Suchen

Coronavirus: Europäische Halbleiterunternehmen ringen mit Konsequenzen

| Autor: Sebastian Gerstl

Die führenden europäischen Halbleiterunternehmen bekommen die Auswirkungen der anhaltenden Coronavirus-Lage zu spüren: Infineon zieht seine Gewinnerwartungen für 2020 zurück, NXP meldet einen spürbaren Umsatzrückgang. STMicroelectronics befindet sich mit seinen Werken in Italien und Frankreich in einer schweren Lage.

Firmen zum Thema

Aufgrund der anhaltenden Coronavirus-Pandemie haben die Börsenkürse aller führender Halbleiterhersteller spürbar nachgegeben. Gründe sind Fertigungsrückgänge an weltweiten Standorten und ein einbrechender Automotive-Bedarf durch Produktionsstopps in der Automobilindustrie.
Aufgrund der anhaltenden Coronavirus-Pandemie haben die Börsenkürse aller führender Halbleiterhersteller spürbar nachgegeben. Gründe sind Fertigungsrückgänge an weltweiten Standorten und ein einbrechender Automotive-Bedarf durch Produktionsstopps in der Automobilindustrie.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Coronavirus-Pandemie, die sich derzeit weltweit immer weiter verschärft, verursacht massive Verwerfungen bei globalen Lieferketten, Endmärkten und der Konjunkturentwicklung. Nicht nur die Automobilindustrie wurde durch den weiter um sich greifenden Virus SARS-nCoV-2 in eine schwere Lage versetzt. Auch führende Halbleiterunternehmen in Europa sind von den Auswirkungen von Covid-19 betroffen.

Infineon kassiert Gewinnprognose

Infineon hat aufgrund der schwer einschätzbaren Lage seine Gewinnprognose für das Jahr 2020 vorerst wieder zurückgezogen. Ursprünglich hatte das Unternehmen einen Umsatzanstieg von 5% gegenüber dem Vorjahr angenommen (plus oder minus 2 Prozentpunkte). Doch nun geht das Unternehmen davon aus, dass das Gewinnjahr durch die nun schon mehrere Monate andauernde, vom Coronavirus verursachte Krise das gesamte Geschäftsjahr belasten dürfte.

Am Kapitalmarkt kamen die Nachrichten schlecht an. Die Infineon-Aktie notierte am Nachmittag rund 3% im Minus, nachdem sie im vorherigen Tagesverlauf wegen gemischter Nachrichten aus der Tech

nologiebranche eine Berg- und Talfahrt hingelegt hatte. Im laufenden Jahr haben die Papiere infolge der grassierenden Panik an den Märkten bereits rund ein Drittel an Wert eingebüßt. Hatte das Papier am 18. Februar noch bei 22,18 Euro gestanden, war am 18. März – dem Tag verschärfte Regelungen in Deutschland, Frankreich und Malaysia – ein Tiefpunkt von 10,42 Euro erreicht worden. Donnerstagabend lag der Kurs bei 14,24 Euro.

Produktionsstopp im Automobilmarkt wiegt schwer, bessere Aussichten bei Kommunikation

Der Produktionsstopp in der fertigenden Automobilindustrie kommt hier besonders schwer zu tragen. Da Automobilhersteller in Europa und den USA beschlossen haben, ihre Produktion für mehrere Wochen auszusetzen, schlägt sich dies auch auf den Bedarf von Halbleitern für den Automotive-Markt durch. Darüber hinaus werde die Nachfrage der Verbraucher durch die Ausgangseinschränkungen in vielen Ländern negativ beeinflusst. Auch werde die Markterwartung für „diverse industrielle Anwendungen“ deutlich zurückgenommen, gab Infineon in einem Pressestatement bekannt.

Allerdings sieht das Unternahmen auch Licht in dem Schatten, den die Coronavirus-Pandemie auf die allgemeine Marktsituation zu werfen scheint. Das Geschäft mit Bausteinen für Rechenzentren und Telekommunikation laufe gut, meldet das Unternehmen, getrieben durch den zunehmenden Bedarf an Online-Anwendungen zur Zusammenarbeit sowie durch den gestiegenen Datenverkehr. Ebenso sei die Situation in China derzeit dabei, sich wieder zu normalisieren, was zu einer Erholung des lokalen Marktes beitragen dürfte.

Ein Produktionsstopp steht bei Infineon nicht an: Alle größeren Fertigungsstandorte von Infineon weltweit produzieren derzeit weiter, auch wenn einige derzeit nur mit reduzierter Auslastung laufen. Zu den betroffenen Standorten zählen Werke in Regionen wie Malaysia oder Kalifornien, in denen von den Behörden besonders strenge Ausgangseinschränkungen verhängt wurden. Die Versorgung mit Rohmaterialien sei derzeit allerdings stabil. „Logistikketten inklusive alternativer Transportrouten wurden sichergestellt, um unsere Kunden weiterhin zu beliefern. Darüber hinaus werden Forschung & Entwicklung, das Marketing, Vertrieb und Verwaltung weitergeführt, zu einem großen Teil durch Arbeit aus dem Home Office“, teilte das Unternehmen mit.

STMicroelectronics hält Werke in Italien und Frankreich mit reduzierter Belegschaft am Laufen

STMicroelectronics sieht sich an mehreren Standorten mit Covid-19-Auswirkungen konfrontiert. Laut einer Einschätzung von Goldman Sachs stehen ca. 20 % des STM-Umsatzes mit China in Verbindung. Ein Teil der Backend-Produktion befindet sich in Shenzen, Provinz Guangdong, die SOIC-, Strom- und optische Sensoren umfasst und nach Schätzungen von Goldman Sachs ca. 15 % der gesamten STM-Backend-Produktion ausmachen. Mittlerweile ist diese Fertigungsstätte allerdings wieder in Betrieb.

Fertigungsstandorte in Frankreich sind seit dem 17. März betroffen, als die französische Regierung ebenfalls strenge Eindämmungsvorschriften erließ, die die meisten Unternehmen zu Maßnahmen wie Home Office zwingen und strenge Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit und Sicherheit von Angestellten vorschreiben. STMicroelectronics kündigte daraufhin an, dass es die Organisation seiner Front- und Back-End-Fertigungsbetriebe in seinen französischen Werken anpassen werde. Diese befristeten Maßnahmen könnten bis zu 50% des Fertigungspersonals betreffen. EE Times meldete, dass ein Sprecher des Unternehmens dem Magazin gegenüber bestätigt habe, dass das anwesende Personal in den französischen Standorten so weit wie möglich reduziert wurde. Nach allgemeinen Regelungen zur Fernarbeit passe sich das Unternehmen „der Entwicklung der Situation an, um weiterhin die Gesundheit und Sicherheit der in den Räumlichkeiten anwesenden Mitarbeiter zu gewährleisten“, zitiert das Magazin Alexis Breton, Leiter der externen Unternehmenskommunikation von STMicroelectronics.

Diese Nachrichten kamen gerade einmal zwei Wochen, nachdem eine Verschärfung der entsprechenden Ausgangsregelungen auch die Fertigungsstandorte von STM in Norditalien weiter einschränkten. Allerdings seien die Standorte weiter in regulärem Betrieb, versicherte das Unternehmen in einem Pressestatement. „Wir haben keine wesentliche Unterbrechung unserer Operationen in Italien festgestellt – und wir sehen auch keine voraus,“ heißt es aus dem Unternehmen. Belastbare Zahlen, inwieweit sich die Lage auf die erwarteten Umsätze auswirkten, gab STMicroelectronics noch nicht bekannt. Es wird erwartet, dass die Covid-19-bedingten Auswirkungen zentrales Thema der Aktionärs-Hauptversammlung werden, die für den 28. Mai im niederländischen Schiphol angesetzt ist. Die Aktie gab jedenfalls merklich nach, von einem Zwischenhoch von 29,79 Euro auf ein Tief von 13,48 Euro am 18. März. In der vergangenen Woche hat sich der Kurs wieder etwas erholt, steht aber aktuell weiter unter der 20-Euro-Marke.

NXP erwartet Gewinneinbußen von bis zu 150 Millionen US-$

Das niederländische Unternehmen NXP Semiconductor hat ebenfalls angekündigt, dass das Unternehmen seine Umsatzprognosen für das erste Quartal 2020 aufgrund der Auswirkungen des Virus senken müsse. Sowohl beim Direktverkauf als auch über Distributoren seien Durchverkauf und Order-Push-Outs deutlich geringer ausgefallen als erwartet, erklärte NXP-CEO Richard Clemmer Anfang des Monats in einem Schreiben an Investoren. Man rechne damit, dass der Umsatz im ersten Quartal 2020 zwischen 50 und 150 Millionen US-$ niedriger ausfallen werde als erwartet. Der Anfang Februar hatte NXP 2,23 Milliarden Umsatz für das erste Quartal 2020 prognostiziert. „Wir müssen betonen, dass diese Annahmen auf weniger als perfekten Daten beruhen, da die Situation in China nach wie vor sehr wechselhaft ist,“ betonte Clemmer.

Von den drei größten europäischen Halbleiterherstellern hat das Coronavirus den Börsenkurs von NXP am stärksten belastet. Gemessen von Mitte Februar bis Mitte März stürzte der Börsenkurs des Unternehmens um 42% ab, von 110,80 Euro auf ein zwischenzeitliches Tief von 55,63 Euro. Zwar legte auch hier der Kurs im Verlauf der vergangenen Woche wieder merklich zu – am Donnerstag Abend schien sich der Kurs zwischenzeitlich bei 78,46 Euro stabilisiert zu haben.

Auswirkungen weltweit spürbar

Die weltweiten Konsequenzen des Coronavirus-Ausbruchs lassen letztendlich keinen der großen Halbleiterfertiger verschont. Nahezu alle größeren Chiphersteller mussten zum 18. März starke Kurseinbrüche hinnehmen, als an Standorten in Europa und in asiatischen Ländern wie Malaysia verschärfte Regelungen ausgesprochen wurden. Microchip senkte ebenfalls seine Umsatzerwartungen für das Jahr 2020, da aufgrund der Corona-Krise im gesamten asiatischen Raum, vor allem aber in China, die Nachfrage nach Halbleiterprodukten eingebrochen ist. Fabless-Hersteller wie Qualcomm sind ebenfalls von der einbrechenden Nachfrage betroffen.

Auch NVIDIA meldete eine Corona-bedingte Abkühlung des Marktes. Der GPU-Spezialist erholte sich allerdings in der vergangene Woche schneller als die meisten anderen Halbleiterhersteller auf dem Markt. Zum Einen hat der Umstand, dass weltweit Schüler, Studenten und junge Arbeitende zu Hause bleiben müssen, die Nachfrage nach High-End-Grafikchips für Gaming-PCs angekurbelt. Zum anderen hat NVIDIA angekündigt, Wissenschaftlern zur Erforschung eines Mittels gegen SARS-CoV-2 seine cloudbasierte, GPU-getriebene Genom-Analyseplattform Parabricks für 90 Tage kostenlos zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat das Unternehmen Grafikkartenbesitzer aufgerufen, ihre Rechenleistung dem Community-Projekt Folding@Home zur Verfügung zu stellen. Das Projekt berechnet Krankheitsverläufe und widmet sich derzeit ebenfalls der Bekämpfung von Covid-19. Dennoch musste sich das Unternehmen von seinem Mitte Februar erzielten Allzeit-Hoch von 316,32 US-$ pro Aktie verabschieden. Derzeit liegt die NVIDIA-Aktie etwas unter 200 US-$, was dem Kurs von vor einem Jahr entspricht und das Unternehmen aktuell etwas besser als das Marktumfeld dastehen lässt.

Generell ist allerdings zu sagen, dass die Marktbewegungen derzeit aufgrund der wenig abschätzbaren Lage extrem volatil sind. Kurse könnten sich innerhalb weniger Wochen wieder beruhigen, oder aber aufgrund erneuter Verschärfungen der Lage in einzelnen Regionen wieder abstürzen. Die wenigsten Halbleiterunternehmen wagen es daher derzeit, genauere Prognosen über die nächsten Quartale abzugeben.

Der japanische Halbleiterkonzern Renesas musste am 18. März aufgrund verschärfter Auflagen seine drei Fertigungsstätten in Malaysia zwischenzeitlich schließen. Inzwischen hätten aber alle drei Werke ihren Betrieb wieder aufgenommen, wenn auch mit eingeschränkter Kapazität, meldet das Unternehmen. Die beiden chinesischen Standorten in Peking und Suzhou, an denen ebenfalls zwischenzeitlich die Produktion ausgesetzt werden musste, hätten hingegen mittlerweile wieder den Normalbetrieb aufgenommen.

(ID:46469084)

Über den Autor