Unternehmensführung Conrad – vom Einmannbetrieb zum Omnichannel-Anbieter

Redakteur: Thorsten Mahr

Mut und Leidenschaft für Technik zeichnet das Familienunternehmen von Anbeginn aus. Conrad-CEO Ralf Bühler erläutert die aktuellen Herausforderungen im Interview mit der ELEKTRONIKPRAXIS.

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Ralf Bühler, CEO bei Conrad: „Als technikbegeisterter Innovationstreiber ist die Digitalisierung fest in unserer DNA verankert.“
Ralf Bühler, CEO bei Conrad: „Als technikbegeisterter Innovationstreiber ist die Digitalisierung fest in unserer DNA verankert.“
(Bild: Conrad)

ELEKTRONIKPRAXIS: Herr Bühler, wie beurteilen Sie den Wandel des traditionsreichen Technikhändlers hin zur Sourcing Platform?

Ralf Bühler, Conrad: Unsere unternehmerische Reise begann vor fast 100 Jahren. Damals gründete Max Conrad – der Urgroßvater unseres heutigen Verwaltungsratsvorsitzenden Dr. Werner Conrad – das Familienunternehmen. Und von Beginn an hatten wir – neben einer großen Portion Mut – die Leidenschaft für Technik im Gepäck und die Bedürfnisse der Kund*innen im Blick. Der Anspruch, Produkte und Lösungen anzubieten, die Lebensqualität und den Arbeitsalltag verbessern, bestand schon damals. Am Anfang unserer Firmengeschichte waren das Bauteile, die den Hörfunk und Fernsehen in viele deutsche Haushalte brachten. Heute ist das Sortiment der Conrad Sourcing Platform auf mehr als 6 Millionen Produktangebote gewachsen und ermöglicht insbesondere Unternehmen die Deckung ihres täglichen technischen Betriebsbedarfs aus einer Hand.

Als technikbegeisterter Innovationstreiber ist das Thema Digitalisierung fest in unserer DNA verankert: Was Ende der 90-er Jahre mit dem Eintritt ins Online-Geschäft begann, findet in der heutigen Ausrichtung unseres Geschäftsmodells hin zur Conrad Sourcing Platform mit B2B-Fokussierung seine konsequente Fortsetzung. Kleinen Unternehmen, Handwerksbetrieben und Konzernen einfache, schnelle und umfassende Beschaffung mit kurzen Lieferketten zu ermöglichen, das ist unser Weg, um uns zur führenden europäischen Beschaffungsplattform für technischen Betriebsbedarf zu entwickeln. Der Conrad Marketplace ist integraler Bestandteil dieses Geschäftsmodells und eröffnet unseren B2B-Kunden ein noch breiteres und tieferes Sortimentsspektrum: Mittlerweile erweitern dort über 300 Partner und rund 5.000 Marken das Angebot.

Was ist Ihre Vision und wo sehen Sie entscheidende Etappenziele Conrads Sourcing Platform?

Ganz kurz und knapp und vielleicht auch etwas provokant lautet meine Antwort: Als ausgewiesene Experten im Bereich Technik und Elektronik haben wir keine Lust, den globalen Markt der digitalen Wirtschaft und betrieblichen Beschaffung den Big Playern zu überlassen. Entscheidend dafür ist, die Anforderungen der Kund*innen nicht nur zu verstehen, sondern passgenaue Lösungen zu präsentieren. Und diese sind in den heutigen Zeiten eben zunehmend digital.

Vor diesem Hintergrund haben wir den Begriff “Omnichannel Access“ geprägt und für uns als Aufgabe definiert. Was genau ist damit gemeint? Beschaffung ist für Unternehmen dann einfach, schnell und umfassend, wenn jeder Kundengruppe die für sie passende Einkaufsanbindung angeboten wird. Erfolgreichen Omnichannel-Handel in der heutigen Zeit zu betreiben, bedeutet also weitaus mehr als die Wahl zwischen Filiale und Onlineshop. B2B-Kunden benötigen darüber hinaus einen auf sie zugeschnittenen Zugang innerhalb der digitalen Welt – genau diesen Omnichannel Access bieten wir und bauen unsere Angebote in diesem Bereich immer weiter aus.

Wie genau bzw. mit welcher Technologie sich unsere B2B-Kunden an unsere Plattform anbinden wollen, das können sie je nach Unternehmensgröße selbst entscheiden: Vom Webshop über OCI, CSP, eKataloge, EDI und API bieten wir verschiedene Schnittstellen und Services wie Smart Ordering an, um uns in bestehende Kundensysteme von Großkunden zu integrieren, kleineren und mittleren Unternehmen elektronische Einkaufssysteme zur Verfügung zu stellen oder ihnen ganz klassisch die Möglichkeit zu geben, Produkte einfach nur via Webshop zu kaufen.

Digitalisierung ist also nicht einfach nur ein Trend, den Conrad mitgeht?

Genau. Unser Anspruch ist es, mit innovativen Services und Lösungen den Handel der Zukunft aktiv mitzugestalten und auch andere Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle zu unterstützen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist unsere Plattform Conrad Connect und ihre Nutzung als Platform-as-a-Service (PaaS): Als eine der führenden IoT-Plattformen in Europa pflegt Conrad Connect ein rasant wachsendes Ökosystem, in das mittlerweile mehr als 130 namhaften Herstellern eingebunden sind. Unternehmen haben die Möglichkeit, die Plattform-as-a-Service (PaaS) zu nutzen, um neue digitale Geschäftsmodelle in Bereichen Energiemanagement, Elektromobilität, Fertigung, Handel oder Gebäudemanagement zu entwickeln. Unterstützt von Conrad Connect können sie auf einfache Weise eigene IoT-Anwendungen erstellen und beliebig erweitern und somit auch ihren eigenen Zielgruppen die Vorteile des Internets der Dinge zur Verfügung stellen. Dabei brauchen sie weder eine eigene IoT-Infrastruktur noch ein Expertenteam. Um ein Beispiel zu nennen: Fjordkraft, einer der führenden norwegischen Stromanbieter, hat jüngst seine bestehende Endkunden-App mithilfe von Conrad Connect um smarte Features im Bereich Energiemanagement erweitert. Dank dieser Erweiterung können Fjordkraft-Kunden ihre Elektroautos jetzt u.a. kostenoptimiert laden – gerade in Norwegen, wo sich Strompreise stündlich ändern, ein echter Mehrwert.

Gibt es im Bereich Omnichannel Access ganz aktuell eine Neuerung, über die Sie berichten können?

Ja, die gibt es, genauer gesagt seit Mitte März. Unsere neueste Lösung im Bereich eProcurement trägt in erster Linie dazu bei, unseren B2B-Kunden schlankere Einkaufsprozesse zu ermöglichen. Denn bislang konnte das umfassende Produktangebot auf den Conrad Marketplace nur über unseren Webshop eingekauft werden. Für unsere OCI- und CSP-Kunden hatte das zur Folge, dass sie über ihr eigenes elektronisches Einkaufssystem keinen Zugriff auf Marketplace-Produkte hatten. Das hat sich jetzt geändert: Unsere OCI- und CSP-Kunden erhalten ab sofort individuellen Zugang zu einem erweiterten Sortiment, das sukzessive wachsen und auf nahezu das gesamte Angebot ausgeweitet wird. Dabei können Unternehmen entweder eine direkte Schnittstelle in ihrem ERP-System nutzen (OCI) oder das webbasierte Conrad Smart Procure (CSP) nutzen. Gleichzeitig steht diesen beiden Kundengruppen ab sofort unsere neue Single-Creditor-Lösung zur Verfügung. Anders als bisher erhalten unsere OCI- und CSP-Kunden die Rechnung für ihre Bestellung direkt von uns – egal, wie viele Rechnungen von verschiedenen Marktplatz-Partnern die Bestellung umfasst. Damit gehört das lästige und zeitaufwändige Verwalten unzähliger Rechnungssteller der Vergangenheit an. – Ein wichtiger Schritt, um Beschaffungsprozesse zu optimieren und damit Zeit und Kosten zu sparen.

Weshalb setzt Conrad – im Gegensatz zu vielen Konkurrenten – trotz Automatisierung und Digitalisierung auf den Faktor Mensch?

Nahezu ein ganzes Jahrhundert am Markt erfolgreich zu sein schafft man nur, wenn man sich selbst treu bleibt. Als traditionsreiches Familienunternehmen gehen wir schon immer unseren eigenen Weg und setzen dabei neben unserer Technikexpertise auf den Faktor Mensch. Natürlich setzen auch wir auf die Digitalisierung und Automatisierung unserer Prozesse – denn nur so kann es gelingen, den dynamischen Entwicklungen in unserer Branche einen Schritt voraus zu sein. Wir sind aber gleichzeitig davon überzeugt, dass Menschen und Maschinen zusammengehören und die digitale Welt nur mit dem Faktor Mensch funktioniert. Als Experte für technischen Betriebsbedarf kennen wir die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Kund*innen und bieten ihnen online und offline fachkundigen Austausch mit unserer Businessberaterung und Betreuung durch unsere Key Account Manager und unseren Inside Sales. Auf der anderen Seite können sich auch unsere Marktplatz-Partner – anders als bei vielen anderen Marktplatzanbietern – vom ersten Kontakt an und weit über das Onboarding hinaus auf einen engen Austausch und persönliche Betreuung verlassen. Gemeinsam prüfen wir, ob ihr Sortiment zu unseren Zielgruppen passt und integrieren ihr Angebot passgenau in unseren Marketplace. Zu einem regelmäßigen Austausch gehört für uns auch das Einholen von Feedback, um zu erfahren, wie wir mit dem berühmten Blick von außen gesehen werden. Genau dieser direkte und vielfach langjährige Kontakt zu unseren Zielgruppen, Herstellern und Partnern sehen wir als zentrale Chance, uns vom Wettbewerb zu unterscheiden. In Zeiten, in denen die Anzahl an Online-Plattformen rasant zunimmt und es auch im B2B-Handel immer mehr Marktplatzanbieter gibt, ist das wichtiger denn je.

Welche Rolle kann Conrad mit seinen Lösungen und digitalen Services für Entwickler und in der Elektronikentwicklung spielen?

Ob Hard- und Softwareentwickler*innen, Spezialist*innen für Aufbau- und Verbindungstechnik sowie Baugruppenfertigung oder professionelle Einkäufer*innen in der Elektronikbranche: Abgesehen von unserem umfassenden und ständig wachsenden Sortiment haben wir auf der Conrad Sourcing Platform maßgeschneiderte Services im Portfolio, um Profis der Elektronik- und Entwicklerbranche in ihrer Arbeit punktgenau zu unterstützen. Beispielsweise bieten wir PCB Produktion und Bestückung, SMD-Schablonenproduktion, einen 3D-Druckservice, Einzelstückbelieferung bis Industrieverpackungen, einen Kalibier-, Kabelmeter- sowie einen Kabelkonfektionsservice an.

Gerade auch im Einkauf eines Unternehmens wird darüber hinaus auf einfache und damit zeit- und kostensparende Beschaffungsprozesse geachtet. Lieferantenkonsolidierung ist hier ein wichtiges Stichwort. Und genau hier kommt unser Verständnis von einer umfassenden Sourcing Platform zum Tragen: Viele Unternehmen konzentrieren ihre Beschaffung auf produktions- und entwicklungsrelevante Bereiche und binden dort ihre Ressourcen. Für den Einkauf von B- und C-Teilen bedeutet das: Hier sind selten einheitliche Prozesse definiert und häufig werden diese Artikel für den täglichen Betriebsbedarf einfach dort eingekauft, wo es gerade passt. Die Folge sind immer mehr und viele verschiedene Lieferanten, was Bestellprozesse immer komplexer und zeitaufwendiger werden lässt, so dass der hierfür erforderliche monetärer Aufwand die eigentlichen Artikelkosten häufig übersteigt. Genau diese Tail-Spend-Problematik kann die Conrad Sourcing Platform lösen, denn mit uns decken Unternehmen ihren technischen Betriebsbedarf unkompliziert aus einer Hand und minimieren so ihre Prozesskosten.

Wie sieht Conrad die aktuelle Lage der Bauteilbeschaffung und den Supply Chain Problemen durch Brexit mit den UK sowie Engpässe in Asien? Welche Lösungsansätze hat Conrad?

Insbesondere der Halbleitermarkt – und hier ist fast jedes elektronische Produkt betroffen – zeigt in der aktuellen Situation eine der größten Allokationen der vergangenen Jahre. Bislang gelingt es uns dennoch, einen Großteil der Produkte anzubieten, wir sehen aber erste Herausforderungen im ICT-Umfeld. Im Sinne einer zuverlässigen Supply Chain ist unser Einkauf bereits zu Beginn der Krise in enger Abstimmungen mit unserem Lieferantennetzwerk getreten und es ist uns so gelungen, die Warenverfügbarkeit auch in diesen herausfordernden Zeiten sicherzustellen: Lagerbestände wurden entsprechend erhöht und gerade auch jetzt in Q2, wo immer mehr Produktgruppen von Allokation betroffen sind, haben wir nochmals gezielt in Lagerbestände investiert. Dass wir häufig auch limitierte Ware priorisiert bekommen, verdanken wir nicht nur unseren guten Kontakten, sondern vor allem auch den über viele Jahre gewachsenen und vertrauensvollen Geschäftsbeziehungen zu unseren Lieferanten. Sollte ein Produkt dennoch nicht lieferbar sind, werden in unserem Webshop natürlich proaktiv Produkt-Alternativen angeboten. Auf Kundenseite können außerdem Termin- und Abrufaufträgen dabei helfen, Lieferungen vorausschauend zu planen und bedarfsgerecht abzurufen. Außerdem wird auf Wunsch der Conrad Beschaffungsservice aktiv, bei dem unsere Expertenteam seine weltweiten Kontakte nutzt und sich stellvertretend für die Kund*innen auf die zeitintensive Suche nach dem gewünschten Artikel macht.

In vielen Ländern sieht man den dritten Corona bedingten Lockdown. Wie betrifft dies Conrad und welche Lösungen gibt es?

Der Schutz und die Gesundheit unserer Mitarbeiter*innen hat für uns oberste Priorität. Bereits Mitte Februar 2020 haben wir verschiedene Krisen- und Notfallszenarien ausgearbeitet und waren somit gut vorbereitet – noch bevor Covid-19 Deutschland erreicht hat. Dank bereits bestehender digitaler Strukturen und einer cloudbasierten Arbeitsumgebung ist es uns zu Beginn der Pandemie innerhalb weniger Tage gelungen, 99 Prozent unserer in der Zentrale Beschäftigten mobiles Arbeiten von zuhause aus zu ermöglichen. Nach einer kurzen Phase in den Sommermonaten, wo wir einzelne Abteilungen im rotierenden System mit einer max. 50% Anwesenheit vor Ort in unserer Zentrale besetzt hatten, liegen wir seit Monaten aufgrund der aktuellen Corona-Situation und den steigenden Zahlen wieder bei einer Quote von 99 Prozent mobilen Arbeitens.

Auch im Hinblick auf unsere Filialen war und ist es trotz Pandemie und Filialschließungen unser Ziel, schnell zu reagieren und unseren Kund*innen bestmöglichen Service zu bieten. Aufgrund unterschiedlicher Situationen und Regelungen in den verschiedenen Bundesländern ist das zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach. Aber auch hier bekommt man Routine: Im Bedarfsfall wird in unseren Filialen aus Click&Collect wieder Click&Delivery. Und je nach Situation am jeweiligen Filialstandort bieten wir natürlich auch Click&Meet an. Besonders wichtig für unsere Geschäftskunden: Unsere Businessberatung aus den Filialen heraus war und ist zu jedem Zeitpunkt sichergestellt und findet vollumfänglich auf digitalem Weg statt.

Trends in der Elektronikentwicklung: Welche sieht Conrad, und wo liegt der Fokus für Sie?

Insbesondere für Entwickler werden die kommenden Monate bezogen auf die Supply Chain spannend und es ergeben sich Chancen, neue Wege zu gehen: Hintergrund ist, dass aufgrund umfassender Digitalisierungs-Maßnahmen Unternehmen vermehrt auf Embedded Produkte setzen. Die Verfügbarkeit etablierter Komponenten ist aufgrund dieser Entwicklung sowie der aktuell vorherrschenden Allokation folglich nicht immer gewährleistet, so dass im Fall der Fälle vermehrt auch andere Hersteller berücksichtigt werden müssen. Conrad unterstützt seine Kunden beim Thema Verfügbarkeit und bei der Suche nach passenden Alternativen gerne schnell und unkompliziert.

Neben diesen ganz aktuellen Trend verstärken wir das Engagement im Bereich E-Mobility, Leistungselektronik, Bildbearbeitung sowie in der Verzahnung von Software und Hardware. Steigende Anforderungen aus dem Bereich Cyber-Security und Nachhaltigkeit werden auch in die Elektronikentwicklung Einzug halten.

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