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Deutsche Wirtschaft arbeitet sich aus dem Corona-Tief

Autor / Redakteur: Friederike Marx und Andreas Hoenig, dpa / Sebastian Gerstl

Europas größte Volkswirtschaft legt nach dem Konjunkturabsturz im Frühjahr eine rasante Aufholjagd hin. Steigende Corona-Zahlen und der Teil-Lockdown könnten den Aufschwung jedoch bremsen.

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Bundesminister für Wirtschaft und Energie, steht bei einer Pressekonferenz, auf der die wirtschaftliche Herbstprognose der Bundesregierung vorgelegt wird. Wirtschaftsminister Altmaier rechnet trotz anhaltender Corona-Pandemie für das kommende Jahr mit einer moderaten, aber positiven Entwicklung der Wirtschaft.
Bundesminister für Wirtschaft und Energie, steht bei einer Pressekonferenz, auf der die wirtschaftliche Herbstprognose der Bundesregierung vorgelegt wird. Wirtschaftsminister Altmaier rechnet trotz anhaltender Corona-Pandemie für das kommende Jahr mit einer moderaten, aber positiven Entwicklung der Wirtschaft.
(Bild: Michele Tantussi/Reuters-Pool/dpa)

Die deutsche Wirtschaft hat mit einem unerwartet kräftigen Wachstum im dritten Quartal einen Teil des coronabedingten Einbruchs wettgemacht. Trotz eines Rekordanstiegs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 8,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal ist Europas größte Volkswirtschaft aber noch nicht über den Berg. Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet in seiner aktuellen Prognose im Gesamtjahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von 5,5 Prozent.

Konjunktur „an einem Scheideweg“

Wirtschaftsminister Peter Altmaier sieht die Entwicklung der Konjunktur angesichts der zweiten Corona-Welle am Scheideweg. Zwar erwartet der CDU-Politiker 2020 nun einen geringeren Konjunktureinbruch als zuvor und rechnet im kommenden Jahr mit einem Aufschwung. Er sagte aber am Freitag zugleich: „Das Pendel kann in die eine oder andere Richtung ausschlagen.“ Entscheidend sei, ob eine weitere Ausbreitung des Virus verhindert werden könne.

Nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes wurde das Wachstum im dritten Quartal von höheren privaten Konsumausgaben und stark gestiegenen Exporten getragen. Zudem investierten Unternehmen mehr in Maschinen und andere Ausrüstungen. Nach Angaben der Wiesbadener Behörde war es der stärkste BIP-Anstieg im Quartalsvergleich seit Beginn der Zeitreihe 1970. Das Wachstum fiel stärker aus, als von Ökonomen erwartet. Das Minus aus dem ersten Halbjahr sei zu etwa zwei Drittel aufgeholt worden, sagte Michael Holstein von der DZ Bank.

Aktuelle neue Welle könnte Aufschwung wieder ausbremsen

Ein Blick auf den Jahresvergleich zeigt allerdings die deutlichen Spuren, die die Corona-Krise bislang hinterlassen hat. Gegenüber dem dritten Quartal 2019 sowie dem letzten Vierteljahr 2019 brach die Wirtschaftsleistung zwischen Juli und September 2020 um je gut 4 Prozent ein.

Ökonomen und Wirtschaftsverbände befürchten, dass steigende Corona-Neuinfektionen und der jüngst beschlossene Teil-Lockdown im November den Aufschwung ausbremsen. „Wegen der zweiten Welle und des Lockdowns können wir froh sein, wenn die Wirtschaft im vierten Quartal stagniert“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Auch andere Volkswirte rechnen damit, dass der Aufschwung erst einmal zum Erliegen kommt. Aus Sicht des Ifo-Instituts setzen die beschlossenen Maßnahmen der kräftigen Erholung vom Sommer ein abruptes Ende. Sie dürften einen Ausfall bei der gesamtwirtschaftlichen Produktion von etwas mehr als 10 Milliarden Euro zur Folge haben.

Nach Einschätzung des Industrieverbandes BDI wird sich die wirtschaftliche Erholung in den kommenden Quartalen so nicht fortsetzen. „Die stark vernetzte deutsche Wirtschaft lässt sich nicht wie eine Insel abschotten, denn das Virus wird immer wieder zurückkomme“, sagte Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Der Außenhandelsverband BGA rechnet damit, dass das Aufholtempo angesichts des Teil-Lockdowns deutlich an Fahrt verlieren wird.

Wirtschaftsminister Altmaier verteidigte die harten Maßnahmen von Bund und Ländern, die ab Montag für den gesamten November gelten. „Nur wenn es uns gelingt, die Kurve der Neuinfektionen wieder abzuflachen, kann sich der Erholungsprozess unserer Wirtschaft dauerhaft fortsetzen und schwerer Schaden für Unternehmen und Beschäftigte verhindert werden.“

Neuerliches Wachstum stärker ausgefallen als erwartet

In der Herbstprognose rechnet Altmaier für das laufende Jahr mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland von 5,5 Prozent. Anfang September hatte sein Ministerium noch ein Minus von 5,8 Prozent vorhergesagt. Altmaier passte die neue Prognose trotz des Teil-Lockdowns nicht an. Hauptgrund sei, dass das Wachstum im dritten Quartal stärker ausgefallen sei als erwartet. Dies sei ein „Polster und Puffer“, sagte er. Das Wachstum gleiche erwartete Rückgänge durch die Beschränkungen im November mehr als aus.

Bund und Länder hatten am Mittwoch die härtesten Maßnahmen seit dem großen Lockdown im Frühjahr beschlossen, um die zweite Corona-Welle zu brechen. Ab Montag sollen etwa Restaurants, Kinos und Theater für den gesamten Monat November schließen. Hotels dürfen keine Touristen mehr aufnehmen. „Es ist eine schwierige Zeit, aber wir sind entschlossen, diese Zeit zu meistern“, sagte Altmaier. Die Regierung hatte Milliardenhilfen für Unternehmen und Solo-Selbstständige angekündigt, deren Geschäfte im November zum Erliegen kommen.

Für das kommende Jahr erwartet Altmaier einen BIP-Anstieg um 4,4 Prozent, für 2022 ein Plus von 2,5 Prozent. Allerdings dauert es laut der Prognose bis zum Jahreswechsel 2021/2022, bis das Vorkrisenniveau erreicht sei. Auf dem Arbeitsmarkt wird im laufenden Jahr mit einem Rückgang der Erwerbstätigkeit um 400 000 Beschäftigte gerechnet. Einen „Tsunami“ an Firmeninsolvenzen erwartet das Ministerium nicht.

Auch in der Europäischen Union, die die wichtigste Absatzregion für Produkte „Made in Germany“ ist, stieg die Wirtschaftsleistung im Sommer kräftig. Das Bruttoinlandsprodukt legte gegenüber dem Vorquartal laut Eurostat um 12,1 Prozent zu. Im Euroraum wurde ein Plus von 12,7 Prozent verzeichnet. Allerdings wiegt auch hier die Krise schwer, wie der Vorjahresvergleich zeigt: Gegenüber Sommer 2019 lag die Wirtschaftsleistung im Euroraum 4,3 Prozent niedriger, in der EU waren es 3,9 Prozent weniger.

Kräftiger als in Deutschland wuchs die Wirtschaft in Frankreich, Italien und Spanien. Dort war die Wirtschaft im Frühjahr aber noch stärker eingebrochen, da die drei Länder besonders harte Maßnahmen gegen die Corona-Krise ergriffen hatten. Fast alle Länder der Eurozone haben inzwischen erneut heftige Beschränkungen beschlossen.

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