Dezentrale Power-Architektur beschleunigt den Design-Prozess

| Redakteur: Thomas Kuther

Welche Entwicklungen sehen Sie jenseits der aktuell diskutierten Trends?

Ganz allgemein Vernetzung bis hin zum Smart Grid! Auch technische Lösungen für lokale, begrenzte Stromerzeugung in der dritten Welt bergen riesige Potenziale. Wer nachts von Kapstadt nach Frankfurt fliegt – wie ich vor ein paar Tagen – sieht einen weitgehend dunklen Kontinent. Die dritte Welt, insbesondere Afrika, wird erst auf die Beine kommen, wenn sie Zugang zu Bildung bekommt. Und dafür bedarf es einfacher und preiswerter Lösungen rund um die Solartechnik.

Neue Technologien und Materialien sind Ursache für eine schleichende Revolution – z.B. der 3D-Druck. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Wir verwenden 3D-Drucker, um neue Prototypen schneller zu entwickeln. Ende letzten Jahres haben wir den Prototyp eines DC/DC-Wandlers mit 20 kV Isolation in Rekordzeit produziert. Das wäre ohne 3D-Drucker unmöglich gewesen. Aber auch in der Grundlagenforschung ergeben sich neue Möglichkeiten. Aktuell experimentieren wir mit einem neuen Trafo-Konzept. Da sorgt der 3D-Druckerfür einen erheblichen Zeitgewinn.

Wie geht Ihr Unternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung (CSR) um? Wie wichtig ist das für Sie persönlich?

Unsere Werke sind SA8000 zertifiziert und entsprechen dem internationalen Standard der „Social Accountability“. Gleiches fordern wir von unseren Unterlieferanten. Ich habe mich bei meinen Besuchen insbesondere in Asien immer wieder davon überzeugen können, dass das auch umgesetzt wird. Außerdem erfüllen wir die ISO14001 für Umweltschutz. Und unsere neue Firmenzentrale ist von Anfang an als „Null Energie“-Gebäude konzipiert. Wir nutzen dafür sowohl Solarenergie als auch Erdwärme (Bild 3).

Welche Folgen erwarten Sie nach dem Austritt von GB aus der EU für Ihre Branche?

Für RECOM wird sich kein nennenswerter Effekt ergeben. Eher betrifft dies unsere Distributoren, die gegebenenfalls lokal ihren Lagerbestand erhöhen müssen. Im Moment warten wir noch ab – noch wird ja verhandelt. Und vom Bauchgefühl her glaube ich, dass es einen ziemlich weichgespülten Brexit geben wird.

RECOM fertigt fast ausschließlich in Asien. Wie sehen Sie den zunehmenden Protektionismus im Welthandel?

Die aktuelle Entwicklung des Welthandels sehen wir mit Sorge. Als wir vor 20 Jahren begonnen haben, in Taiwan zu produzieren, standen alle Zeichen auf dem Abbau von Zollschranken. Inzwischen leben wir scheinbar in einer anderen Welt. Im Mai eröffnen wir unser neues Werk in Xiamen/China, um dort dann AC/DC-Wandler und Netzgeräte mit höherer Leistung zu produzieren. Die würden wir natürlich gerne auch in die USA verkaufen – und zwar zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Wie wird sich der Stellenwert der EU künftig entwickeln – weiter steigen, gleich bleiben oder sinken?

Der deutschsprachige Raum steht von seiner Wichtigkeit für uns noch weit oben, weil wir hier traditionell den höchsten Marktanteil haben. Aber in allen anderen Regionen – in Frankreich und Italien, in Asien und Amerika – werden wir weiter massiv Marktanteile hinzugewinnen. Der Stellenwert dieser Regionen wird für uns daher weiter zunehmen.

Wie wirkt sich die zunehmende Digitalisierung auf Ihr Unternehmen aus? Sind Sie hier Vorreiter oder warten Sie eher ab?

Wir profitieren zunächst von der Digitalisierung auf Seiten unserer Kunden, weil das Thema Stromversorgung mehr und mehr an Spezialisten wie RECOM ausgelagert wird. Aber auch unsere internen Prozesse sind in höchstem Maße digitalisiert, was Personal und Kosten spart. Es bestehen bereits EDI-Verbindungen zu den wichtigsten Großkunden und bis zum Jahresende werden wir alle Distributionspartner eingebunden haben. In diesen Wochen machen wir mit der Umstellung unseres ERP-Systems auf die neueste SAP-S/4-HANA-Technologie einen weiteren wichtigen Schritt. Damit werden sämtliche Warenbewegungen an den Logistikstandorten Gmunden und Singapur digital überwacht.

Datensicherheit gilt als technologischer Treiber in einer zunehmend vernetzten Welt. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Unsere Firmendaten sind an mehreren Orten gespiegelt, sodass wir im Falle eines IT-Gaus sehr schnell wieder handlungsfähig sein sollten. Ich denke, mit der zuvor erwähnten SAP-Technologie sind wir optimal abgesichert. Natürlich kann man immer nur bekannte Gefahren simulieren und kein Mensch weiß, was potenziell noch auf uns zukommen könnte.

Wo sehen Sie RECOM langfristig – sagen wir in fünf Jahren?

Heute betrachten wir den gesamten Bereich einer „dezentralen Stromversorgungs-Architektur“ als unseren Zielmarkt und zwar für Leistungen von 0,25 bis 1000 Watt! Konkret heißt das: Neben DC/DC-Wandlern, Schaltreglern und AC/DC-Modulen – wie wir sie schon seit Jahren produzieren – auch Netzteile für hochwertige Applikationen vom Schaltschrank bis zur Medizinelektronik. Besonders hohes Wachstum erwarten wir im Bereich „High Power AC/DC“, wo wir unser Team massiv verstärken konnten. In den nächsten fünf Jahren sollte es uns damit möglich sein, einen Umsatz von 150 Millionen US-Dollar anzupeilen. Mit der einen oder anderen Akquisition könnte es auch deutlich mehr werden. Durch Kooperationen mit Universitäten und Halbleiter-Herstellern werden wir dazu beitragen, neue Technologien zu etablieren. Auch werden wir unser internationales Supportteam weiter ausbauen, um das Ohr noch näher am Kunden zu haben. Wer weiß – vielleicht sehen wir in Zukunft aufregende Systemlösungen im RECOM-Portfolio … (lacht).

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