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Coronavirus: Wenn die Leiterplatte hustet, bekommt die Elektronik Fieber

| Autor / Redakteur: Michael Gasch / Johann Wiesböck

Viele Menschen der Elektronikbranche und ihrer Abnehmer hofften für 2020 auf eine Normalisierung der Geschäfte nach der Unruhe in 2018 und 2019. Nun zerstört der Coronavirus das zarte Aufschwung-Pflänzchen.

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Michael Gasch, Data4PCB: „Foxconn hat an einzelnen Standorten mehr als 100.000 Arbeiter, von denen bis Ende Februar nur 10% erschienen sind.“
Michael Gasch, Data4PCB: „Foxconn hat an einzelnen Standorten mehr als 100.000 Arbeiter, von denen bis Ende Februar nur 10% erschienen sind.“
(Bild: Unsplash / Unsplash)

Die Bauteileverknappung 2018 wurde im vergangenen Jahr mit Mühe überwunden und gegen Jahresende 2019 schöpfte die Branche Hoffnung, dass das neue Jahr wieder eine Normalisierung mit sich bringt. Diese Einschätzung schlug sich in entsprechenden Kommentaren nieder – doch dann kam das Coronavirus, das nun alles wieder in Frage stellt.

Der Ausbruch der Krankheit kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn die Betriebe in China fuhren gerade ihre Aktivitäten für die Feiertage zum chinesischen Neujahrsfest (24. bis 30.1.2020) herunter und die Mitarbeiter machten sich auf den Weg in ihre Heimatprovinzen.

Das Neujahrsfest ist traditionell das wichtigste Fest, zu dem sich alle Familienmitglieder treffen. Daher ist die Woche vor den Feiertagen der Beginn der weltgrößten Wanderbewegung (so waren 2019 weltweit insgesamt 3 Mrd. Reisende unterwegs).

Die chinesische Zentralregierung hält ihre Provinz- und Stadtbüros an einer sehr kurzen Leine, so dass diese ohne ausdrückliche Genehmigung keine noch so kleine Information verbreitet dürfen. Das war auch der Grund, weshalb der Arzt, der die Erkrankung am 30.12.2019 als erster identifizierte, nur wenige Stunden nach seiner Warnmeldung verhaftet und ihm bei Strafe verboten wurde, weiterhin „Gerüchte“ zu verbreiten.

So wurde wertvolle Zeit vergeudet und erst drei Wochen später wurde Wuhan, Hauptstadt der Provinz Hubei (die Stadt in der die Epidemie ihren Ausgang nahm) unter Quarantäne gestellt. Bahnen, Busse und Flugverbindungen wurden untersagt und eingestellt. Aber diese Schritte kamen zu spät, denn von den ca. 11 Mio. Einwohnern Wuhans waren bereits etwa 5 Mio. abgereist und verbreiteten das Virus weiter.

Weil sich die Krankheitsfälle nicht nur in Hubei, sondern auch in den angrenzenden Provinzen sprunghaft steigerten, kam es ab 27.1. zu weiteren Reise- und Ausgangssperren. Damit konnten fast 60 Mio. Menschen nicht mehr reisen. Diese drastischen Schritte der Regierung waren zunächst zwar publikumswirksam, brachten aber das gesamte Wirtschaftsleben zum Erliegen.

Was bedeutet die Corona-Krise für die Elektronik?

China hat heute einen Weltmarktanteil von etwa 55% für Leiterplatten Davon wird der überwiegende Teil in den hauptbetroffenen Regionen von Chongqing bis Shanghai sowie von Shenzhen bis Guangzhou produziert. Durch die zwangsweise verordneten Betriebsschließungen gehen wöchentlich Produktionsvolumen von 150-200 Mio USD verloren.

Aber es sind nicht nur die Leiterplattenhersteller, sondern die gesamte Lieferkette: von der Kupferfolie über die Laminate bis hin zu den Chemikalien. Alle Zulieferer sind nicht in der Lage zu produzieren – und selbst wenn sie es könnten, es fehlen die Transportmöglichkeiten, nicht nur in China, sondern auch nach Europa. Zwar sollten die ersten Firmen schon Mitte Februar wieder die Produktion aufnehmen, doch noch sitzen die Arbeiter in ihren Heimatprovinzen fest und können/dürfen nicht reisen. Vielfach sind bislang nur 60%, 50% oder sogar nur 30% der Arbeitskräfte zurück.

Und das Problem setzt sich fort, denn China liefert fast 50% aller Bauteile, die weltweit verbraucht werden. Hinzu kommt eine sprunghaft gestiegene Nachfrage durch die Einrichtung der 5 G-Infrastruktur.

Das bedeutet: sobald die Fabriken (nach entsprechender Vorlaufzeit) überhaupt wieder in der Lage sind zu liefern, vergehen Wochen und dann setzt das große Hauen und Stechen ein, wer beliefert wird. Wahrscheinlich sind es die, die die besten Preise bezahlen.

* Michael Gasch, Data4PCB ist Leiterplatten-Experte und -Marktforscher und ein profunder Asienkenner.

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