Kommentar Die neue deutsche Zögerlichkeit: Innovation ist ein Auslaufmodell

Autor / Redakteur: Stefan Angele* / Gerd Kucera

Es ist ein Faktum: Wir sind bräsig geworden – und in so vielen Technologiefeldern längst überholt. Was einst als deutsche Tugend international bewundert wurde, ist heute längst nicht mehr die Realität.

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Stefan Angele: Als Geschäftsführer der Systemtechnik LEBER kennt er den Anspruch einer Produktentwicklung genau, um den Unternehmenserfolg zu sichern.
Stefan Angele: Als Geschäftsführer der Systemtechnik LEBER kennt er den Anspruch einer Produktentwicklung genau, um den Unternehmenserfolg zu sichern.
(Bild: LEBER)

Es ist ein Jammer. Made in Germany, jahrzehntelang Gütesiegel für Erfindergeist, Präzision und Qualität, hat an Strahlkraft verloren. Das Versagen bei der Bereitstellung von Impfstoffen und schlüssigen Impfkonzepten ist ein aktuelles und gutes Beispiel für fehlende Entschlossenheit, Mut und Durchhaltevermögen. Und das scheint erst recht für die deutsche Industrie symptomatisch geworden zu sein.

Klar, die wirtschaftlichen Folgen einer Fehlentwicklung können beträchtlich sein – vom Image-Schaden einmal abgesehen. Noch schlimmer aber können langfristig die Folgen sein, die durch das Fehlen wirklich bahnbrechender und innovativer Produkte aus Deutschland entstehen. Und diese werden zunehmend zur Rarität. Das belegt etwa ein Rückgang der Patentanmeldungen, laut Patentamt um knapp zehn Prozent von 2016 bis 2020.

Was ist passiert? Meiner Meinung nach ist das Problem wesensgemäß: Der Deutsche ist vom tatkräftigen Anpacker zum Zögerer geworden. Am besten alles wasserdicht planen. Es wird so lange geplant und diskutiert, bis die beabsichtigte Innovation der Mitbewerber auf dem Markt bringt. Dann ist man ach so überrascht und enttäuscht, dass der perfekte Plan nicht aufgegangen ist. Das wiederum lähmt und entmutigt.

„Produktentwickler dürfen keine Hasenfüße sein“

Findige Produktentwickler, und dazu zählt sich auch das LEBER-Team, dürfen keine Hasenfüße sein. Wer ein neues Produkt entwickelt, weiß per se nicht wie erfolgreich es sein wird. Möglicherweise findet sich der Entrepreneur im Verlauf auch vor unerwarteten Herausforderungen, denen er sich stellen muss. Um diese erfolgreich zu meistern, braucht er ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein und Gelassenheit. Letzteres ist dem Deutschen angeblich in die Wiege gelegt.

Mit dem Selbstbewusstsein dagegen ist es so eine Sache. Und wer seinen Kopf zu aufrecht trägt, riskiert hierzulande allzu schnell die Häme, wenn es schief geht. Wen wundert es dann, dass sich Produktentwickler heute gerne nach allen Seiten absichern? Zwar erfinden diese weiter, das wohl. Aber sie verwenden ebenso viel Zeit auf das Dokumentieren und das Aufstellen und Überwachen zu vieler unschlüssiger Regeln. Und genau das bremst uns aus.

Mutig sein und Verantwortung übernehmen

Was also ist zu tun? Wir müssen wieder echte Verantwortung übernehmen und Mut haben. Das jedoch geht nur, wenn Scheitern ausdrücklich erlaubt ist! Aber das ist keine deutsche Tugend. Dennoch: Aus Fehlern lernt man und das fördert ingenieurmäßiges Denken. Lieber andere den Fehler machen lassen, ist die falsche Kultur und inzwischen gang und gäbe.

Konzerne lagern das Risiko der Scheiterns lieber aus. Etwa an Start-ups, die nach erfolgreicher Produktentwicklung gerne aufgekauft werden. So holt man sich nur kurzfristig Innovationen ins Haus. Der findige Geist aber, die Urstärke des deutschen Ingenieurtums, wird im Zuge der Übernahme schnell vertrieben. Was dann folgt, ist Mittelmäßigkeit.

Selbstverständlich können Sie mir nun Schwarzmalerei vorwerfen. Weshalb ich gerne darauf verweise, dass es durchaus auch Unternehmen gibt, die anders agieren. So werden wir als Produktentwickler zunehmend im Rahmen von strategischen Partnerschaften an Bord geholt. Das Ergebnis sind hybride Teams, die ihre jeweiligen Vorteile mit ins Projekt bringen: Agilität und Einsatz von auch mal unkonventionellen Methoden auf der einen Seite, und die Größe, Produkte flächendeckend ausrollen zu können, auf der anderen.

Voraussetzung dafür sind Transparenz und teilweise schonungslose Offenheit gegenüber den Stärken und Schwächen der beteiligten Partner. Denn nur wer sich vertraut, der traut sich auch – nämlich gemeinsam Risiken einzugehen.

Ich hoffe, dass künftig mehr Unternehmen wieder solche fairen Kooperationen durchführen, dadurch voneinander profitieren und sich gemeinsam weiterentwickeln. Zum eigenen Vorteil, zum Vorteil der Kunden, aber natürlich auch zum Vorteil des Standorts Deutschland. Das wäre im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar.

* Stefan Angele ist Geschäftsführer von Systemtechnik Leber.

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