Suchen

Die Schlacht um E-Antriebe: „China Speed“ bestimmt das Tempo

| Autor / Redakteur: Henrik Bork* / Lena Bromberger

In China tobt ein heftiger Wettbewerb um den Markt der elektrischen Antriebe. Die lokalen Automobilzulieferer werden besser und bereiten sich für den Export vor.

Firmen zum Thema

Ein elektronisches Concept Car von Mercedes auf der Shanghai Auto Show. Laufen chinesische Unternehmen in der Elektromobilität dem Rest der Welt davon? "Wir müssen uns wie eine chinesische Firma verhalten und denselben ‚China Speed‘ nutzen, um den chinesischen Markt zu erobern“, zitiert die chinesische Zeitung Meiri Qiche einen Sprecher des japanischen Elektroantriebsherstellers Nidec.
Ein elektronisches Concept Car von Mercedes auf der Shanghai Auto Show. Laufen chinesische Unternehmen in der Elektromobilität dem Rest der Welt davon? "Wir müssen uns wie eine chinesische Firma verhalten und denselben ‚China Speed‘ nutzen, um den chinesischen Markt zu erobern“, zitiert die chinesische Zeitung Meiri Qiche einen Sprecher des japanischen Elektroantriebsherstellers Nidec.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Automobilzulieferer, die die Transformation zur E-Mobilität überleben wollen, müssen auf dem chinesischen Markt reüssieren. Nirgendwo ist dies deutlicher als bei Elektroantrieben. Während sich die Aufmerksamkeit von Politik und Medien häufig auf Batterien und deren Leistungsfähigkeit und Sicherheit konzentriert, ist in China weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ein heftiger Wettbewerb um den Markt für die zweite Schlüsselkomponente von E-Autos ausgebrochen: der um die elektrischen Antriebssysteme der Zukunft.

Internationale Zulieferer setzen auf chinesischen E-Auto-Markt

„Seit 2019 drängen ausländische Hersteller von Autoteilen aggressiv auf den chinesischen Markt für elektrische Antriebe“, berichtete kürzlich das auf E-Mobilität spezialisierte chinesische Nachrichtenportal Weike Wang. Von den deutschen Zulieferern ZF Friedrichshafen, Bosch oder Continental, über die japanische Firma Nidec bis zum amerikanischen Borg Warner – alle setzen sie in ihren internationalen Strategien auf ein weiteres rasches Wachstum der E-Mobilität in China, schreiben chinesische Analysten.

„Während der Transformation der globalen Autoindustrie zur Elektrifizierung sind elektrische Antriebe zu einem essentiellen Schlachtfeld geworden“, formuliert es die chinesische Autozeitung Zhongguo Qiche Bao. Und nirgendwo tobe diese Schlacht gerade heftiger als in China, dem weltweit größten Markt für Elektrofahrzeuge. 1,2 Millionen Fahrzeuge mit alternativen Energiequellen – reine Elektroautos, Hybride und Brennstoffzellen-Fahrzeuge – sind 2019 in China verkauft worden, mehr als irgendwo sonst auf dem Erdball.

Und seit China die Covid-19-Epidemie von staatlicher Seite eher als andere Länder als „besiegt“ erklärt und wieder Normalität in Fabriken und Autohäusern angeordnet hat, brummt auch jetzt wieder der Absatz. Sowohl im Juni wie im Juli dieses Jahres sind in China mehr als 100.000 neue Elektrofahrzeuge verkauft worden.

Chinas Zulieferer haben „First-Mover“-Vorteil

Ausländische Hersteller von modernen „3-in-1-Lösungen“, bei denen Elektromotor, Leistungselektronik und Getriebe in kompakten Einheiten in der Nähe der Achse kombiniert sind, genießen momentan noch einen gewissen technologischen Vorsprung zu chinesischen Anbietern. Die holen aber rasch auf und stellen bereits mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion aller elektrischen Antriebsmodule.

Weil die chinesische Regierung in kurzer Zeit entschlossen die Elektrifizierung der heimischen Autoindustrie vorangetrieben hat, ist dort schnell eine komplette Wertschöpfungskette für alle Komponenten entstanden. Chinesische Zulieferer konnten sich den Markt für E-Antriebssysteme bis vor kurzem weitgehend unter sich aufteilen. 84 Prozent aller in China verbauten Elektromotoren stammen derzeit von chinesischen Herstellern, war kürzlich auf einem Kongress der Branche zu erfahren. Bei Motor-Steuereinheiten für alternative Fahrzeuge (NEV oder New Engergy Vehicles) waren es sogar 86 Prozent.

Wenn Firmen wie ZF jetzt also in Hangzhou südlich von Schanghai große Fabriken für Elektroantriebe bauen oder neue Joint Ventures mit chinesischen Herstellern gründen – wie etwa die neue „Wolong ZF Automotive E-Motors Co Ltd.“ zur Produktion von Elektromotoren in Shangyu in der Provinz Zhejiang – dann treffen sie auf eine große Anzahl bereits etablierter, chinesischer Wettbewerber. Mit anderen Worten: Die Chinesen haben einen „First-Mover“-Vorteil.

OEMs erhöhen Wettbewerb zusätzlich

Die meisten von ihnen konzentrieren sich noch voll auf den chinesischen Markt, machen Firmen wie Bosch oder Nidec noch nicht international Konkurrenz. Doch auch das beginnt sich bereits zu ändern: Eine kleine Zahl der besten chinesischen Hersteller im Bereich Elektroantriebe – zu nennen wären etwa Jing-jin Electric, Shanghai Edrive, Shanghai Dajun Technologies, CRRC Zhuzhou oder United Electronics – hat schon mit dem Export von Komponenten begonnen. Vor allem aber punkten die chinesischen Zulieferer in China mit kostengünstigen, gut an den lokalen Markt angepassten Produkten und guten politischen Kontakten zu örtlichen Parteikadern und Regierungsbeamten.

Und in China spielt heute nun mal die Musik, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit von Automobilzulieferern geht. Da es sich bei Elektrofahrzeugen auch in China um einen recht jungen Markt handelt, stehen die Gewinner und Verlierer unter den Anbietern von elektrischen Antrieben noch keinesfalls fest. Das ruft neben hunderten von kleinen Herstellern auch die chinesischen Automobil-OEMs auf den Plan: BYD, Baic New Energy, Changan, Chery, Nio und anderen haben alle eigene Elektroantriebe entwickelt.

Einige der Firmen nutzen die E-Antriebe nicht nur für selbst produzierte Fahrzeuge, sondern vermarkten sie auch an andere Automobilhersteller. Das macht den Wettbewerb für ausländische Qualitätshersteller aus Deutschland, Japan oder den USA noch schärfer.

Drehzahl ausländischer E-Antriebe noch deutlich höher

Chinesische Hersteller von Antrieben haben dem gerade veröffentlichten „Elektro-Antriebs-Entwicklungsbericht“ zufolge bereits eine Jahreskapazität von drei Millionen Einheiten erreicht. „Was entscheidende technische Indikatoren betrifft, darunter Leistungsdichte und Energie-Effizienz, haben Chinas Elektroantriebe im Wesentlichen bereits internationale Standards erreicht“, heißt es etwas optimistisch in dem Industriebericht.

Nur bei Hochleistungskomponenten für gehobene Fahrzeugklassen dominieren momentan noch die Ausländer. So hätten beispielsweise bei „Motoren mit hoher Energiedichte Volkswagen, Volvo und andere Firmen ihre Maximalgeschwindigkeit weiter erhöht, bis auf eine Höchstgeschwindigkeit von 16.000 Umdrehungen pro Minute“, schreibt die China Auto News in ihrer Analyse. Der Motor des Model 3 von Tesla habe 17.900 U/min erreicht. Chinesische Wettbewerber wie Saic Transmission, Chongqing Qingshan und BYD hätten hingegen erst 12.000 bis 14.000 U/min erreicht, schreibt die Zeitung.

„Made in China2025“ macht technische Vorgaben

Zwischen den Zeilen des E-Antriebs-Entwicklungsberichtes und anderen, offiziellen Dokumenten in China wird klar kommuniziert,dass man sich in Peking der technischen Rückstände bewusst ist, sie aber gleichzeitig unbedingt und sehr bald mit strategischen Initiativen und Förderung seitens der Zentralregierung aufholen will. Ein Beispiel ist hier die „Technische Roadmap für Schlüsselfelder von Made in China 2025“, in der ganz konkrete Leistungszahlen für elektrische Antriebe, etwa 5,6 kW/kg für 3-in1-integrierte Systeme bis zum Ende des Jahres 2020, vorgegeben werden.

Eine Konsequenz aus dieser chinesischen Entschlossenheit, künftig den Markt für Elektroantriebe auch an der Spitze dominieren zu wollen, ist der Zwang für ausländische Hersteller zur Lokalisierung in China. Der führende japanische Hersteller Nidec hat da die Zeichen der Zeit erkannt und hat ein chinesisches Tochterunternehmen gegründet. „Da wir uns entschieden haben, in China Geschäfte zu machen, müssen wir hier unsere Identität als japanische Firma vergessen“, zitierte die Autozeitung Meiri Qiche kürzlich Teruyuki Kai, den Vorstandsvorsitenden der Nidec-Tochter in Schanghai. „Chinesische Unternehmen entwickeln sich derzeit viel zu schnell. Wir müssen uns wie eine chinesische Firma verhalten und denselben ‚China Speed‘ nutzen, um den chinesischen Markt zu erobern“, so der Japaner.

Über den Autor

*Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal Automobil-Industrie.de.

(ID:46823885)