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Corona-Krise: Wann droht der Elektronikindustrie der Stillstand?

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Die besondere Rolle von Elektronik und Leiterplatte

Bild 1: Der Anteil Chinas an wichtigen Elektronikbauteilen
Bild 1: Der Anteil Chinas an wichtigen Elektronikbauteilen
(Bild: Data4PCB)

Die Elektronik spielt eine separate und ganz eigene Rolle. Nicht nur fertige Geräte, sondern der größte Teil alle Vorprodukte und Bauteile, die in der Elektronik benötigt werden, kommen aus China. Wie wichtig China für die Elektronik ist, verdeutlichen die folgenden Zahlen in Bild 1 und 2. Nimmt man das Beispiel „Smartphones“, so werden zunächst 70% aller Geräte von chinesischen Firmen gebaut und fast alle erforderlichen Bauteile werden zum überwiegenden Teil oder sogar ausschließlich in China hergestellt. Dazu gehören u. a. Bildsensoren, Displays, MLCCs und Leiterplatten.

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Bild 2: Der Anteil Chinas an der Produktion von Smartphones
Bild 2: Der Anteil Chinas an der Produktion von Smartphones
(Bild: Data4PCB)

Auf die Vorprodukte jeder Komponente einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, daher soll nur die Leiterplattenindustrie genauer betrachtet werden – siehe Bild 3. Deren Vorprodukte sind im Wesentlichen Harze, Kupferfolien und Laminate. Wie so viele Produkte, die wir täglich benötigen, geht man ganz selbstverständlich davon aus, dass diese „immer vorhanden sind“ – bis es eben nicht mehr der Fall ist. Ohnehin ist die Lieferkette für die Elektronik sehr dünn, für die weltweit vorhandenen etwa 2.500-3.000 Leiterplattenhersteller gibt jeweils maximal nur ein bis zwei Dutzend Lieferanten für Glasgewebe, Lacke, Harze, Kupferfolien, Laminate, Bohrer und Fräser.

Etwa 55% der Kupferfolie und etwas mehr als 80% der Laminate werden in China produziert und an Abnehmer weltweit geliefert. Wenn also diese Lieferbasis in absehbarer Zeit leerläuft, können Firmen in Europa ihre Kunden ebenfalls nicht mehr beliefern. Besonders betroffen werden die Abnehmer sein, deren Entscheidungskriterium in den vergangenen Jahren ausschließlich der Preis war.

Das zynische Angebot, das jetzt den europäischen Leiterplattenherstellern gemacht wird (wieder liefern „zu dürfen“ – natürlich zu asiatischen Preisen) wird nicht funktionieren, denn offensichtlich werden zunächst die Kunden berücksichtigt, die ihrem Lieferanten auch bisher die Treue gehalten haben. Selbst wenn beteuert wird, dass diesmal alles anders ist und ein Umdenken einsetzt, so bleibt das noch zu beweisen.

Gleiches trifft auch auf die Leiterplattenhersteller zu. Nach vorläufigen Zahlen belief sich der Weltmarktanteil Chinas 2019 auf über 54%. Gerade die Autoindustrie mit ihren äußerst hohen Forderungen hinsichtlich Qualität, Zusatzleistungen und Lieferzuverlässigkeit bei gleichzeitig niedrigsten Preisen stützt sich auf chinesische Lieferanten. In Europa werden allenfalls nur noch Neuentwicklungen und Auslaufserien gefertigt. Jetzt gibt es so gut wie keine freigegebenen Alternativlieferanten in Europa, die einspringen könnten. Daher ist die jetzt eingetretene Situation zumindest teilweise selbst verschuldet.

Bild 3: Die Abhängigkeit von der Produktion Chinas
Bild 3: Die Abhängigkeit von der Produktion Chinas
(Bild: Data4PCB)

Aber auch ein weiterer Aspekt darf nicht vergessen werden: im Frühjahr ist für alle Branchen die Zeit, neue Produkte auf dem Markt vorzustellen, wenn diese zu Weihnachten auf den Gabentischen liegen sollen. Außerdem war geplant gleich nach den Feiertagen nicht nur die Infrastruktur für 5G auszubauen, sondern auch neue Produkte dafür vorzustellen. Üblicherweise reisen die Entwickler aus den USA oder Europa nach China, um Abläufe zu kontrollieren, Fehler zu beseitigen und Prototypen mit nach Hause zu nehmen. Da aber die Reisemöglichkeiten nicht vorhanden sind, muss alles zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Von Firmeninhabern in China war zu hören: Den Handelskrieg und die Zölle könnte man noch verkraften, schließlich liefen die Fabriken und die Lieferwege waren offen. Gegen die Epidemie sei man aber machtlos.

Bild 4: Der Anteil Chinas an der Produktion von Leiterplatten
Bild 4: Der Anteil Chinas an der Produktion von Leiterplatten
(Bild: Data4PCB)

Da es nicht den Anschein hat, dass die Krankheitswelle bald abebbt und es bis zu einer Normalisierung sicherlich noch mehrere Monate dauern wird, hilft nur der enge Kontakt zu Kunden und zu Lieferanten, um die drängendsten Probleme zu lösen. Selten brachte ein Jahreswechsel so viel Unsicherheit. Fragen an den Autor Michael Gasch können Sie via info@Data4PCB.com stellen.

Das Hightech-Zentrum Wuhan in Zahlen

Wuhan ist die Hauptstadt der Provinz Hubei und gilt als „Silicon Valley“, „Optics Valley“ und generelles „Hightech-Zentrum“. Die 11-Millionen-Einwohnerstadt ist Verkehrs-Drehkreuz für Massengüter von der Küste auf dem Yangtse, Straßen- und Bahnknotenpunkt mit internationalem Flugplatz. Die Stadt ist ein Distributionszentrum für Zentralchina und südostasiatische Länder.

Wuhans Wirtschaftsleistung betrug 2019 etwa 213 Milliarden US-Dollar – ähnlich groß wie Griechenland. Das Wachstum betrug 7,8% in 2019 gegenüber 6,1% in Gesamtchina.

Dominaten Industrien sind Autoproduktion (10 Werke internationaler Hersteller), Chemie-, Pharma- und Bioindustrie sowie Lebensmittelverarbeitung. Im Feld der Elektronik ist die Region stark bei Halbleitern, NAND-Flash, Displays, Software, Laser, Optoelektronik, Bauteile, Leiterplatten und Bestückung.

Dieser Beitrag ist erschienen in der Fachzeitschrift ELEKTRONIKPRAXIS Ausgabe 6/2020 (Download PDF)

* Michael Gasch, Data4PCB ist Leiterplatten-Experte und -Marktforscher und ein profunder Asienkenner.

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