Technikfolgenabschätzung Der Mensch – ein Auslaufmodell?

Ein Gastbeitrag von Frank Schmiedchen *

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„Die Überhöhung von KI in der transhumanistischen Vision ist eine gefährliche Verkürzung, welche die Einmaligkeit des Menschen in seiner Synthese aus Ich-Sein und Leben-Sein relativiert.“

„Keine KI trägt ein eigenes Ziel in sich, sie ist niemals ein Selbstzweck und damit kein Subjekt, sondern sie ist ein von Menschen erschaffenes Werkzeug“, sagt Frank Schmiedchen von der Verinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW).
„Keine KI trägt ein eigenes Ziel in sich, sie ist niemals ein Selbstzweck und damit kein Subjekt, sondern sie ist ein von Menschen erschaffenes Werkzeug“, sagt Frank Schmiedchen von der Verinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW).
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz durchdringen alle Bereiche des täglichen Lebens in unserer Gesellschaft. Sie sind Motor eines umfassenden, disruptiv verlaufenden Strukturwandels und technologische Basis für unabsehbar viele Nachfolgeinnovationen. Wir müssen verstehen, wie sich im Zuge dessen verschiedene Entwicklungen gegenseitig verstärken und auf unser tägliches Leben und unsere Gesellschaft wirken. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass wir analoge Freiräume und digitale Souveränität wirksam behaupten und das Primat der Politik durchsetzen können, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken und die ökologische Transformation zu gestalten.

Auswirkungen der Digitalisierung werden meist nur ausschnittsweise, etwa in speziellen und isolierten Lebensbereichen, betrachtet. Was fehlt, ist ein Gesamtbild! Wer sich tagtäglich in der digitalen Innovationsspirale bewegt, hat wahrscheinlich schon öfters gehört, dass Menschen zunehmend als Informationsverarbeitungseinheiten betrachtet werden. Das Gehirn wird als Computermetapher verstanden, also als ein besonders leistungsfähiges neuronales Netzwerk. Das menschliche Bewusstsein wird damit auf die reine Informationsverarbeitung reduziert.

Geist wird auf Informationsverarbeitung reduziert

Dieser Übergang vom materialistischen Menschenbild zu einem Informationsdenken erscheint zunächst als eine Betrachtung, die das Geistige in den Mittelpunkt rückt. Tatsächlich wird damit aber das Geistige auf Information und Informationsverarbeitung reduziert. Systematisch wird die Reihenfolge in der Abhängigkeit der Begriffe vertauscht und das Geistige auf Information zurückgeführt. Dabei wird vergessen, dass der Informationsbegriff selbst nur mit Bezug auf Semantik, also auf Geistiges, definiert werden kann.

Als trauriger Höhepunkt solchen Denkens können Fantasien zur Emulation menschlicher Gehirne auf Computern gesehen werden. Dieser transhumanistische (Alb-)Traum setzt voraus, dass Computer, wenn sie Informationsverarbeitung abbilden, die in einem spezifischen Gehirn abläuft, dasselbe „Bewusstsein“ haben, wie das Original. Somit könnte das Bewusstsein von einem Gehirn auf einen Computer übertragen werden. Der Mensch wäre dann frei von seiner sterblichen, biologischen Hülle.

Verstehen ist aber ein geistiger Akt, der dem Verarbeiten von Informationen zugrunde liegt und nicht Folge von Datenverarbeitung ist. Damit ist die kreative Fähigkeit des Geistes, unmittelbar Bedeutung herzustellen, ein zutiefst menschlicher Akt, der nicht maschinell ersetzt werden kann.

Starke KI als neuer Krone der Schöpfung

Die posthumanistische Vision der Überwindung des Menschen durch eine starke Künstliche Intelligenz (KI) als neue Krone der Schöpfung kann das Kernelement menschlicher Präsenz im Universum auch deshalb nicht ersetzen. Keine KI trägt ein eigenes Ziel in sich, sie ist niemals ein Selbstzweck und damit kein Subjekt, sondern sie ist ein von Menschen erschaffenes Werkzeug. Damit ist die Überhöhung von KI in der transhumanistischen Vision eine gefährliche Verkürzung, die die Einmaligkeit des Menschen in seiner Synthese aus Ich-Sein und Leben-Sein relativiert.

Weit unterhalb dieser Schwelle führt ein solches Menschenbild tendenziell zum (freiwilligen) Verzicht auf demokratische Willensbildung, die gegenüber effizienzbasierten, kognitiven Entscheidungsstrukturen „zu langsam“ erscheint. Eine Zunahme auto-(techno-)kratischer Systeme ist deshalb wahrscheinlich, weil sie in einer digitalen Welt effizienter sind und diese reine Effizienz mit „besser“ gleichgesetzt wird.

Menschenzentrierter Zukunftsentwurf

Dem setzt die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) einen menschenzentrierten Zukunftsentwurf entgegen, der davon ausgeht, dass wir auch mit all unseren Fehlern völlig in Ordnung sind und jede/r selbst entscheiden darf, ob er/sie technisch verbessert werden will! Die VDW hat 2017 eine interdisziplinäre Studiengruppe zu wichtigen Fragen der vernetzten Digitalisierung und künstlichen Intelligenz eingesetzt, die gemeinsam mit Fachleuten aus allen Bereichen einen menschenzentrierten Blick auf wirtschaftliche, soziale, ökologische, technologische und ethische Folgen unterschiedlicher Pfade der weiteren Digitalisierung sowie des Einsatzes Künstlicher Intelligenz wirft. Sie trägt so dazu bei, die gesellschaftliche Diskussion über wünschenswerte Zukunftsverläufe voranzubringen.

Das Buch „Wie wir leben wollen – Kompendium zu Technikfolgen von Digitalisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz“ aus dem Logos Verlag Berlin (ISBN 978-3-8325-5363-0) wird von Frank Schmiedchen, Klaus Peter Kratzer, Jasmin S.A. Link und Heinz Stapf-Finé herausgegeben. Es wurde von insgesamt 18 namhafte Autoren aus Wissenschaft und Wirtschaft verfasst. Sie zeichnen auf 264 Seiten ein spannendes Gesamtbild neuester digitaler Entwicklungen. Das Werk ist kostenlos via Open Access zugänglich. Die Printversion ist für 39 € erhältlich. Eine Vorstellung des Buches finden Sie auf YouTube.

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Hintergrund zu Frank Schmiedchen

Frank Schmiedchen ist Wirtschaftswissenschaftler. Von 1996 bis 1999 leitete er den Fachbereich KMU-Management an der Katholischen Universität Ecuadors (Ambato). Seit 1999 ist er für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit multilateralen Verhandlungen betraut, u.a. von 2001 bis 2004 als Diplomat an der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der EU, und leitete elf Jahre das Programm zum Aufbau lokaler Pharmaproduktion. Frank Schmiedchen ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der VDW (2002-2009; seit 2016) und leitet seit 2017 die VDW Studiengruppe TA Digitalisierung.

* Frank Schmiedchen ist Leiter der Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung bei der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V.

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