Gastkommentar

Die Digitalisierung beschleunigt das Innovationstempo

| Redakteur: Franz Graser

Achim Himmelreich: Er ist seit Juni 2013 Vizepräsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) und betreut dort unter anderem Themenfelder wie Internet der Dinge.
Achim Himmelreich: Er ist seit Juni 2013 Vizepräsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) und betreut dort unter anderem Themenfelder wie Internet der Dinge. (Bild: BVDW)

Neue Unternehmungen, die auf innovativen digitalen Technologien gründen, bedeuten ein großes Risiko für etablierte Branchen. Wer dieses Risiko unterschätzt, läuft Gefahr, aus dem Markt verdrängt zu werden, sagt Achim Himmelreich, der Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW).

Mit Beginn der Digitalisierung hat die Innovationsgeschwindigkeit rapide zugenommen und stellt insbesondere traditionelle Industrien vor große Herausforderungen. Immer wieder hinken Unternehmen ihren Kunden hinsichtlich Technologie-Affinität hinterher und es bedarf einer hohen Agilität, um mit der Entwicklung Schritt halten zu können.

Bestes Beispiel ist die Musikbranche, die zu den Pionieren der Digitalisierung zählt: mit der Entwicklung von Applikationen für mobile Endgeräte etablierten sich Plattformen wie iTunes, die den stationären Handel mit CDs verdrängten. Schließlich vollzog sich ein weiterer Wandel mit dem Aufkommen von Streaming-Diensten wie Spotify.

Dabei werden heute nicht mehr einzelne Produkte gekauft, sondern Zugänge zu Musikbibliotheken mit Flatrate-Nutzung. Während sich also die digitalen Pioniere wie etwa die Musikindustrie durch den Geschäftszweck und Handel mit digitalen Gütern schon lange Zeit im Wandel der Digitalisierung befinden, sind konservative Industrien längst nicht so weit fortgeschritten.

Aufgrund von Risikovermeidung und geringem Druck von außen haben hier deutlich weniger Unternehmen das Potenzial in den Bereichen Geschäftsentwicklung, Prozessoptimierung oder Kostenreduktion durch digitale Technik ausgeschöpft und gehören zu den Nachzüglern.

Google, Amazon und Apple – um nur drei prominente Beispiele zu nennen – demonstrieren immer wieder die Marktmacht, die sie innerhalb weniger Jahre aufgebaut haben. Genau da liegt der Unterschied zu früher: Während Innovationen in der Vergangenheit im direkten Konkurrenzumfeld entstanden, kommen sie nun aus fremden Branchen und basieren mitunter auf ganz anderen Geschäftsmodellen.

Von Kooperationen in der Automobilindustrie über ernstzunehmende Ansätze im Lebensmitteleinzelhandel bis hin zur Elektronikbranche – es scheint keinen Wirtschaftszweig zu geben, der nicht für einen möglichen Markteintritt in Frage kommt.

Folglich induzieren die neuen Unternehmungen, die auf innovativen digitalen Techniken gründen, ein großes Risiko für etablierte Branchen. Wer dieses Risiko unterschätzt und die aktuellen Trends und Entwicklungen nicht aufgreift, läuft Gefahr, aus dem Markt verdrängt zu werden. Auch wer sich auf seiner Marktführerschaft ausruht, wird die Folgen schnell zu spüren bekommen.

Betrachtet man die Entwicklung der Fortune-1.000-Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten, so ist davon auszugehen, dass 70 Prozent dieser Unternehmen in den nächsten Jahren nicht mehr vorhanden sind. Auch die etablierten Industrien bekommen die Wucht der digitalen Transformation zu spüren.

Und dies bedeutet, dass vormals physische Produkte in Software verwandelt werden. Ein digitaler Haustürschlüssel kann etwa von einem Smartphone auf das andere übertragen werden und den physischen Schlüssel ersetzen. Zudem werden sogenannte zweiseitige Plattformen wie AirBnB oder Uber auch in den alten Industriesektoren entstehen und Angebot und Nachfrage auf einem neuen Marktplatz zusammenführen. Wer als Unternehmen nicht Betreiber oder Beteiligter an einer solchen Plattform ist, wird zum Hardwarelieferanten degradiert und verliert Kundenkontakt und einen Großteil der Rendite.

Die Elektronikindustrie wird im Zuge der digitalen Transformation substantiell revolutioniert. Für die bestehenden Unternehmen bieten sich dabei viele Chancen und Risiken. Entscheidend ist dabei, dass die Firmen Digitalisierung nicht als eine rein technische Veränderung betrachten, sondern sich die Frage stellen, inwiefern sich das eigene Geschäftsmodell vor diesem Hintergrund ändert.

Auf dieser Basis lässt sich eine neue Strategie entwickeln, mit der man neue Erlösströme realisieren kann. Die Königsdisziplin ist die Etablierung einer zweiseitigen Plattform für das eigene Segment. Wer sich diesen Herausforderungen jetzt nicht stellt, wird Marktanteile verlieren und im schlimmsten Fall aus dem Markt ausscheiden.

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Das stimmt so, wenn denn das neuere das bessere ist, da aber das bessere nicht immer das neuere...  lesen
posted am 13.10.2015 um 10:19 von Unregistriert


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