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Corona-Krise: Wann droht der Elektronikindustrie der Stillstand?

| Autor / Redakteur: Michael Gasch / Johann Wiesböck

Der von den USA vom Zaun gebrochene Handelskrieg, die grundsätzliche Neuausrichtung im Automobilbereich und der Brexit sollten eigentlich genügende Herausforderungen für ein Jahr sein – doch es kommt noch schlimmer. Lesen Sie warum!

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Michael Gasch, Data4PCB: „Foxconn hat an einzelnen Standorten mehr als 100.000 Arbeiter, von denen bis Ende Februar nur 10% erschienen sind.“
Michael Gasch, Data4PCB: „Foxconn hat an einzelnen Standorten mehr als 100.000 Arbeiter, von denen bis Ende Februar nur 10% erschienen sind.“
(Bild: Unsplash / Unsplash)

Seit Ende Januar weiß die Welt, dass sich in China – wieder einmal – ein erhebliches Gesundheitsrisiko entwickelt. Die (Nicht-)Informationspolitik des Landes hat schon in der Vergangenheit immer wieder auftretende Probleme entweder gar nicht oder verspätet und in jedem Fall verharmlosend publiziert. Die seit August 2018 aufgetretene Schweinepest bemerkte man in Europa zunächst nur an den steigenden Fleischpreisen. Von der im Januar – ebenfalls in der Provinz Hunan – aufgetretenen Vogelgrippe (H5N1) wird bislang nur in Ärztekreisen gesprochen. Dafür hat es das Coronavirus, inzwischen als SARS-CoV-2 benannt, nunmehr täglich in die Schlagzeilen geschafft.

Zunächst haben die chinesischen Behörden durch publikumswirksamen Aktionismus gezeigt, dass sie sich den Vorwurf, zu wenig zu tun, nicht nochmals gefallen lassen wollten. Innerhalb von nur 6 bzw. 10 Tagen wurden zwei neue Krankenhäuser in Wuhan gebaut, doch deren 2600 Betten reichen trotzdem bei weitem nicht aus. Parallel wurde erst die Stadt Wuhan (am 23.1.) und kurz darauf (25.1.) insgesamt 34 Städte in 25 Provinzen unter Quarantäne gestellt (diese repräsentieren 69% des chinesischen BIP); nur weitere zwei Tage später wurde der Schiffs-, Flug-, Bahn- und Busverkehr eingestellt. Weil aber die Quarantäne 24 Stunden vorher angekündigt wurde, verließen noch schätzungsweise 5 Mio Menschen die Stadt Wuhan.

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Ende Januar wurden die Feiertage zum chinesischen Neujahrsfest erst um 3, später um 10-14 Tage verlängert. Ab diesem Zeitpunkt wurden 60 Mio. Menschen daran gehindert, ihre Häuser zu verlassen oder wieder zur Arbeit zu gehen.

Trotz dieser drastischen Maßnahmen sind Zweifel angebracht, ob die publizierten Fall- und Todeszahlen zutreffend sind. Es hat fast den Anschein, als ob die tägliche prozentuale Steigerungsrate von der Zentralregierung vorgegeben ist: so stiegen die Fallzahlen nach der Korrektur vom 13.2. in China durchschnittlich um 3% und fielen seit dem 18.2. wieder. In manchen Provinzen hat sich die Zahl der Fälle seit dem 8.2. sogar überhaupt nicht verändert. Demgegenüber steigen im Rest der Welt die Erkrankungen aber weiter um mehr als 10% pro Tag.

Diese Diskrepanzen können möglicherweise auch daran liegen, dass die Gesundheitsversorgung in China außerhalb der Ballungszentren mangelhaft ist – und selbst in den Städten vielfach zu wünschen übrig lässt, weil schon die Ausbildung des Personals schlecht ist. Deshalb gehen unabhängige Experten davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Erkrankungen mindestens 10x höher ist. Die Bevölkerung ist daher misstrauisch und befürchtet, dass alles viel schlimmer ist.

Was ist 2020 anders als im Jahr 2003?

Was ist anders als 2003? Zunächst sind die grundsätzlichen Voraussetzungen heute ganz anders: vor 17 Jahren hatte China ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von knapp 1500 Mrd USD und einen Anteil an der Weltwirtschaft von nur 4%. Heute ist die Wirtschaftsleistung dagegen fast zehnmal höher und der Anteil an der Weltwirtschaft beläuft sich auf 17,7%. China hat sich im Laufe der Jahre nicht nur zum Produktionszentrum für die Welt entwickelt, sondern auch zum größten Markt der Welt. Das jährliche Wachstum ist zwar nicht mehr so hoch wie früher – zwischen 2000 und 2015 waren es durchschnittlich mehr als 10% – aber auch die erreichten 6,1% Wachstum im vergangenen Jahr waren deutlich mehr, als in den anderen Industrienationen.

Der Ausgangspunkt der Lungenkrankheit war Wuhan, die Hauptstadt der Provinz Hubei. Man nennt die Stadt auch das „Silicon Valley Chinas“. Neben Auto-, Pharma- und Schwerindustrie sind noch eine Reihe weiterer, wichtiger Industriezweige dort angesiedelt. Hersteller von Halbleitern, optoelektronischen Bauteilen, Sensoren und Flachbildschirmen sind dort ansässig und manche haben einen teilweise bedeutenden Weltmarktanteil.

Aber es ist ja nicht nur die Region um Wuhan, die betroffen ist, ganz China ist inzwischen weitgehend gelähmt. Das betrifft insbesondere die Bewegungsfreiheit der Arbeitskräfte. Insgesamt gibt es in China ca. 288 Mio Wanderarbeiter (2018), das sind etwa 37% der gesamten arbeitenden Bevölkerung. Durch die immer noch in 25 Provinzen geltenden Reiseverbote und Ausgangssperren sind von vornherein 60 Mio Menschen daran gehindert, Busse, Züge oder Flugzeuge zu nehmen.

Es kommt eine weitere Besonderheit der Arbeitsverträge Chinas hinzu. Langfristige Verträge gibt es so gut wie gar nicht, daher gibt es schon innerhalb eines laufenden Jahres eine hohe Fluktuationsrate. In normalen Jahren ist ein monatlicher Personalumschlag in der Größenordnung von 20-30% keine Seltenheit. Damit verbunden ist zwangsläufig die Notwendigkeit, laufend neue Mitarbeiter auszubilden. Der eigentliche „große“ Kündigungstermin ist allerdings das Chinesische Neujahr. Ein Arbeitgeber weiß nie genau, wie viele seiner Mitarbeiter nach den Feiertagen wieder zurückkommen.

Produktionsengpass weil der Großteil der Belegschaft fehlt

Eine Faustregel besagt, dass das es zwischen 70 und 85% der gesamten Belegschaft sind. Dieses Jahr dürfte der Prozentsatz aber deutlich niedriger sein. Mit den bestehenden Reisebeschränkungen haben manche Unternehmen nur mit 10 bis 30% der üblichen Belegschaft den Betrieb wieder aufnehmen müssen. Dass damit die normalerweise üblichen Mengen nicht gefertigt werden können, ist selbstverständlich.

Foxconn, der u.a. den größten Teil der Smartphones für Apple fertigt, hat an einzelnen Standorten mehr als 100.000 Arbeiter, von denen bis Ende Februar nur 10% erschienen. Bestückung ist zu einem großen Teil Handarbeit, doch wegen der Furcht vor Ansteckung dürften viele der Arbeiter zunächst einmal abwarten. Außerdem stehen große Betriebe unter besonderer Aufsicht: es werden täglich Gesundheitsaudits durchgeführt und wenn auch nur ein erkrankter Mitarbeiter gefunden wird, muss der ganze Betrieb schließen.

Wie abhängig die Welt vom Produktionsland China ist, bemerkt sie erst nach und nach. Bei Textilien und Schuhen liefert China 34% bzw. 39%, bei Metallen und Erzen sind es 13% (darunter Besonderheiten wie Seltene Erden) und bei Maschinen sowie elektrischen Geräten sind es jeweils 20%.

In der zweiten Februarhälfte wurde vorsichtig damit begonnen, die Fertigung wieder aufzunehmen, aber in allen Branchen wurden die Lieferketten unterbrochen. Die Verfügbarkeit von Vorprodukten spielt eine wesentliche Rolle dafür, wann die Versorgung der weltweit verstreuten Kunden wieder aufgenommen werden kann. Jahrzehnte von Lean Management, Just-in-time und Dutzende von Kostensenkungsprogrammen schafften eine adäquate Lagerhaltung ab: es war ja immer alles verfügbar. Wegen des Chinesischen Neujahrsfestes waren zwar zusätzliche Vorräte geschaffen worden und es waren im Februar auch noch gewisse Lieferungen per Schiff unterwegs, doch es ist abzusehen, dass die Versorgung leerläuft. Erste Autofabriken in Korea und Europa mussten bereits Mitte Februar die Bänder stilllegen.

Sollte trotzdem produziert werde können, gibt es zu wenig Transportkapazität. Es gibt kaum Lieferfahrzeuge und die wenigen, die unterwegs sind, haben lange Aufenthalte wegen zusätzlicher Gesundheitsüberprüfungen an den Kontrollposten entlang der Straßen. 70 internationale Fluggesellschaften haben die Verbindungen für Passagierflüge von und nach China bis mindestens Ende März gestrichen. Damit entfällt ein großer Teil von Frachtkapazität, die auf diesen Flügen transportiert werden könnten. Außerdem wurde die Zahl der Frachtflüge um mindestens ein Drittel reduziert und die noch bestehenden Verbindungen transportieren vornehmlich medizinische Produkte.

Ähnlich schwierig sieht es bei Seeschiffsverbindungen aus. Nach Europa gab es im Februar fast die Hälfte weniger Abfahrten und nur zwei Drittel der sonst üblichen Containermenge wurden verschifft. Es ist schon abzusehen, dass es bei Bekleidung und bei Konsumprodukten Engpässe geben wird, weil chinesische Häfen auf absehbare Zeit sehr viel weniger angelaufen und Routen umgeleitet werden. Dadurch ergibt sich die paradoxe Situation, dass z. B. in Shanghai Waren zwar fertig verladen sind, aber die Container nicht verschifft werden. Bis sich die Lage wieder normalisiert, dürften mindestens 3-6 Monate vergehen, weil für die dann (hoffentlich) wieder verfügbare Fracht nicht genügend Container in China zur Verfügung stehen.

Wen trifft die Krise am härtesten?

Zunächst muss davon ausgegangen werden, dass die Einkommen in China zurückgehen. Auch wenn die Arbeiter auf Geheiß der Regierung weiterbezahlt werden müssen, so wird das viele – insbesondere kleinere – Firmen in die Insolvenz treiben, denn diese mussten durch den Handelskrieg der Amerikaner schon erhebliche Verluste hinnehmen. Wenn die Arbeiter nunmehr nur auf den Basislohn angewiesen sind, reicht das kaum, denn die Einkünfte aus Überstunden sind normalerweise notwendig. Außerdem steht das Geld, was jetzt in Gesundheitsausgaben fließt, für den Konsum nicht mehr zur Verfügung.

Abgesehen von der Industrie ist der Tourismus besonders stark betroffen. Weltweit sind 18% aller tourismusbezogenen Ausgaben auf Chinesen zurückzuführen Besonders in den Ländern Südostasiens, aber auch in Europa und den USA fehlen diese Einkünfte, die große Teile des BIP ausmachen und Millionen von Arbeitsplätze stützen. Chinesische Touristen sind als besonders ausgabefreudig bekannt, sie geben im Schnitt 6.000 bis 7.000 US-$ pro Reise aus. So werden Hotels, Restaurants, Freizeiteinrichtungen aber auch Messen und Kongresse oder die Olympischen Spiele im Sommer in Japan stark leiden.

Die Pharmaindustrie liefert wichtige Wirk- und Trägerstoffe, davon sind dann auch besonders die Hersteller von Generika in Asien (insbesondere in Indien) betroffen. Die USA und Europa müssen daher weitere Engpässe bei der Medikamentenversorgung befürchten.

Ein Auto besteht aus mehr als 30.000 Teilen. Nachdem die Autoindustrie im letzten Jahrzehnt die Fertigung regionalisiert hat (Mexiko für die USA, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Rumänien für Europa und China für Asien) kommen bis zu 40% der benötigten Teile für alle Werke aus China. Wuhan ist das Zentrum der Zulieferer und speziell für Elektronik. Weil die Stadt das Zentrum und der Ausgangspunkt für die Epidemie ist, dürfte es noch deutlich länger als in anderen Provinzen dauern, bis regelmäßige Lieferungen wieder aufgenommen werden können.

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