Suchen

Gastkommentar Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

| Redakteur: Franz Graser

Statt Kinder mit Tablets und Smartphones zugunsten des Umsatzes von Digitalkonzernen anzufixen, sind digitale Curricula gefordert, in denen Enthaltsamkeit, Achtsamkeit und soziale Skills fokussiert werden.

Firma zum Thema

Prof. Dr. Gerald Lembke: Der Wirtschaftswissenschaftler ist Präsident und Gründungsmitglied des Bundesverbands Medien und Marketing (BVMM).
Prof. Dr. Gerald Lembke: Der Wirtschaftswissenschaftler ist Präsident und Gründungsmitglied des Bundesverbands Medien und Marketing (BVMM).
(Bild: Bild: Gerald Lembke)

Die digitalen Zeichen stehen auf mobil. Dank Smartphones und Tablets wird die digitale Mediennutzung nicht nur mobil, sondern verändert das gesamte Konsumentenverhalten. Die langfristige Konsequenz: Anstatt eine digitale Medienkultur mitzugestalten, unterliegen Menschen dem Konsumstrudel und riskieren zunehmend die Qualität und Gesundheit ihres einmaligen Lebens.

Die jüngst erschienene DEKRA-Untersuchung bestätigt diesen Trend ungebremster Mobilnutzung in den Innenstädten. Die DEKRA-Unfallforscher waren in Amsterdam, Berlin, Brüssel, Paris, Rom und Stockholm unterwegs und beobachteten an stark von Fußgängern frequentierten Stellen die Smartphone-Nutzung der Passanten. Das Ergebnis: 23, 5 Prozent der Stockholmer Fußgänger nutzten ihre mobilen Digitalgeräte am häufigsten, gleich gefolgt von Berliner Passanten (14,9). Am Ende der Liste finden sich die Amsterdamer Bürger (8,2 Prozent). In Rom waren es 10,6 Prozent, in Brüssel 14,1 Prozent und in Paris 14,5 Prozent.

Über alle Städte und Altersgruppen hinweg tippten knapp acht Prozent der Fußgänger beim Überqueren der Straße Texte ins Smartphone. Weitere 2,6 Prozent telefonierten und rund 1,4 Prozent übten sich im Multitasking-Triathlon: Sie liefen, telefonierten und tippten zugleich. Die Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren nutzte das Smartphone in der Innenstadt am häufigsten (22 Prozent).

Die meisten Fußgänger verunglücken innerorts, in Deutschland sind das etwa 70 Prozent. Falsches Verhalten der Fußgänger macht dabei etwa zehn Prozent aus, häufigste Ursache: das Nichtbeachten des Fahrzeugverkehrs – verursacht zunehmend durch Smartphone-Nutzung. Das Fehlverhalten hat in den vergangenen Jahren signifikant zugenommen. Das wäre nun der richtige Anlass, die digitale Medienkultur zu gestalten und über deren Werte zu streiten. Doch wie könnte das aussehen? Wir benötigen ein digitales Manifest, das die Werte einer Gesellschaft und der Menschen durchrüttelt mit dem Ziel, eine Wertekultur zu etablieren, die weder rein analog noch rein digital ist. Folgend ein Auszug aus meinem Digitalen Manifest:

Digital braucht Streit. Es ist für eine Gesellschaft in einem digitalisierten Umfeld zwingend notwendig, eine Digitalkultur zu entwickeln. Digitale Kulturgüter wie das Smartphone sind im Hinblick auf soziale Werte zu bewerten. Dies bedarf einen Diskurs über die Digitalkultur in allen Gesellschaftsbereichen (Arbeit, Bildung, Familie).

Ziel: Mehr Autonomie und Freiheit. Sie sind hoch entwickelte Werte in unserer Gesellschaft. Große Digitalanbieter höhlen diese aus. Datenschutz muss eine politische und wirtschaftliche Leitaufgabe werden und intensiviert werden. Doch Datenschutz beginnt bereits bei jedem Nutzer. Autonomie und Freiheit bröckeln, wenn persönliche Daten fahrlässig preisgegeben werden.

Weniger, aber zielführender. Digitalerziehung bedeutet aktive Auseinandersetzung mit der Lebensumwelt der Kinder. Statt Kinder mit Tablets und Phones zugunsten des Umsatzwachstums von Digitalkonzernen anzufixen, sind digitale Curricula gefordert, in denen Enthaltsamkeit, Achtsamkeit und soziale Skills im Fokus stehen.

Digitale Transformation braucht Nachhaltigkeit. Politik sollte die Risiken und Nebenwirkungen einer digitalen Zukunft kritisch reflektieren, den sozialen Diskurs einfordern und aktiv fördern. Aktionismus ist ein schlechter Berater für Nachhaltigkeit. Eine digitale Transformation kann aber nur mit einer nachhaltigen Strategie gelingen.

Unternehmen benötigen digitale Führung. Die Gesundheit der Mitarbeiter wird zum wichtigsten strategischen Erfolgsfaktor. Dies betrifft die Vermeidung von digitalem Stress. Eine digitale Führungskultur braucht Führungskräfte als Vorbilder.

Dieser Auszug aus dem „Digitalen Manifest“ stammt aus dem Buch von Gerald Lembke: „Im Digitalen Hamsterrad – Ein Plädoyer für einen gesunden Umgang mit Smartphone & Co“. Es erscheint im Oktober im medhochzwei Verlag.

(ID:43743972)