EMS-Industrie Die Europäische Elektronikindustrie ist in Panik

Autor / Redakteur: Dieter G. Weiss* / Johann Wiesböck

Die Versorgungssituation für diverse Bauteile ist katastrophal. Was jetzt passiert, erklärt Dieter G. Weiss von in4ma in diesem Statement und am 2. September auf den Würzburger EMS-Tag.

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Dieter G. Weiss, in4ma: „Die EMS-Industrie in Europa, die derzeit knapp 10 Prozent des globalen Produktionsvolumens erzielt, bleibt also turbulent und spannend.“
Dieter G. Weiss, in4ma: „Die EMS-Industrie in Europa, die derzeit knapp 10 Prozent des globalen Produktionsvolumens erzielt, bleibt also turbulent und spannend.“
(Bild: in4ma)

Die Europäische Elektronikindustrie ist in Panik. Die Versorgungssituation für diverse Bauteile ist katastrophal. Wie schon in der letzten Allokationskrise 2018/2019 haben viele Einkäufer nichts dazu gelernt und bestellen fleißig doppelt und dreifach, in der Hoffnung wenigstens irgendwo etwas zu bekommen. Das Ergebnis sind Bedarfslisten bzw. Bestellungen bei Bauteileherstellern bzw. bei den Bauteilehändlern, die einen viel zu hohen Bedarf anzeigen, als in Wirklichkeit benötigt wird. Bestes Beispiel dafür ist die Mitteilung des FBDi e.V., der eine Zunahme des Auftragseingangs im ersten Quartal 2021 von fast 50 Prozent berichtete. Auch der Französische IDEA berichtete eine Zunahme des Auftragseingangs von 41,9 Prozent. Mit echtem Bedarf hat das nichts zu tun.

Noch schlimmer ist aber die Reaktion der großen OEM, die plötzlich ihren EMS/ODM-Zulieferanten den Einkauf der knappen Halbleiter nicht mehr zutrauen. Hersteller von Marken-PCs wie HP, Acer, Apple und Lenovo haben die übliche Praxis geändert und Bestellungen direkt bei IC-Designhäusern aufgegeben, die normalerweise die Bestellungen von den für die Markenhäuser arbeitenden ODMs erhalten.

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Acer geht noch einen Schritt weiter und investiert in ein IC-Designhaus, um damit mehr Einfluss auf die Belieferung zu nehmen Dem sind nun auch die ersten Autohersteller gefolgt. Renault wird seine Leistungshalbleiter vom Chiphersteller ST Microelectronics direkt beziehen, weitere Automobilhersteller werden folgen und damit die Situation nur noch verschlimmern.

Preiserhöhungen sind an der Tagesordnung, gleichzeitig verlängern sich insbesondere bei manchen Halbleitern (Power Management, Microcontroller) die Lieferzeiten auf bis zu 52 Wochen. Zudem haben einige Bauteilehändler den direkten Zugriff auf ihre Systeme gekappt. Wer also in der Vergangenheit mit seiner BOM in das System des Händlers gehen konnte und anschließend wusste, was er wann bekommen kann, der sieht jetzt nichts mehr. Das ist so, als wenn Sie im fensterlosen Lager etwas holen wollen und jemand schaltet das Licht aus. Damit wird die Planung der Liefertermine unmöglich. Manche EMS haben mittlerweile nur noch eine Sichtbarkeit in Bezug auf Umsätze und Lieferungen von vier Wochen.

19. Würzburger EMS-Tag

Am 2. September 2021 treffen sich erneut die Geschäftsführer und Führungskräfte von EMS-Providern, Inhouse-Fertigern und deren Zulieferer zu einer der wichtigsten Veranstaltungen in der Electronics Manufacturing Services-Branche. Das hochwertige Programm bietet wieder praxisorientierte Vorträge und interessante Einblicke in den EMS-Markt.

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Zudem entwickelt sich neben dem Direkteinkauf großer OEM eine Strömung, die schon 2018 bei den Allokationsproblemen zu beobachten war. Große Bauteilehersteller überlegen, wofür sie überhaupt noch einen Zwischenhändler benötigen und ob es für sie nicht besser (und gewinnbringender) wäre, ihre Produkte direkt zu vermarkten und den Zwischenhändler auszuschalten.

Die Gesamtsituation kann man derzeit nur noch als „krank“ bezeichnen, die Reaktionen mancher Einkäufer als „gedankenlos“.

EMS-Unternehmen zwischen den Fronten

Die EMS-Unternehmen sprechen mit ihren Kunden mit dem Ziel, Rahmenverträge bis Ende 2023 abzuschließen. Gleichzeitig werden Preise erhöht und entsprechende Vereinbarungen so verändert, dass bei weiteren Preiserhöhungen der Bauteile die zusätzlichen Kosten weitergegeben werden können und es eine Abnahmegarantie gibt für Bauteile, die im Rahmen des Rahmenvertrags disponiert wurden. Teilweise werden auch Anzahlungen vereinbart.

Was so selbstverständlich klingt, ist teilweise aber nicht konsequent umgesetzt. Zu zögerlich werden Preise erhöht, einzelne lassen sich noch immer von Einkäufern einschüchtern, die behaupten sie könnten anderswo billiger einkaufen. Wer den Bestand seines Unternehmens riskieren will, der lässt dies zu, alle anderen lassen sich von solch dummen Argumenten nicht mehr einschüchtern.

So unwahrscheinlich es klingt, aber hier hat auch die Digitalisierung einen Einfluss. Im Rahmen der Einführung des EMS SCOUT hatten wir darauf hingewiesen, dass 50 Prozent der Einkäufer heute komplett digital leben und arbeiten und dementsprechend bei der Vorauswahl eines Produktionspartners für Elektronik (EMS) eine digitale Hilfestellung benötigen. Zudem nimmt das Outsourcing bei den OEM an Fahrt auf, insbesondere wenn es um neue Produkte geht. Dies beschert den EMS zusätzliche Auftragseingänge und, wenn die Bauteile verfügbar sind, auch Umsätze.

Europäische EMS-Jahresstatistik

Welchen Einfluss haben die derzeitigen Entwicklungen auf die EMS-Industrie in Europa? In der Europäischen EMS-Jahresstatistik von in4ma in Kooperation mit IPC hatte die Analyse der Deutschen EMS-Unternehmen gezeigt, dass je kleiner das Unternehmen, umso größer der Umsatzverlust 2020. Die Abfrage der Prognose kann mehrheitlich so zusammengefasst werden, dass fast alle Unternehmen davon ausgingen, im Jahr 2021 wieder Umsätze auf dem Niveau von 2019 zu erzielen und dann ab 2022 wieder sehr gute (meist zweistellige) Zuwächse zu haben.

Schon mit dem 70-seitigen Analysebericht hatte in4ma darauf hingewiesen, dass diese Annahme aus unserer Sicht nicht korrekt sei. Dies müssen wir mittlerweile nicht nur wiederholen, wir werden sogar unsere Prognose der Europäischen EMS-Umsätze nach weiteren Analysen innerhalb der nächsten vier Wochen nach unten korrigieren (Firmen, die an der Europa-EMS-Jahresstatistik nicht teilgenommen haben, können den Bericht bei in4ma erwerben). Zusätzlich läuft derzeit die EMS-Halbjahresstatistik 2021, mit der wir zusätzliche Marktdaten sammeln und auswerten. Diese Daten werden auf dem 19. EMS-Tag im September vorgestellt.

Einige börsennotierte EMS haben zudem bereits ihre Halbjahresergebnisse publiziert, die ganz unterschiedlich ausfallen. So musste Kitron ein Minus von 4,5 Prozent im Umsatz (in NOK, durch Wechselkursverschiebungen) für das 2. Quartal 2021 hinnehmen, während in der Währung der Kunden ein Plus von 5 Prozent erzielt wurde. Note-EMS hingegen legte organisch um 27 Prozent im 2. Quartal zu. Die kleineren EMS werden solche Ergebnisse nicht präsentieren können.

Man darf sich zudem nicht durch Pressemeldungen mancher Verbände irritieren lassen, die vom Aufschwung reden, weil die Auftragseingänge massiv nach oben gegangen sind. Wenn die Industrie merkt, dass sie zur Versorgungssicherheit längerfristig planen und damit auch bestellen muss, dann gehen die Auftragseingänge massiv nach oben. Wenn dann aber aufgrund eines fehlenden Teils andere dazu gehörende Bauteile im Liefertermin nach hinten verschoben werden, dann steigen die Umsätze nicht und können teilweise sogar rückläufig sein. In dem Fall wird dann ein toller Book-to-Bill-Faktor aufgezeigt, der überhaupt kein Grund zum Jubeln ist bzw. zu der Aussage verleiten sollte, die Industrie ginge aufwärts.

Weiterhin bekräftigen wir auch nochmals die Aussage, dass die Anzahl der EMS-Anbieter in den nächsten zehn Jahren um 30 Prozent sinken wird. Bereits jetzt haben in den letzten 24 Monaten 71 EMS-Anbieter den Markt verlassen. Dabei sind nicht die Firmen mitgezählt, die von einem anderen EMS-Unternehmen aufgekauft wurden. Allein in den letzten fünf Monaten hat die Anzahl der Zusammenschlüsse massiv zugenommen: z.B. VDL kaufte tbp electronics, Katek SE kaufte Leesys, Turck Duotec kaufte ml&s, Connect Group kaufte IKOR, Sero kaufte Solid Semecs und Note kaufte iPRO in UK.

Zudem suchen derzeit viele EMS nach interessanten Kaufgelegenheiten, was natürlich die Preise in die Höhe treibt. Bei den Insolvenzen wird es vermutlich primär kleinere EMS treffen, die bereits in der Vergangenheit über eine zu geringe Eigenkapitalbasis verfügten, kaum finanzielle Reserven haben, jetzt gezwungen sind Lagerbestände aufzubauen, um lieferfähig zu bleiben und parallel zu zögerlich sind, Preiserhöhungen durchzusetzen.

Treffen Sie Dieter Weiss auf dem EMS-Tag 2021

Marktforscher Dieter G. Weiss von in4ma und viele weitere EMS-Experten können Sie am 2. September in Würzburg (Veitshöchheim) treffen. Der EMS-Tag gilt seit Jahren als eine der wichtigsten Veranstaltungen für die Anbieter von Electronics Engineering & Manufacturing Services. Geschäftsführer und Führungskräfte von EMS-Providern und Inhouse-Fertigungen sowie deren Zulieferern treffen sich, um sich über aktuelle Themen, die die Branche bewegen, zu informieren und erfolgversprechende Strategien zu diskutieren.

Das Vortragsprogramm können Sie hier einsehen: https://www.ems-tag.de/programm

* Dieter G. Weiss von in4ma ist EMS-Marktforscher und analysiert seit vielen Jahren die Europäische EMS-Industrie.

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