Die Mikroelektronik muss in Europa bleiben

| Autor / Redakteur: Ansgar Hinz / Johann Wiesböck

Ansgar Hinz, CEO des VDE: Vor seiner Berufung zum VDE-Vorstandsvorsitzenden war er mehr als 15 Jahre als Geschäftsführer der MESSKO GmbH in Oberursel tätig.
Ansgar Hinz, CEO des VDE: Vor seiner Berufung zum VDE-Vorstandsvorsitzenden war er mehr als 15 Jahre als Geschäftsführer der MESSKO GmbH in Oberursel tätig. (Bild: Uwe Noelke)

Die Cyber-Attacken „Meltdown“ und „Spectre“ betreffen uns alle. Begreifen wir den weltweiten Chip-Gau nicht als Panik-Mache, sondern als lautstarken Weckruf. Stärken wir den Mikroelektronik-Standort Europa.

James Bond lässt grüßen. Erneut sorgten die Meldungen über die Sicherheitslücken „Spectre“ und „Meltdown“ vor ein paar Wochen weltweit für Aufruhr. Dieses Mal übertraf der Chip-Gau alle bis dato bekannten Cyber-Attacken, zumindest wenn man den reißerischen Artikeln glauben darf. Schwerwiegende Sicherheitslücken in millionenfach verbauten Computerchips zeigen, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist.

Gleichzeitig steigen aber auch die Anforderungen an die Performance der Systeme, die Hersteller zwingt, immer kreativer bei der Optimierung der Leistungsfähigkeit zu werden. Mit diesem Wissen ist es zwar medienwirksam aber vermessen zu bewerten, ob die betroffenen Hersteller zu lange gebraucht haben, Updates zur Verfügung zu stellten. Und ob es mit einer Behebung über Patches allein getan ist, ist fraglich.

Was schlimmer wiegt: Prinzipiell hätte es nicht soweit kommen müssen. Das Sicherheitsproblem war hausgemacht, denn die Schwachstelle lag in CPUs, dem Herzstück der Mehrzahl digitaler Komponenten, Systeme und Endgeräten. Eigentlich sollten speziell implementierte Routinen „Sprungvorhersagen“ die Prozessoren durch prädiktives Laden schneller machen. Gleichzeitig öffneten diese aber Meltdown und Spectre Tür und Tor. Ja, Fehler passieren. Ja, eine 100%-ige Sicherheit gibt es nicht. Es wird aber einmal mehr deutlich, wie fundamental die Bedeutung eines durchgängigen, strukturierten und systemischen IT-Security-Ansatzes für Hardware, Software und Systeme ist.

Was sind nun die Lessons Learned? Der beschriebene weltweite Security-Incident ist ein lautstarker Weckruf und eine Chance für das digitale Deutschland zugleich. Unsere kritische Infrastruktur, das Herz unserer Gesellschaft, ist durchsetzt von Mikroelektronik. Mikroelektronik steckt in jedem (digitalen) Gerät. Statt auf die Kompetenz von Dritten zu vertrauen, müssen wir unsere Technologiekompetenz in der Mikroelektronik umfassend selber ausbauen. Gefordert ist Hardware- und Software-Designkompetenz. Gefordert ist Produktionskompetenz und die Kontrolle darüber. Gefordert ist Systemkompetenz. Nur so versetzen wir uns nicht nur in die Lage, technologischer Wegbereiter zu sein, sondern auch digitale Technologien bewerten und mit Augenmaß einsetzen zu können.

Seit Jahren setzt sich der VDE in der Politik dafür ein, die gesamte Innovationskette vom Chip-Design bis zur Fertigung in Europa zu fördern – auch mit Blick auf die Entwicklung von eigenen Kryptochips, die Kriminellen den Zugang durch Backdoors von Beginn an verweigern. Wenn wir unsere digitale Souveränität sichern wollen, müssen wir unsere Expertise in der Mikroelektronik nicht nur erhalten, wir müssen sie weiter ausbauen.

Mein deutlicher Appell an die Politik: Wir brauchen eine massive Stärkung des Mikroelektronik-Standorts Europa, eine diesbezüglich konsequente und fokussierte Forschungs- und Industrieförderung und eine international koordinierte Cyber-Security-Strategie. Deutschland verpasst sonst seine Chancen die digitalen Technologien der Zukunft mitzugestalten. Geben wir nicht auch dieses Asset noch aus der Hand.

Mit unserem neuen Wettbewerb „VDE e-diale Zukunft Challenge 2018“ sucht der VDE jetzt die besten Ideen und Visionen für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft in den Bereichen Mobility, Health & Living, Industrie 4.0, Energy und Cyber Security. Für den Wettbewerb können sich Forschungseinrichtungen und junge Unternehmen genauso wie Studierende und Schüler/innen bewerben, große Zukunftsthemen sind genauso gefragt wie kleine. Neu muss nur der zukunftsweisende Ansatz oder die Kombination seiner Elemente sein und vor allem elektrisch und digital. Den fünf Gewinnern winken Reisen zu den VDE-Tec-Hotspots weltweit. Die Schüler/innen treten dabei in der Zusatzkategorie Young Talents gegeneinander an. Weitere Informationen finden Sie unter e-diale.vde.com.

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