Rekordsummen und drastische Umbrüche

Diese Firmenübernahmen haben die Halbleiterbranche erschüttert

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Übernahmen auf dem Halbleitermarkt: Signifikante Merger und Akquisen zwischen 2000 und 2010

Sicher: Die Transaktionsvolumen in der Branche sind bei Firmenübernahmen vor allem in den letzten zehn Jahren regelrecht explodiert. Dennoch gab es auch in der Zeit davor eine Reihe nennenswerter Firmenübernahmen, deren Auswirkungen sich auch heute noch signifikant bemerkbar machen. Hier sind insbesondere drei (streng genommen dreieinhalb) Beispiele besonders hervorzuheben.

Übernahme von Burr-Brown durch Texas Instruments (2000)

Der ADC84KG12, ein 12-Bit A/D-Wandler von Burr Brown. Mit dem seinerzeit alle Rekorde übertreffenden Kauf des texanischen Mitbewerbers und Halbleiterpioniers Burr-Brown etablierte sich Texas Instruments vor 20 Jahren als der führende Anbieter analoger Bauteile weltweit.
Der ADC84KG12, ein 12-Bit A/D-Wandler von Burr Brown. Mit dem seinerzeit alle Rekorde übertreffenden Kauf des texanischen Mitbewerbers und Halbleiterpioniers Burr-Brown etablierte sich Texas Instruments vor 20 Jahren als der führende Anbieter analoger Bauteile weltweit.
(Bild: ADC84KG-12 / Mister rf / CC BY-SA 4.0)

Texas Instruments befand sich zur Jahrtausendwende in einem Umbruch. Der Pionier der Halbleiterindustrie strukturierte sein Geschäft maßgeblich um. Das Unternehmen hatte sich zu Beginn mit Transistoren und linearen Schaltungen einen Namen gemacht und bis in die 70er Jahre hinein unter anderem durch Mikroprozessoren im Markt etabliert, dominierte den Consumer-Markt für Taschenrechner und hatte sich mit dem TI 99/4 sogar auf dem jungfräulichen Heimcomputermarkt vorgewagt . Doch der Markt durchlief in den 1980er Jahren einen Wandel, den TI zum Anlass nahm, sich neu zu orientieren. So trennte sich TI Ende der 90er Jahre endgültig von seiner Softwaresparte und verkaufte auch sein Militärtechnikgeschäft an Raytheon. Gleichzeitig wandte sich das Unternehmen in derselben Zeit dem aufstrebenden Kommunikationsmarkt zu und begann verstärkt, Entwicklungsressourcen in den Markt für Analogbauteile zu stecken.

Anfang der 1980er Jahre, als nur ungefähr 2% des Marktes linearer Schaltkreise auf CMOS-Technologie basierten, erweiterten und verbesserten die Texaner die Palette der Analogprodukte. Zwischen 1983 und 1985 wuchs die Zahl der Analogprodukte von 273 auf 600. TI hatte schon in der Folge eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung von DSP-Lösungen gespielt. Anfang der 1970er Jahre bewegten sich die Jahresumsätze, die Texas Instruments mit analogen Produkten erwirtschaftete, noch im zweistelligen Millionenbereich (in US-Dollar gerechnet). Bis zum Ende der 1980er Jahre stiegen sie auf rund 400 Mio. US-Dollar, um dann bis zur Jahrtausendwende auf 4 Mrd. US-Dollar zu steigen. Mit einer Reihe von Firmenzukäufen sollte sich das Unternehmen aber schlagartig als dominanter Spitzenreiter im Analogmarkt etablieren.

1999 übernahmen die Texaner Unitrode, einem bedeutenden Entwickler und Hersteller von Power-Management-Bauelementen. Im Jahr darauf erwarb das Unternehmen die in Kopenhagen ansässige Firma Toccata Technology ApS, die zu den weltweit führenden Entwicklern von digitalen Audioverstärker-Technologien und Board-Lösungen gehörte. Davor erfolgten noch einige kleinere Zukäufe von Firmen wie Libit Signal Processing oder Telogy Networks, jeweils für einige 100 Mio. US-$.

Doch der wahre Clou sollte erst noch folgen: Im September 2000 erwarb das Unternehmen den ebenfalls in Texas ansässigen Halbleiter-Pionier Burr-Brown für die damals unerhörte Summe von 7,6 Mrd. US-§. Es war eine Kaufsumme, die – sieht man von der Finanzspritze an Freescale durch eine Investorengruppe im Jahr 2006 einmal ab – für 15 Jahre nicht mehr überboten werden sollte.

Die 1956 gegründete US-Firma Burr-Brown war eines der ersten Unternehmen, dass sich der kommerziellen Vermarktung von Halbleiterprodukten verschrieben hatte. Bestand das Portfolio zu Beginn nahezu ausschließlich aus Transistoren, etablierte sich das Unternehmen im Laufer der 1960er Jahre auf dem damals boomenden Markt für Analogtechnik. In den folgenden vier Jahrzehnten sollte Burr-Brown den Analog-Bereich maßgeblich prägen. Das Unternehmen war stark mit Bauteilen zur elektronischen Signalverarbeitung und, insbesondere ab den 90er Jahren, Mixed-Signal-ICS. So etablierte sich etwa die Baureihe MSC1200 schnell im Markt, die nicht nur A/D- und D/A-Wandler zusammenfasste, sondern auch gleich einen Mikrocontroller, basierend auf der damals sehr populären 8051-Familie von Intel, und einen Flash-Speicher integrierte.

Die Akquise schickte eine Schockwelle durch den Analog-Markt, setzte sich TI doch mit dem Kauf des Mitstreiters Burr-Brown eindeutig vom restlichen Industriesegment ab. Die Firmenübernahme kam gerade zur rechten Zeit: nicht erwarb das Unternehmen mit dem Portfolio von Burr-Brown eine Reihe von Digital-Analog- (D/A) und Analog-Digital-Wandlern (A/D), die zu den genauesten und schnellsten im damaligen Markt zählten. Vielmehr rüstete TI dadurch ein Umfangreiches Gesamt-Produktangebot für Bauteile im boomenden Mobiltelefonmarkt auf, für Verstärker auf dem Gebiet der 3G-Mobiltelefone, DSL-Modems, Internet-Audioplayer und digitale Consumer-Audio-Systeme. Ein so breites und umfassendes Angebot an Analog-ICs wie Texas Instruments konnte kein zweiter Anbieter auf dem Markt aus einer Hand anbieten. Dass TI im Jahr 2001 mit dem Zukauf der Firma Greychip dieses Portfolio noch um eine Reihe rekonfigurierbarer D/A- und A/D-Wandler für Hochgeschwindigkeitsanwendungen aufrüstete, wirkt da vergleichsweise nur als ein Nachgedanke.

Die Gründung von Globalfoundries und die Akquise von Chartered Semuconductor Manufacturing (2008/2009)

Luftaufnahme des Globalfoundries-Werks in Dresden, ehemals Dab 38 von AMD Saxony. Die Ausgründung der Halbleiterfertigung von AMD in einen eigenständigen, unabhängigen Foundry-Betrieb markierte eine Trendwende in der Halbleiterproduktion, der bis heute anhält: Weg von eigenen Fabs hin zu einer externen Produktion selbst bei High-End-Chips.
Luftaufnahme des Globalfoundries-Werks in Dresden, ehemals Dab 38 von AMD Saxony. Die Ausgründung der Halbleiterfertigung von AMD in einen eigenständigen, unabhängigen Foundry-Betrieb markierte eine Trendwende in der Halbleiterproduktion, der bis heute anhält: Weg von eigenen Fabs hin zu einer externen Produktion selbst bei High-End-Chips.

Krisen führen häufig zu drastischen Veränderungen auf dem Markt: Bis zur Wirtschaftskrise 2008/2009 hatten Auftragshersteller für Halbleiterprodukte nicht unbedingt durch technologische Innovationen von sich Reden gemacht. Fabless-Hersteller waren unter den weltweit führenden Chipanbietern nicht zu finden; wer bei einer Foundry produzieren ließ machte sich zu Nutze, dass diese Strukturgrößten für Fertigungsprozesse verwendeten, die wenigstens eine Generation hinter den auf den Markt etablierten Standards lagen und so billiger in Masse für den Low-End-Bereich produzieren konnten.

Deswegen galt es im September 2008 durchaus als Überraschung, als Prozessorhersteller AMD im Zuge der weltweiten, bereits seit 2007 anhaltenden Rezession ankündigte, seine eigenen Produktionsanlagen abzuspalten und fortan auf ein Fabless-Modell umsteigen zu wollen. Zusammen mit den in Dubai ansässigen Investoren der Advanced Technology Investment Company (ATIC) wurden die Fertigungsstätten, darunter die AMD Fabrikationsstätten in Dresden: die Fab 38 (ehemals Fab 30) der AMD Saxony und die Fab 36, in ein neues Unternehmen ausgegründet, dessen Ziel die Auftragsfertigung hochwertiger Chipprodukte sein sollte, die sich auch mit globalen Topstandards messen können: Globalfoundries.

Um dieses Ziel zu erreichen setzen die Investoren auf eine aggressive Expansionsstrategie: 2009 erwarb das junge Unternehmen zu einem Kaufpreis von 3,9 Milliarden US-$ das in Singapur ansässige Chartered Semiconductor Manufacturing, seinerzeit der Drittgrößte Auftragsfertiger von Chipprodukten weltweit. Während Chartered überwiegend auf Chipprodukte mit Strukturgrößen von 65nm ausgerichtet war, kam von AMD bereits eine weit fortentwickelte 32nm-Technologie hinzu.

Beinahe aus dem Stand entstand somit die nach dem taiwanesischen TSMC, gemessen am Volumen, zweitgrößte Auftrags-Foundry weltweit – und ein Chip-Auftragshersteller, der bei technologisch Führenden Halbleiterplattformen mitspielen konnten. Bereits 2009 beteiligte Globalfoundries sich mit NEC und IBM an einer Entwicklungsallianz für 28-nm-Nodes . Im darauf folgenden Jahr schloss Globalfoundries eine Partnerschaft mit Toppan Photomasks, um das Advanced Mask Technology Center in Dresden (AMTC) weiterzuführen, an dem sich zuvor auch Infineon (und dessen glücklose Speicherausgründung Qimonda) beteiligt hatten. So gelangten auch der Zugriff auf (seinerzeit) fortschrittliche Maskierungstechnologien in das Portfolio der Foundry.

Die Bildung von Globalfoundries und die umfangreiche Akquisition von Chartered Semiconductor stellte weniger wegen des damals doch recht beachtlichen Umfangs – es war seinerzeit die vom Transaktionsvolumen betrachtet fünftgrößte Firmenübernahme in der Halbleiterbranche – einen Umbruch dar. Vielmehr setzte es ein deutliches Signal für den einhergehenden Wandel in der Halbleiterindustrie. Selbst ernstzunehmende, tonangebende Chiphersteller begannen nun, den Aufwand der eigenen Chipherstellung zu meiden und die eigentliche Produktion an Auftragshersteller bzw. externe Foundries auszulagern. Auch wenn Globalfoundries selbst, was die Fertigung für High-EndChips betrifft, in den letzten Jahren strauchelte und derzeit in zunehmenden Maße einen Sparkurs fährt , ist der Trend weiterhin deutlich spürbar.

2010 war noch kein Unternehmen ohne eigene Fabs in den Top 10 der weltweit größten Halbleiterhersteller zu finden. Heute hat der Auftragshersteller TSMC eine technologisch führende Position auf dem Halbleitermarkt inne. Und Fabless-Unternehmen wie Qualcomm, Broadcom oder NVIDIA (und mittlerweile auch wieder AMD) geben maßgeblich mit den Ton an. Sogar Branchenführer Intel zieht mittlerweile in Erwägung, die Produktion bestimmter Chipprodukte aus Kostengründen nicht mehr in eigenen Fabs fertigen zu lassen..

Chipabteilungen von Mitsubishi- und Hitachi verschmelzen erst zu Renesas Technology (2003) und mit NEC zu Renesas Electronics (2010)

Der Standort der europäischen Firmenzentrale von Renesas Electronics in Düsseldorf stieß 2010 mit der Fusion von NEC mit Renesas Technology zu dem aufstrebenden, den Mikocontrollermarkt prägenden japanischen Unternehmen.
Der Standort der europäischen Firmenzentrale von Renesas Electronics in Düsseldorf stieß 2010 mit der Fusion von NEC mit Renesas Technology zu dem aufstrebenden, den Mikocontrollermarkt prägenden japanischen Unternehmen.
(Bild: Renesas)

Hatten bis in die 1980er Jahre in erster Linie amerikanische Halbleiterfirmen den Weltmarkt geprägt, holten japanische Unternehmen ab Mitte der 1980er enorm auf und drangen in den 90er Jahren signifikant in die Weltspitze vor. Dabei half insbesondere ein Elektronik-Boom im eigenen Land, dessen Bedarf an neuen, leistungsfähigen Chips in erster Linie aus einheimischem Bedarf gedeckt wurde. Wie in Japan üblich, mischten dabei vor allem große Mischkonzerne im Halbleitermarkt mit und schufen sich schnell signifikante Nischen.

Was zunächst eine große Stärke und eine Triebfeder für das Wachstum bedeutete, stellte sich aber mit dem Näherrücken des 21. Jahrhunderts zunehmend problematisch heraus: Der japanische Halbleitermarkt war schneller gewachsen, als dass der Bedarf hätte mithalten können. Zu viele Unternehmen konkurrierten mit ähnlichen Produkten miteinander, es kam zu drastischen Preisverfällen vor allem bei Mikrocontrollern für den Automobilmarkt. Als schließlich im Jahr 2000 das Platzen der Dotcom-Blase einen dramatischen Kurssturz bei Technologiefirmen – nicht nur im IT-Bereich – mit sich führte, gerieten zahlreiche Elektronikunternehmen in eine wirtschaftliche Krise. Gewiss auch unter signifikanter Anleitung der japanischen Regierung kamen die in der Halbleiterbranche tätigen Großkonzerne des Landes zu dem Schluss, dass eine Konsolidierung des einheimischen Chipmarktes nötig ist.

Unter diesen Vorzeichen wurde schließlich aus einer Fusion der Halbleiterabteilungen der Mischkonzerne Hitachi (Hitachi Semiconductor) und Mitsubishi (Mitsubishi Electric) ein neuer Player auf dem Chipmarkt aus der Taufe gehoben. Am 1. April 2003 entstand das Joint Venture Renesas Technology. Der Name leitet sich ab aus Renaissance Semiconductor for Advanced Solutions; ein Statement, dass sich hier kein Tochterunternehmen, sondern eine neue, eigenständige Firma auf dem Markt einfinden sollte.

Durch die Fusion entstand umgehend die Nr. 1 unter den Mikrocontrolleranbietern der Welt – ein „neuer“ Embedded-Gigant, der sich zudem als Lieferant von SoC-Bausteinen, Smartcard-ICs, Mixed-Signal-Produkten sowie Flash- und SRAM-Speichern betätigte. Beider Partner brachten wichtige, auf dem Markt fest etablierte Produkte in die Heirat mit ein: Von Mitsubishi kam die noch heute etablierte M16C-Plattform zu Renesas, Hitachi steuerte die weiterhin wichtige H8-Familie bei, die historisch den Übergang von den 8-auf die leistungsstärkere 16-Bit-Architektur im Embedded-Markt markierte.

Doch das junge Unternehmen hatte in den ersten Jahren mit Startschwierigkeiten zu kämpfen; vor allem der einheimische japanische Markt war noch immer übersättigt, während es Renesas Technology gleichzeitig schwer fiel, sich trotz des großen Startvolumens auf dem internationalen Parkett zu behaupten. Dies änderte sich, als 2010 NEC Electronics in einem Merger zum Joint Venture hinzustieß und sich hieraus das moderne Renesas Electronics herausbildete. Mit der V-Serie an Single-Chip-Computern nun international besser aufgestellten Standorten konnte sich Renesas so endgültig als führendes Unternehmen im Mikrocontroller-Markt etablieren. Vor allem bei Automotive-MCUs ist das aus drei unterschiedlichen japanischen Halbleitersparten hervorgegangene Renesas heute eines der weltweit tonangebenden Unternehmen.

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