Bauteile-Allokation EMS-Branche: Das Schlimmste steht noch bevor

Autor / Redakteur: Dieter G. Weiss / Johann Wiesböck

Während Distributoren gern den Samariter geben, ignorieren OEMs die Preiserhöhungen und schieben das Problem zum EMS. Das kann Sie ruinieren.

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Bedrohlich: Kleine und mittelständische EMS-Unternehmen haben besonders mit der schwierigen Mangelsituation zu kämpfen. Bei nicht wenigen geht es um die Existenz.
Bedrohlich: Kleine und mittelständische EMS-Unternehmen haben besonders mit der schwierigen Mangelsituation zu kämpfen. Bei nicht wenigen geht es um die Existenz.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Das Allokationsproblem trifft die Elektronikindustrie immer stärker. Es begann im 1. Quartal damit, dass die Industrie erkannte, dass sie sich bei der Lieferung von Mikrocontrollern und Halbleitern für das Powermanagement in einer ernsten Situation befand. Kurze Zeit später folgten weitere Komponenten und im 2. Quartal war sich jeder der Problematik bewusst.

Anstatt nach Wegen zur Lösung des Problems zu suchen, wurde pauschal die Automobilindustrie angeklagt. Obwohl die Automobilindustrie einen Anteil hat, war das eigentliche Problem die Nachfrageverschiebung in den verschiedenen Bereichen, in denen Elektronik und Halbleiter benötigt werden. Der Bullwhip-Effekt, der im letzten Europa-EMS-Telegramm von in4ma erwähnt wurde, dreht sich um Prognosen, Bestellungen und Lieferungen. Die größte Auswirkung ist ein eingeschränktes Angebot an Elektronik-Komponenten zu höheren Preisen.

Die EMS-Branche hat das größte Problem. Während die Distributoren in Interviews versuchen, als Samariter dazustehen, die allen helfen, versuchen die OEM-Kunden der Auftragsfertiger, die drohenden Preiserhöhungen zu ignorieren, indem sie den Preiserhöhungen nicht glauben bzw. auf Verträge verweisen, die keine Preiserhöhungen zulassen.

Das kann den Einkäufer den Kopf kosten

Die Geschäftsführer von Kunden und Lieferanten telefonieren täglich und führen hitzige Diskussionen. Kunden akzeptieren, wenn überhaupt, nur die Preisdifferenz der Komponenten. Einige schlaue Einkäufer senden die neuen Preiskalkulationen ihrer EMS-Lieferanten an andere EMS-Unternehmen, damit diese die Gültigkeit der Kalkulationen überprüfen können sollen. Die Einkäufer der OEMs sind gut beraten, die NDAs mit den Lieferanten zu prüfen. Solche Praktiken sind nicht legal, Preiskalkulationen sind vertrauliche Dokumente und könnten bei Weitergabe dem Einkäufer schnell den Kopf kosten und der Firma Schadensersatzklagen verursachen.

Diejenigen Unternehmen, die solche Anfragen erhalten, sollten sich bewusst sein, dass sie morgen selbst betroffen sein könnten und konsequent zum Telefon greifen und das Ansinnen ablehnen. Wenn die OEMs mit solchen Praktiken für Aufruhr sorgen wollen, können sie es haben.

Wenn nur die Mehrkosten für Komponenten an die Kunden weitergegeben werden, macht die EMS-Industrie einen großen Fehler. Der Umsatz steigt, der Gewinn nicht, die Gewinnmarge sinkt (2019 waren es durchschnittlich 2,5 % für EMS >50 Mio. Euro, 2,6% für kleinere EMS). Außerdem baut jeder sein Lager auf. Lagerbestände steigen wieder, Rohstoffe übertreffen das hohe Niveau des letzten Allokationsproblems 2018/2019 (2018/2019 waren es 15,5 % des Umsatzes für EMS >50 Mio. Euro, 16 % für mittelständische Unternehmen und 18 % für kleine Unternehmen) und die Materialumschlaghäufigkeit liegt wieder weit unter 5.

Dieter G. Weiss von in4ma spricht Tacheles – in diesem Artikel und auf dem kommenden EMS-Tag am 2. September 2021.
Dieter G. Weiss von in4ma spricht Tacheles – in diesem Artikel und auf dem kommenden EMS-Tag am 2. September 2021.
(Bild: in4ma)

Da die Bauteillieferungen vielfach unvollständig sind und teilweise nur noch kleine Streifen statt Rollen geliefert werden, nimmt die Arbeitsbelastung für das EMS stark zu. Es gibt mehr separate Wareneingänge, die erfasst werden müssen, Mehrarbeit bei der Zusammenstellung der Bauteile inkl. der Sicherstellung, dass kleine Streifen mit Bauteilen verarbeitet werden können, Fertigungsaufträge in kleineren Losen, da nicht genügend Bauteile vorhanden sind einerseits aber der Versuch den Kunden zumindest mit einer Teillieferung zufrieden zu stellen andererseits, höhere Versandkosten, weil Teilmengen geliefert werden müssen, das alles sind nicht unerhebliche Mehrkosten.

Einigen kleineren EMS droht der finanzielle Zusammenbruch

Solche erhöhten Kosten müssen an den Kunden weitergeleitet werden. Dies ist nicht nur eine einfache Preisverhandlung. Wir sprechen über die finanzielle Zukunft der EMS-Industrie und für einige kleinere EMS ist der finanzielle Zusammenbruch bereits greifbar. Bei Materialpreiserhöhungen von 3,7 bis 4,7 %, die nicht an den Kunden weiter gereicht werden, hat der Auftragsfertiger keine Chance mehr noch Geld zu verdienen.

Preisgespräche müssen sofort geführt werden, da die Allokationsprobleme im 2. Halbjahr 2021 weiter zunehmen und bis ins Jahr 2022 hinein andauern. Wenn Sie sich von Ihrem Kunden mit der Übertragung der Aufträge an einen anderen EMS drohen lassen, haben Sie bereits verloren. Wir sitzen alle in einem Boot, niemand hat bessere oder günstigere Bauteillieferungen.

Sie wollen mehr Details, mehr Zahlen wissen und die aktuellen Probleme mit Kollegen/-innen und Branchenexperten diskutieren? Dann sind Sie herzlich eingeladen, am 2. September 2021 zum 19. EMS-Tag nach Würzburg zu kommen. Das Programm und alle Sprecher inkl. Dieter G. Weiss finden Sie auf www.ems-tag.de.

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