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35 Jahre Amiga 1000: Die Amiga-Story

| Redakteur: Franz Graser

Vor 35 Jahren erblickte der Amiga von Commodore das Licht der Computer-Welt. Vor allem seine Grafik- und Multimediafähigkeiten ließen ihn schnell zur Traum-Maschine werden. Wir blicken auf die abenteuerliche Entstehungsgeschichte der mitunter recht kapriziösen „Freundin“ zurück.

Der Ur-Amiga 1000 überzeugte vor allem durch seine Grafikfähigkeiten. Das Grafikprogramm „Deluxe Paint“ von Electronic Arts war eine der ersten Anwendungen, die das Potenzial des Rechners ausreizte und galt deshalb als Killerapplikation des Rechners.
Der Ur-Amiga 1000 überzeugte vor allem durch seine Grafikfähigkeiten. Das Grafikprogramm „Deluxe Paint“ von Electronic Arts war eine der ersten Anwendungen, die das Potenzial des Rechners ausreizte und galt deshalb als Killerapplikation des Rechners.
(Bild: Amiga 1000 PAL / Amiga 1000 PAL / Kaiiv / CC BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0)

Eigentlich hätte der Amiga-Computer ja eine Spielkonsole werden sollen. Doch der Zusammenbruch des amerikanischen Videospielmarktes im Jahr 1983 verhinderte das. Als Jay Miner, der Chefingenieur der kalifornischen Firma Amiga, Inc. 1984 einen frühen Prototyp der Konsole auf der Consumer Electronics Show (CES) vorstellte, interessierte sich praktisch niemand dafür.

Jay Miner war ein Veteran des Konsolen-Pioniers Atari. Er hatte das Unternehmen aber Anfang der achziger Jahre verlassen, weil das Management nicht sehr an Neuentwicklungen interessiert war. Der 1932 geborene Miner erkannte das Potenzial des Motorola-Prozessors 68000 und seiner 16/32-Bit-Architektur. Die Atari-Manager wollten die Weiterentwicklung der Konsole aber auf den Acht-Bit-Chip 6502 von MOS Technologies beschränken.

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Miner schloss sich deshalb einer neu gegründeten Firma namens Hi-Toro an, die sich nach ein paar Monaten in „Amiga, Inc.“ (das aus dem Spanischen entlehnte Wort bedeutet „Freundin“) umbenannte. Viele Tech-Startups der siebziger und frühen achtziger Jahre bevorzugten Firmennamen, die mit dem Buchstaben A begannen. Die Logik dahinter: Man brauchte in den Telefonbüchern nicht lange zu blättern, um auf die Firma zu stoßen. Amiga vertrieb Joysticks, um sich finanziell über Wasser zu halten. Gleichzeitig war das Joystick-Geschäft eine ideale Tarnung, um vom eigentlichen Entwicklungsziel der Firma abzulenken.

Beinahe wäre die Geschichte von Amiga, Inc. aber eine sehr kurze gewesen. Die ursprünglichen Investoren hatten nach dem sogenannten „Video Game Crash“ das Interesse verloren, neue waren nicht aufzutreiben. Selbst der einstige Marktführer Atari geriet gefährlich ins Schlingern.

Jack Tramiels Gambit scheitert

Auftritt der Mann, der für die Fans des späteren Amiga-Computers zur Nemesis werden sollte: Jack Tramiel. Er hatte den Heimcomputer-Pionier Commodore gegründet, musste sein Unternehmen aber wegen eines Zerwürfnisses mit dem Hauptaktionär Irving Gould verlassen. Tramiel, ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, ließ sich dadurch aber nicht beirren und wollte zurück ins Geschäft.

Die Schieflage von Atari bot ihm dafür eine günstige Gelegenheit. Tramiel kaufte die Heimcomputer-Sparte von Atari. Einige der besten Ingenieure von Commodore, unter anderem Shiraz Shivji, der als einer der Väter des C 64 galt, folgten ihm. Tramiel, der stets nach dem Motto „Business is War“ handelte, hatte sich für seinen Rauswurf gerächt.

Commodore sah sich nun um seine besten Köpfe gebracht. Außerdem war ein Nachfolgemodell für den C 64 in weite Ferne gerückt. Denn der C 128 beruhte nach wie vor auf der Acht-Bit-Technik und war bestenfalls eine Zwischenlösung. Die Präsentation des Apple Macintosh Anfang 1984 hatte gezeigt, wohin die Reise ging – sowohl im Hinblick auf die Technik als auch auf das Bedienkonzept.

Auch Jack Tramiel sah sich nach einem Nachfolger für die Acht-Bit-Rechner von Atari um und fand in Amiga, Inc. einen möglichen Kandidaten. Amiga war in schweren Geldnöten. Tramiel fand sich deshalb bereit, dem in Not geratenen kalifornischen Startup mit einem Überbrückungskredit aus der Patsche zu helfen. Amiga, Inc. bekam eine halbe Million Dollar. Der Haken: Sollte Amiga die Summe nicht innerhalb eines Monats zurückzahlen können, würde die von Amiga entwickelte Technik Eigentum von Tramiels Atari.

So billig wollten sich die Kalifornier dann doch nicht verkaufen. Commodore sprang als „weißer Ritter“ ein, bestand aber darauf, dass der Amiga-Computer keine Spielkonsole, sondern ein Heimcomputer werden sollte. Mit dem Geld von Commodore konnte Amiga den Tramiel-Kredit zurückzahlen. Die Ostküstenfirma aus West Chester in Pennsylvania lizenzierte zunächst die Technik von Amiga, Inc. und kaufte die Firma später für 24 Millionen Dollar.

Agnus, Denise, Paula

Als Hauptprozessor des Amiga fungierte wie beim Apple Macintosh – und dem im Frühjahr 1985 gestarteten Atari ST – ein Motorola 68000. Dem Hauptprozessor standen drei Custom-Chips zur Seite: Agnus, Denise und Paula. Agnus übernahm die Aufgabe eines Daten-Hubs, der den Datenverkehr zwischen Prozessor, dem Hauptspeicher und den Custom-Chips Denise und Paula regelte. In Agnus waren die Subsysteme Blitter für das schnelle Schreiben von Daten in den Speicher und Copper für die Synchronisation des Videosignals enthalten.

Hinter dem Namen Denise verbarg sich der Videochip, der im normalen Modus bis zu 640 mal 256 Pixel darstellen konnte. Im sogenannten Interlace-Modus ließ sich die vertikale Auflösung verdoppeln, was aber bei vielen Monitoren der damaligen Zeit zu einem störenden Flimmereffekt führte. Darüber hinaus konnte der Grafikchip für die damalige Zeit revolutionäre 4096 Farben anzeigen. Dies ermöglichte der sogenannte Hold-and-Modify-Modus, quasi eine in der Hardware implementierte Datenkompression.

Der letzte Custom-Chip mit dem Namen Paula war im Wesentlichen der Soundprozessor des Amiga, der vier parallele Acht-Bit-Soundkanäle aufwies. Zudem enthielt Paula den Disketten-Controller des Computers.

Hardwareseitig war der Amiga im Frühjahr 1985 relativ weit gediehen. Mit dem Betriebssystem sah es nicht so gut aus. Commodore wandte sich an die britische Firma MetaComCo, die ein Betriebssystem namens Tripos (Trivial Portable Operating System) für den Motorola 68000 besaß, das sich vergleichsweise leicht an die Amiga-Hardware anpassen ließ.

Tripos war in der Sprache BCPL entwickelt worden, und viele Betriebssystem-Routinen der frühen Amiga-Modelle waren in dieser Sprache verfasst. In späteren Betriebssystemversionen wurden diese Routinen in C neu geschrieben. Dadurch verbesserten sich sowohl die Geschwindigkeit als auch die Stabilität des Systems.

Auf dieser Grundlage entwickelte Robert J. Mical, der in der Amiga-Gemeinde heute noch einen Guru-artigen Status besitzt, die grafische Benutzeroberfläche namens Intuition. Im Gegensatz zum Apple Macintosh, bei dem Aktenordner als grafische Entsprechung von Verzeichnissen verwendet wurden, wurden Verzeichnisse beim Amiga als Schubladen dargestellt.

Außerdem beherrschte das Amiga-Betriebssystem als eines der ersten Systeme im Heimbereich präemptives Multitasking. Das war um so bedeutender, als der Ur-Amiga standardmäßig mit 256 Kilobyte ausgerüstet war. IBM-kompatible PCs kamen erst Jahre später mit OS/2 beziehungsweise Windows NT in den Genuss dieses Features. Zu diesem Zeitpunkt waren auch bereits Speichergrößen von mehreren Megabytes üblich. Allerdings verfügte das Amiga-System über keinen Speicherschutz, der verhindert, dass sich die zeitgleich abgearbeiteten Programme gegenseitig stören.

Die „Dancing Fools“

Allerdings tat sich nun ein neues Problem auf: Jack Tramiels Atari hatte bereits im Januar 1985 den in Rekordzeit entwickelten Atari ST vorgestellt. Um nicht zu sehr in Rückstand zu geraten, peilte Commodore eine Präsentation im Sommer an. RJ Mical und sein Hardware-Kollege Dale Luck arbeiteten deshalb in der Endphase rund um die Uhr. Um wach zu bleiben, ließen sie zu jeder Tages- und Nachtzeit laute Musik durch ihre Büros schallen. Als auch das nicht mehr half, tanzten sie im Takt der Musik wie Irrwische durch die Räume. Von ihren Kollegen bekamen sie deshalb den Namen „The Dancing Fools“ (Die tanzenden Narren) verliehen.

Die offizielle Präsentation des ersten Amiga fand am 23. Juli 1985 im Lincoln Center in New York statt. An der Gala-Veranstaltung nahmen nicht nur Vetreter der Computerbranche und der Presse teil, sondern auch Pop-Art-Künstler Andy Warhol und die Sängerin Debbie Harry von der Gruppe Blondie. Das sollte zeigen: Der Amiga richtete sich nicht nur an technikaffine User, sondern auch an Kreative und Künstler.

Jay Miner, der Vater des Amiga, kam nicht zu der Veranstaltung – er war in Kalifornien geblieben, weil er seinen Hund Mitchie nicht allein lassen wollte, der das Fliegen nicht vertrug. Zudem war Miner davon überzeugt, dass der Amiga noch nicht fertig war und zu früh auf den Markt geworfen wurde. Jay Miner und sein Hund Mitchie waren dennoch zumindest im Geiste dabei: Das Innere des Amiga-Gehäuses trug die Signaturen aller Mitglieder des Entwicklungsteams, und auch Mitchie hatte als Ehrenmitglied einen Pfotenabdruck hinterlassen.

Die Multimedia-Fähigkeiten des Amiga waren Dreh- und Angelpunkt der glanzvollen Präsentation gewesen. Die Computerpresse lobte allenthalben das Grafikpotenzial des neuen Rechners. Mit einem Einstiegspreis von 1295 Dollar für das mit 256 KByte ausgestattete Modell (1595 Dollar, wenn man einen RGB-Farbmonitor dazukaufte) war das unter dem Namen Amiga 1000 vermarktete Gerät sogar relativ preisgünstig: Der Preis für den Apple Macintosh lag zu diesem Zeitpunkt bei knapp 2500 Dollar. Der Atari ST war zwar preiswerter und mit 512 KByte Hauptspeicher ausgestattet; seine Grafikfähigkeiten blieben jedoch ein Stück hinter dem Amiga zurück.

Dennoch gelang es Commodore auf dem amerikanischen Heimatmarkt nicht, aus diesen Vorteilen auch Kapital zu schlagen. Hauptaktionär Irving Gould, der nach Tramiels Rauswurf auch zum CEO des Unternehmens avancierte, war nicht in der Lage, eine stringente Marketingstrategie für den Amiga zu definieren.

Zudem hatte der Amiga mit Kinderkrankheiten zu kämpfen – insofern hatte Chefentwickler Jay Miner Recht behalten, der überzeugt war, dass das Gerät zu früh auf den Markt gekommen war. Die von MetaComCo entwickelte Variante der Programmiersprache BASIC namens ABasiC war nicht fehlerfrei, zudem machten die Anwender immer wieder Bekanntschaft mit der sogenannten „Guru Meditation“, der Absturzmeldung des Amiga

Ähnlich wie der sehr viel bekanntere Blue Screen of Death von Windows gab die Guru Meditation einen Fehlercode aus, der die Analyse des Problems erleichtern sollte, das zum Absturz geführt hatte. Spätere Modelle wiesen zwar eine weitaus stabilere Systemumgebung auf als der Ur-Amiga 1000, aber der Guru blieb bis zuletzt ein unwillkommener Begleiter vieler Fans.

Mit Thomas Rattigan, der 1986 den Chefsessel bei Commodore übernahm, begann schließlich die Blütezeit des Amiga. Rattigan veranlasste die Entwicklung zweier Modellvarianten. nämlich des Amiga 500, der sich an Heimanwender und Computerspieler richtete, und des Amiga 2000 für Anwender wie etwa Grafiker oder Spieleentwickler.

Während der 500er ein Tastaturcomputer nach dem Vorbild der klassischen Heimcomputer C 64 und Apple II war, erhielt der Amiga 2000 – der übrigens in der deutschen Commodore-Niederlassung entwickelt worden war – ein großes Gehäuse mit viel Platz für Erweiterungskarten. Somit positionierte sich der Amiga 500 als logischer Nachfolger des C 64, und mit dem Amiga 2000 wurden die professionellen User angesprochen.

Erfolg in Deutschland und UK, Flop in USA

Zumindest in den USA endete diese Blütezeit relativ abrupt. Hauptaktionär Irving Gould überwarf sich mit CEO Thomas Rattigan und warf ihn aus der Firma. Angeblich soll Gould darauf gedrängt haben, ein größeres Augenmerk auf IBM-kompatible Rechner zu legen, während Rattigan seine Aufgabe darin sah, das Produktportfolio des Konzerns zu verschlanken und das Potenzial des Amiga zu heben.

Während der Amiga ausgerechnet in seinem Heimatmarkt, den USA, eher eine Randerscheinung blieb, startete der Traumcomputer gerade in Deutschland und in Großbritannien richtig durch. Der Grund dafür lag darin, dass die Commodore-Niederlassungen in Deutschland und in UK sehr unabhängig vom Konzernhauptquartier agieren konnten.

Zudem waren IBM-kompatible Computer zu dieser Zeit in Europa noch zu teuer, als dass sie ernsthaft als Heimrechner in Frage kamen. Der Amiga 500 war für diese Rolle dagegen außerordentlich gut geeignet. In den späten achtziger Jahren war Commodore Trikotsponsor des FC Bayern München (genauer gesagt von 1984 bis 1989), eine Sonderausgabe des Bayern-Trikots aus dem Jahr 1988 trug sogar den Schriftzug „Kiss me, AMIGA.“

Je weniger Worte man über die letzten Jahre von Commodore bis zur Insolvenz im Jahr 1994 verliert, desto besser. Eine Reihe von Fehlentscheidungen der Commodore-Konzernzentrale, darunter der erfolglose Versuch, eine Spielkonsole auf Basis des Amiga zu lancieren, besiegelte das Ende des Unternehmens.

Bis zuletzt konnte der Amiga aber auf eine Reihe eingefleischter Fans zählen, die der Traum-Maschine der achtziger Jahre noch lange treu blieben. Das bisher letzte Update des Amiga-Betriebssystems – das allerdings nicht mehr auf der Original-Hardware lauffähig ist – erfolgte mit dem 4.1 Final Edition Update 1 am 31. Dezember 2016!

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