Die Bauelemente-Distribution befindet sich im Aufwind

Von Margit Kuther

Die Bauelemente-Distribution befindet sich auf Wachstumskurs. Und dieser könnte bis 2023 anhalten. Mark Burr Lonnon, Mouser Electronics, im Interview mit der ELEKTRONIKPRAXIS.

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(Bild: Mouser)

ELEKTRONIKPRAXIS: Herr Burr Lonnon, wenn Sie als Senior Vice President Global Service & EMEA and APAC Business des Distributors Mouser auf das vergangene Jahr zurückblicken. Wie präsentierte sich der Markt elektronischer Bauelemente im Vergleich zu 2020?

Mark Burr Lonnon: Es war unglaublich viel los. Während Mouser 2020 ein globales Wachstum von knapp über acht Prozent verzeichnen konnte, gab es im zurückliegenden Jahr dramatische Zugewinne in allen belieferten Industrien, Regionen und Ländern. In unseren Top-Ländern bewegte sich das Wachstum zwischen 44 und 91 Prozent. So etwas habe ich noch nie erlebt. Eigentlich birgt ein derart boomender Markt immer die Gefahr eines Crashes. Unsere Kunden geben uns jedoch keinerlei Anlass zur Sorge – ganz im Gegenteil: Viele Lieferanten sind bereits für 2022 ausgebucht, und unsere Kunden platzieren schon Aufträge bis weit ins Jahr 2023. Die große Auswahl und Breite unseres Sortiments verschafft uns hier aktuell und auch zukünftig einen Wettbewerbsvorteil.

Im vergangenen Jahr haben bei uns über 620.000 verschiedene Kunden kleine bis mittelgroße Aufträge platziert; sollte der Markt also in Zukunft ein Tief durchlaufen, sind wir bestens dafür gerüstet. Insgesamt wird 2021 in Erinnerung bleiben als äußerst erfolgreiches Jahr für die Distribution elektronischer Bauelemente. Die Zeichen stehen gut, dass wir diesen Schwung auch in das Jahr 2022 retten können und vielleicht sogar darüber hinaus.

Was waren die größten Herausforderungen und warum?

Die Industrie hat noch immer mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen, die auf globale Rahmenbedingungen zurückzuführen sind. Wir haben hart dafür gearbeitet, unsere Lager gefüllt zu halten. Das Ganze gestaltet sich jedoch nicht leicht, da manche unserer Partner Lieferzeiten von 50 Wochen und mehr veranschlagen. Wir haben enorme Anstrengungen unternommen, um trotzdem akkurate Lieferprognosen zu geben und die benötigten Bauelemente zu beschaffen.

Ein weiteres Thema sind inflationsbedingte Herausforderungen. Einige Lieferanten haben ihre Preise wegen steigender Material- und Transportkosten angehoben. Das Preisniveau in der Branche wird sich jedoch wieder normalisieren, da die Produktionskapazität wieder ansteigt – nicht nur für Gebrauchsgüter, sondern auch für Halbleiter, diskrete Bauteile und andere Elektronikkomponenten. In der Zwischenzeit arbeitet Mouser daran, die Auswirkungen auf seine Kunden möglichst gering zu halten. Lieferkettenverzögerungen und steigende Preise sind normale Begleiterscheinungen eines derart boomenden Markts. Wie in allen Branchen gestaltet es sich auch für uns an fast allen unseren Standorten schwierig, qualifiziertes Personal zu finden.

Sind die Auswirkungen der Coronakrise noch zu spüren?

Die Folgen sind primär noch in zwei Bereichen zu beobachten: zum einen bei uns im internen Betrieb, zum anderen im Hinblick auf das Kaufverhalten und die Nutzung von elektronischen Bauelementen seitens der Ingenieure. Bei Mouser setzen wir weiterhin auf ein hybrides Arbeitsmodell mit einem Mix aus Homeoffice und der Arbeit im Büro, was bisher gut funktioniert hat. Was unsere Kunden betrifft, geht der Trend eindeutig dahin, dass Ingenieure verstärkt an ihren Arbeitsplatz im Büro zurückkehren, da manche Teile ihrer Arbeit einfach nicht adäquat von zu Hause aus erledigt werden können.

Unser Geschäftsmodell ermöglicht es Ingenieuren, sich unabhängig von ihrem Standort einzubringen und bequem zusammenzuarbeiten. Unsere Website ist leicht zu navigieren, und wir führen so ziemlich jedes nachgefragte elektronische Produkt. Egal, ob ein Ingenieur von zu Hause aus arbeitet und über ein privates Benutzerkonto kleine Mengen an Bauteilen und Development Tools bestellt oder nun wieder im Büro arbeitet – wir wollen unseren Kunden ein Erlebnis bieten, das uns ihre langfristige Treue sichert. Die Rückkehr der gesamten Belegschaft bei Mouser nach den pandemiebedingten Lockdowns erfolgt nur langsam, und wir stehen angesichts unseres Wachstums und Personalbedarfs vor einer Herausforderung. Wir werden deshalb zukünftig noch härter und smarter arbeiten, viel über unsere Mitarbeitenden und Prozesse lernen und unsere Arbeit ständig verbessern.

Hat sich der Brexit negativ auf das Geschäft ausgewirkt?

Uns war klar, dass wir die Lieferrouten aus den USA nach Europa anpassen mussten. Vor dem Brexit lief der Warenfluss über den Flughafen Paris Charles De Gaulle und von dort in die jeweiligen europäischen Länder. Nun gibt es zwei Routen: eine verläuft weiterhin über Paris, die andere über London Stansted. Im Nachgang dieser Neuregelung kam es zu einigen Verzögerungen in Großbritannien. Das gehört nun jedoch der Vergangenheit an.

Welche neuen Geschäftschancen haben sich ergeben?

Der Vormarsch des digitalen Handels schreitet unaufhaltsam voran. Dieser Wandel betrifft nicht nur Ingenieure, sondern auch Endverbraucher. Als Onlineshop für elektronische Bauelemente kommt uns das entgegen, wir sind einer der Vorreiter in diesem Bereich. Andere Online-Distributoren verfügen nicht über die Bestandsmengen, die für ein solches Geschäftsmodell nötig sind. Wir haben die neuesten Produkte sowie das breiteste Sortiment und sind in der Lage, die vom Markt geforderten Mengen zu liefern. Entwicklungsingenieure suchen nach Wegen, sich von der Konkurrenz abzuheben. Die zuverlässige Vorrätigkeit von Produkten ist wichtiger denn je in einer Welt, in der sich Lieferverzögerungen Wochen oder gar Monate hinziehen können. Insgesamt sind wir also bestens aufgestellt und sehen eine Vielzahl an Chancen für den Ausbau unseres Onlinemodells, unterstützt von einem leistungsstarken Ressourcencenter, in dem Ingenieure und Einkäufer auf E-Books, Anwendungshinweise, Blogs und anderes Infomaterial zugreifen können.

Wie wird sich Ihrer Ansicht nach der Markt 2022 entwickeln?

Der Industriesektor ist für uns nach wie vor ein Top-Markt. Aber auch andere Bereiche wachsen schnell und werden dies auch 2022 tun. Ein Beispiel wäre die Automobilindustrie. Die Elektrifizierung und Digitalisierung von Automobiltechnik ist ein unaufhaltsamer Trend, der noch lange nicht am Ende angelangt ist. Diese inspirierenden Neuerungen werden nicht auf die großen OEMs beschränkt sein. Die Entwicklung von Elektrotechnik wird sich stärker verteilen, da Anbieter aus der zweiten und dritten Reihe mit innovativen Produkten auf den Markt drängen – nicht nur für Automobilanwendungen, sondern auch für andere Transportmittel wie Boote und landwirtschaftliche Fahrzeuge.

Der andere Markt, der 2022 weiter wachsen wird, ist der Gesundheitssektor. Diese Branche zeichnet sich für uns durch geringe Einkaufsvolumen, aber eine hohe Wertschöpfung aus. Die Kreativität bei der Entwicklung von Medizintechnik erwächst primär aus dem Erfordernis hochwertiger Markenelektronik. Auch bei der Erbringung von Gesundheitsdienstleistungen gibt es neue Ansätze. Die Konsultation von Ärzten via Telefon oder über das Internet wird immer mehr zur Normalität, während Wearables zur Überwachung lebenswichtiger Körperfunktionen im Mainstream angekommen sind. Kurzum lässt sich also festhalten: Der Automobilsektor und das Gesundheitswesen werden 2022 besonders im Fokus stehen.

Möchten Sie noch ein paar abschließende Worte an unsere Leserschaft richten?

Viele Menschen haben in den vergangenen beiden Jahre eine schwere Zeit durchlebt. Die Elektronikindustrie hat sich in dieser völlig neuen Situation glücklicherweise tapfer behauptet. Was für mich jedoch immer hervorstach, war die unglaubliche Innovationskraft unserer Kundschaft. Alle Kunden, mit denen wir sprechen, entwickeln und tüfteln an neuen Produkten, Geräten und Systemen, die noch schneller, kleiner und ausfallsicherer sein werden als alles bisher Dagewesene.

Und das Design basiert auf elektronischen Bauelementen. Inzwischen macht die Elektronik über 40 Prozent der Kosten eines Neuwagens aus, und dieser Trend wird aller Voraussicht nach auch bei vielen anderen Arten von Produkten und Systemen zu beobachten sein. Das macht den Elektroniksektor aktuell zu einer so spannenden Branche. Und es deutet viel darauf hin, dass die Branche langfristig eine glänzende Zukunft vor sich hat.

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