Rekordsummen und drastische Umbrüche Diese Firmenübernahmen haben die Halbleiterbranche erschüttert

Autor: Sebastian Gerstl

Manche Unternehmen verschmolzen mit einem Merger instantan zu Marktführern. Andere kauften sich über Jahre hinweg einen Status als Innovationsführer und dominante Kraft in einer einzelnen Branche zusammen. Und wiederum andere sorgen mit der Ankündigung eines einzelnen Firmenkaufes für ein veritables Erdbeben in der gesamten Elektronikbranche. Wir stellen die 12 teuersten und bedeutendsten Firmenkäufe der letzten 20 Jahren in der Chipindustrie näher vor.

Firmen zum Thema

Über 101 Mrd. US-$ kamen alleine 2020 für nur vier Firmenübernahmen zusammen. Eine Rekordmeldung jagte die nächste - und löste im Corona-Krisenjahr deutliche Unsicherheit im Markt aus. Doch in den vergangenen 20 Jahren haben auch zahlreiche andere große Merger und Akquisen die Industrie erschüttert. Wir stellen an dieser Stelle 12 von ihnen (plus drei weitere mit besonderem Interesse für den deutschen Markt) noch einmal näher vor.
Über 101 Mrd. US-$ kamen alleine 2020 für nur vier Firmenübernahmen zusammen. Eine Rekordmeldung jagte die nächste - und löste im Corona-Krisenjahr deutliche Unsicherheit im Markt aus. Doch in den vergangenen 20 Jahren haben auch zahlreiche andere große Merger und Akquisen die Industrie erschüttert. Wir stellen an dieser Stelle 12 von ihnen (plus drei weitere mit besonderem Interesse für den deutschen Markt) noch einmal näher vor.
(Bild: Clipdealer)

Das Jahr 2020 verspricht als ein historisches Jahr in die Geschichte des knapp 70 Jahre alten Halbleitermarktes einzugehen. Mit nur vier Firmenübernahmen wurden alleine in diesem Jahr über 100 Mrd. US-$ für Firmenkäufe oder Merger ausgegeben. Sollten all diese Merger und Akquisen von den jeweiligen Kartellbehörden abgesegnet werden, dürfte 2020 das teuerste Akquisenjahr der Halbleitergeschichte werden und sogar das bisherige Rekordjahr 2015 übertreffen.

Während gerade im Bereich Automotive, KI und Rechenzentren zahlreiche Start-Ups in den letzten Jahren entstanden sind, stehen die Zeichen in den restlichen Chipmärkten in der Tat eher auf Konsolidierung. Gerade in den letzten 20 Jahren hat die Zahl und die Geschwindigkeit der Firmenübernahmen – und vor allem die Höhe der Transaktionssummen – dramatisch zugenommen.

Konsolidierungen schon seit den 1980ern deutlich spürbar

Sicher, auch im 20. Jahrhundert gab es diverse Merger und Firmenkäufe, die für Aufsehen gesorgt haben, und deren Auswirkungen auch heute noch spürbar sind. Für den europäischen Markt ist beispielsweise der 1985 erfolge Zusammenschluss der italienischen SGS Microelettronica mit der französischen Halbleitergruppe Thomson Semiconducteurs von besonderer Bedeutung. Nicht nur, weil dies eine fortschreitende Konsolidierung gerade auf dem europäischen Halbleitermarkt bedeutete (SGS Microelettronica war bereits aus dem Zusammenschluss von ATES mit der Società Generale Semiconduttori hervorgegangen, während Thomson Semiconducteurs die Unternehmen Mostek, Silec, Eurotechnique, EFCIS und SESCOSEM unter einem Dach vereinte). Die aus dem Merger entstandene Firma SGS-THOMSON, die seit Mai 1998 unter dem Namen ST Microelectronics firmiert, ist auch heute noch eines der drei bedeutendsten europäischen Halbleiterunternehmen und zählt zu den 15 größten Halbleiterherstellern weltweit.

Auch in den USA gab es noch vor der Jahrtausendwende Firmenübernahmen, die die Branche weltweit aufhorchen ließen. So sorgte etwa 1987 die Nachricht für aufsehen, dass National Semiconductor sich den Konkurrenten Fairchild einverleiben würde. Das Unternehmen, das es damals seit 30 Jahren gab, war einer der ersten kommerziellen Halbleiteranbieter überhaupt gewesen und galt damit quasi als Traditionsunternehmen.

Doch die Zeiten ändern sich, wie es scheint, immer schneller: Nicht nur wurde Fairchild zwischenzeitlich unter eigenem Namen wieder ausgegründet und schließlich 2016 wiederum von ON Semiconductor geschluckt. Auch der damalige Käufer, National Semiconductor, besteht mittlerweile nicht mehr unter eigenem Namen auf dem Markt.

Gewiss, eine vollständige Übersicht über alle relevanten Firmenakquisen der Halbleitergeschichte dürfte angesichts des Umfangs kaum möglich sein. Zum Jahresausklang des Jahres 2020 wollen wir aber aus gegebenem Anlass einen Rückblick über die relevantesten Merger und Akquisen werfen, die die Branche in den letzten 20 Jahren erlebt hat: Vom Jahr 2000 bis heute.

(Sind Sie der Ansicht, dass wir etwas Bedeutendes übersehen haben? Lassen Sie es uns wissen! Wir freuen uns über Ihr Feedback in der Kommentarspalte unterhalb dieses Beitrags.)

Übernahmen auf dem Halbleitermarkt: Signifikante Merger und Akquisen zwischen 2000 und 2010

Sicher: Die Transaktionsvolumen in der Branche sind bei Firmenübernahmen vor allem in den letzten zehn Jahren regelrecht explodiert. Dennoch gab es auch in der Zeit davor eine Reihe nennenswerter Firmenübernahmen, deren Auswirkungen sich auch heute noch signifikant bemerkbar machen. Hier sind insbesondere drei (streng genommen dreieinhalb) Beispiele besonders hervorzuheben.

Übernahme von Burr-Brown durch Texas Instruments (2000)

Der ADC84KG12, ein 12-Bit A/D-Wandler von Burr Brown. Mit dem seinerzeit alle Rekorde übertreffenden Kauf des texanischen Mitbewerbers und Halbleiterpioniers Burr-Brown etablierte sich Texas Instruments vor 20 Jahren als der führende Anbieter analoger Bauteile weltweit.
Der ADC84KG12, ein 12-Bit A/D-Wandler von Burr Brown. Mit dem seinerzeit alle Rekorde übertreffenden Kauf des texanischen Mitbewerbers und Halbleiterpioniers Burr-Brown etablierte sich Texas Instruments vor 20 Jahren als der führende Anbieter analoger Bauteile weltweit.
(Bild: ADC84KG-12 / Mister rf / CC BY-SA 4.0)

Texas Instruments befand sich zur Jahrtausendwende in einem Umbruch. Der Pionier der Halbleiterindustrie strukturierte sein Geschäft maßgeblich um. Das Unternehmen hatte sich zu Beginn mit Transistoren und linearen Schaltungen einen Namen gemacht und bis in die 70er Jahre hinein unter anderem durch Mikroprozessoren im Markt etabliert, dominierte den Consumer-Markt für Taschenrechner und hatte sich mit dem TI 99/4 sogar auf dem jungfräulichen Heimcomputermarkt vorgewagt . Doch der Markt durchlief in den 1980er Jahren einen Wandel, den TI zum Anlass nahm, sich neu zu orientieren. So trennte sich TI Ende der 90er Jahre endgültig von seiner Softwaresparte und verkaufte auch sein Militärtechnikgeschäft an Raytheon. Gleichzeitig wandte sich das Unternehmen in derselben Zeit dem aufstrebenden Kommunikationsmarkt zu und begann verstärkt, Entwicklungsressourcen in den Markt für Analogbauteile zu stecken.

Anfang der 1980er Jahre, als nur ungefähr 2% des Marktes linearer Schaltkreise auf CMOS-Technologie basierten, erweiterten und verbesserten die Texaner die Palette der Analogprodukte. Zwischen 1983 und 1985 wuchs die Zahl der Analogprodukte von 273 auf 600. TI hatte schon in der Folge eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung von DSP-Lösungen gespielt. Anfang der 1970er Jahre bewegten sich die Jahresumsätze, die Texas Instruments mit analogen Produkten erwirtschaftete, noch im zweistelligen Millionenbereich (in US-Dollar gerechnet). Bis zum Ende der 1980er Jahre stiegen sie auf rund 400 Mio. US-Dollar, um dann bis zur Jahrtausendwende auf 4 Mrd. US-Dollar zu steigen. Mit einer Reihe von Firmenzukäufen sollte sich das Unternehmen aber schlagartig als dominanter Spitzenreiter im Analogmarkt etablieren.

1999 übernahmen die Texaner Unitrode, einem bedeutenden Entwickler und Hersteller von Power-Management-Bauelementen. Im Jahr darauf erwarb das Unternehmen die in Kopenhagen ansässige Firma Toccata Technology ApS, die zu den weltweit führenden Entwicklern von digitalen Audioverstärker-Technologien und Board-Lösungen gehörte. Davor erfolgten noch einige kleinere Zukäufe von Firmen wie Libit Signal Processing oder Telogy Networks, jeweils für einige 100 Mio. US-$.

Doch der wahre Clou sollte erst noch folgen: Im September 2000 erwarb das Unternehmen den ebenfalls in Texas ansässigen Halbleiter-Pionier Burr-Brown für die damals unerhörte Summe von 7,6 Mrd. US-§. Es war eine Kaufsumme, die – sieht man von der Finanzspritze an Freescale durch eine Investorengruppe im Jahr 2006 einmal ab – für 15 Jahre nicht mehr überboten werden sollte.

Die 1956 gegründete US-Firma Burr-Brown war eines der ersten Unternehmen, dass sich der kommerziellen Vermarktung von Halbleiterprodukten verschrieben hatte. Bestand das Portfolio zu Beginn nahezu ausschließlich aus Transistoren, etablierte sich das Unternehmen im Laufer der 1960er Jahre auf dem damals boomenden Markt für Analogtechnik. In den folgenden vier Jahrzehnten sollte Burr-Brown den Analog-Bereich maßgeblich prägen. Das Unternehmen war stark mit Bauteilen zur elektronischen Signalverarbeitung und, insbesondere ab den 90er Jahren, Mixed-Signal-ICS. So etablierte sich etwa die Baureihe MSC1200 schnell im Markt, die nicht nur A/D- und D/A-Wandler zusammenfasste, sondern auch gleich einen Mikrocontroller, basierend auf der damals sehr populären 8051-Familie von Intel, und einen Flash-Speicher integrierte.

Die Akquise schickte eine Schockwelle durch den Analog-Markt, setzte sich TI doch mit dem Kauf des Mitstreiters Burr-Brown eindeutig vom restlichen Industriesegment ab. Die Firmenübernahme kam gerade zur rechten Zeit: nicht erwarb das Unternehmen mit dem Portfolio von Burr-Brown eine Reihe von Digital-Analog- (D/A) und Analog-Digital-Wandlern (A/D), die zu den genauesten und schnellsten im damaligen Markt zählten. Vielmehr rüstete TI dadurch ein Umfangreiches Gesamt-Produktangebot für Bauteile im boomenden Mobiltelefonmarkt auf, für Verstärker auf dem Gebiet der 3G-Mobiltelefone, DSL-Modems, Internet-Audioplayer und digitale Consumer-Audio-Systeme. Ein so breites und umfassendes Angebot an Analog-ICs wie Texas Instruments konnte kein zweiter Anbieter auf dem Markt aus einer Hand anbieten. Dass TI im Jahr 2001 mit dem Zukauf der Firma Greychip dieses Portfolio noch um eine Reihe rekonfigurierbarer D/A- und A/D-Wandler für Hochgeschwindigkeitsanwendungen aufrüstete, wirkt da vergleichsweise nur als ein Nachgedanke.

Die Gründung von Globalfoundries und die Akquise von Chartered Semuconductor Manufacturing (2008/2009)

Luftaufnahme des Globalfoundries-Werks in Dresden, ehemals Dab 38 von AMD Saxony. Die Ausgründung der Halbleiterfertigung von AMD in einen eigenständigen, unabhängigen Foundry-Betrieb markierte eine Trendwende in der Halbleiterproduktion, der bis heute anhält: Weg von eigenen Fabs hin zu einer externen Produktion selbst bei High-End-Chips.
Luftaufnahme des Globalfoundries-Werks in Dresden, ehemals Dab 38 von AMD Saxony. Die Ausgründung der Halbleiterfertigung von AMD in einen eigenständigen, unabhängigen Foundry-Betrieb markierte eine Trendwende in der Halbleiterproduktion, der bis heute anhält: Weg von eigenen Fabs hin zu einer externen Produktion selbst bei High-End-Chips.

Krisen führen häufig zu drastischen Veränderungen auf dem Markt: Bis zur Wirtschaftskrise 2008/2009 hatten Auftragshersteller für Halbleiterprodukte nicht unbedingt durch technologische Innovationen von sich Reden gemacht. Fabless-Hersteller waren unter den weltweit führenden Chipanbietern nicht zu finden; wer bei einer Foundry produzieren ließ machte sich zu Nutze, dass diese Strukturgrößten für Fertigungsprozesse verwendeten, die wenigstens eine Generation hinter den auf den Markt etablierten Standards lagen und so billiger in Masse für den Low-End-Bereich produzieren konnten.

Deswegen galt es im September 2008 durchaus als Überraschung, als Prozessorhersteller AMD im Zuge der weltweiten, bereits seit 2007 anhaltenden Rezession ankündigte, seine eigenen Produktionsanlagen abzuspalten und fortan auf ein Fabless-Modell umsteigen zu wollen. Zusammen mit den in Dubai ansässigen Investoren der Advanced Technology Investment Company (ATIC) wurden die Fertigungsstätten, darunter die AMD Fabrikationsstätten in Dresden: die Fab 38 (ehemals Fab 30) der AMD Saxony und die Fab 36, in ein neues Unternehmen ausgegründet, dessen Ziel die Auftragsfertigung hochwertiger Chipprodukte sein sollte, die sich auch mit globalen Topstandards messen können: Globalfoundries.

Um dieses Ziel zu erreichen setzen die Investoren auf eine aggressive Expansionsstrategie: 2009 erwarb das junge Unternehmen zu einem Kaufpreis von 3,9 Milliarden US-$ das in Singapur ansässige Chartered Semiconductor Manufacturing, seinerzeit der Drittgrößte Auftragsfertiger von Chipprodukten weltweit. Während Chartered überwiegend auf Chipprodukte mit Strukturgrößen von 65nm ausgerichtet war, kam von AMD bereits eine weit fortentwickelte 32nm-Technologie hinzu.

Beinahe aus dem Stand entstand somit die nach dem taiwanesischen TSMC, gemessen am Volumen, zweitgrößte Auftrags-Foundry weltweit – und ein Chip-Auftragshersteller, der bei technologisch Führenden Halbleiterplattformen mitspielen konnten. Bereits 2009 beteiligte Globalfoundries sich mit NEC und IBM an einer Entwicklungsallianz für 28-nm-Nodes . Im darauf folgenden Jahr schloss Globalfoundries eine Partnerschaft mit Toppan Photomasks, um das Advanced Mask Technology Center in Dresden (AMTC) weiterzuführen, an dem sich zuvor auch Infineon (und dessen glücklose Speicherausgründung Qimonda) beteiligt hatten. So gelangten auch der Zugriff auf (seinerzeit) fortschrittliche Maskierungstechnologien in das Portfolio der Foundry.

Die Bildung von Globalfoundries und die umfangreiche Akquisition von Chartered Semiconductor stellte weniger wegen des damals doch recht beachtlichen Umfangs – es war seinerzeit die vom Transaktionsvolumen betrachtet fünftgrößte Firmenübernahme in der Halbleiterbranche – einen Umbruch dar. Vielmehr setzte es ein deutliches Signal für den einhergehenden Wandel in der Halbleiterindustrie. Selbst ernstzunehmende, tonangebende Chiphersteller begannen nun, den Aufwand der eigenen Chipherstellung zu meiden und die eigentliche Produktion an Auftragshersteller bzw. externe Foundries auszulagern. Auch wenn Globalfoundries selbst, was die Fertigung für High-EndChips betrifft, in den letzten Jahren strauchelte und derzeit in zunehmenden Maße einen Sparkurs fährt , ist der Trend weiterhin deutlich spürbar.

2010 war noch kein Unternehmen ohne eigene Fabs in den Top 10 der weltweit größten Halbleiterhersteller zu finden. Heute hat der Auftragshersteller TSMC eine technologisch führende Position auf dem Halbleitermarkt inne. Und Fabless-Unternehmen wie Qualcomm, Broadcom oder NVIDIA (und mittlerweile auch wieder AMD) geben maßgeblich mit den Ton an. Sogar Branchenführer Intel zieht mittlerweile in Erwägung, die Produktion bestimmter Chipprodukte aus Kostengründen nicht mehr in eigenen Fabs fertigen zu lassen..

Chipabteilungen von Mitsubishi- und Hitachi verschmelzen erst zu Renesas Technology (2003) und mit NEC zu Renesas Electronics (2010)

Der Standort der europäischen Firmenzentrale von Renesas Electronics in Düsseldorf stieß 2010 mit der Fusion von NEC mit Renesas Technology zu dem aufstrebenden, den Mikocontrollermarkt prägenden japanischen Unternehmen.
Der Standort der europäischen Firmenzentrale von Renesas Electronics in Düsseldorf stieß 2010 mit der Fusion von NEC mit Renesas Technology zu dem aufstrebenden, den Mikocontrollermarkt prägenden japanischen Unternehmen.
(Bild: Renesas)

Hatten bis in die 1980er Jahre in erster Linie amerikanische Halbleiterfirmen den Weltmarkt geprägt, holten japanische Unternehmen ab Mitte der 1980er enorm auf und drangen in den 90er Jahren signifikant in die Weltspitze vor. Dabei half insbesondere ein Elektronik-Boom im eigenen Land, dessen Bedarf an neuen, leistungsfähigen Chips in erster Linie aus einheimischem Bedarf gedeckt wurde. Wie in Japan üblich, mischten dabei vor allem große Mischkonzerne im Halbleitermarkt mit und schufen sich schnell signifikante Nischen.

Was zunächst eine große Stärke und eine Triebfeder für das Wachstum bedeutete, stellte sich aber mit dem Näherrücken des 21. Jahrhunderts zunehmend problematisch heraus: Der japanische Halbleitermarkt war schneller gewachsen, als dass der Bedarf hätte mithalten können. Zu viele Unternehmen konkurrierten mit ähnlichen Produkten miteinander, es kam zu drastischen Preisverfällen vor allem bei Mikrocontrollern für den Automobilmarkt. Als schließlich im Jahr 2000 das Platzen der Dotcom-Blase einen dramatischen Kurssturz bei Technologiefirmen – nicht nur im IT-Bereich – mit sich führte, gerieten zahlreiche Elektronikunternehmen in eine wirtschaftliche Krise. Gewiss auch unter signifikanter Anleitung der japanischen Regierung kamen die in der Halbleiterbranche tätigen Großkonzerne des Landes zu dem Schluss, dass eine Konsolidierung des einheimischen Chipmarktes nötig ist.

Unter diesen Vorzeichen wurde schließlich aus einer Fusion der Halbleiterabteilungen der Mischkonzerne Hitachi (Hitachi Semiconductor) und Mitsubishi (Mitsubishi Electric) ein neuer Player auf dem Chipmarkt aus der Taufe gehoben. Am 1. April 2003 entstand das Joint Venture Renesas Technology. Der Name leitet sich ab aus Renaissance Semiconductor for Advanced Solutions; ein Statement, dass sich hier kein Tochterunternehmen, sondern eine neue, eigenständige Firma auf dem Markt einfinden sollte.

Durch die Fusion entstand umgehend die Nr. 1 unter den Mikrocontrolleranbietern der Welt – ein „neuer“ Embedded-Gigant, der sich zudem als Lieferant von SoC-Bausteinen, Smartcard-ICs, Mixed-Signal-Produkten sowie Flash- und SRAM-Speichern betätigte. Beider Partner brachten wichtige, auf dem Markt fest etablierte Produkte in die Heirat mit ein: Von Mitsubishi kam die noch heute etablierte M16C-Plattform zu Renesas, Hitachi steuerte die weiterhin wichtige H8-Familie bei, die historisch den Übergang von den 8-auf die leistungsstärkere 16-Bit-Architektur im Embedded-Markt markierte.

Doch das junge Unternehmen hatte in den ersten Jahren mit Startschwierigkeiten zu kämpfen; vor allem der einheimische japanische Markt war noch immer übersättigt, während es Renesas Technology gleichzeitig schwer fiel, sich trotz des großen Startvolumens auf dem internationalen Parkett zu behaupten. Dies änderte sich, als 2010 NEC Electronics in einem Merger zum Joint Venture hinzustieß und sich hieraus das moderne Renesas Electronics herausbildete. Mit der V-Serie an Single-Chip-Computern nun international besser aufgestellten Standorten konnte sich Renesas so endgültig als führendes Unternehmen im Mikrocontroller-Markt etablieren. Vor allem bei Automotive-MCUs ist das aus drei unterschiedlichen japanischen Halbleitersparten hervorgegangene Renesas heute eines der weltweit tonangebenden Unternehmen.

Übernahmen auf dem Halbleitermarkt: Der Zeitraum von 2010 bis zum Rekordjahr 2015

In den Jahren nach 2010 begann der Halbleitermarkt, sich von den Folgen der von 2008 bis 2010 anhaltenden Rezession wieder zu erholen: Die weltweiten Umsätze gingen steil aufwärts, die Industrie setzte zu noch nicht dagewesenen Höhenflügen an. Nach einem ersten Paukenschlag zu Beginn der Dekade blieb es zwar zunächst weitgehend ruhig, doch im Jahr 2015 sollte, beflügelt durch günstige Kredite und einem boomenden Weltmarkt, eine rekordverdächtige Akquise der nächsten folgen.

Texas Instruments übernimmt National Semiconductor (2011/2012)

Für die Branche war es die größte Übernahme des Jahres 2011: Im April gab Texas Instruments überraschend den Kauf von National Semiconductor bekannt und legte dafür rund 6,5 Milliarden US-$ auf den Tisch. Eine Dekade nach dem Burr-Brown-Paukenschlag trieb Texas Instruments unter Leitung von Chairman und CEO Rich Templeton die Verdichtung des Analogmarktes weiter voran.
Für die Branche war es die größte Übernahme des Jahres 2011: Im April gab Texas Instruments überraschend den Kauf von National Semiconductor bekannt und legte dafür rund 6,5 Milliarden US-$ auf den Tisch. Eine Dekade nach dem Burr-Brown-Paukenschlag trieb Texas Instruments unter Leitung von Chairman und CEO Rich Templeton die Verdichtung des Analogmarktes weiter voran.
(Bild: National Semiconductor / Texas Instruments)

TI kauft NatSemi: Diese Meldung sorge 2011 für die Überraschung des Jahres im Halbleitermarkt. Für 6,5 Milliarden US-$ verleibte sich ein Urgestein der amerikanischen Chipindustrie einen anderen Pionier der Halbleiterbranche ein. Eine Marke, die über 50 Jahre lang die Branche mitgeprägt hatte, verabschiedete sich damit aus dem Markt. Der zu diesem Zeitpunkt bereits umsatzstärkste Anbieter analoger ICs übernahm den viertstärksten Bauteilhersteller im Markt. Texas Instruments, dass knapp 10 Jahre zuvor schon mit der Rekord-Übernahme von Burr-Brown ein eindeutiges Zeichen gesetzt hatte, legte eine weitere Spitzenmarke unter den Firmenakquisen vor und setzte sich damit hinsichtlich Produktportfolio und Umsatzzahlen deutlich vom Rest des Marktes ab.

National Semiconductor hatte auch in den 2000er Jahren noch zahlreiche Innovationen hervorgebracht. So stellte das Unternehmen etwa 2001 die weltweit erste weiße LED vor. Auch in den Jahren brachte NatSemi zahlreiche wichtige Patente für Audio-Subsysteme, Power-Management-Controller oder Solarenergie ein.

Allerdings war das Unternehmen besonders hart von der Wirtschaftskrise 2008/2009 in Mitleidenschaft gezogen worden, die einen zuvor bereits eingeleiteten Sparkurs noch einmal drastisch verschärfte. Zahlreiche Werksschließungen sowie der Abbau von über einem Viertel der bestehenden Belegschaft waren die Folge.

Dennoch wurden Analysten von der Übernahme im September 2011 kalt erwischt. In der Folge sahen viele Branchenexperten eine große Konsolidierungswelle auf den Analog-Markt zurollen. Diese ist auf weiter Strecke auch eingetreten. Zwar hat sich Texas Instruments seit 2011 mit weiteren großen Akquisen zurückgehalten. Doch die aktuelle Nummer 2, Analog Devices, sollte zwischen 2015 und 2020 mit einer Reihe namhafter Akquisen zu dem Spitzenreiter aufschließen. On Semiconductor wiederum übernahm, wie bereits erwähnt, 2016 für 2,6 Milliarden US-$ den Mitwettbewerber Fairchild.

Avago kauft erst LSI (2013), dann Broadcom (2015)

Mit dem Zukauf von und der Umfirmierung zu Broadcom, mit 37 Mrd. US-$ die bis dato teuerste von Kartellbehörden abgesegnete Übernahme einer Halbleiterfirma überhaupt, verlegte zu ursprünglich in Singapur beheimatete Avago ihren Hauptsitz ins kalifornische Sunnyvale - und damit ins klassische Silicon Valley.
Mit dem Zukauf von und der Umfirmierung zu Broadcom, mit 37 Mrd. US-$ die bis dato teuerste von Kartellbehörden abgesegnete Übernahme einer Halbleiterfirma überhaupt, verlegte zu ursprünglich in Singapur beheimatete Avago ihren Hauptsitz ins kalifornische Sunnyvale - und damit ins klassische Silicon Valley.
(Bild: Clipdealer)

Avago Technologies hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Das Unternehmen war erst Teil des Halbleitergeschäfts von Hewlett-Packard, ehe es 1999 als Teil einer Firmenausgündung in des neue Unternehmen Agilent Technologies überging. Aus einem Teilverkauf der Chipsparte von Agilent an die global agierenden Investoren KKR und Silver Lake ging 2005 Avago hervor, das seither regelmäßig vor allem durch immer größer Firmenzukäufe Schlagzeilen machte – so erwarb das Unternehmen etwa 2008 das BAW-Halbleitergeschäft (bulk acoustic wave) von Infineon.

2013 wurde ein vorläufiger Höhepunkt an Zukäufen und Investitionen erreicht: erst akquirierte Avago im Frühjahr für 400 Millionen US-$ den Optik-Spezialisten CyOptics und investierte im weiteren Jahresverlauf 5 Millionen US-$ in den Leistungselektronikanbieter Amantys, ehe es schließlich in der seinerzeit drittgrößten Firmenübernahme der Halbleitergeschichte den amerikanischen Halbleiter- und Networking-Spezialisten LSI Corporation übernahm. LSI galt in den Jahren zuvor gerade im Netzwerk-Umfeld als ein starker Innovationstreiber im Halbleitergeschäft; mit diesem Portfolio stockte Avago sein vorhandenes Repertoire an Halbleiter- und Technologiepatenten stark auf, die einen Großteil der gesamten Halbleiter-Bauteilgruppen adressiert . Allein über diese Patente besitzt Avago einen großen Einfluss und Handlungsspielraum auf dem Elektronikmarkt. Avago/LSI zählte in diesem Zeitraum zu den innovativsten Unternehmen weltweit.; ein Status, den die Gruppe, gemessen an ihren Patenten, auch bis heute noch hält.

Doch nur zwei Jahre später sollte Avago diesen bis dato größten Deal der Firmengeschichte bereits wieder toppen: 2015 weitete das Unternehmen das Spektrum seines Portfolios abermals aus und übernahm das seinerzeit noch in Singapur ansässige Unternehmen den Wireless- und Embedded-SoC-Anbieter Broadcom. Da die internationalen Marktaufsichten mit dieser Transaktion kein Problem hatten, war dies mit 37 Milliarden US-$ bis 2020 die größte verwirklichte Firmenübernahme in der Geschichte der Halbleiterindustrie. Seitdem firmiert das Unternehmen unter dem Namen Broadcom an dessen alten Firmenstammsitz in an José und stieg zwischenzeitlich zum größten Fabless-Chipanbieter der Welt auf.

Trotz dieser bestehenden Rekordmarken stand Avago/Broadcom nur wenige Jahre später davor, mit einem einzigen Deal alle bisherigen Akquisen komplett in den Schatten zu stellen: Für bis zu 148 Mrd. US-$ versuchte das Unternehmen, mitten in dessen versuchte (und letztlich gescheiterte) Übernahme von NXP sich Qualcomm, seinen eigenen schärfsten Rivalen im Fabless-Markt, einzuverleiben. Der zum großen Teil öffentlich ausgetragene Übernahmestreit verunsicherte den Markt sorgte vor allem beim in diesen Tagen durch ein Gerichtsverfahren mit Apple unter Druck gesetzte Qualcomm zwischenzeitlich für einen Kurseinbruch. Den dramatischen Bieterstreit, der zwischenzeitlich auch auf eine angedrohte feindliche Boardroom-Übernahme hinauslief, platzte im März 2018 schließlich aufgrund eines Veto des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump.

Wäre die Übernahme erfolgt, hätte die Kaufsumme das gesamte Transaktionsvolumen aller Halbleiter-Übernahmen im bisherigen Akquisen-Rekordjahr 2015 (103 Mrd. US-$) deutlich übertroffen.

Western Digital steigt mit dem Sandisk-Kauf zum dominanten Storage-Anbieter auf (2015)

Die Zentrale von Western Digital in Irvine, Kalifornien. Mit dem Zukauf von Sandisk stieg der Festplattenanbieter WD zum unangefochtenen Spitzenreiter für Storage-Lösungen im Markt auf.
Die Zentrale von Western Digital in Irvine, Kalifornien. Mit dem Zukauf von Sandisk stieg der Festplattenanbieter WD zum unangefochtenen Spitzenreiter für Storage-Lösungen im Markt auf.
(Bild: Western Digital)

Mit der 19 Milliarden US-$ schweren Übernahme von Sandisk durch Festplannenspezialist Western Digital entstand auf dem Massenspeichermarkt ein regelrechter Storage-Gigant: Das bei Enterprise- und klassischen HDD-Festplatten sowie Netzwerkspeichern fest etablierte Western Digital weitete damit sein Portfolio massiv durch die speziell auf dem Consumer-Markt populären Flash-SSD und (micro)SD-Lösungen von Sandisk auf. SanDisk hatte bereits 1988 mit der Weiterentwicklung des Floating Gate EEPROMs die Grundlage für NAND-Flash-Chips gelegt und brachte bei der Akquise über mehr als 6.500 Patente in diesem Bereich mit ein. Western Digital etablierte sich damit als klarer Marktführer.

Die Übernahme von Sandisk brachte Western Digital auch einige pikante Kontakte mit Toshiba ein, womit Sandisk 15 Jahre lang bei der Fertigung seiner Flash-Produkte zusammengearbeitet hatte. Erst kurz vor Bekanntgabe der Akquise hatten die Firmen gemeinsam in einem Joint Venture die Fab 2 im japanischen Yokkaichi gestartet in der 3D-Flash-Chips gefertigt werden sollten.

Dies sollte im Übrigen noch pikante Konsequenzen haben: Als Toshiba 2017 aus finanziellen Gründen die Abspaltung und den Verkauf seines Speichergeschäftes einleiten wollte, reichte Western Digital dagegen Klage ein. Das Unternehmen argumentierte, dass es für einen entsprechenden Verkauf der Einwilligung des Joint-Venture-Partners bedürfen würde. Daher hätte sich Toshiba mit seinen Plänen zuerst an Western Digital richten müssen, das die Partnerschaft nach der Sandisk-Übernahme weiterführte, und dem Unternehmen entweder ein Vorkaufsrecht oder von ihm Eine Einwilligung in die Veräußerung einholen müssen.

Letztendlich äußerten sich beide Parteien außergerichtlich, Western Digital erhielt sogar einen noch weitergehenden Zugang zu Forschungsdaten und Fab-Kapazitäten des japanischen Halbleiterkonzerns. Den Zuschlag für die Ausgründung Toshiba Memory, aktuell unter dem Namen Kioxia firmierend, erhielt ein Bieterkonsortium um den Finanzinvestor Bain, dem auch SK Hynix und Apple angehören, wobei Toshiba weiterhin eine Minderheitenbeteiligung am Unternehmen hält.

Derzeit ist Western Digital unangefochtener Marktführer auf dem Speichermarkt. Das Geschäft wird intern grob in zwei Einheiten gegliedert: Auf der einen Seite das Festplattengeschäft, auf der anderen das Flash-Speicher-Geschäft. Beide Sparten liegen im Umsatz ähnlich gut im Markt, wobei anzumerken ist, dass der Flash-Markt generell deutlich volatiler ist. Aus diesen und ähnlichen Gründen vermuten Wirtschaftsanalysten, dass der seit März 2020 amtierende WD-CEO David Goechler möglicherweise eine Aufspaltung des Unternehmens in zwei entsprechende Tochterunternehmen vorbereiten könnte. Beide Unternehmen besäßen nach aktuellem Stand eine etwa gleich starke Wirtschaftskraft, könnten aber bei kräftigen Schwankungen unabhängig voneinander schneller und flexibler reagieren als in einem großen Unternehmen.

NXP fusioniert mit Freescale (2015) (und wird selbst zum Akquisitionsziel)

Die Motorola-Ausgründung Freescale, bekannt unter anderem für ihre PowerPC-Architektur, ging 2015 im niederländischen Halbleiteranbieter NXP auf. Der Merger zog eine Reihe kartellrechtlicher Streitigkeiten und Teilabspaltungen von Firmensegmenten nach sich - und ließ gerade einmal ein Jahr später beinahe NXP selbst zum Zielobjekt einer Übernahme werden.
Die Motorola-Ausgründung Freescale, bekannt unter anderem für ihre PowerPC-Architektur, ging 2015 im niederländischen Halbleiteranbieter NXP auf. Der Merger zog eine Reihe kartellrechtlicher Streitigkeiten und Teilabspaltungen von Firmensegmenten nach sich - und ließ gerade einmal ein Jahr später beinahe NXP selbst zum Zielobjekt einer Übernahme werden.
(Bild: Freescale / Orcaman / CC BY-SA 3.0)

Auf den ersten Blick betrachtet war es ein Paukenschlag: Durch die Fusion mit dem amerikanischen Konkurrenten Freescale stieg NXP zum Marktführer im Bereich der Automotive-Halbleiter und zwischenzeitlich sogar zum viertgrößten Chipanbieter der Welt auf. Basierend auf den damaligen Aktienkurs von NXP wurde der Kaufpreis auf stolze 11,8 Mrd. US-$ geschätzt. NXP übernahm durch den Freescale-Deal eine Reihe von Patenten, die das Unternehmen noch aus seinem Erbe als Motorola-Ausgründung mit sich führte, darunter unter anderem die im Automobilmarkt weiterhin stark präsente PowerPC-Architektur.

Die Transaktion rief in der Embedded- und Automotive-Welt eine Menge Kritik hervor; was unter anderem auch an der bewegten Vergangenheit von Freescale lag. Das Unternehmen war 2003 aus der ausgegründeten Halbleiterabteilung von Motorola hervorgegangen und startete als der drittgrößte amerikanische Halbleiterhersteller in den Markt, geriet aber unmittelbar danach bereits in finanzielle Schwierigkeiten geraten. 2006 erfolgte ein Aufkauf des Unternehmens in Höhe von 17,6 Milliarden US-$ durch ein von der amerikanischen Blackstone Group angeführtes Investorenkonsortium, was seinerzeit streng genommen den bis dato teuersten Verkauf einer Halbleiterfirma darstellte. 2011 machte sich Freescale durch einen Börsengang wieder selbstständig, aber ausstehende Schulden und andere Ungereimtheiten zogen eine Prüfung der amerikanischen Börsenaufsicht nach sich. Einige Marktbeobachter hielten die Kaufsummer der erzielten Fusion daher für überbewertet.

Aufgrund der Größe der Transaktion als auch des Umstands, dass beide Unternehmen direkte Konkurrenten in diversen Märkten waren, schalten sich die Kartellbehörden der USA und der EU ebenfalls ein. Die Fusion wurde erst zugelassen, nachdem die Marktaufsichten verfügt hatten, dass NXP vorher erst seine RF-Power-Sparte zu verkaufen habe . Ebenso wurde die Abspaltung des NXP-Geschäfts für Standard Products (Transistoren, Dioden, MOSFETs und Logikbausteine) beschlossen und in das Unternehmen Nexperia ausgegründet. Sowohl das RF-Power-Geschäft als auch Nexperia wurden kurz darauf von der chinesischen Investorengruppe JAC Capital übernommen, ehe sie zwei Jahre später wiederum an die chinesische Wingtech-Gruppe veräußert wurde.

Trotz der scheinbar gewaltigen Präsenz im Markt und der Dominanz im Automotive-Umfeld wurde NXP durch die Fusion und die folgenden Abspaltungen geschwächt, was das Unternehmen wiederum selbst als Übernahmekandidaten attraktiv machte. Nicht einmal ein Jahr nach der abgeschlossenen Fusion mit Freescale versuchte sich daher Fabless-Marktführer Qualcomm an einer Übernahme des niederländischen Halbleiterherstellers. Der kalifornische SoC- und Modem-Spezialist bot eine Rekordsumme von 47 Milliarden US-$.

Allerdings lief die geplante Übernahme von NXP von Beginn an schleppend. Unter anderem verweigerten NXP-Aktionäre trotz mehrerer Fristverlängerungen und Angebotserhöhungen wiederholt ihre Zustimmung und ließen mehrmals erneuerte und verlängerte Angebotsfristen verstreichen. Nach der zwischenzeitlich erfolgten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten kühlte sich das Verhandlungsklima deutlich ab. Spätestens, als der Handelsstreit der USA mit China ausbrach verkomplizierten sich die Übernahmeverhandlungen weiter: Qualcomm hat seinen Hauptsitz in den USA, der europäische Chiphersteller NXP betreibt allerdings Werke in China. Letzten Endes verweigerten die chinesischen Kartellbehörden ihre Einwilligung für den Merger. Marktbeobachter vermuten, dass die von der Trump-Regierung ausgesprochenen Strafzölle auf in China gefertigte Halbleiterprodukte der Hauptgrund dafür waren, dass die chinesische Marktaufsicht ihre Zustimmung verweigerten. Dass Qualcomm in der Zwischenzeit in separate Rechtsstreits mit Apple sowie Samsung und Intel verwickelt wurde und wegen Preisabsprachen Strafzahlungen sowohl an die europäische, als auch der taiwanischen und der südkoreanischen Kartellbehörde leisten musste , half den Verhandlungen nicht gerade weiter. Fast zwei Jahre nach der versuchten Akquise gab Qualcomm den Übernahmeversuch von NXP schließlich wieder auf.

Pikanterweise mischte sich mitten in diese Verhandlungen ein weiterer Mitbewerber ein: Inmitten der geplanten Übernahme von NXP durch Qualcomm versuchte sich Fabless-Kontrahent Broadcom daran, seinerseits Qualcomm zu übernehmen. Erst wurden 100, später 130, schlussendlich sogar 148 Milliarden US-$ geboten, was in einer Transaktion mehr für den Kauf eines einzelnen Halbleiterunternehmens gewesen wäre als im Rekordjahr 2015 zusammengenommen. Erst ein Veto von US-Präsident Donald Trump ließ dann auch diesen Übernahmeversuch platzen – eine Serie gescheiterter Mega-Deals, die ohne die zuerst anstehende Fusion von Freescale und NXP wohl gar nicht erst angelaufen wären.

Übernahmen auf dem Halbleitermarkt: Die bedeutendsten Merger und Akquisen der letzten fünf Jahre (2015-2020)

Das Jahr 2016 hätte, wenn nicht der Rekord-Deal zwischen Qualcomm und NXP geplatzt wäre, alles bis dato dagewesene in den Schatten gestellt. Doch waren die beiden Unternehmen in ihren Plänen nicht alleine: Die Konsolidierungen des jahres 2015 setzten sich 2016 zunächst nahezu ungebremst fort. In den Jahren danach trat - mit einigen Ausnahmen, noch eine relative Ruhephase ein, eher im Jahr 2020 eine aufregende Übernahmemeldung der nächsten folgen würde.

Microchip erwirbt Atmel (2016/17) und Microsemi (2018)

Nach einem längeren Bieterstreit - zunächst hatte der deutsch-britische Halbleiterhersteller Dialog sich um den kalifornischen MCU-Spezialisten bemüht - ging Atmel 2017 an Microchip über. Ende 2008 hatte Microchip schon einmal versucht gehabt, den Mitbewerber um den Mikrocontrollermarkt zu erwerben.
Nach einem längeren Bieterstreit - zunächst hatte der deutsch-britische Halbleiterhersteller Dialog sich um den kalifornischen MCU-Spezialisten bemüht - ging Atmel 2017 an Microchip über. Ende 2008 hatte Microchip schon einmal versucht gehabt, den Mitbewerber um den Mikrocontrollermarkt zu erwerben.

Microchip hatte bereits durch die gesamten 2000er Jahre hindurch mit diversen Zukäufen sein Portfolio erweitert, sei es durch Konnektivitäts- oder Sensorik-Einkäufe – zwischen 2008 und 2018 verleibte sich Microchip Technologies insgesamt 18 Unternehmen ein. Die plötzliche Übernahme des Mikrocontrollerherstellers 2017 nach einem längeren Bieterstreit mit Dialog Semiconductor kam aber für die Industrie letztlich überraschend: Für 3,56 Milliarden US-$ war die Akquise damals die größte Investition, die Microchip bis dahin getätigt hatte.

Microchip profitierte bei seinem Übernahmeangebot davon, dass das zunächst von Dialog Semiconductor überwiegend in Aktienanteilen vorgebrachte Kaufangebot deutlich an Wert verloren hatte; nachdem geworden war, dass Dialogs wichtiger Kunde Apple einige Zulieferverträge nicht mehr verlängern möchte, brach der Aktienkurs des Unternehmens ein, was die Tür für andere Kaufinteressenten öffnete.

Microchip und Atmel waren bis dato schon für sich einzeln genommen im Feld effizienter 8-Bit-Mikrocontroller marktführend. Seit der Übernahme von Atmel dominiert Microchip mit den PIC- und den AVR-Core-MCU-Familien (Tiny, Mega, Xmega) den Markt für das Low-Tech-Segment: In Anwendungsbereichen, in denen 32- oder 16-Bit überdimensioniert sind ist Microchip seitdem deutlicher Spitzenreiter.

Damit ging auch eine Langzeit-Strategie von Microchip auf: Schon Ende 2008 hatte sich das Unternehmen um eine Übernahme von Atmel bemüht, damals noch erfolglos. Dadurch, dass Microchip sowohl die hauseigene PIC-MCU-Familie als auch die zugekaufte ATiny-Reihe weiterhin pflegt und weiterentwickelt, konnten die Sorgen im Markt beschwichtigt werden, dass Alternativen und Second Sources für 8-Bit-Mikrocontroller durch die Akquise wegbrechen könnten.

2017 konnte sich Microchip in Folge der Atmel-Akquise über das bislang erfolgreichste Jahr der gesamten Unternehmensgeschichte freuen. 2018 setzte das Unternehmen nochmal eins drauf und übernahm Microsemi für 68,78 US-Dollar pro Aktie in bar. Dabei beläuft sich der Gesamtwert des Eigenkapitals auf etwa 8,35 Milliarden US-$ und der Gesamtwert des Unternehmens auf etwa 10,15 Milliarden US-$ . Microchip hatte es in erster Linie auf den umfassenden Bestand an Kommunikationsbausteinen und den diversen für Luft- und Raumfahrt zertifizierten Lösungen im Microsemi-Portfolio abgesehen; darüber hinaus war Microsemi zu diesem Zeitpunkt der drittgrößte Anbieter von FPGA-Lösungen.

Renesas übernimmt Intersil (2016) und IDT (2018)

Firmenhauptsitz von IDT im kalifornischen San José (Bild von 2016), heute Sitz von Renesas Electronics America.
Firmenhauptsitz von IDT im kalifornischen San José (Bild von 2016), heute Sitz von Renesas Electronics America.
(Bild: IDT / Renesas)

Renesas hatte an dieser Stelle bereits durch seine Entstehung in Form zweier großer lokaler Merger auf dem japanischen Markt von sich Reden gemacht. In den vergangenen fünf Jahren legte das Unternehmen durch Zukäufe auf dem amerikanischen Markt nochmals ordentlich zu: Fast 10 Milliarden US-$ gab der japanische Halbleiterhersteller Renesas innerhalb von zwei Jahren für zwei Akquisen von in den USA ansässigen Firmen aus.

Nachdem 2016 der Leistungshalbleiterspezialist Intersil für 3 Mrd. US-$ geschluckt worden war , folgte bereits 2018 die 6,9 Milliarden US-$ schwere Übernahme des Mixed-Signal-Bausteinherstellers Integrated Device Technology (IDT) . Der Doppelschlag richtete sich vor allem auf ein Marktsegment: Dem Automobilbereich.

Marktanalysten zufolge kontrollierte Renesas vor der IDT-Übernahme bereits geschätzte 30% des Mikrocontroller-Marktes im Automotive-Segment, schwächelte bis dahin allerdings bei den Analogbauteilen; eine Schwäche, die durch die Intersil- und IDT-Zukäufe aufgefangen wurde. So steuerte Intersil beispielsweise ein umfassendes Portfolio an Chips zur Steuerung von Batterien in elektrischen und gemischt angetriebenen Fahrzeugen bei, dass ich sehr gut ins bestehende Portfolio an Prozessoren und SoCs für den Automobilmarkt einfügte. Nicht wenige erwarteten, dass Renesas durch die Zukäufe insbesondere die in diesem Feld starke europäische Konkurrenz wie NXP oder Infineon überflügeln könnte. Gleichzeitig baute das Unternehmen speziell durch die Integration von IDT (heute Renesas Electronics America) die Präsenz bei Embedded Systems und im Big-Data-Umfeld deutlich aus.

Viel schwerer als der Sprung in der Automotive-Industrie wiegt allerdings, dass sich das traditionell hauptsächlich in Japan und im europäischen Markt starke Renesas durch die zwei Firmenübernahmen ein deutlich größeres internationales Standbein geschaffen hat. So besaß beispielsweise Intersil eine große Marktpräsenz in China; mit IDT wurde eine komplett neue Amerika-Tochter geschaffen, die bereits über ein etabliertes Netzwerk im wichtigen US-Markt verfügt.

Während einige Marktbeobachter insbesondere auf dem Automotive-Markt einen großen Umbruch erwarteten, blieb das große Beben allerdings bislang aus; die ehrgeizigen Ziele, die Renesas 2016 angestrebt hatte, wurden im Laufe der nächsten Jahre zum Teil deutlich verfehlt. Mitte 2019 trat Bunsei Kure infolge der schlechter als erwarteten Jahresziele kurzfristig als CEO des Unternehmens zurück .

Ergänzendes zum Thema
Die wichtigsten Halbleiter-Akquisen auf dem deutschsprachigen Markt

Die Transaktionssummen mögen, auf dem ersten Blick betrachtet, eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Doch in den letzten beiden Jahren gab es auch auf dem deutschen Chipmarkt drastische Bewegungen, die die einheimische Industrie - womöglich sogar den Weltmarkt - noch eine ganze Weile maßgeblich begleiten werden.

Infineon übernimmt Cypress (2019/2020)

Im Juni 2019 hatte Infineon die geplante Übernahme von Cypress angekündigt, doch herrschte lange Zeit Unklarheit, ob die US-Behörden nicht aus Sicherheitsbedenken ein Veto gegen den Verkauf der amerikanischen Firma einlegen könnten. Im April 2020 gab es dann aber grünes Licht für den größten Zukauf der Infineon-Firmengeschichte.
Im Juni 2019 hatte Infineon die geplante Übernahme von Cypress angekündigt, doch herrschte lange Zeit Unklarheit, ob die US-Behörden nicht aus Sicherheitsbedenken ein Veto gegen den Verkauf der amerikanischen Firma einlegen könnten. Im April 2020 gab es dann aber grünes Licht für den größten Zukauf der Infineon-Firmengeschichte.
( Bild: Infineon )

Bis Anfang des Jahres sah es noch so aus, als könnte ein Veto der US-Regierung den Deal noch zu platzen bringen. Doch im März 2020 konnte Infineon den erfolgreichen Abschluss seiner bislang größten Investition verkünden: Für 9 Mrd. Euro übernimmt der deutsche Chiphersteller den amerikanischen Spezialisten für Speicher- und programmierbare SoC-Lösungen. Es war die größte Infineon-Akquisition seit der Abspaltung des Chip-Unternehmens von Siemens im Jahr 1999. Das Unternehmen rückte durch die Cypress-Übernahme vom zehnt- zum zwischenzeitlich achtgrößten Chiphersteller weltweit auf.

Beide Unternehmen sind stark in den Embedded- und Automobilmärkten vertreten. Für Infineon hatte die Akquisition in erster Linie zwei Ziele. Zum einem konnte das Unternehmen sein Chip-Portfolio enorm stärken: Während Infineon stark in Analogtechnologie, Leistungselektronik, Sensorik und Mikrocontrollern für den Automotive-Markt vertreten ist, bringt Cypress neben der erfolgreichen PSoC-Familie an programmierbaren System-on-Chips zahlreiche bewährte Connectivity-Lösungen, bewährte Software-Frameworks und eine umfangreiche Speicherabteilung mit NOR, NAND, SRAM, F-RAM und spezialisierten Speicherchipprodukten mit.

Das integrierte Speichergeschäft dürfte Infineon eine großen Vorteil auf dem weiteren Weg mitgeben. Gerade in diesem Bereich war Infineon im Markt nicht mehr signifikant vertreten, nachdem das hauseigene Speichergeschäft im Jahr 2008 in die Firma Qimonda ausgegründet worden war. Dieser Zeitpunkt war seinerzeit schlecht gewählt worden: Infolge eines unmittelbar darauf einsetzenden Preisverfalls in der Speicherbranche musste Qimonda bereits ein Jahr später Konkurs anmelden.

Bemerkenswerterweise hatte Cypress einen Großteil seines Flash-Speicher-Portfolios erst fünf Jahre zuvor selbst eingekauft: Für seinerzeit bemerkenswerte 5 Milliarden US-$ ging das Unternehmens damals einen Merger mit dem aufstrebenden NOR-Flash-Spezialisten Spansion ein – ein junges Unternehmen, dass erst 2006 aus AMD ausgegründet worden war. Neben den Speicherprodukten konnte Cypress dadurch Wafer-Produktionsstätten in Malaysia, Thailand und im texanischen Austin übernehmen, zu zuvor von AMD genutzt worden waren.

Die Cypress-Übernahme soll nicht nur zur Aufstockung des Infineon-Portfolio von Infineon dienen. Die Übernahme des im kalifornischen San Jose ansässigen Unternehmens soll vielmehr dazu beitragen, dem deutschen Chiphersteller ein besseres Standbein und eine stärker Marktdurchdringung im wichtigen US-Markt zu erreichen.

Die OSRAM-Akquise durch ams (2019/2020)

Nach längerem Hin und her ist die Übernahme erfolgt: Mit letztlich 99,77% stimmte der Aufsichtsrat von Osram dem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit AMS zu.
Nach längerem Hin und her ist die Übernahme erfolgt: Mit letztlich 99,77% stimmte der Aufsichtsrat von Osram dem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit AMS zu.
( Bild: Osram )

Die Ankündigung, dass der LED- und Beleuchtungsspezialist OSRAM einen Käufer sucht, sorgte insbesondere im deutschsprachigen Raum für enormes Aufsehen. Die anhaltende Krise der Automobilindustrie hatte den Kurs des Unternehmens einbrechen lassen. Dass das deutsche Vorzeige-Unternehmen der LED-Industrie einen Investor oder gar Käufer suchte sorgte vor allem im deutschsprachigen Raum für Aufruhr. Was allerdings an den monatelangen zähen Verhandlungen, Biterstreit und Übernahme-Querelen lag, die diesen ersten Nachrichten folgen sollte.

Im Februar 2019 hatte der Osram-Aufsichtsrat bestätigt, mit den amerikanischen Finanzinvestoren Bain Capital und The Carlyle Group über eine mögliche Übernahme des Unternehmens zu verhandeln. Nach zäh verlaufenden Übernahmegesprächen gaben die Gruppen im Juli 2019 bekannt, eine Vereinbarung getroffen zu haben. Als Kaufpreis wurden 3,4 Milliarden Euro veranschlagt.

Doch kurze Zeit später meldete sich mit dem österreichischen Analog- und Sensor-Spezialisten ams ein weiterer Interessant, die die fast schon als abgeschlossen geltenden Vereinbarungen wieder zum Kippen brachte. Im November sprach sich schließlich der Osram-Aufsichtsrat dafür aus, das Übernahmeangebot von Ams von 4,3 Milliarden Euo zu akzeptieren.

Diese Ankündigung löste weniger auf dem Elektronikmarkt Alarmstimmung aus, als vielmehr bei den Arbeitnehmerverbänden und Gewerkschaften. Ein wichtiger Teil der Verhandlungen mit Bain und Carlyle sei schließlich gewesen, eine Zusicherung der Standorte und eine größtmögliche Erhaltung der Arbeitsplätze zu erreichen. Osram würde zwar amerikanischen Investoren gehören, hätte als Unternehmen aber weitgehend seine Eigenständigkeit behalten. Diese sahen IG Metall und andere Verbände bei einer Übernahme durch ams hingegen nun in Gefahr: Für den Österreichischen Halbleiterhersteller bedeute eine Übernahme von Osram eine deutlich größere finanzielle Belastung, die nur mit hohen Krediten zu bewerkstelligen ist. Infolgedessen fürchteten Betriebsräte, anders als bei Bain & Carlyle mit einer Zerschlagung des Beleuchtungskonzern rechnen zu müssen. Dennoch entschloss sich die Unternehmensführung Anfang des Jahres 2020 für einen Verkauf an ams.

Gewerkschaftsvertreter sahen bereits die ersten Ängste in der weiteren Folge bestätigt, als im Sommer 2020 Meldungen aufkamen, dass ams bereits ernsthaft über eine Abspaltung der Autozuliefer-Sparte aus Osram nachdenke – ein Geschäftszweig, der durch die anhaltende Krise weiter schwächelt und an der Industrie-Spezialist ams wenig Interesse besitzt. Dennoch konnten sich die Gewerkschaftsvertreter nicht durchsetzen: Seit November 2020 befindet sich der Licht-Konzern offiziell und vollkommen in der Abhängigkeit von AMS.

Swissbit übernimmt Hyperstone (2020)

Die neue Swissbit-Fabrik in Berlin: Hier fertigt Swissbit moderne, industrietaugliche Speicher- und Security-Module.
Die neue Swissbit-Fabrik in Berlin: Hier fertigt Swissbit moderne, industrietaugliche Speicher- und Security-Module.
( Bild: Swissbit )

Zum Jahresende erwartete den deutschprachigen Markt, und den industriellen Speichermarkt im Allgemeinen, noch eine kleine Überraschung: Der in der Schweiz ansässige (und seit neuestem auch in Berlin Fabrikationsanlagen betreibende) Speicherhersteller Swissbit erwirbt von der britischen Unternehmensgruppe CML Microsystems den Flash-Speicher-Controllerhersteller Hyperstone.

Auf gewisse Weise wächst hier zusammen, was zusammengehört. Nicht nur, weil die Produktpalette der hochspezialierten Speicher von Swissbit mit den Flash-Controllern von Hyperstone gut zusammenpassen. beise Unternehmen haben zudem gemeinsame Wurzeln.

Swissbit, seit 2001 ein eigenständiges Unternehmen, war 1990 als Hersteller von Arbeits- und Datenspeicher als eine eigenständige Abteilung von Siemens gegründet worden, ehe es nach einem Management-Buyout aus dem Siemens-Halbleiterbereich ausgegründet wurde. Das Unternehmen entwickelt und fertigt seit über 20 Jahren Speicherprodukte wie SD- und microSD-Karten, SSD-Festplatten und USB-Speichermodule für industrielle Anwendungen sowie hardwarebasierten Security-Systeme für Anwendungen im Internet der Dinge.

Auch Hyperstones Wurzeln sind mit diesem alten Halbleitergeschäft des deutschen Elektronikkonzerns verbunden: Das Unternehmen war 1990 vom deutschen Computerpionier Otto Müller in Konstanz gegründet worden; das Hyperstone stellte Anfang der 90er Jahre beispielsweise den ersten 32-Bit-RISC-Prozessor vor, der komplett in Deutschland entworfen und entwickelt worden war. Für die Fertigung der Hyperstone-Produkte arbeitete das Unternehmen in den 90er Jahren eng mit Siemens zusammen. 2003 verkaufte Müller das Unternehmen schließlich an die britische CML-Gruppe. Im Laufe der Jahre verlagerte das Unternehmen sich weg von der Prozessorenentwicklung und hin zu der Produktion hoicheffizienter NAND-Flash-Controller für industrielle Speicherlösungen für Serial ATA (SATA) und Parallel ATA (PATA) Solid-State-Disks (SSDs), Disk-on-Module (DoM), Disk-on-Board (DoB), eingebettete Flash-Lösungen wie eMMC und Flash-Karten wie CF, SD und microSD.

Über den Kaufpreis wurden keine offiziellen Angaben gemacht. Hyperstone soll auch unter dem Banner von Swissbit ein eigenständiges Unternehmen bleiben. „Mit Swissbit gewinnen wir einen Gesellschafter, der unsere Märkte und Technologien versteht. Gerade aus dieser Kenntnis heraus ist sichergestellt, dass wir unabhängig im Markt agieren können“, erklärte Dr. Jan Peter Berns, Geschäftsführer von Hyperstone.

Nach eigenen Angaben kann Swissbit durch die Akquisition seine Position als unabhängiger europäischer Hersteller von Speicher- und Security-Produkten ausbauen. „Der Schwerpunkt gemeinsamer Entwicklungsprojekte werden wir auf innovative Lösungen im attraktiven Wachstumsmarkt für Security und Embedded IoT legen“, sagt Silvio Muschter, CEO von Swissbit. Mit „Best-in-Class-Produkten“ wolle man die schnell wachsenden Anforderungen von Kunden an die Sicherheit von Daten und Geräten im Internet der Dinge erfüllen. „Mit dem Erwerb von Hyperstone stärken und vertiefen wir nicht nur unsere Wertschöpfungs-, sondern auch unsere Technologiekette. Das wird alle Kunden freuen, die für anspruchsvolle Anwendungen einen vertrauensvollen Anbieter insbesondere von höchst zuverlässigen Security-Produkten „Made in Germany“ suchen“, so Muschter weiter.

Analog Devices übernimmt Linear Technologies (2016) und Maxim Integrated (2020)

Hatte sich Texas Instruments mit großen Übernahmen zwischen 1999 und 2011 die Dominanz im Analogmarkt verschafft, rollt Analog Devices auf ähnliche Weise in den letzten 5 Jahren das Feld auf: Nach der 14,8 Mrd. US-$ schweren Übernahme von Linear Technologies im Jahr 2016 ließ sich das Unternehmen die Akquise von Maxim Integrated stolze 21 Mrd. US-$ kosten.
Hatte sich Texas Instruments mit großen Übernahmen zwischen 1999 und 2011 die Dominanz im Analogmarkt verschafft, rollt Analog Devices auf ähnliche Weise in den letzten 5 Jahren das Feld auf: Nach der 14,8 Mrd. US-$ schweren Übernahme von Linear Technologies im Jahr 2016 ließ sich das Unternehmen die Akquise von Maxim Integrated stolze 21 Mrd. US-$ kosten.
(Bild: Maxim Integrated)

Der Markt für analoge Halbleiter wurde in den letzten zehn Jahren überwiegend von denselben zehn Unternehmen dominiert, ohne dass es wesentliche Änderungen gegeben hätte. Texas Instruments rangiert bei den meisten Analysten in diesem Bereich weiterhin deutlich vor allen anderen Unternehmen, mit jährlichen Umsätzen von etwa 10 Mrd. US-$ - was lange Zeit mehr war, als die drei nächsten folgenden Unternehmen zusammen aufwarten konnten. Im Jahr 2000 hatten sich schon erste Konsolidierungen in diesem Halbleitersegment abgezeichnet; Analysten wie IC Insights vermuteten schon länger, dass diese Bestrebungen sich früher oder später forcieren würden.

ADI hatte in seiner bis dato 50jährigen Unternehmensgeschichte bereits eine Reihe von Meilensteinen im Bereich der analogen Halbleiter auf den Weg gebracht: 1974 erschien mit dem AD520 der erste monolithische Instrumentenverstärker. 1978 brachte ADI den ersten monolithischen A/D-Wandler auf den Markt, den AD571. Der 1980 auf den Markt erschienene AD574 wurde zum de facto Industriestandard für 12-Bit-A/D-Wandler mit Mikroprozessor-Schnittstelle. In den späten 1980er Jahren führte ADI eine Reihe von DSP-ICs ein. Dennoch gelang es Texas Instruments im Laufe der ersten Dekade der 2000er, immer weiter vom Rest des Feldes davonzuziehen.

Demnach sorgte es in dieser Branche für einen „Doppel-Knall“, als Analog Devices in zwei milliardenschweren Transaktionen seine Aktivitäten drastisch ausbaute. 2016 kaufte sich die damalige Nummer 4 der weltweiten Analog-Rangliste für eine Summe von rund 14,8 Mrd. US-Dollar beim Mitbewerber Linear Technologies ein (damals Nummer 8 im Ranking), wodurch das Unternehmen schlagartig zum zweitstärksten Anbieter von Analog-Bausteinen weltweit wurde -allerdings immer noch mit einem Umsatzvolumen, dass etwa bei der Hälfte von Texas Instruments in jenem Markt lag. Die Synergien haben freilich nicht nur im Analogbereich zugelegt: Beide Unternehmen bedienten gleichermaßen Industrie, Automotive und Kommunikations-Infrastruktur und hatten ein ähnliches Produktportfolio, das Interface-Bausteine, Verstärker, Wandler, Taktgeber und HF-Lösungen umfasst. ADI profitierte insbesondere von Linears Power-Management-Angebot. Insgesamt rechnete ADI durch die Akquise mit einer Marktverdoppelung von 8 auf 14 Mrd. US-Dollar; davon vielen etwa 5,5 Mrd. US-$ allein auf den Analog-Sektor.

In den folgenden Jahren schien sich dennoch an den Marktanteilen im Analog-Sektor wenig zu bewegen – bis ADI vier Jahre später mit einer weiteren Akquisition aufhorchen ließ: Am 13. Juli 2020 gab Analog Devices bekannt, für insgesamt 21 Mrd. US-$ Maxim Integrated zu übernehmen . Maxim belegte zu diesem Zeitpunkt unter den analogen IC-Anbietern weltweit den 7. Rang. „Unsere Vision ist es, eine Brücke zu schlagen zwischen der physischen und der digitalen Welt“, sagte Vincent Roche, Präsident und CEO von ADI, anlässlich der Übernahme. Mit dem kombinierten Portfolio wolle man sich noch breiter aufstellen und von Maxims starken Mixed-Signal- und Power-Management-Bereichen profitieren. Während ADI bis dato vor allem im Automotive-Bereich und gerade im aufstrebenden Rechenzentrums-Markt fest etabliert ist, baut die Übernahme von Maxim das Standbein vor allem in der Medizintechnik und im Kommunikations-Umfeld stärker aus. Das gemeinsame Portfolio werde laut Angaben von Analog Devices mit 50.000 Produkten ein breites Spektrum für Anwendungen von Gleichspannung bis 100 GHz, Nanowatt bis Kilowatt sowie vom Sensor bis in die Cloud abdecken.

Für die verbleibenden Unternehmen im Analog-Markt wird die nun Luft zunehmend dünner: Rechnet man die erzielten Umsätze von ADI und Maxim für das Jahr 2019 zusammen, kommen die beiden Unternehmen auf ein Gesamtvolumen von über 7 Mrd. US-$ (ADI spricht von angepeilten 8 Mrd. US-$ für 2020) und einen Marktanteil von 15%. Das ist nun mehr als die Hälfte von dem, was Spitzenreiter Texas Instruments einfährt (10,22 Mrd. US-$ Umsatz, 19% Marktanteil im Jahr 2019; 14,8 Mrd. US-$ prognostiziert für 2020). Damit machen beide Unternehmen unter sich bereits über ein Drittel des gesamten Marktes aus – und setzen sich immer deutlicher vom Rest des Feldes ab: Die aktuelle Nummer 3 im Analog-Markt, der deutsche Anbieter Infineon, kam im Vergleich dazu 2019 ‚nur‘ auf 3,755 Mrd. US-$ und 7% Marktanteil. Eines scheint sicher: Die Konsolidierung im Geschäft der analogen Halbleiter, die bereits Anfang der 2000er Jahre eingesetzt hat, dürfte auch in den folgenden Jahren noch weiter fortschreiten.

CPU + FPGA: AMD kauft Xilinx (2020)

Bild vom Xilinx-Firmenhauptsitz in San Jose (Foto von 2007). Für 35 Milliarden US-$ plant Prozessorhersteller AMD, der seit 2016 sich wieder zu neuen Höhenflügen aufschwingt, sich den Weltmarktführer für programmierbare Logikbausteine einzuverleiben.
Bild vom Xilinx-Firmenhauptsitz in San Jose (Foto von 2007). Für 35 Milliarden US-$ plant Prozessorhersteller AMD, der seit 2016 sich wieder zu neuen Höhenflügen aufschwingt, sich den Weltmarktführer für programmierbare Logikbausteine einzuverleiben.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

In den Jahren zuvor hatten schon mehrmals Gerüchte die Runde gemacht, dass führende Chipunternehmen weltweit am FPGA-Marktführer Xilinx interessiert seien. Dennoch kam die Ankündigung, dass Prozessorhersteller AMD den Spezialisten für Programmierbare Logik für 40 Mrd. US-$ übernehmen möchte, durchaus überraschend. Vor allem wenn man bedenkt, wie radikal sich durch diese Übernahme das Machtgefüge in einigen Teilmärkten verschieben dürfte.

AMD hatte sich bis Anfang der 2000er Jahre zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für Intel auf dem Markt für Desktop-PCs auf Basis einer x86-kompatiblen Prozessorarchitektur entwickelt. Doch einige schwache Investitionen und technische Fehlgriffe wie die „Bulldozer“-Mikroarchitektur hatten dem CPU-Anbieter stark zugesetzt, zwischenzeitlich forderten Investoren gar eine Aufspaltung des Unternehmens in separate GPU- und CPU-Geschäfte. Doch Geschäftsführerin Lisa Su konnte das Ruder herumreißen: Seit der 2016 erfolgten Einführung der „Zen“-Mikroarchitektur ist AMD wieder im Rennen - und läuft sowohl bei Prozessoren für den Desktop- als auch den Embedded-Markt in Preis und Leistung Konkurrenten wie Intel zunehmend den Rang ab.. AMD ist es gelungen eine CPU-Familie auf den Markt zu werfen, die nicht nur der aktuellen Intel-Core-Generation in zahlreichen Benchmarks überlegen scheint, sondern auch noch zu einem günstigeren Baustein-Preis verfügbar ist.

Die Übernahme von Xilinx ist dabei eine weitere, insbesondere an Intel gerichtete Kampfansage. Denn das Halbleiter-Urgestein hatte sich 2015 für 16,7 Mrd. US-$ mit Altera die Nummer 2 auf dem FPGA-Markt einverleibt. Ziel der Akquise war, mit dem fortan unter dem Namen Intel PSG (Programmable Solutions Group) firmierenden Unternehmen einen Ausbau des Geschäfts speziell für Rechenzentren voranzutreiben – die programmierbaren, vor allem auf paralleles Computing optimierten FPGA-Bausteine können hier bei Datenbereitstellung und Steuerung der Kommunikationskanäle den Hauptprozessoren deutliche Arbeitslasten abnehmen. Auch für die Hardwarebeschleunigung, das Training und die Inferenz von künstlicher Intelligenz haben FPGAs gegenüber klassischen CPUs deutliche Vorzüge aufzuweisen. AMD hatte in den letzten Jahren seinen Stellenwert in Rechenzentren verloren und konnte zwischenzeitlich weniger als 1% des HPC-Marktes für sich beanspruchen.

Nun scheint das Unternehmen darauf abzuzielen, mit Wucht in die Datacenter dieser Welt zurückzudrängen. Dazu passt auch die unlängst erfolgte Enthüllung des M100, einer 17,5TFLOPS-GPU speziell für den HPC-Markt . In diese Taktik passt auch, dass AMD im Laufe des Jahres zahlreiche FPGA-Spezialisten vom Konkurrenten Intel abgeworben hatte, darunter den Vizepräsidenten und General Manager der Programmable Solutions Group, Dan McNamara.

Xilinx, dass nach verschiedenen Schätzungen alleine bereits mehr als die Hälfte des Weltmarktes für Programmierbare Logikbausteine für sich beansprucht (laut einer Gartner-Analyse aus dem April 2019 liegt der Anteil bei 51,1%), kommen diese Pläne im Grunde genommen gerade Recht. Die neuste High-End-FPGA-Plattform des Unternehmens, die 2019 eingeführte Adaptive Compute Acceleration Platform (ACAP), richtete sich bereits gezielt an einen Einsatz in Rechenzentren. Unter CEO Victor Peng verfolgte Xilinx immer stärker eine Strategie, sich nicht mehr „nur“ am direkten Wettbewerb mit anderen FPGA-Herstellern zu messen, sondern stärker in Konkurrenz mit Unternehmen zu treten, die speziell im Data Center oder beim Autonomen Fahren beheimatet sind – wie etwa NVIDIA. Zusammen mit AMD ist hierfür nun eine wesentlich stärkere Schlagkraft vorhanden.

Für den Endverbrauchermarkt eine besonders spannende Entwicklung: Die zwei größten FPGA-Anbieter der Welt befinden sich nun in der Hand der beiden größten Konkurrenten auf dem Markt für CISC-basierte x86-Prozessoren. Dies mag einerseits neue Synergien wecken, andererseits aber Sorge hervorrufen. Seit 2014 hatten Intel und Altera bereits Pläne verfolgt, die High-End-FPGA-Familie Stratix 10 mit der Xeon-CPU-Reihe an Prozessoren fürs Rechenzentrum zu verheiraten und in Form eines einheitlichen Chips zu präsentieren. Xilinx, als Spezialist für Multiprozessor-SoCs, hat zumindest in diesem Feld ein geschicktes Händchen bewiesen, wenn auch bislang nicht in dieser Größenordnung. Gelingt AMD und Xilinx nun gemeinsam, was Intel in den vergangenen sechs Jahren noch nicht weiter vorangebracht hat?

Ob AMD damit Erfolg haben wird? Das Unternehmen hatte schon einmal mit einer rekordverdächtigen Akquise auf sich aufmerksam gemacht, als es 2006 für den (für damalige Verhältnisse) hohen Kaufpreis von 5,6 Mrd. US-$ den GPU-Spezialisten ATI einverleibte. Der Kauf kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn 2007 setzte im Halbleitermarkt eine Rezession ein, die das geschwächte AMD kalt erwischte. 2008 beschloss das Unternehmen daher, zu einem Fabless-Anbieter zu werden und seine Fertigungsstätten in ein eigenes Unternehmen auszugründen; aus diesem Schritt ging der Auftrags-Halbleiterhersteller Globalfoundries hervor.

Im Zusammenhang übrigens auch bemerkenswert: Innerhalb der letzten vier Jahre wurden die drei größten Anbieter von FPGA-Bausteinen damit von anderem Prozessor- oder Mikrocontrollerherstellern übernommen, die zunehmend die Expertise der programmierbaren Logikbausteine mit den eigenen CPU- und MCU-Lösungen verbinden. Einzig die Nummer vier im Markt, Lattice, bleibt derzeit noch selbstständig – was vor drei Jahren aber beinahe anders ausgesehen hätte: 2017 scheiterte eine angestrebte Übernahme von Lattice durch die chinesisch finanzierte Canyon Bridge Gruppe erst nach einem Veto von US-Präsident Donald Trump.

Ebenfalls 2020 erfolgte übrigens die für 10 Mrd. US-$ angesetzte Übernahme des Netzwerkspezialisten Inphi durch die Marvell-Gruppe. Es sagt viel über das Jahr 2020 aus, dass eine solche Summe - die vor 10 Jahren noch alles dagewesene in den Schatten gestellt hätte - im Vergleich zu anderen Mergern & Akquisen beinahe untergeht. Der Rekord-Deal des Jahres - und möglicherweise in der Industrie überhaupt - sollte es auf die Vierfache Transaktionssumme bringen.

NVIDIA schluckt ARM (2020)

Campus des ARM Hauptquarties im britischen Cambridge: Die Übernahme des Prozessor-IP-Anbieters durch GPU-Spezialist NVIDIA hat für ein wahres Erdbeben im Markt gesorgt. Zahlreiche Hersteller, die die effiziente Prozessor-IP von ARM lizensieren, fürchten um einen freien Zugang zu den neuesten und effizientesten Iterationen der Prozessorarchitektur. Sollten die internationalen Wettbewerbshüter ihren Segen geben, wäre die 40 Mrd. US-$ schwere Akquise die bislang teuerste Firmenübernahme in der Geschichte des Halbleitermarktes.
Campus des ARM Hauptquarties im britischen Cambridge: Die Übernahme des Prozessor-IP-Anbieters durch GPU-Spezialist NVIDIA hat für ein wahres Erdbeben im Markt gesorgt. Zahlreiche Hersteller, die die effiziente Prozessor-IP von ARM lizensieren, fürchten um einen freien Zugang zu den neuesten und effizientesten Iterationen der Prozessorarchitektur. Sollten die internationalen Wettbewerbshüter ihren Segen geben, wäre die 40 Mrd. US-$ schwere Akquise die bislang teuerste Firmenübernahme in der Geschichte des Halbleitermarktes.

Die bislang teuerste - und wohl aufsehenserregendste - Akquise folgt zum Schluss: Sollte die Transaktion von den weltweiten Wettbewerbshütern abgesegnet werden, wäre es die wohl teuerste Firmenakquise der Halbleitergeschichte – und zugleich eine der kontroversesten, die die Chipindustrie je gesehen hat. Für 40 Mrd. US-$ möchte GPU-Spezialist NVIDIA den britischen Prozessor-IP-Entwickler Arm erwerben. Nvidia plant in erster Linie, durch die Übernahme seine Stellung als Hersteller von KI-Hardware für Rechenzentren als auch den Automobilmarkt, Segment Autonomes Fahren, massiv auszubauen.

Für Nvidia ist die Ankündigung der vorläufige Höhepunkt eines enormen Aufstiegs. Anfang der 2000er Jahre war das Unternehmen in erster Linie als Hersteller von Grafikkarten für Desktop-PCs ein Begriff. Die Kunden stammten überwiegend aus dem Gaming-Markt. Noch 2011 verbuchte das Unternehmen einen jährlichen Umsatz von knapp 3,9 Milliarden US-$. Doch mit der zunehmenden Bedeutung an KI-Technologie ist auch das Interesse an NVIDIA gewachsen. Allein im zweiten Quartal des Jahres 2020 setzte das Unternehmen bereits 3,46 Mrd. US-$ um , nachdem es bereits im ersten Jahresviertel mit über 3 Mrd. US-$ ein Rekordquartal aufgestellt hatte. Das Fabless-Unternehmen zählt inzwischen zu den zehn umsatzstärksten Halbleiterherstellern der Welt, an der Börse ist die Firma inzwischen mehr Wert als das Branchen-Urgestein Intel. Die 40 Mrd. schwere Übernahme des gerade für den Embedded-Markt enorm wichtigen Prozessorentwicklers ARM dürfte diese Wachstumstendenz noch einmal enorm anschieben.

Doch die Ankündigung sorgte in der Branche für massiven Widerstand. Denn anders als Nvidia ist Arm nicht einfach ein weiterer Fabless-Chiphersteller. Das Geschäftsmodell des Prozessorentwicklers basiert darauf, die IPs seiner ARM-Prozessorarchitektur an andere Hardwarehersteller zu lizenzieren, ohne mit diesen dabei in einen direkten Wettstreit zu treten. Mit dem gesteigerten Bedarf an besonders energieeffizienten Prozessoren im Embedded-Markt legte die Bedeutung des seinerzeit noch unabhängigen IP-Anbieters enorm zu. 2012 machten ARM-basierte Chips etwa 95% aller Prozessoren auf dem boomenden Smartphone-Markt aus. Mittlerweile ist hier die Dominanz zwar merklich geschrumpft – im kombinierten Smartphone- und Tablet-Markt war Arm 2019 mit geschätzten 43% aber immer noch deutlich Marktführer (vor Qualcomm mit 36% und Apple mit 12%) in dem . Dafür hatte das Unternehmen im gesamten Embedded-Spektrum (wo Arm-Architekturen bereits 2015 stolze 37% des Marktes ausmachten) als auch in Rechenzentren, speziell bei Prozessoren für Hochleistungs-Computing, noch einmal stark zugelegt. Die chinesische Halbleiterindustrie, die etwa 9% des gesamten Marktes ausmacht, setzt besonders stark auf Arm-Technologien.

Ob es sich um Namen wie Qualcomm, Broadcom, NXP, Infineon, ST Microelectronics, Huawei, Samsung oder gar Intel handelt – nahezu jeder der namhaftesten Halbleiterhersteller der Welt verwendet Bausteine auf Basis einer ARM-Architektur in seinem Portfolio. Dass nun mit NVIDIA ein signifikanter Mitstreiter aus diesem Segment die begehrte Prozessorarchitektur kontrollieren soll, stößt dementsprechend im Markt auf entsprechende Ablehnung.

Als Arm 2016 seine Unabhängigkeit aufgab und seinerzeit für 32 Milliarden vom japanischen Softbank-Konzern übernommen wurde hatte dies zwar auch für Schlagzeilen gesorgt . Doch blieb der Halbleitermarkt trotz der hohen Kaufsumme vergleichsweise entspannt: Der Mischkonzern Softbank ist in erster Linie in der Telekommunikations- und Robotikbranche tätig und steht selbst nicht in Konkurrenz mit anderen Chipunternehmen, so dass Arms Unabhängigkeit in diesem Markt als gesichert galt.

Nvidia hat nun allerdings vor, verstärkt durch die Arm-Technologie seine Präsenz in Feldern wie Rechenzentren, Hochleistungscomputing, Künstliche Intelligenz im Allgemeinen oder autonomen Fahren auszubauen – allesamt Felder, in denen auch Intel, Qualcomm oder Broadcom mir ARM-basierten Produkten vertreten sind. Samsung und der chinesische Huawei-Konzern sorgen sich hingegen um den Tablet-, Smartphone- und PC-Markt, dessen Entwicklung maßgeblich von den verschiedenen Generationen der Arm-Architekturen angetrieben wurde – und an dem Nvidia wenig Interesse zeigt.

Noch ist unklar, ob die Kartellbehörden der wichtigsten Märkte – USA, Europa, China – die Übernahme letztendlich gestatten werden. Nvidia-Chef Jensen Huang zeigt sich zwar zuversichtlich. Doch die chinesische Tech-Industrie macht sich bereits bei der einheimischen Regulierungsbehörde dafür stark, sich gegen eine entsprechende Freigabe auszusprechen. Gleichzeitig mutmaßen zahlreiche Marktbeobachter, dass viele Chip- und System-Entwickler von der Arm-Architektur weitgehend weg zur quelloffenen Konkurrenz RISC-V migrieren dürften. Egal, ob die Firmenübernahme letztlich abgesegnet wird oder nicht – die Nachwehen dieses Bebens dürften in jedem Fall auf Jahre hin spürbar bleiben.

(Sind Sie der Ansicht, dass wir etwas Bedeutendes übersehen haben? Lassen Sie es uns wissen! Wir freuen uns über Ihr Feedback in der Kommentarspalte unterhalb dieses Beitrags.)

(ID:47045472)

Über den Autor