Analyse Darum pusht Intel RISC-V mit einer Milliarde US-Dollar

Von Michael Eckstein

x86 ist so etwas wie ein Synonym für Intels Erfolg: Der proprietäre CISC-Befehlssatz ist seit nunmehr über 40 Jahren die beherrschende Architektur für die PC- und Server-Prozessoren dieser Welt. Jetzt investiert Intel rund 1 Mrd. US-Dollar ausgerechnet in die Verbreitung der Open-Source-Konkurrenz RISC-V. Warum?

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Intel-Urgestein und CEO Pat Gelsinger unterstützt die offene Prozessorarchitektur: Intel ist der RISC-V Foundation als Premium-Mitglied beigetreten und will innovative RISC-V-Unternehmen mit einem Investitions-Fonds fördern.
Intel-Urgestein und CEO Pat Gelsinger unterstützt die offene Prozessorarchitektur: Intel ist der RISC-V Foundation als Premium-Mitglied beigetreten und will innovative RISC-V-Unternehmen mit einem Investitions-Fonds fördern.
(Bild: Intel Corporation)

Die x86-Architektur ist heute allgegenwärtig, und Intel ist Marktführer für darauf basierende Prozessoren. Doch das einzig Beständige ist der Wandel: Der erstarkende Erzrivale AMD mit seinen x86-Derivaten jagt Intel mit seiner Zen-Architektur seit einigen Jahren erfolgreich Anteile im PC-, Notebook- und Server-Markt ab – und beliefert darüber hinaus immer mehr Embedded-Entwickler.

Auch von anderer Seite droht Ungemach: Für einige aufstrebende Märkte wie Internet of Things oder Sensor-Fusion sind x86-Chips oft zu komplex. Besonders wenn Energieeffizienz gefragt ist – ein Thema, dessen Bedeutung schnell wächst – und kundenspezifische Anpassungen nötig sind, hat Arm mit seiner gleichnamigen Mikroprozessorarchitektur die Nase vorn. Und dann ist da noch RISC-V.

RISC-V unterscheidet sich stark von x86 – das macht es interessant

RISC-V ist so etwas wie der Antipode zu x86: Ähnlich wie die Prozessoren von Arm nutzt die offene Architektur einfache Kommandos (RISC, Reduced Instruction Set Computer) statt komplexer Befehle (CISC, Complex Instruction Set Computer) wie die proprietäre Intel-Architektur. Das bedingt unterschiedliches Vorgehen zum Beispiel beim Adressieren des Speichers, beim Ausführen von Verzweigungen (Branch Execution) und Handhaben von Ausnahmen (Exception Handling). Und erfordert ein grundsätzlich anderes Vorgehen beim Programmieren und Compilieren des Codes.

Doch obwohl die Techniken so unterschiedlich sind, ist Intel im Februar der RISC-V-International-Organisation als Premium-Mitglied beigetreten – und hat gleich noch einen Investitions-Fonds aufgelegt: Mit dem mit satten 1 Mrd. US-Dollar ausgestatteten Topf will man primär „bahnbrechende RISC-V-Unternehmen“ fördern. Ganz offiziell will Intel also die Verbreitung von RISC-V vorantreiben. Gräbt sich das Unternehmen damit nicht selbst das Wasser ab?

Intel-CEO Pat Gelsinger agiert mit Weitsicht

Fakt ist: Seit Pat Gelsinger bei Intel das Ruder übernommen hat, hat man das Gefühl, dass der Riesenkonzern deutlich langfristiger plant und ernsthafter als zuvor wieder die technologische Marktführerschaft erringen will – vom Prozessordesign bis hin zur Fertigungstechnik. Dafür ist er bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen – zum Beispiel für Übernahmen von Firmen wie Tower Semiconductor in Israel oder für den Auf- und Ausbau von Fertigungsstandorten zum Beispiel in Ohio.

In Europa verdichten sich gerade die Hinweise, dass Magdeburg als Standort für Intels geplantes europäisches Mega-Chipzentrum den Zuschlag bekommt. Dafür nimmt Gelsinger in Kauf, dass Intel in diesem und den nächsten beiden Jahren möglicherweise kaum Gewinne einfahren wird.

Gleichzeitig will der Intel-CEO den Konzern breiter aufstellen. Deshalb stärkt er die Position seines Unternehmens in Märkten, die langfristig gute Wachstumschancen versprechen: Neben der Auftragsfertigung von Halbleitern ist das – unter anderem – die Unterstützung für die offene, flexibel anpassbare Prozessorarchitektur RISC-V. Ein offensichtliches Kalkül dahinter: Chipentwickler, die die offene ISA einsetzen, früh mit den Intel Fertigungsprozessen und Dienstleistungen vertraut machen – Stichwort IDM-2.0-Strategie inklusive der Intel Foundry Services (IFS). Und sie so an sich binden.

Intel hat RISC-V schon länger im Blick

Intels Interesse an RISC-V ist indes nicht ganz neu: So hatte das Unternehmen im Sommer letzten Jahres erwogen, das auf RISC-V spezialisierte Chipdesign-Start-up SiFive für über zwei Milliarden US-Dollar zu übernehmen. Der Konzern hatte darin die Chance gesehen, mit einem Schlag auf breiter Basis in den Bereich RISC/RISC-V vorzudringen und sein x86-Brot-und-Butter-Geschäft um Angebote für die genannten aufstrebenden Märkte zu ergänzen.

Zur gleichen Zeit lief bereits der Übernahme-Poker um Nvidia/Arm – der ja erst vor kurzem endgültig geplatzt ist. Wäre diese Akquisition geglückt, hätten sich möglicherweise einige bisherige Arm-Kunden nach alternativen Prozessorangeboten und Partnerschaften umgeschaut – möglicherweise nach RISC-V und Intel.

Optimierte Prozess-IP für x86, Arm und RISC-V

Auch wenn Intel SiFive letztlich doch nicht übernommen hat (aber jetzt eng mit dem Unternehmen zusammenarbeitet), so macht der Chipriese klar, dass es mit RISC-V einen Wachstumsmarkt identifiziert hat und daran partizipieren will: Als führende lizenzfreie Open-Source-Prozessorarchitektur böte RISC-V schließlich ein in der Branche einzigartiges Maß an Skalierbarkeit und Anpassbarkeit.

Passend dazu betont Intel, dass IFS über die einzige Prozesstechnologie verfüge, die für alle drei führenden ISAs der Branche optimierte IP anbietet: x86, Arm und eben RISC-V. Ein wichtiger Teil der IFS-Strategie sei es, „eine breite Palette an führender IP anzubieten, die für Intel-Prozesstechnologien optimiert ist“, teilt Intel mit.

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Intel verschafft sich mehr Einfluss bei der Entwicklung von RISC-V

Vor diesem Hintergrund ist das verstärkte Engagement Intels für die RISC-V-Gemeinschaft folgerichtig. RISC-V International holt sich mit Intel ein echtes Branchenschwergewicht ins Boot – das bei der Ausrichtung des Open-Source-ISA-Ökosystems sicher federführend mitbestimmen wird. Ein Hinweis darauf ist bereits die Berufung von Bob Brennan, Vice President of Customer Solutions Engineering bei Intel Foundry Services, in das RISC-V Board of Directors. Auch dem Technical Steering Committee wird Brennan beitreten.

Schon hat Intel unmittelbare Vorteile für die RISC-V-Gemeinschaft unter der Leitung von IFS angekündigt: So werde IFS eine Open-Source-Softwareentwicklungsplattform sponsern, die freie Experimente ermöglicht und Partner aus dem gesamten Ökosystem, Universitäten und Konsortien einschließt.

RISC-V-Akteure können auch Intels Packaging-Technologien nutzen

Mit seinem Engagement und der IFS-Strategie will Intel sicherstellen, „dass RISC-V auf IFS-Silizium für alle Arten von Cores – von Embedded bis High-Performance – am besten läuft“, erklärt Brennan. Intel verzeichne bereits eine starke Nachfrage von Foundry-Kunden nach mehr RISC-V-IP-Angeboten. Das würde für die Pläne des Chipriesen sprechen.

Neben seinen Siliziumprozessen bietet Intel den RISC-V-Akteuren auch seine „Open Chiplet Platform“-Packaging-Technologien an. „Zusammen mit den gewaltigen Fertigungskapazitäten [von Intel] wird dies die breite Einführung der quelloffenen RISC-V ISA erheblich beschleunigen“, ist Frankwell Lin, Präsident und Mitbegründer von Andes Technology, überzeugt.

Steigt Intel bei Arm ein?

Übrigens hat Intel nicht nur RISC-V im Blick: Gegenüber dem Nachrichtendienst Reuters hat Gelsinger vor wenigen Tagen durchblicken lassen, dass ein Kauf von Arm durchaus denkbar wäre, nachdem der Nvdia-Arm-Deal endgültig geplatzt ist. Allerdings nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen Akteuren: Bislang nutze man kaum Arm-IP, doch das könne sich ändern, „wenn wir es zu einem Teil unserer IFS-Agenda machen. Wenn sich also ein Konsortium bilden würde, wären wir wahrscheinlich sehr daran interessiert, in irgendeiner Form dabei mitzumachen.“

Neben der Übernahme durch ein solches Konsortium könnte Gelsinger sich auch gut vorstellen, dass Arm an die Börse geht – für Intel seien beides erfreuliche Entwicklungen. Und beide sind durchaus denkbar, nachdem Arm bekannt gegeben hat, seine Führungsriege radikal umzukrempeln.

Zumindest bei der Konsortiums-Variante bleibt jedoch ein Problem bestehen: Sobald die Käufergemeinschaft Arm-Kunden einschließen würde – was bei der Omnipräsenz der Arm-Technik kaum zu vermeiden ist – würde dies wie beim abgeblasenen Nvidia-Arm-Deal erneut Regulierungsbehörden auf den Plan rufen.

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