Wirtschaft erholt sich Deutsche Elektroindustrie mit deutlichem Plus im ersten Halbjahr

Redakteur: Michael Eckstein

Weltweit brummt die Konjunktur, die Nachfrage nach Produkten „Made in Germany“ steigt: Deutsche Firmen exportieren mehr als vor der Corona-Krise. Der ZVEI hat seine Produktionsprognose um drei auf plus acht Prozent für 2021 angehoben. Doch anhaltende Nachschubprobleme könnten zum Showstopper werden.

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Container-Kapriolen: Noch können deutsche Hersteller die hohe Nachfrage bedienen – doch die Lagerbestände für Komponenten, Materialien und Vorprodukte leeren sich zusehends aufgrund von Engpässen in velen Bereichen.
Container-Kapriolen: Noch können deutsche Hersteller die hohe Nachfrage bedienen – doch die Lagerbestände für Komponenten, Materialien und Vorprodukte leeren sich zusehends aufgrund von Engpässen in velen Bereichen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Auftragseingänge in der deutschen Elektroindustrie haben im Juni 2021 erneut zweistellig zugelegt: Nach Angaben des Branchenverbands ZVEI übertrafen sie das Vorjahresniveau um satte 23,8 Prozent. Demnach erhöhten sich die Bestellungen aus dem Ausland mit plus 36,3 Prozent fast dreimal so stark wie die Inlandsaufträge (+ 12,8 %). Aus dem Euroraum gingen im Juni 29,9 Prozent mehr neue Orders ein als vor einem Jahr. Die Bestellungen von Kunden aus Drittländern nahmen laut ZVEI um 40,2 Prozent zu. Diese Zahlen unterstreichen die Bedeutung ausländischer Märkte für die Exportnation Deutschland.

„Nachdem die Auftragseingänge im ersten Halbjahr 2020 pandemiebedingt um ein Zehntel geschrumpft waren, konnten sie in der ersten Hälfte dieses Jahres wieder um mehr als ein Viertel wachsen“, sagte ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann. Die Bestellungen aus dem Inland nahmen dabei zwischen Januar und Juni um 21,3 Prozent gegenüber Vorjahr zu, die aus dem Ausland um 32,2 Prozent. Bei den Aufträgen aus der Eurozone belief sich das Plus auf 30,5 Prozent. Aus Drittländern kamen 33,2 Prozent mehr Bestellungen als im ersten Halbjahr 2020.

Preisbereinigte Produktion im Juni rund 20 Prozent über Vorjahresniveau

Nach Analysen des ZVEI stieg die preisbereinigte Produktion elektrotechnischer und elektronischer Erzeugnisse im Juni 2021 um ein Fünftel gegenüber dem Vorjahr. In den ersten sechs Monaten fiel sie damit um 12,2 Prozent höher aus als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Der Umsatz der deutschen Elektroindustrie erreichte demnach im Juni 17,3 Milliarden Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 17,2 Prozent gegenüber Vorjahr. Der Inlandsumsatz stieg um 16,2 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro, der Auslandsumsatz um 18,0 Prozent auf 9,1 Milliarden Euro. Im Geschäft mit Kunden aus dem Euroraum wurden im Juni 3,3 Milliarden Euro erlöst – 18,7 Prozent mehr als im Jahr davor. Der Umsatz mit Partnern aus Drittländern lag bei 5,8 Milliarden Euro (+ 17,8 %).

Aggregierter Branchenumsatz im ersten Halbjahr deutlich im Plus

Im ersten Halbjahr belief sich der aggregierte Branchenumsatz auf 96,7 Milliarden Euro, womit er seinen entsprechenden Vorjahreswert um 12,3 Prozent übertreffen konnte. Hier stiegen die Inlandserlöse um 10,8 Prozent auf 45,0 Milliarden Euro und die Auslandserlöse um 13,7 Prozent auf 51,7 Milliarden Euro. Der Umsatz mit Geschäftspartnern aus der Eurozone zog zwischen Januar und Juni um 14,5 Prozent gegenüber Vorjahr auf 18,9 Milliarden Euro an. Mit Drittländern wurden gleichzeitig 32,8 Milliarden Euro erlöst – 13,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Kapazitätsauslastung ist zu Beginn des dritten Quartals 2021 weiter auf 89,2 Prozent der betriebsüblichen Vollauslastung gestiegen. „Dies ist der höchste Wert seit Ende 2006 – dem Vorabend der Finanzkrise“, so Gontermann. „Auch die Reichweite der Auftragsbestände hat sich weiter erhöht. Sie liegt jetzt bei überdurchschnittlich hohen vier Monaten.“ Laut Außenhandelsverband BGA sind erwartungsgemäß vor allem hohe Nachfragen aus China, den USA und der EU für die guten Zahlen verantwortlich.

Statistisches Bundesamt bestätigt gute wirtschaftliche Entwicklung

Die Zahlen des ZVEI korrelieren mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) für die gesamte deutsche Wirtschaft: Demnach beflügelt die weltweite Konjunkturerholung auch die Geschäfte der deutschen Exporteure.

Trotz Materialmangels und Lieferengpässen überschritten die Ausfuhren im Juni erstmals seit Ausbruch der Pandemie das Vorkrisenniveau vom Februar 2020 um plus 1,1 Prozent. Insgesamt konnten deutsche Unternehmen Waren im Wert von 118,7 Milliarden Euro ins Ausland liefern. Das waren 23,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und 1,3 Prozent mehr als im Mai 2021.

Lieferengpässe und Materialmangel bereiten vielen Firmen Probleme

Doch die guten Zahlen sollten nicht über enorme Beschaffungsprobleme hinwegtäuschen, warnt unter anderem Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): „Transportprobleme insbesondere im Schiffsverkehr und Lieferengpässe von Materialien führen aktuell zu Störungen in den internationalen Lieferketten.“ . Auch die Sorgen vor neuen Corona-Infektionswellen und bestehende Einschränkungen bei Geschäftsreisen ließen nur verhalten auf das zweite Halbjahr blicken.

Angesichts der guten Ergebnisse hätten die Engpässe den deutschen Export noch nicht in Mitleidenschaft gezogen, sagt ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski – „doch das kann sich ändern“. Aktuell würden die Hersteller ihre Lagerbestände nutzen, um den Bedarf zu decken, „doch die leeren sich zusehends“, beobachtet Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Einer Umfrage seines Instituts zufolge haben mittlerweile 64 Prozent der befragten Industrieunternehmen mit Nachschubproblemen zu kämpfen.

Betrachtet man nur die Elektroindustrie, sieht die Lage noch ernster aus, unterstreicht ZVEI-Mann Gontermann: „Zwar berichtet nur noch ein Zehntel der Elektrofirmen über Auftragsmangel, demgegenüber bereiten Materialknappheiten und Lieferengpässe inzwischen vier von fünf Unternehmen Schwierigkeiten.“

Mit Material von ZVEI, Destatis und dpa.

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