Suchen

Die europäische Elektronikindustrie im Jahr 2020

| Autor / Redakteur: Mark Burr-Lonnon, Jeff Newell * / Margit Kuther

2020 ist ein Achterbahnjahr für die Elektronikindustrie. Die nächsten Monate werden die Weichen für das Jahr 2021 stellen. Der gesamten Branche steht eine aufregende Zeit bevor.

Firmen zum Thema

Vernetzt: Covid-19 und die Coronakrise haben auf drastische Weise gezeigt, wie eng verzahnt und fragil die globalen Lieferketten sind.
Vernetzt: Covid-19 und die Coronakrise haben auf drastische Weise gezeigt, wie eng verzahnt und fragil die globalen Lieferketten sind.
(Bild: Mouser)

Die Coronavirus-Pandemie hatte erhebliche Auswirkungen auf die Elektronikindustrie. Bereits zu Beginn des Jahres 2020 wurde das Halbleiterwachstum unter die Lupe genommen, und Branchenexperten prognostizierten für das vierte Quartal 2019 einen Rückgang der Liefermengen. Insgesamt ist die Elektronikindustrie derzeit jedoch in guter Verfassung. Es gibt einige wichtige Trends, wie der 5G-Einsatz, der anhaltende Vormarsch des IIoT und Fortschritte in der Automobiltechnologie, die den Bedarf an elektronischen Komponenten auf hohem Niveau halten. Bauteilknappheit, insbesondere bei passiven Bauelementen wie MLCC-Kondensatoren, ist inzwischen zur Regel in der Branche geworden, aber nichts hat uns auf die Achterbahnfahrt im Jahr 2020 vorbereitet.

Noch beim Ausklingen der Feiertage 2019 sah es so aus, als würde 2020 ein gutes Jahr für die Elektronikindustrie werden, wenngleich die Entscheidung über den Erfolg oder Misserfolg dieses Jahres noch nicht gefallen ist. Die Schließung der Betriebe während des chinesischen Neujahrsfestes beeinflusst immer das Angebot der Industrie und ist ein nützlicher saisonaler Indikator.

Covid-19 zeigt die Schwächen der globalen Vernetzung

Die Pünktlichkeit der chinesischen Feierlichkeiten und der Beginn des COVID-19-bedingten Lockdowns in ganz Asien hatten jedoch zur Folge, dass die Branche nicht sofort wieder auf die Beine kam. Mouser verzeichnete einen sprunghaften Anstieg der Komponentenverkäufe, als unsere europäischen und amerikanischen Kunden mitbekamen, was in China passierte.

Innerhalb weniger Monate kehrte sich die ganze Situation um: China und andere asiatische Länder begannen sich zu erholen, während in Europa und Nord- und Südamerika der Lockdown erfolgte. Binnen relativ kurzer Zeit gingen unsere Umsätze in China um 40% zurück, um sich dann wieder zu erholen und um 20% zu steigen – und der Aufwärtstrend hält an.

Die Monate, in denen wir in Europa vom Sommer in den Herbst übergehen, werden für die Branche entscheidend sein. In der gesamten Region wurden Produktionsanlagen wieder in Betrieb genommen, und die Mitarbeiter kehrten vielfach an ihren Arbeitsplatz zurück. Aus unserer Sicht als Elektronikdistributor kommt ein bedeutender Teil unserer Umsätze von den OEMs, daher ist die Zunahme ihrer Bestellungen bei uns ermutigend. Kleine bis mittelgroße Unternehmen aus der Elektronikfertigung sind eine weitere wichtige Kundengruppe für Mouser, daher sind auch diese Gruppen gute Indikatoren für die Verfassung des Marktes.

Die Trends ändern sich, aber nicht immer wie erwartet

Die Trends, von denen wir dachten, dass sie 2020 dominieren würden, haben sich gegenüber unseren Erwartungen verändert. Einige Trends sind zurückgegangen, neue Trends sind stark angestiegen, während andere wie vorhergesagt verlaufen, wenn auch etwas gedämpft.

Da die meisten Automobilhersteller neue Elektrofahrzeugmodelle auf den Markt bringen und viele von ihnen neue Breitbandhalbleiter-Leistungswandlertechnologien in ihren Fahrzeugen einführen, sahen die Aussichten für den Automobilmarkt positiv aus. Doch leider hat die Automobilindustrie aufgrund von COVID-19 einen deutlichen Rückgang der Neuwagenverkäufe zu verzeichnen. Nach Recherchen der britischen Tageszeitung Guardian stürzten die Autoverkäufe im April 2020 mit nur 4321 neu zugelassenen Autos auf ein seit 1946 nicht mehr beobachtetes Niveau ab.

Weiterhin hohe Nachfrage nach medizinischen Geräten

Es ist nicht überraschend, dass sich die Nachfrage nach Bauteilen für medizinische Geräte wie Beatmungsgeräte fast über Nacht vervielfacht hat. Auch der Bedarf an zugehörigen Bauteilen ist gestiegen – Sensoren, passive Bauelemente, Displays, Mikrocontroller und Verbindungsprodukte haben alle zugenommen. Aufgrund der Wahrscheinlichkeit einer zweiten Infektionswelle bleibt die Nachfrage nach medizinischen Teilen hoch. Wir glauben, dass die Nachfrage nach medizinischen Geräten weiter steigen wird, da Büros, Geschäfte, Restaurants und andere öffentliche Räume einfache medizinische Diagnosegeräte wie Infrarot-Temperatursensoren zur Kontrolle der Kunden nachfragen.

Eine weitere positive Tendenz, die wir beobachten können, ist die anhaltende Entwicklung neuer Produktdesigns. Covid-19 hat der Digitalisierung einen immensen Schub nach vorne gebracht. Die Kundenteams von Mouser und unsere Lieferanten haben sich an diese sich verändernde Situation angepasst.

Neue Arbeitskultur dank Digitalisierungsschub

Lieferantenbesprechungen mit Kunden finden jetzt über Google Hangouts, Zoom und andere Konferenzplattformen statt. Die Customer Engineering-Teams haben direkten Zugang zu den technischen Experten der Lieferanten; die Anrufe sind produktiv, zielgerichtet und motivierend. Die Customer-Engineering-Gruppen arbeiten auf dieselbe Weise zusammen, Aufgaben werden abgestimmt, und die Ingenieure können sich ohne Unterbrechungen auf ihre Tätigkeiten konzentrieren.

Wenn Arbeitszeit im Labor erforderlich ist, lässt sich diese in der Regel schnell und effizient mit einem Minimum an Bürointeraktion realisieren. Die Ingenieure finden einen Weg, die Entwicklung in einem Bereich fortzusetzen, der für viele zu einer neuen Arbeitsnorm werden könnte. Die Entwicklungs- und Innovationsarbeit zu Hause ist nicht auf bestehende Produkte und bekannte Marken der Unterhaltungselektronik beschränkt. Wir sind überzeugt, dass dies auf die engen Arbeitsbeziehungen zurückzuführen ist, die wir mit unseren Lieferanten, von den Experten für technische Themen bis hin zum CEO, unterhalten.

Die nächsten Monate stellen die Weichen für das Jahr 2021

Niemand weiß, wie die nächsten drei oder mehr Monate verlaufen werden. Wir sind noch weit entfernt von einer Post-COVID-Welt und vieles könnte noch passieren. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir wieder das Vor-COVID-Niveau erreichen werden. In südeuropäischen Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien herrscht nach den Lockdown-Beschränkungen respektive aktuellen neuen Beschränkungen eine große Unsicherheit. Viele Verbraucher haben Bedenken, Geld für Dinge wie neue Autos auszugeben. Auch für das hart getroffene Reise- und Gastgewerbe könnte der „Urlaub zu Hause“ zur Norm werden, was zu einer wesentlich längeren Erholungsphase führen würde.

Der Einsatz von 5G wird das Produktionsvolumen kurzfristig weiter ansteigen lassen, und wir sehen eine starke Nachfrage nach HF-Leistungstransistoren, HF-Filtern und spezialisierten HF-Verbindungsproduktlinien. Ein Aspekt der Innovationsbeschleunigung in der gesamten Branche ist, dass die Zulieferer es den Ingenieuren erleichtern, sich mit neuen Produktangeboten vertraut zu machen. So haben wir festgestellt, dass Entwicklungstools nach wie vor ein beliebter Artikel auf unserer Onlineseite Mouser.com sind. Zudem sehen wir eine Nachfrage nach allem, von drahtlosen SoC über Breitband-Leistungstransistoren und Sensor-Evaluierungskits bis hin zu Referenzdesigns.

* Mark Burr-Lonnon ist Senior Vice President of Global Service & EMEA und APAC Business bei Mouser.

* Jeff Newell ist Senior Vice President of Products bei Mouser.

(ID:46752630)