Suchen

Die Welt in der Krise – und was kommt danach?

| Autor / Redakteur: Michael Gasch / Johann Wiesböck

Die negativen Folgen der Globalisierung existieren schon lange, wurden aber nie mit der notwendigen Ernsthaftigkeit diskutiert. Unsere Abhängigkeit von China und Südostasien ist nach wie vor enorm, wie etwa das Beispiel Leiterplattenproduktion belegt.

Firma zum Thema

Die Schwerpunkte der chinesischen Leiterplattenfertigung
Die Schwerpunkte der chinesischen Leiterplattenfertigung
(Bild: Data4PCB)

Es ist erst gut ein halbes Jahr her, seit das neue Corona-Virus die Welt im Griff hat. Begonnen hatte alles in China, doch schon im frühen Stadium waren die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft zu spüren. Als sich das Virus später über die gesamte Welt ausbreitete, wurde alles noch viel schlimmer. Zunächst waren die Infektionen nur auf China beschränkt, doch im März kamen sie in Europa an, im April in Nordamerika und im Mai in Südamerika. Die Zahl der Infektionsfälle stieg weltweit rasant an (Quelle: worldometers.info)

  • 1.3.2020: 89.070
  • 1.4.2020: 936.170
  • 1.5.2020: 3.308.643
  • 1.6.2020: 6.267.408
  • 1.7.2020:10.592.660

Es gibt Nationen, deren Politiker das Virus allerdings immer noch kleinreden und ignorieren und es gibt andere, die konsequent dagegen vorgehen. Sicher sind bei den gemeldeten Zahlen aus einigen Ländern durchaus Zweifel angebracht, doch nimmt das der zur Pandemie ausgewachsenen Seuche nicht den Schrecken. Mit den steigenden Fallzahlen wurden die globalen Abhängigkeiten in einem Ausmaß sichtbar, das man vorher nicht für möglich gehalten hat.

Die arbeitsteilige Wirtschaft hatte Lieferketten aufgebaut, die nun an beiden Enden unterbrochen wurden: Zunächst stellten Zulieferer die Fertigung ein und als diese wieder öffneten, fehlten die Abnehmer, denn diese mussten inzwischen schließen. Die einsetzende Erholung verläuft nur langsam und keinesfalls so, wie es erwartet wurde. Daher wurde auch die Prognose des World Economic Outlook für das Wirtschaftswachstum Ende Juni erneut nach unten revidiert.

Es bleiben noch viele Unbekannte

Allerdings bleibt es fraglich, ob die vorhergesagten Werte für 2020 erreicht werden können und umso mehr sind die Prognosen für 2021 mit sehr vielen Unbekannten belastet. Eine Sorge ist außerdem, ob, wann und wie stark es eine zweite Welle geben wird. Sollte diese kommen und sollten die dann zu treffenden Maßnahmen denen gleichen, die auch beim ersten Ausbruch getroffen wurden (Ausgangssperre, Isolation) - mit der Konsequenz, dass die Lieferketten erneut unterbrochen werden - dann ist mit einem zusätzlichen Einbruch des Wirtschaftswachstums um etwa 5% zu rechnen.

Sollte uns eine zweite Welle erspart bleiben, so sind aber schon durch die noch bestehenden Maßnahmen (Maskenpflicht, Mindest-Distanz) und deren Auswirkungen auf die Industrieproduktion (reduzierte Personalanwesenheit, Hygienemaßnahmen, geänderte Schichtmodelle) eine niedrigere Produktivität und damit höhere Kosten verbunden. Aufgrund der geringeren Auslastung werden ursprünglich geplante Investitionen zurückgestellt oder ganz gestrichen. Alle Unternehmen kämpfen um ihr Überleben und es muss mit einer deutlichen Steigerung von Insolvenzen gerechnet werden.

Kurzarbeit federt den Einbruch stark ab

Der Wirtschaftseinbruch kann zwar mit Kurzarbeit (Ende Juni waren es 6,85 Mio.) abgefedert werden, resultierte bislang dennoch in einer erhöhten Arbeitslosenzahl mit 2,85 Mio., was 6,2% entspricht. Mit der Sorge um den Arbeitsplatz fallen die Konsumausgaben und die Sparneigung steigt, daran wird die Reduzierung der Mehrwertsteuer auch wenig ändern können. Die negativen Auswirkungen der Globalisierung und die damit entstandenen Abhängigkeiten wurden schon lange vor der Coronakrise immer wieder diskutiert, doch nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit. Steigende Lohnkosten und strengere Durchsetzung von Gesetzen in China sowie der Handelskrieg zwischen den USA und China veranlassten zwar einige Verlagerungen in andere Länder Südostasiens, dies änderte jedoch wenig an der Abhängigkeit von China.

Etwa 30% aller globalen Exporte von ICT- Produkten kommen aus China, wobei einzelne Bereiche wesentlich höhere Anteile aufweisen (Mobiltelefone: 90%, PCs: 90%, TV: 70%). Aber auch bei einzelnen Komponenten wird die Dominanz Chinas deutlich (jeweils > 30% für Steckverbinder, Halbleiter, passive Bauteile und Sensoren, jeweils > 50% für Leiterplatten und Displays). Bei Leiterplatten wiederum kommen > 50% der Kupferfolie und > 80% des erforderlichen Basismaterials aus China. Daher ist es illusorisch, von einer generellen Rückverlagerung zu sprechen.

Die Lieferketten bei der Leiterplattenproduktion

Die Leiterplattenproduktion in China belief sich 2019 auf 42,25 Mrd US-Dollar und wird – bedingt durch die Einführung von 5G und damit verbundener Neuerungen – 2020 um etwa 2% zunehmen können, alle anderen Weltregionen werden mehr oder minder hohe Verluste gegenüber 2019 haben. Allerdings ist es durchaus angebracht, über eine Umgestaltung der bestehenden Lieferketten nachzudenken, denn es gibt eine Reihe von ernstzunehmenden Gründen.

Die im Lauf von 40 Jahren gewachsenen Lieferketten sind inzwischen zu lang und zu unübersichtlich geworden. Früher einmal gültige Gründe für eine Verlagerung nach China (niedrige Löhne und unbegrenzte Verfügbarkeit von Arbeitskräften, wenige Vorschriften und hohe Subventionen) sind heute kaum noch oder sogar gar nicht mehr vorhanden. Entfernungen über 7000 km und sechs Zeitzonen, sprachliche Barrieren, Wechselkurse und politische Einflussnahmen sind Hindernisse, die die tägliche Geschäftsabwicklung er-schweren können. Sondereinflüsse, wie Naturkatastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche) und Erkrankungen (Vogelgrippe, Schweinepest) haben schon in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen in der Logistik geführt, doch bislang noch nie im jetzigen Ausmaß. Hinzu kommen die Handelsstreitigkeiten der USA mit dem Rest der Welt – vornehmlich aber mit China. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Mehrheit der in China produzierenden amerikanischen Firmen keinerlei Pläne hat, ihre Produktion oder ihre Einkäufe in andere Länder zu verlagern.

Zuliefercluster für Elektronik sind in Asien

Schon vor Corona wurden bereits Indus­triezweige mit niedriger Wertschöpfung in andere Länder Südostasiens verlagert, der Handelskrieg der USA hat diesen Prozess beschleunigt. Industrien von strategischer Bedeutung wurden erst jetzt als solche erkannt und hier ist es wahrscheinlich, dass bestimmte Sektoren nach Europa zurückkommen, um ein bestimmtes Niveau der Selbstversorgung zu garantieren und Abhängigkeiten zu vermeiden. Das wird vor allem den Medizinsektor betreffen.

Für etwa 134.000 größere Elektronikhersteller entstanden große Zuliefercluster, die unmöglich aus China verlagert werden können. In Technologiebranchen könnte es allenfalls zu Teilverlagerungen kommen, doch ist eine komplette Rückführung der Produktion sehr unwahrscheinlich. Außerdem ist der Bedarf in China für viele Firmen zu interessant, um diesen Markt nicht zu bedienen. Steigenden Lohnkosten wird – soweit möglich – durch Teilautomatisierung begegnet. Aus diesen Gründen wird es zu einer Strategie „China +1“ kommen, in der es zu einer geografischen Diversifizierung kommt. Neben dem Hauptproduktionsstandort „China“ wird es einen oder mehrere kleinere Pro­duktionsstätten geben, die in der Nähe von weiteren wichtigen Abnehmerregionen angesiedelt sind.

Diese Alternative dürfte auch für viele Unternehmen in Europa in Frage kommen. Damit verbunden ist nicht nur eine erhöhte Liefersicherheit, sondern sehr viel kürzere Wege, um in der Konzeption eines neuen Pro-duktes Optimierungen zu erarbeiten. Die räumliche Nähe ermöglicht im Lebenszyklus des Produktes schnelle Hilfe bei Problemen und Engpässen. Das bedingt aber eine Partnerschaft, die diesen Namen auch verdient. Das schließt nicht aus, daß der Serienbedarf in China gefertigt wird, aber die Lieferanten in Europa müssen mit regelmäßigen Aufträgen bedacht und nicht nur als Notnagel benutzt werden. Damit wird deren Überleben gesichert und es können gemeinsame, langfristige Strategien für künftige Produktentwicklungen erarbeitet werden.

Firmen müssen wieder auf Partnerschaft setzen

Dabei muss fest umrissen sein, welche Leistungen, Verpflichtungen und Risiken Teil der zu etablierenden Partnerschaft sind, denn auch „Second Source“ muss gelebt werden, denn zusätzliche Leistungen können nicht kostenlos sein. Zur Zusammenarbeit gehört selbstverständlich das gegenseitige Verständnis für das Produkt. Während viele Bauteile an beliebige Kunden und Einsatzgebiete verkauft werden können, ist die Leiterplatte ein kundenspezifisches, zeichnungsgebundenes Produkt, das ausschließlich an den bestellenden Kunden verkauft werden kann. Diese Tatsache wird aus Unkenntnis von vielen Einkäufern ignoriert.

Doch leider haben einige Unternehmen noch nicht begriffen, dass die viel beschworene Partnerschaft mehr als ein leeres Wort sein muss. Wenn Konzerne wegen Corona jetzt von ihren Zulieferern einen Preisnachlass im oberen einstelligen Bereich verlangen, dann zeugt das von überheblichem Egoismus (denn Konzerne erhalten mehr politische Aufmerksamkeit als die kleinen, mittelständischen Zulieferer).

Sollte aber die europäische Leiterplattenindustrie wegen solcher Forderungen verschwinden, dürfte die Bestückungsindustrie das nächste Opfer sein. In Europa ging die Gesamtzahl der Leiterplattenhersteller in den letzten 30 Jahren von knapp 1000 Firmen auf weniger als 200 zurück.

Wenn sich also Original Equipment Manufacturer (OEMs) in kritischen Branchen eine notfallsichere Versorgung wünschen, muss es eine engere Zusammenarbeit geben. Wir haben die Krise noch lange nicht überstanden und es wird noch länger als gedacht dauern, bis es so weit sein wird. Daher müssen wir nicht nur alles tun, um diese Krise zu überstehen, sondern auch an die Zeit danach denken. Weitere Infos erhalten Sie vom Autor via mgasch@data4pcb.com.

* Michael Gasch, Data4PCB, ist Leiterplatten-Experte, Marktforscher und ein profunder Asienkenner.

(ID:46756857)

Über den Autor