftsstruktur. In extremen Fällen betrifft die Disruption das Grundgefüge der Gesellschaft, so wie bei den ersten industriellen Revolutionen: Mechanisierung und Motorisierung. Dabei wurden jede Menge Arbeitskräfte überflüssig und das ohne jegliche soziale Absicherung. Aufstände waren die logische Konsequenz.

Wer die Zeichen einer einsetzenden Disruption nicht erkennt, oder sogar versucht sich ihr entgegen zu stellen, verliert. Das jüngste Beispiel größeren Umfangs war der Aufstieg der Smartphones. Noch vor zehn Jahren sah der Markt für Mobiltelefone komplett anders aus, mit anderen Anbietern. Das Apple iPhone kombinierte dann 2007 die mittlerweile ausreichend leistungsfähige Technik mit einer neuen Idee für Benutzung (Touch), Dienste (Apps) und Vermarktung (Lifestyle-Produkt statt nur Kommunikationsmittel). Was aus Motorola, Nokia, Ericsson und Windows Mobile wurde ist hinreichend bekannt.

Der Versuch sich einer solchen Entwicklung entgegen zu stellen beschleunigt nur den Weg in die Bedeutungslosigkeit. Gefährlich ist dabei der Tunnelblick aus der Perspektive des eigenen, alten Marktes. Das führt zu Fehleinschätzungen, die im Nachhinein geradezu grotesk anmuten. Ein gern zitierter Klassiker ist die Aussage von Kaiser Wilhelm II. der sagte, dass er das Auto für eine Modeerscheinung halte und an das Pferd glaube.

Aktuell befinden wir uns in mehreren disruptiven Entwicklungen, die bereits über den Kipppunkt hinaus sind. Zwei besonders massive disruptive Änderungen betreffen unsere Energieversorgung und den Straßenverkehr. Hier häufen sich bereits die üblichen Reaktionen. In den betroffenen Branchen wird teilweise alles gemacht, um die Entwicklung zu ignorieren oder aufzuhalten, bis hin zur massiven Beeinflussung von Gesetzen und der Entwicklung von völlig irrsinnigen Produkten zur Verwirrung des Marktes.

Dabei hilft der Blick von außen auf die betroffenen Branchen und ein Rückblick darauf, was in vorangegangenen Disruptionen passiert ist. Ein gemeinsamer Nenner der Entwicklungen ist, dass Elektronik immer Mechanik schlägt. Eine große Stärke unserer Branche ist es Dinge, die in großen Stückzahlen produziert werden, enorm schnell zu optimieren und im Preis nach unten zu skalieren. Das einfacher zu fertigende und zu wartende System hat im Markt einen Vorteil. Entsprechend ist die Prognose, was sich in den beiden Märkten durchsetzen wird relativ einfach: Photovoltaik und das batterieelektrische Auto. Denn beide Lösungen brauchen die wenigsten bewegten Teile und in der Produktion und Wartung den geringsten Aufwand.

Wahrscheinlich wird der Widerspruch zu dieser Behauptung jetzt relativ laut. Aber die Würfel sind bereits gefallen, es wird in den betroffenen Branchen immer noch laut im dunklen Wald gepfiffen und so getan, als wenn alles noch offen wäre. Tatsächlich müssen wir momentan aufpassen, dass aus den interessierten Kreisen nicht Einfluss auf die Gesetzgebung genommen wird und wir damit technologisch den Anschluss verlieren.

Ein paar Zahlen untermauern, dass das Spiel bereits entschieden ist. Die Kilowattstunde aus Photovoltaik ist in Deutschland bereits ab ca. 5 ct zu produzieren, ein Preis, den Kohlekraftwerke nur erreichen, indem Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. In den USA ist ein Stromversorger mit PV inklusive Batteriespeicher bereits bei 3,6 USct/kWh angekommen.

Beim Straßenverkehr zeigen Streetscooter und Tesla, was bereits möglich ist. Die deutschen Hersteller sehen dazu im Vergleich noch etwas alt aus. Das Wasserstoffauto wird sich genau so auf dem Markt halten wie der Plasmabildschirm neben dem LCD – nämlich als Fußnote im Geschichtsbuch.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45334985 / IoT)