Europa-Start Lytro Die Kamera, die unscharfe Bilder für immer abschafft

Redakteur: Peter Koller

Eine Kamera, bei der man die Schärfe nach der Aufnahme einstellt. Das klingt nach einem Ding der Unmöglichkeit. Doch genau das realisiert die Lichtfeldkamera Lytro, die Mitte Juli in Deutschland auf den Markt kommt.

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Ren Ng mit der Lytro-Lichtfeldkamera
Ren Ng mit der Lytro-Lichtfeldkamera
(Lytro)

Seit die Digitalkameras ihre analogen Pendants weitestgehend verdrängt haben, gab es im Bereich der Fotografie eigentlich kaum echte Innovation – sieht von den ständigen Weiterentwicklungen im Bereich der Pixel-Zahlen und -Dichten einmal ab. Ein echter Game-Changer will dagegen die Lichtfeldkamera Lytro sein, die Mitte Juli nun auch in Deutschland und Europa auf den Markt kommt.

Die Lytro sieht nicht nur anders aus als andere Kameras, sie funktioniert auch grundsätzlich anders. Anders als bei herkömmlichen Digitalkameras erfasst der Bildsensor nicht nur Farb- und Helligkeitsinformationen, sondern auch die Bewegungsrichtung aller Lichtstrahlen, die in die Kamera einfallen.

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Erreicht wird das durch ein Mikrolinsen-Array, das sich vor dem Sensor befindet und quasi die Information eines Motiv-Bildpunktes auf mehrere Pixel des Sensors verteilt. Zweites wesentliches Element ist eine Software namens Lichtfeldeinheit, die die Verarbeitung und Aufbereitung dieser Lichtfelddaten übernimmt.

Die außergewöhnliche Eigenschaft der Lytro: Durch die Speicherung und algorithmische Aufbereitung dieser Geometriedaten lässt sich die Schärfeebene eines Bildes nachträglich verändern. So kann man als Benutzer nach der Aufnahme auswählen, ob die Schärfe bei den Blumen im Vordergrund, den Personen im Hintergrund oder beidem liegen soll. In geringem Maß lässt sich nachträglich sogar die Perspektive des Bildes verändern. Lytro nennt diese Bilder, die sich per WLAN etwa aufs iPhone übertragen und per Social Networks teilen lassen, Living Pictures.

In den späten 1990er Jahren wurden Lichtstrahlen im Forschungslabor von Stanford-Professor Bennet Wilburn auf diese Weise eingefangen und verarbeitet, indem er in einem Raum Hunderte von Kameras installierte und deren Daten gesammelt in einen Hochleistungsrechner einspeiste. Die Kameras nahmen Hunderte von Bildern mit korrespondierendem Fokus auf, die dann von der Software zu einem einzigen Lichtfeldbild zusammengeführt wurden. Wilburn arbeitet übrigens heute bei Lytro.

Was folgte, war eine bahnbrechende Forschungsarbeit der Professoren Pat Hanrahan und Marc Levoy sowie eine mehrfach ausgezeichnete Dissertation ihres Doktoranden Ren Ng. Darin legte Ng die Grundlagen, die Lichtfeldeinheit so zu verkleinern, dass sie in das Gehäuse einer einzigen Kamera passt. Nach dem Studium gründete Ng dann Lytro.

Ein kurzer Fotoausflug mit der Lytro bei der Europapremiere in München ergibt folgenden Eindruck: Das große Versprechen der Lichtfeldfotografie – die nachträgliche Bearbeitungsmöglichkeit der Schärfe – hält die Lytro mit Leichtigkeit ein und ermöglicht so eine wirklich neue Art der Fotografie.

Als Schwachpunkt der Kamera stellt sich allerdings der kleine und nicht allzu helle Touchscreen heraus, der eine gezielte Bildkomposition vor allem im Freien unnötig schwer macht. Auch das per Touchcontroller bediente Zoom könnte etwas schneller reagieren. Auf die Faszination, die das Lichtfeldfotografieren ausübt, haben beide Punkte aber keinen Einfluss.

Pünktlich zur Markteinführung im deutschsprachigen Raum bringt die Lytro ein neues Feature mit: Mit der kostenfreien Lytro Mobile App für iOS-Geräte können die Living Pictures direkt von unterwegs online geteilt und erlebt werden. Dabei werden die Bilder per Wi-Fi-Verbindung zwischen Lytro Kamera und iPhone, iPad oder iPod touch übertragen. Danach steht einem Upload in Social-Media-Kanäle nichts mehr im Wege.

Die Lytro ist ab Mitte Juli bei Ringfoto erhältlich, der Preis beträgt 479 € für die 8GB- und 579 € für die 16GB-Version.

Ren Ng schließt nicht aus, dass es in Zukunft auch Einsatzmöglichkeiten für die Lichtfeldkamera in einem industriellen Umfeld geben könnte, auch wenn sich seine Firma zunächst auf den Consumer-Markt konzentrieren will. "Tatsächlich wird die Lytro zum Beispiel bereits im medizinischen Umfeld etwa von Dermatologen und Zahnärzten aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften genutzt", sagte er ELEKTRONIKPRAXIS.

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