Die Konjunktur kühlt ab, aber eine Rezession ist nicht in Sicht

| Redakteur: Julia Schmidt

Die Wirtschaftsforscher senkten ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr deutlich. Sie erwarten nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. Im Herbst hatten sie mit 1,9 Prozent gerechnet.
Die Wirtschaftsforscher senkten ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr deutlich. Sie erwarten nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. Im Herbst hatten sie mit 1,9 Prozent gerechnet. (Bild: geralt / Pixabay / CC0)

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben im Frühjahrsgutachten der Gemeinschaftsdiagnose ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2019 deutlich gesenkt. Die Gefahr einer Rezession bestünde aber nicht.

Gerade eben wurde noch vom VDI ein neuer Beschäftigungsrekord bei Ingenieuren und Informatikern vermeldet. Doch schon mehren sich die Anzeichen, dass der Konjunkturabschwung, der bereits Ende 2018 am Horizont beschworen wurde, nicht mehr lange auf sich warten lassen könnte.

Der Halbleitermarkt wächst zwar, aber 2019 deutlich langsamer. Und der Branchenverband der Maschinenbauer VDMA meldet einen Einbruch um 10 Prozent bei den Bestellungen. Auch die Automobilbranche schwächelt und Osram-Chef Olaf Berlien glaubt an einen noch stärkeren Rückgang der weltweiten Autonachfragen als bisher prognostiziert, weswegen die Umsatzprognosen weiter nach unten geschraubt wurden.

Frühjahrsgutachten der Gemeinschaftsdiagnose

Da schlägt das am Donnerstag veröffentlichte Frühjahrsgutachten der Gemeinschaftsdiagnose der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, darunter das Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), das ifo Institut, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und mehr, weiter in die Kerbe und prognostiziert für 2019 eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um nur 0,8%. Das ist mehr als ein Prozentpunkt weniger als noch im Herbst 2018, als man mit 1,9% rechnete.

„Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende“, sagte Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und stellvertretender Präsident des gastgebenden Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Wegen politischer Risiken hätten sich die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter eingetrübt. Aber der Konjunktureinbruch in der zweiten Jahreshälfte 2018 sei vor allem auf Produktionshemmnisse in der Industrie zurückzuführen. „Die Gefahr einer ausgeprägten Rezession halten wir jedoch bislang für gering“, ergänzte Holtemöller.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte, es müssten nun die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden, etwa mit einer zügigen Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung für Firmen und weiteren Bürokratieentlastungen. „Gleichzeitig müssen wir die deutsche und europäische Wirtschaft zukunftsfähig machen.“

Abkühlung der Weltwirtschaft

Der Hauptgrund für die schwächere Konjunktur im laufenden Jahr ist die Abkühlung der Weltwirtschaft. Axel Lindner vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle sagte, die internationale Konjunktur sei in einer Schwächephase. Hintergrund sind Handelskonflikte sowie ein schwächeres Wachstum in China, dazu kommen Unsicherheiten wegen des unklaren Ausgangs beim geplanten Brexit. National belasten der Fachkräftemangel, Lieferengpässe sowie Schwierigkeiten in der Autoindustrie die Konjunktur.

Dazu ist anzumerken, dass die Prognose bereits am 29. März 2019 abgeschlossen wurde, als eine Vermeidung eines harten Brexit noch möglich schien. Dies ist mittlerweile zwar weniger wahrscheinlich geworden, aber noch nicht ausgeschlossen. Kommt es zu einem No-Deal-Brexit, dürfte das Wirtschaftswachstum in diesem und im kommenden Jahr deutlich niedriger ausfallen als in dieser Prognose ausgewiesen.

Risiken für die deutsche und die weltweite Konjunktur seit 2018 gestiegen

Der Beschäftigungsaufbau wird laut Gutachten voraussichtlich an Fahrt verlieren. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte dennoch weiter leicht steigen, von 45,3 Millionen in diesem Jahr auf 45,5 Millionen im nächsten Jahr. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Arbeitslosen von 2,2 auf 2,1 Millionen Menschen. Damit geht die Arbeitslosenquote von 4,8% auf 4,6% zurück. Die Verbraucherpreisinflation wird sich voraussichtlich von 1,5% im Durchschnitt dieses Jahres auf 1,8% im nächsten Jahr erhöhen. Dabei nimmt der binnenwirtschaftliche Preisauftrieb zu. Für den gesamten Prognosezeitraum erwarten die Institute kräftige Finanzierungsüberschüsse des Staates, die allerdings deutlich kleiner werden. Lag der historische Rekord im vorigen Jahr noch bei 58 Milliarden Euro, dürften es in diesem Jahr 41,8 und im nächsten Jahr 35,6 Milliarden Euro sein.

Kritik äußerten die Wirtschaftsforscher am Kurs der Bundesregierung in der Haushaltspolitik. Um einer „Schwarzen Null“ willen – also einem Haushalt ohne neue Schulden – sollte der Konjunktur nicht hinterhergespart werden, hieß es. Die Schuldenbremse und europäische Vorgaben ließen konjunkturbedingte Defizite ausdrücklich zu.

Die Gemeinschaftsdiagnose wird erarbeitet vom DIW in Berlin, vom ifo Institut in München, vom IfW in Kiel, vom IWH in Halle und vom RWI in Essen. Die Langfassung des Gutachtens ist unter www.gemeinschaftsdiagnose.de/category/gutachten abrufbar.

(mit Material von dpa)

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