Leiterplattenfertigung in Europa Die europäische Elektronikindustrie muss unabhängiger werden

Autor / Redakteur: Claudia Mallok* / Johann Wiesböck

Die Elektronikindustrie bezahlt jetzt teuer für die Abhängigkeit, in die sie sich über Jahre gebracht hat. Eurocircuits CEO Dirk Stans wirbt für europäische Kooperationen und neue Fertigungskapazitäten in Europa.

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Hausgemachte Engpässe: Über Jahre wurde die Fertigung von Leiterplatten ins europäische Ausland verlagert. Jetzt fehlen dringend benötigte Kapazitäten vor Ort.
Hausgemachte Engpässe: Über Jahre wurde die Fertigung von Leiterplatten ins europäische Ausland verlagert. Jetzt fehlen dringend benötigte Kapazitäten vor Ort.
(Bild: Clipdealer)

Vorausschauendes Planen, schnelles Reagieren und offenes Kommunizieren – Eurocircuits Krisenmanagement in den vergangenen 18 Monaten hat funktioniert. „Wir haben die Fertigungskapazitäten auf ein Maximum erweitert, Feiertage gestrichen und an den Wochenenden gearbeitet“, berichtet Dirk Stans, Geschäftsführender Gesellschafter von Eurocircuits.

Um das Kerngeschäft‚Terminaufträge für Prototypen sicherzustellen, musste zeitweise der Auftragseingang bei untypischen großen Bestellmengen gedrosselt werden. Eurocircuits steht für Leiterplatten und Baugruppen für Prototypen und Kleinserien aus europäischer Produktion, immer verfügbar, schnell und zuverlässig geliefert.

Nur, nichts ist mehr so, wie es war und Entspannung nicht in Sicht. Die Preise für Rohstoffe für die Leiterplattenfertigung und elektronische Bauteile explodieren oder Komponenten sind einfach nicht zu bekommen. Das Planen und Terminieren von Lieferungen ist sehr unsicher und bindet wertvolle personelle Ressourcen. „Bei den Rohstoffen für Leiterplatten konnten wir die Lieferfähigkeit unserer Leiterplattenproduktion vorsorglich sicherstellen. Wir haben schon weit im Voraus Lagerbestände aufgebaut und Lieferverträge abgeschlossen“, berichtet der CEO.

Im Versorgungschaos sind verlässliche Zusagen schwierig

Für den Bestückungsservice für Prototypen und Kleinserien ist diese Art der Materialbevorratung aufgrund der Bauteilevielfalt nicht möglich. „Weil im Versorgungschaos mit elektronischen Bauteilen die automatischen digitalen Verbindungen, mit den Bauteiledistributoren immer weniger zuverlässig funktionieren, muss unser Materialeinkauf manuell die Verfügbarkeit von Bauteilen und Preise recherchieren. Erschwerend kommt hinzu, dass Preisangaben derzeit sehr volatil sind und es kaum möglich ist, verlässliche Zusagen zu machen“, erklärt Dirk Stans das Problem. Um die Lage abzumildern bietet Eurocircuits seit April einen Reservierungsservice für Schlüsselkomponenten an. Die Vorlaufzeit hilft, spezielle Bauteile rechtzeitig im Lager zu haben und Verzögerungen durch verspätete Lieferungen zu vermeiden.

Gerade in der Krise haben immer mehr Unternehmen den Service der europäischen Leiterplattenlieferanten wertschätzen gelernt. Eurocircuits hat das Geschäftsjahr 2020 mit über 15 Prozent Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr abgeschlossen und liegt im ersten Halbjahr bereits 14 Prozent über Vorjahr, weil viele neue Kunden den Komplettservice Leiterplatten mit Bestückung nutzen. Designer und Entwickler haben rund um die Uhr Zugang zu nutzerfreundlichen, interaktiven Web-Tools für Design-Evaluierung, wertvollen praktischen Tipps für fertigungsgerechtes Design, Preiskalkulation und Bestellung. Zudem wird jedes Design vorab virtuell fertigt, noch bevor der Kunde seine Bestellung aufgibt. Eurocircuits prüft dabei alle Daten für die Leiterplattenfertigung sowie die BOM und CPL für die Leiterplattenbestückung auf Fertigbarkeit und Vollständigkeit.

Allerdings können die wenigen in Europa verblieben Leiterplattenwerke den Bedarf nicht annähernd decken. Darum wirbt Dirk Stans für starke europäische Allianzen:

„Ich wünsche mir, dass unsere Industrieverbände nicht nur national denken, sondern gemeinsam agieren. Europäische Kooperationen und neue Produktionskapazitäten für Leiterplatten in Europa würden uns weniger abhängig von der chinesischen Versorgung machen, da wir unsere eigene starke europäische Alternative hätten, um einer neuen Krise entgegenzuwirken. Das macht uns nicht nur unabhängiger, sondern wirtschaftlich stärker und sichert den Wohlstand und Frieden in Europa.“

Tipp der Redaktion: Dirk Stans spricht am 2. September auf dem 19. EMS-Tag.

* Claudia Mallok arbeitet als freie Journalistin und ist Expertin für Elektronikfertigung.

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