Putins Krieg Die Bedeutung der Ukraine für die Elektronik

Von Michael Gasch

Welche Bedeutung hat die Ukraine für unsere Industrie. Wie wirkt sich der Krieg auf die Lieferketten aus? Was bedeutet das für die Preisentwicklung? Antworten gibt Marktforscher Michael Gasch.

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Der Luftraum über dem Konfliktgebiet ist leer: Flugbewegungen am 15.3.2022 um 10:00 Uhr.
Der Luftraum über dem Konfliktgebiet ist leer: Flugbewegungen am 15.3.2022 um 10:00 Uhr.
(Bild: AirNav RadarBox)

Die Invasion Russlands in die Ukraine traf die Welt völlig unvorbereitet, niemand hatte einen solchen Schritt auch nur im Entferntesten für möglich gehalten. Mit diesem 24. Februar 2022 veränderte sich die globale Situation grundlegend, denn das Netzwerk der Nationen verliert immer mehr an Zusammenhalt. Durch die Pandemie wurden wir in den vergangenen zwei Jahren auf die meist unbeachteten, aber wichtigen Zusammenhänge in Lieferketten aufmerksam, aber der durch den Krieg verursachte Schaden ist viel größer. Es sind nicht nur Produktion und Handel betroffen, sondern fast alle Segmente des täglichen Lebens, wie z. B. die Energie- oder Lebensmittelversorgung.

Die Ukraine ist mit einer Fläche von 603.550 km² fast so groß wie Frankreich. Vor dem Krieg gab es 43,7 Millionen Einwohner – davon 77,8 Prozent Ukrainer und 17,3 Prozent Russen. Das BIP erreichte zuletzt 516,7 Mrd. US-Dollar, pro Kopf 12.400 US-Dollar (PPP). Die Exporte betrugen 49,5 Mrd. US-Dollar und die Importe 55,4 Mrd. US-Dollar, jeweils im Jahr 2019.

Die Ukraine gilt als „Kornkammer“ Europas, ist der fünftgrößte Exporteur von Weizen und der größte Exporteur von Speiseölen (Sonnenblumen, Raps). Die russische Invasion behindert die jetzt fällige Aussaat, was sich auf die diesjährige Ernte auswirkt und somit schwerwiegende Folgen auf die Lebensmittelpreise in der ganzen Welt haben und Hungersnöte nach sich ziehen wird.

Die Ukraine ist reich an natürlichen Ressourcen, insbesondere an Bodenschätzen. Sie verfügt über die weltweit größten Reserven an handelsüblichem Eisenerz (30 Mrd. Tonnen = 20 Prozent der weltweiten Gesamtmenge). Die größten Öl- und Gasvorkommen des Landes auf der Halbinsel Krim wurden von Russland schon am 18. März 2014 annektiert.

Seit der Unabhängigkeit von der ehemaligen UdSSR (1991) orientierte sich die Ukraine wirtschaftlich und politisch nach Westen – insbesondere nach den eskalierenden Differenzen mit Russland seit 2010. Der Handel zwischen den beiden Ländern erreichte 2011 seinen Höhepunkt (49,2 Mrd. US-Dollar) und ging seither um 85 Prozent zurück, während der Handel mit der EU bis 2021 auf 58 Mrd. US-Dollar anstieg.

Ukraine und die Elektronikindustrie

Eine Reihe von Rohstoffen oder Halbfertigprodukten sind für die Elektronikindustrie von großer Bedeutung. Aufgrund der niedrigen Lohnkosten werden arbeitsintensive Produkte von dort bezogen. So ist die Automobilindustrie auf Kabelbäume angewiesen, die seit Kriegsbeginn nicht mehr geliefert werden.

In der Halbleiterproduktion ist gereinigtes Neongas unverzichtbar. Russland liefert das Rohgas, das bei der Stahlherstellung anfällt, an die Ukraine, wo nur drei Unternehmen (in Odessa und in Mariupol) das Gas reinigen. Da 90 Prozent der weltweiten Mengen von dort kommen, gibt es keine Alternativen. Obwohl zumindest die großen Halbleiterhersteller über Vorräte für mehrere Monate verfügen, könnte es schon bald zu Versorgungsengpässen kommen.

Ein relativ neues Ätzgas für die Herstellung von Halbleiterbauelementen ist Hexafluor-1,3-butadien (C4F6). Dieses wird vor allem bei kritischen Ätzprozessen mit hohem ‚aspect ratio‘ eingesetzt. Weitere Anwendungen dafür finden sich in den Bereichen Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, Solarzellen und elektronische Produkte.

Zusätzlich zu diesen Nischenprodukten aus der Ukraine und/oder Russland sind außerdem wichtige Rohstoffe bedroht, wie Nickel oder Palladium. Beide werden in Bauteilen wie MLCCs eingesetzt.

Die Auswirkungen auf die Logistik

Frachtkosten: Entwicklung der Frachtraten Asien nach Europa (alle Transportmittel)
Frachtkosten: Entwicklung der Frachtraten Asien nach Europa (alle Transportmittel)
(Bild: Data4PCB)

Aber nicht nur Rohstoffe und Produkte sind betroffen, sondern auch die Logistik durch die Destabilisierung der logistischen Verbindungen.

Seetransport: Von den 1,9 Millionen Seeleuten sind 10,5 Prozent russischer und 4 Prozent ukrainischer Herkunft. Wegen der Schließung der Schwarzmeerhäfen (Odessa, Mariupol) müssen Schiffe mit diesem Ziel nun griechische Häfen anlaufen. Dort sorgen sie für Staus, weil diese Häfen gleichzeitig Endpunkt für Lieferungen aus China sind).

Bahntransport: Mit steigender Nachfrage aus Europa und den Problemen auf dem Seeweg wurden in den letzten Monaten mehr Transporte auf die Schiene verlagert. Insgesamt 50.000 Fahrten im Jahr 2021 aus China an unterschiedliche Zielorte in Europa beförderten Waren im Wert von 74,9 Mrd. US-Dollar. Aufgrund des Krieges wurden die Ausbaupläne in Duisburg und Polen gestoppt. Seit dem 24.02.22 ist die Bahnverbindung unterbrochen.

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Straßentransport: Viele der für westeuropäische Unternehmen arbeitenden LKW-Fahrern gehen kurzfristig zur Landesverteidigung zurück. Bereits vor der Invasion fehlten in Europa über 200.000 Fahrer, und allein in Polen gibt es 103.000 Fahrer ukrainischer Herkunft.

Luftfracht: Aus denselben Gründen (steigende Nachfrage, unzuverlässiger Seetransport) wurde mehr Fracht (5 x mehr) auf den Lufttransport umgestellt. Allerdings wurde ein großer Teil der Luftfracht mit russischen Flugzeugen befördert, aber diese dürfen nicht mehr in EU-Länder einfliegen oder dort landen. Andererseits dürfen Flugzeuge in EU-Besitz nicht in den russischen Luftraum einfliegen. Die südliche Flugroute ist 2000 km länger und erfordert mehr Treibstoff – ein Gewicht, das für Fracht nicht mehr zur Verfügung steht. Sie ist teurer (ca. 35.000 US-Dollar) und dauert bis zu zwei Stunden länger (was die Verfügbarkeit der Flugzeuge reduziert). Der Luftraum über dem Konfliktgebiet ist leer. Die aktuellen Flugbewegungen können Sie hier sehen.

Cyberangriffe werden immer wahrscheinlicher

Der Krieg hat aber noch weitere Auswirkungen: Cyberangriffe werden immer wahrscheinlicher. Die Russen haben es auf den Finanzsektor, Regierungsstellen, Telekommunikation, Krankenhäuser, Wasser- und Stromversorgung abgesehen. Eine entsprechende Warnung hat das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) am 15.3.2022 herausgegeben. Außerdem hat die Desinformation über so genannte „soziale Medien“ zugenommen, nicht nur in der Konfliktregion, sondern auch in den westlichen Ländern.

Die sinnlose Zerstörung städtischer Wohngebiete und Infrastruktur durch die Russen stieß auf den erbitterten Widerstand der Ukrainer. Die durch den Westen ausgesprochenen Sanktionen gegen den russischen Staat, russische Unternehmen und Einzelpersonen sorgen dort für weitere wirtschaftliche Probleme.

Die Finanzinstitute haben nicht nur den Zugang zum globalen Finanzmarkt verloren, sondern ihre Vermögenswerte wurden blockiert. Der Technologiesektor sieht sich strengen Beschränkungen und Verboten für die Lieferung von Geräten, Ersatzteilen und Komponenten gegenüber. Russische Medien haben ihre Lizenzen verloren. Internationale Unternehmen haben ihre Aktivitäten in Russland eingestellt (von Apple über Shell bis Volkswagen), Logistikdienste (DHL, FedEx, UPS, TNT usw.) bedienen das Land nicht mehr, Fluggesellschaften boykottieren russische Flughäfen (und verlieren als Gegenmaßnahme ihre Überflugrechte über Russland).

Fünf der wichtigsten Reedereien (Maersk, MSC, CMA/CGM, Hapag und ONE) haben alle Lieferungen nach Russland eingestellt. Hinzu kommt, dass alle Schwarzmeerhäfen aufgrund der Feindseligkeiten nicht mehr angelaufen werden können (mehrere Schiffe sind bereits wegen Minen in den Gewässern gesunken).

Auswirkungen auf die Preise

Rohstoffpreise: Preisentwicklung für wichtige Rohstoffe in US-Dollar
Rohstoffpreise: Preisentwicklung für wichtige Rohstoffe in US-Dollar
(Bild: Data4PCB)

Der eskalierende Krieg hat Auswirkungen auf die Preise für Rohstoffe wie Aluminium, Zinn, Kupfer, Nickel, Silber und Gold sowie für Energie – Öl, Gas und Benzin. Hinzu kommen Zuschläge (für Treibstoff und Kriegsrisiko) und Verzögerungen durch zusätzliche Grenz- und Sanktionskontrollen oder fehlende Arbeitskräfte und Transportmittel.

Der Krieg schürt neue Unsicherheiten und der EUR-Wechselkurs, der sich im vergangenen Jahr meist zwischen 1,22 und 1,12 US-Dollar bewegte, fiel in diesem Jahr auf ein Niveau zwischen 1,08 und 1,14 US-Dollar. Die Zinserhöhung der amerikanischen FED vom 15.3. um 0,25 Prozent und die Ankündigung von bis zu sechs weiteren Anhebungen in diesem Jahr wird den Kurs des EUR weiter schwächen. Dies wird alle Einfuhren von Materialien und Energie noch teurer machen.

Dieses Jahr wird für unsere Industrie kostspielig werden, besonders wenn der Krieg anhält. Dann werden u. a. folgende Bereiche stark unter Druck geraten:

  • Engpässe bei Logistikwegen und -kapazitäten
  • Volatilität der Nachfrage
  • Materialknappheit (insbesondere Kohlenwasserstoffe, kritische Mineralien, Metalle)
  • Anstieg der Materialkosten von Laminat bis zur Kartonverpackung
  • Auswirkungen auf die Produktionskapazität

Und das Management der Lieferkette wird noch anspruchsvoller, da verschiedene Szenarien prognostiziert, potenzielle Schwachstellen ermittelt und die Systeme kontinuierlich überwacht werden müssen. Für Fragen erreichen Sie den Autor via E-Mail an info@Data4PCB.com.

* Michael Gasch von Data4PCB ist Leiterplatten-Experte und -Marktforscher. Er beobachtet die aktuellen Preisentwicklungen und analysiert deren Ursachen.

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