Unterschiedliche Gewichtung Digitalisierung: Corona spaltet deutschen Mittelstand

Redakteur: Michael Eckstein

Eine Untersuchung der KfW macht deutlich: Während ein Drittel der großen Mittelständler ihre Digitalisierungsaktivitäten im Zuge der Pandemie forciert haben, hat ein weiteres Drittel keine Maßnahmen durchgeführt. Letztere drohen dadurch weiter abgehängt zu werden.

Firmen zum Thema

Momentum: Vor allem große Mittelständler mit 50 und mehr Beschäftigten haben im Corona-Jahr 2020 ihre Digitalisierungsanstrengungen ausgeweitet.
Momentum: Vor allem große Mittelständler mit 50 und mehr Beschäftigten haben im Corona-Jahr 2020 ihre Digitalisierungsanstrengungen ausgeweitet.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Corona-Pandemie hat im vergangenen Jahr einen Schub bei der Digitalisierung im deutschen Mittelstand ausgelöst. Bis Januar 2021 hat jedes dritte kleine und mittlere Unternehmen seine Digitalisierung ausgeweitet (33%), wie der aktuelle KfW-Digitalsilierungsbericht zeigt.

Digitalisierungsmaßnahmen waren ein wichtiges Hilfsmittel, die negativen Auswirkungen der Corona-Krise zu bewältigen. Dies lässt sich daran ablesen, dass vor allem Unternehmen, die spürbar – aber nicht existenziell – von der Krise betroffen sind (41%) und mit einer langen Krisendauer rechnen (39%) ihre Digitalisierungsanstrengungen ausgeweitet haben.

Primär kurzfristige, schnell umsetzbare Maßnahmen

Diese Nachricht ist jedoch nur vordergründig eine gute, denn sie bedeutet zugleich, dass es sich bei den durchgeführten Vorhaben, um schnell umsetzbare und kurzfristig wirksame Vorhaben handelt. Dagegen ist davon auszugehen, dass langfristige und strategisch bedeutsame Vorhaben aufgrund der angespannten finanziellen Lage häufiger zurückgestellt wurden. Und: Ebenfalls ein Drittel (33%) der Mittelständler hierzulande hat 2020 unverändert keine Digitalisierungsmaßnahmen durchgeführt. Auch das zeigt, dass die Digitalisierung während der Corona-Pandemie kein Selbstläufer ist.

Die Ergebnisse der aktuellen Analyse von KfW Research geben somit wenig Anlass zur Hoffnung, dass die deutsche Wirtschaft perspektivisch bei der Digitalisierung gegenüber ihren internationalen Wettbewerbern aufholt. Aktuell erreicht Deutschland bei der Verbreitung digitaler Technik in der Wirtschaft im internationalen Vergleich allenfalls einen Platz im Mittelfeld.

Vor Corona hatten Digitalisierungsmaßnahmen abgenommen

Zuletzt hatten in den Jahren vor Corona die Digitalisierungsanstrengungen im Mittelstand hierzulande abgenommen, wie die repräsentative Analyse von KfW Research auf Basis des KfW-Mittelstandspanels belegt: In den Jahren 2017 bis 2019 setzten nur noch 3 von 10 mittelständischen Unternehmen ein Digitalisierungsvorhaben um (–10 Prozentpunkte ggü. Vorperiode 2016 bis 2018). Die Anzahl der Mittelständler mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben nahm um 380.000 auf gut 1,1 Mio. Unternehmen ab.

Im Corona-Jahr 2020 haben nun vor allem große Mittelständler (50 und mehr Beschäftigte) mit einem Anteil von 58% ihre Digitalisierungsanstrengungen ausgeweitet. Unter den kleinen Unternehmen (unter 5 Beschäftigte) beträgt dieser Wert dagegen nur 32%. Besonders aktiv sind darüber hinaus – ebenfalls wie bereits in der Vergangenheit – die Forschung und Entwicklung (FuE)-treibenden Mittelständler (54% mit Ausweitung). Setzen sich diese Trends fort droht eine Spaltung des Mittelstands.

„Das Momentum der Digitalisierung weiterführen“

„Die Digitalisierung ist ein Hoffnungsträger für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in breiten Teilen der Wirtschaft und für das Wiederanspringen der Produktivitätsentwicklung. Für den Mittelstand gilt es, mit dem erwarteten Abflauen der Krise im weiteren Verlauf dieses Jahres das Momentum bei der Digitalisierung weiterzuführen und über Homeoffice und Videokonferenzen als neue Errungenschaften hinauszugehen“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.

Die Firmen müssten nun strategische Digitalisierungsvorhaben angehen und diejenigen Eigenschaften, die sich in der Krise als vorteilhaft erwiesen haben – wie Flexibilität, Initiative und Unternehmergeist - auch langfristig sichern und weiterentwickeln. Dies dürfe vielen Unternehmen schwerfallen. „Die angespannte Liquiditätslage und der im Verlauf der Krise gestiegene Verschuldungsgrad dürfte die Durchführung entsprechender Projekte im Nachgang der Krise erschweren.“

Wirtschaftspolitik hat mehrere Ansatzpunkte

Zudem sei durch die Pandemie bei vielen Unternehmen sicherlich auch der Wunsch nach Erhöhung der Krisenfestigkeit gestiegen. Um diesem Zielkonflikt aus Krisenresilienz und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit entgegenzusteuern, seien nun Investitionsanreize für die digitale Transformation und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen nötig. „So kann es gelingen, die notwendige Transformation hin zur Digitalisierung zu bewerkstelligen, international den Anschluss zu behalten und die Wachstumschancen zu nutzen“, sagt Köhler-Geib.

Ansatzpunkte für die Wirtschaftspolitik seien etwa Verbesserungen bei Förderkrediten, steuerliche Anreize und Zuschüsse für explizite Forschungsvorhaben, eine Verbesserung der Rahmenbedingungen durch Aus- und Weiterbildung von Fachkräften sowie der Ausbau der Versorgung mit schnellem und störungsfreiem Internet oder auch Anschubprojekte der öffentlichen Hand, wie GAIA-X.

Artikelfiles und Artikellinks

(ID:47271706)