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Der ZVEI zwischen Diktatur und Demokratie

| Autor / Redakteur: Prof. Dr. Johannes Bähr* / Dr. Anna-Lena Gutberlet

Der ZVEI wurde 1949 nach einer bewegten Geschichte neu gegründet. Zum hundertsten Geburtstag hat der Verband seine Vor-Geschichte untersuchen lassen und damit auch die eigene Rolle im „Dritten Reich“.

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Prof. Dr. Johannes Bähr, Goethe-Universität Frankfurt am Main, beim ZVEI-Impuls am 8. November 2017 in Berlin.
Prof. Dr. Johannes Bähr, Goethe-Universität Frankfurt am Main, beim ZVEI-Impuls am 8. November 2017 in Berlin.
(Bild: ZSG/Mark Bollhorst )

Das 100-jährige Jubiläum des ZVEI ist ein guter Anlass, auf die Geschichte des Verbands zu blicken. Der ZVEI hat sich entschlossen, dafür erstmals eine externe Expertise einzuholen und einen Historiker zu beauftragen, die Entwicklung von der Gründung im Jahr 1918 bis zur Neu­gründung von 1949 zu untersuchen. Im Mittelpunkt dieses von der Gesellschaft für Unternehmens­geschichte durchgeführten Projekts stand die Rolle des Verbands im „Dritten Reich“.

Doch kann man diese erst richtig einordnen, wenn man weiß, wie sich der ZVEI zuvor entwickelt hatte, was das Besondere an diesem Verband seit seiner Gründung war und was seine Identität ausmachte. Ob es gelingen würde, dies alles herauszufinden, war zunächst keineswegs sicher. Der ZVEI hat kein historisches Archiv. Durch systematische Recherchen in mehreren großen Archiven, vor allem dem Bundesarchiv, dem Hessischen Hauptstaatsarchiv und dem Siemens-Archiv, konnten aber viele Unterlagen ausfindig gemacht werden. Darunter gab es auch manche überraschende Entdeckung.

1918: Carl Friedrich von Siemens bittet zerstrittene Verbände an einen Tisch

Zu den Befunden: Der ZVEI wurde am 5. März 1918 in Berlin gegründet, das damals auch das Zentrum der deutschen Elektroindustrie war. An diesem Tag kamen zehn Industrielle aus dieser Branche zu einer Sitzung im Hotel Bristol, Unter den Linden 5-6, zusammen. Auf der Tagesordnung stand der Punkt „gegebenenfalls Gründungsversammlung für den neuzugründenden eingetragenen Verein“. Die Gründung vollzog sich ganz unspektakulär, ohne große Feier, mit der Unterschrift der Teilnehmer unter ein Protokoll mit beigefügter Satzung.

Was veranlasste diese Männer damals, während des Ersten Weltkriegs, einen Zentralverband der Elektroindustrie zu gründen? Es war die Einsicht, dass die Branche gemeinsame Interessen hatte, um deren Vertretung es schlecht bestellt war, im Krieg noch mehr als im Frieden. Anders als der Maschinenbau oder die Chemische Industrie hatte die Elektroindustrie bis dahin keinen Branchenverband. Vielmehr bestanden viele kleinere Verbände, die untereinander zerstritten waren. Ein besonders scharfer Gegensatz bestand zwischen den Konzernen Siemens und AEG und den mittleren und kleinen Firmen der Elektroindustrie.

Dass es gelang, die zerstrittenen Verbände an einen Tisch zu bringen, war vor allem das Verdienst von Carl Friedrich von Siemens, des jüngsten Sohns von Werner von Siemens. Er verhandelte jahrelang um das Zustandekommen eines Branchenverbands. An diesem 5. März 1918 hatte er sein Ziel erreicht.

Schon der Name des neuen Verbands war eine Botschaft. Als Zentralverband sollte er über den verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Elektroindustrie stehen und deren gemeinsame Interessen vertreten. Neun Monate nach der Gründung konnte der ZVEI Geschäftsräume in der Corneliusstraße 3 beziehen, einem Haus in erstklassiger Lage im Berliner Tiergartenviertel.

Carl Friedrich von Siemens wurde erster Vorsitzender des ZVEI und blieb dies fünfzehn Jahre lang − bis 1933. Er setzte als Hauptgeschäftsführer Hans von Raumer ein, der ebenfalls bis 1933 in diesem Amt blieb. Zusammen leisteten sie Beachtliches. Der ZVEI konnte die Gegensätze zwischen den Interessen seiner Mitglieder ausgleichen und leistete seinen Mitgliedern wichtige Dienste in den Jahren der großen Inflation wie auch später während der Weltwirtschaftskrise.

Unter dem prägenden Einfluss Hans von Raumers entwickelte der ZVEI aber auch eine eigene Identität. Der Verband stand im Unterschied zu vielen anderen vorbehaltlos hinter der Demokratie der Weimarer Republik, trat für eine Sozialpartnerschaft ein und engagierte sich international, durch eine Kooperation mit dem Verband der französischen Elektroindustrie, aber auch bei Abkommen mit der Sowjetunion.

Unter dem prägenden Einfluss Hans von Raumers entwickelte der ZVEI aber auch eine eigene Identität. Der Verband stand im Unterschied zu vielen anderen vorbehaltlos hinter der Demokratie der Weimarer Republik, trat für eine Sozialpartnerschaft ein und engagierte sich international, durch eine Kooperation mit dem Verband der französischen Elektroindustrie, aber auch bei Abkommen mit der Sowjetunion.

Vor diesem Hintergrund wird klar, was die Machtübernahme der Nationalsozialisten für den ZVEI bedeutete. Mit den Nationalsozialisten hatte der Verband rein gar nichts gemeinsam. Kein einziges der insgesamt 29 ordentlichen und stellvertretenden Vorstandsmitglieder gehörte Anfang 1933 der NSDAP an, aber sieben von ihnen waren jüdischen Glaubens oder zumindest jüdischer Herkunft (im Sinne der nationalsozialistischen Rassegesetze).

1933: ZVEI wird durch ständische Zwangsorganisation ersetzt

Schon im Frühjahr 1933 stand fest, dass die Wirtschaftsverbände durch ständische Zwangsorganisationen ersetzt würden. Der ZVEI wehrte sich dagegen nicht, ein Protest wäre auch nutzlos gewesen, da die Spitzenorganisationen der deutschen Wirtschaft bereits eingeknickt waren.

Am 14. November 1933 wurde der ZVEI auf einer letzten Mitgliederversammlung in den Reichsfachverband der Elektrotechnischen Industrie umgewandelt. Hans von Raumer wurde entlassen, Carl Friedrich von Siemens zog sich zurück, aber die beiden Geschäftsführer Maximilian Frese und Paul Graf Vitzthum blieben im Amt – bis 1945, so dass auf der Ebene der Verbandsarbeit von einer gewissen Kontinuität gesprochen werden kann, nicht aber in Bezug auf die Verbandsidentität.

Wie viele Mitarbeiter aus politischen und rassischen Gründen entlassen wurden, lässt sich nicht mehr feststellen. Nur eine jüdische Sekretärin, Cecilie Blaustein, konnte namentlich ermittelt werden. Sie wurde nach 1935 entlassen. Späteren An-gaben zufolge ist davon auszugehen, dass sie deportiert und ermordet wurde. Von den jüdischen Vorstandsmitgliedern konnten vier emigrieren. Einer dieser Männer, Hermann Löwenstein von der Firma Hannemann in Düren, wurde später deportiert und ermordet.

Der im November 1933 gebildete Reichsfachverband unter der Leitung von Philipp Keßler, eines NSDAP-Mitglieds, hatte nur kurzen Bestand. Schon ein Jahr später trat an seine Stelle die Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie, eine ständische Zwangsorganisation für alle Unternehmen der Branche, in deren Satzung das Führerprinzip verankert war. Sie war der Reichsgruppe Industrie untergeordnet und indirekt dem Reichswirtschaftsministerium.

Umso bemerkenswerter ist es, dass zum Leiter der Wirtschaftsgruppe ein Unternehmer ernannt wurde, der nicht der NSDAP angehörte: Waldemar Braun von der Frankfurter Firma Hartmann & Braun. Auch der neue Hauptgeschäftsführer, Heinz Lotz, war nicht Mitglied der NSDAP, wohl aber sein Nachfolger Heinrich Ostermann, der 1937 dieses Amt übernahm.

Braun verstand sich mehr als Verbandsvorsitzender alter Art, doch hat die Wirtschaftsgruppe unter seiner Leitung alle Aufgaben reibungslos erfüllt, die ihr vom Regime übertragen wurden, vor allem die Ausrichtung der Branche auf die Kriegsrüstung. Besonders verwerflich ist ihr Beitrag zu den „Arisierungen“. Die Wirtschaftsgruppe denunzierte ihre jüdischen Mitglieder, indem sie Listen mit deren Namen erstellte, die Übernahmeinteressenten zugänglich waren.

Nach Kriegsbeginn verlor die Wirtschaftsgruppe an Einfluss. In den einzelnen Branchen der deutschen Industrie wurden Generalbevollmächtigte eingesetzt, die weitreichende Kompetenzen erhielten. Mit der im Frühjahr 1942 von dem neuen Rüstungsminister Albert Speer durchgeführten Reorganisation der deutschen Kriegswirtschaft verloren die Wirtschaftsgruppen vollends an Bedeutung.

Speer ließ für jede Branche einen Hauptausschuss bei seinem Ministerium errichten, der für die Vergabe von Rüstungsaufträgen und die Verteilung von Rohstoffen zuständig war. Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie, Waldemar Braun, wurde von Speers Ministerium aus dem Amt gedrängt. Zu seinem Nachfolger wurde Friedrich Lüschen ernannt, ein mit Speer befreundeter Siemens-Vorstand, der bereits den Hauptausschuss Elektrotechnische Erzeugnisse leitete. Lüschen wurde einer der mächtigsten Manager der Kriegswirtschaft, er trat dafür in die NSDAP und in die SS ein. Nach Kriegsende beging er Selbstmord.

Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie zählte während des „Dritten Reichs“ eher zu den politisch gemäßigten Gruppen

Im November 1943 wurde die Zentrale der Wirtschaftsgruppe, das frühere ZVEI-Gebäude in der Corneliusstraße 3, durch einen Luftangriff zerstört. Einzelne Abteilungen wurden aus Berlin verlagert. Hauptgeschäftsführer Ostermann schied im November 1944 aus. Er hatte Glück, dass damals nicht herauskam, wie widersprüchlich er sich verhalten hatte. Während Ostermann nach außen hin keine Zweifel an seiner Regimetreue aufkommen ließ, hat er rund 20 ehemalige Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten bei der Wirtschaftsgruppe eingestellt.

Diese Männer sagten nach dem Krieg für ihn aus. Einer von ihnen schrieb: „Sie haben einer ganzen Anzahl von Männern, die aus ihrer früheren politischen Gesinnung und aus ihrer antifaschistischen Haltung auch während der Hitlerzeit existenzlos waren, die Möglichkeit geboten, ihren Lebensunterhalt wieder zu bestreiten“. Diese Aussage ist glaubwürdig, weil ihr Verfasser, Bernhard Göring, kein Interesse hatte, einen früheren Repräsentanten eines Wirtschaftsverbands reinzuwaschen. Göring war inzwischen Mitglied des Parteivorstands der SED.

Insgesamt zählte die Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie während des „Dritten Reichs“ eher zu den politisch gemäßigten Wirtschaftsgruppen. Doch hat sie die ihr zugedachte Funktion auftragsgemäß erfüllt, und das war für das Regime wichtiger als das Parteibuch eines Verbandsvorstands.

Die Geschichte des ZVEI und der Wirtschaftsgruppe Elektro­industrie unterscheidet sich aber auch deutlich von dem Bild, das neuere Untersuchungen über einige andere Branchenverbände zeigen. Beim Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten (VDMA) und beim Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller blieben zum Beispiel die Hauptgeschäftsführer nach 1933 im Amt. Beim VDMA leitete ein Mann, Karl Lange, den Verband sogar von 1924 bis 1954, indem er sich allen Systemen anzupassen verstand.

Neubeginn mit Industriellem an der Spitze

Als der ZVEI am 23. Februar 1949 in Frankfurt am Main neu gegründet wurde, war dies dagegen ein wirklicher Neubeginn. Zum Vorsitzenden wurde mit Friedrich Sperl wohl ganz bewusst ein Industrieller gewählt, der als Gegner des NS-Regimes in KZ-Haft gewesen war. Dem Namen und der Gesinnung nach knüpfte der Verband an die 1933 abgebrochene Identität des früheren ZVEI an.

Die von Hans von Raumer geprägte Ausrichtung auf Freihandel, internationale Verständigung und Sozialpartnerschaft wurde wiederbelebt. Der Verband behielt dieses Profil, unterschied sich dadurch in der Bundesrepublik freilich nicht mehr so stark von anderen Wirtschaftsverbänden wie dies vor 1933 der Fall gewesen war. Man kann es aber auch so sagen: Der ZVEI hat früher als andere Prinzipien vertreten, die in die Zukunft wiesen und ist diesen Prinzipien langfristig treu geblieben.

Die Rede von Prof. Bähr wurde mit freundlicher Genehmigung vom ZVEI übernommen.

* Prof. Dr. Johannes Bähr forscht an der Goethe-Universität Frankfurt am Main in den Bereichen Unternehmensgeschichte, Bankgeschichte, Wirtschaft im Dritten Reich sowie Deutsche und europäische Wirtschaftsgeschichte nach 1945.

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