Leiterplattenindustrie Europa PCB: Die Krise 2020 und ihre Folgen bis 2022

Autor / Redakteur: Michael Gasch * / Johann Wiesböck

2020 bleibt als Ausnahmejahr in Erinnerung –auch für die europäischen Hersteller von Leiterplatten. Nie zuvor gab es eine solche Ansammlung widriger Ereignisse. 2021 geht es genauso weiter. Und 2022 ist ungewiss.

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Abwanderung: In den letzten Jahren haben immer mehr Kunden Leiterplatten in Asien fertigen lassen – zum Leidwesen europäischer PCB-Hersteller. Diese stehen vor einer ungewissen Zukunft.
Abwanderung: In den letzten Jahren haben immer mehr Kunden Leiterplatten in Asien fertigen lassen – zum Leidwesen europäischer PCB-Hersteller. Diese stehen vor einer ungewissen Zukunft.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Es war schon früh klar, dass 2020 ein schwieriges Jahr werden würde, dafür sorgte ein beratungsresistenter US-Präsident, der auf keinem Gebiet mit Fachwissen gesegnet war. Sein Wirtschaftskrieg mit China legte erste Fundamente für die spätere negative Wirtschaftsentwicklung, denn chinesische Firmen kauften Bauteile in unvorstellbaren Mengen auf, um Produktionsprobleme durch das Embargo zu mildern. Dadurch ergaben sich schon 2019 erste Engpässe bei bestimmten Komponenten.

Ein zweiter Grund war der Ausbruch des Coronavirus, dessen Gefährlichkeit zunächst unterschätzt und dessen Bekämpfung zu spät begonnen wurde. Corona begann zum Jahreswechsel 2019/2020 in China, in der „Werkstätte der Welt“. Die rigorose Abschottung Chinas ließ internationale Lieferketten austrocknen und brachte den Industrien in anderen Erdteilen zunächst eine kurze, heftige Periode verstärkter Nachfrage, da alternative Bezugsquellen gesucht wurden. Allerdings schwappte die Pandemie im 2. Quartal 2020 auf den Rest der Welt über und die Erwartungen für den Rest des Jahres fielen ins Bodenlose, weil nicht nur die Abhängigkeit von Chinas Lieferungen an Endprodukten, sondern auch von Vorerzeugnissen offenbar wurde.

Daraus folgte der dritte Teil der Probleme: eine Reihe falscher Entscheidungen von wesentlichen Abnehmern einerseits und Schlüssellieferanten andererseits, die sich bis weit in das Jahr 2021 – und sicher auch darüber hinaus – auswirken.

Die Fehlentscheidungen der Autoindustrie

Eine der wichtigsten Fehlentscheidungen kam von der Autoindustrie, die die ohnehin nur sehr kurzfristigen Lieferfreigaben und weitergehende Lieferpläne rigoros stornierte. Als diese Branche nur kurz darauf von überraschend starker Nachfrage überrollt wurde, musste sie feststellen, dass sie mit nur 10 Prozent am weltweiten Bedarf von Bauteilen eine zu unwichtige Rolle spielte, um kurzfristige Änderungen zu erzwingen.

Die Bereiche Konsum, Kommunikation und Computer absorbieren wesentlich größere Mengen an Bauteilen (ca. 60 Prozent). Es kann daher den Herstellern von Bauteilen nicht verübelt werden, dass sie Verträge mit wichtigeren, lukrativeren und zuverlässigeren Abnehmern schlossen. Das führte bereits zur Jahresmitte 2020 für weitere Branchen zu spürbaren Engpässen, die sich im weiteren Verlauf verstärkten.

Als ob das nicht schon genügend Belastungen wären, kam es auf der Anbieterseite zusätzlich zu Verknappungen. Es wurden Produktionskapazitäten angepasst und anstehende Wartung vorgezogen, es fehlten Mitarbeiter wegen steigender Infektionszahlen und der Lockdowns. Hinzu kamen mehrere Großbrände und Explosionen in für die Elektronik wichtigen Fertigungsanlagen. Weitere Engpässe in der Logistik (fehlende Container, überfüllte Häfen, reduzierte Luftfrachtkapazitäten, fehlender Binnentransport) verschärften die Lage.

Somit ist es überraschend, dass das Produktionsvolumen der globalen Leiterplattenindustrie sogar um 1 Prozent auf 76,7 Mrd USD stieg. Das Wachstum ist eindeutig auf China zurückzuführen (+ 4,8 Prozent). Der Ausbau der 5 G Infrastruktur und die in vielen Ländern durch den Lockdown (und die damit verbundene Tätigkeit im Homeoffice) gestiegene Nachfrage nach Rechnern, Servern und Kommunikationseinrichtungen kompensierten den Rückgang in anderen Regionen.

Die schrumpfende Leiterplattenproduktion in Europa

Bild 1: Die Entwicklung der europäischen Leiterplattenindustrie
Bild 1: Die Entwicklung der europäischen Leiterplattenindustrie
(Bild: Data4PCB)

Die europäische Leiterplattenproduktion schrumpft schon seit Jahren. Vor 20 Jahren gab es noch 561 Hersteller, heute lediglich ein Drittel davon. Dementsprechend nahm der Umsatz ab. Dabei kam der deutschsprachige Raum noch glimpflich davon, deutlich heftiger traf es Skandinavien und Südeuropa. Gemeinsamer Grund für den Rückgang der vergangenen Jahre waren Preisgründe, die die Verlagerung nach Asien förderten (Bild 1).

Die europäische Leiterplattenproduktion fiel 2020 um insgesamt 14 Prozent. Ein- und doppelseitige sowie Sondertypen hatten mit einem Rückgang von jeweils fast 30 Prozent besonders hohe Verluste. Das ist zwar teilweise auf Betriebsschließungen (5 Prozent) zurückzuführen, doch sind Standardprodukte kaum noch profitabel.

Der Rückgang bei Multilayern und HDI-Schaltungen entspricht dem Durchschnitt, bei flexiblen und starr-flexiblen Leiterplatten ging das Gesamtvolumen um weniger als 5 Prozent zurück.

Von den Abnehmerbranchen schnitten die Autoindustrie (- 23,4 Prozent) sowie die Luft- und Raumfahrt (-20,5 Prozent) besonders schlecht ab. Weil wichtige Exportmärkte zeitweise geschlossen waren gaben Industrieanwendungen um etwa 8 Prozent nach. Ein kleines Wachstum (+ 3,4 Prozent) hatte der Medizinsektor – besonders bei Überwachungs- und Beatmungsgeräten, allerdings reduzierte sich die Nachfrage nach Implantaten durch die Zurückstellung von Operationen.

Die Zahl der Mitarbeiter fiel europaweit nur um 5 Prozent, was sich in etwa mit den Betriebsschließungen deckt, denn durch Unterstützungsmaßnahmen der Regierungen konnten viele Arbeitsplätze gehalten werden.

Warum die Schwierigkeiten auch 2021 anhalten

Wie eingangs erwähnt, halten die Schwierigkeiten auch 2021 an – nicht nur für die Elektronik, sondern für alle Branchen. Größtes Problem ist die Versorgungslage. Das beginnt bei weiterhin knappen Rohstoffen und Bauteilen, den Problemen in der Logistik und endet mit der daraus resultierenden Konsequenz der explodierenden Kosten.

Deshalb muss damit gerechnet werden, dass die Zahl der Hersteller im Laufe des Jahres 2021 weiter abnehmen wird. Die Beschaffungsproblematik wird so manches Unternehmen überfordern – nicht nur bei den Leiterplattenherstellern, sondern auch bei deren Abnehmern.

Andererseits könnten die Erfahrungen der letzten beiden Jahre eine Veränderung einläuten, indem die Fertigung wieder näher nach Europa geholt wird. Das kann allerdings nur der Fall sein, wenn die Hauptauftraggeber ihre Versprechungen nicht vergessen, sobald sich die Situation wieder etwas entspannt. Das war leider bislang jedes Mal der Fall, wenn Preise eine höhere Priorität als Kosten bekamen.

Der Aufbau einer europäischen Basis wird jedoch auf alle Fälle schwer, denn es fehlen Vorlieferanten, qualifizierte Mitarbeiter und Know-how. In China hat es vier Jahrzehnte gedauert, bis die Lieferketten horizontal und vertikal aufgebaut waren. Deshalb ist es inzwischen auch so schwer geworden, eine Alternative zu finden, denn China ist schon lange kein „Niedriglohnland“ mehr, die Stundenlöhne in Südosteuropa und die Entfernungen (sowie die damit verbundenen Logistikkosten) sind wesentlich niedriger. Aber es braucht einen langen Atem und trotzdem sollte der Gedanke möglichst bald umgesetzt werden. Die politische Entwicklung in China hat in den letzten Jahren eine Richtung eingeschlagen, die für die Zukunft nichts Gutes erwarten lässt.

Bild 2: Die Entwicklung der Frachtraten von Asien nach Europa – Quelle https://fbx.freightos.com
Bild 2: Die Entwicklung der Frachtraten von Asien nach Europa – Quelle https://fbx.freightos.com
(Bild: Data4PCB)

Das 1. Halbjahr 2021 brachte europaweit ein Umsatzwachstum von insgesamt 6,3 Prozent, demgegenüber stiegen die Bestellungen aber um 20 Prozent. Dabei müssen allerdings zwei Faktoren bedacht werden: der eine ist, dass die gesamte Branche seit Ende 2020 mit Preissteigerungen für Vormaterialien zu kämpfen hat. Während es früher um Preiserhöhungen im unteren einstelligen Bereich ging, so wurden in den letzten 12 Monaten die Basismaterialpreise in mehreren Wellen in Summe um 40 - 50 Prozent angehoben. Im gleichen Zeitraum stiegen die Seefrachtraten um fast das Achtfache (Bild 2)!

Bei diesen Größenordnungen ist es klar, dass diese Kostenerhöhungen zwangsläufig an die Abnehmer weitergegeben werden mussten, so dass ein wesentlicher Teil des Umsatzzuwachses nicht zwingend auf eine Konjunkturbelebung, sondern auf diese Preissteigerungen zurückzuführen sein dürfte.

Mehrfachbuchungen könnten 2022 Stornowelle auslösen

Der enorme Sprung bei den Bestellungen in diesem Jahr ist nur teilweise auf zusätzlichen Bedarf zurückzuführen, der weitaus größere Anteil wird durch längere Lieferzeiten, Verknappungen und Panikbuchungen verursacht. So haben viele Abnehmer ihre Festbuchungen bereits bis weit in das 1. Halbjahr 2022 oder sogar darüber hinaus platziert. Weil damit sicherlich auch Doppel- und Dreifachbuchungen verbunden sind, muss damit gerechnet werden, dass eine massive Stornowelle auf uns zukommen könnte. Allerdings gibt es Hersteller, die ein Storno nicht mehr erlauben.

Insgesamt dürfte in Europa ein um 10 bis 15 Prozent höherer Jahresumsatz zu erwarten sein. Die Umsatzentwicklung in Asien ist dagegen uneinheitlich. Während China erneut um bis zu 16 Prozent wachsen dürfte, sind z. B. Indien und Thailand durch die dortigen Ausgangssperren mit Produktionsrückgängen konfrontiert. Viele Hersteller würden gern mehr Umsatz generieren, doch fehlen die Vormaterialien. Es wird erwartet, dass der Produktionswert von Leiterplatten in diesem Jahr mehr als 91 Mrd USD erreichen dürfte.

Michael Gasch: Der Marktforscher von Date4PCB ist spezialisiert auf die Leiterplattenbranche und analysiert seit Jahrzehnten die Entwicklungen in der Elektronikwelt.
Michael Gasch: Der Marktforscher von Date4PCB ist spezialisiert auf die Leiterplattenbranche und analysiert seit Jahrzehnten die Entwicklungen in der Elektronikwelt.
(Bild: Data4PCB)

Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass sich die Versorgungslage verbessern wird – jedenfalls nicht vor Mitte/Ende 2022. Daher ist es dringend geboten, dass sich das Kunden-Lieferanten-Verhältnis ändert. Während viele Risiken in den letzten Jahrzehnten immer mehr auf die Zulieferer abgewälzt wurden, muss es jetzt zu einer grundsätzlichen Neuausrichtung kommen. Lieferanten und Abnehmer dürfen sich nicht misstrauisch als Gegner, sondern vielmehr als Partner verstehen (das Wort ‚Partner‘ wurde in der Vergangenheit oft bemüht, ging aber in den meisten Fällen mit heftigen Erpressungsversuchen einher).

Es wird wieder notwendig, dass Einkäufer ein fundiertes Fachwissen über ihre Zulieferer, deren Vormaterialien, Prozesse und Fertigungsdetails aufbauen, denn selbst die Beschaffer von Großkonzernen mit entsprechendem Einkaufsvolumen haben keine Vorstellung, dass die Leiterplatte, ein zeichnungsgebundenes, kunden- und produktspezifisches Teil, nicht so einfach wie eine Schraube an einen anderen Kunden geliefert werden kann, wenn der ursprüngliche Abnehmer plötzlich sein Programm ändert.

Die Leiterplattenindustrie in Europa steckt zudem in einer Zwickmühle, weil sie neueste Technik bereithalten muss, von ihren Kunden aber keine Information über deren langfristige Ziele bekommt (weil diese Angst haben, dass ein Wettbewerber etwas erfahren könnte). Wenn der Leiterplattenhersteller aber trotzdem in der Lage ist, die Anforderungen zu erfüllen, dann „darf“ er – natürlich zu Serienpreisen – Muster und Prototypen fertigen, die Probleme des Designs ausbügeln und zur „Belohnung“ wird das Projekt nach Asien vergeben. Der ursprüngliche Hersteller wird nur noch dann herangezogen, wenn es mit dem asiatischen Lieferanten Probleme gibt.

Diese bisherigen Gepflogenheiten in den Lieferketten müssen deshalb grundlegend überdacht und neu definiert werden. Es ist daher empfehlenswert, engen Kontakt – sowohl mit Kunden als auch mit Lieferanten – zu halten, um einerseits die aktuelle Situation im Auge zu behalten, aber andererseits auch, um künftige Entwicklungen im Standort Deutschland und Europa gemeinsam voranzutreiben.

Bitte wenden Sie sich bei Fragen direkt an den Autor Michael Gasch von Data4PCB via info@data4pcb.com.

* Michael Gasch ist Marktforscher bei Date4PCB und spezialisiert auf die Leiterplattenbranche. Er begleitet und kommentiert die Entwicklungen in der Elektronikwelt seit Jahrzehnten.

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