Bis zu 10 Prozent Aufschlag Chipmangel: Autos könnten deutlich teurer werden

Redakteur: Michael Eckstein

Die Preise für Autos werden in den kommenden Monaten anziehen – davon geht Euler Hermes aus. In Deutschland könnte dieser mit der aktuellen Chip- und Rohstoffknappheit begründete Aufschlag bis zu 10 Prozent betragen.

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Gefragt: Die äußerlich meist unscheinbaren Halbleiter-Chips überzeugen mit inneren Werten – und sind gefragt wie selten zuvor.
Gefragt: Die äußerlich meist unscheinbaren Halbleiter-Chips überzeugen mit inneren Werten – und sind gefragt wie selten zuvor.
(Bild: Bosch)

Die Preise für Autos könnten nach Einschätzung des zum Allianz-Konzern gehörenden Kreditversicherers Euler Hermes in den kommenden Monaten zwischen 4 und 10 Prozent steigen. Wegen fehlender Halbleiter sei die Nachfrage höher als das Angebot: „Die europäischen und deutschen Autobauer sitzen durch die Chip-Knappheit aktuell am längeren Hebel“, sagte Deutschlandchef Ron van het Hof am Mittwoch. Eine Normalisierung sei erst im kommenden Jahr zu erwarten.

Die Autohersteller hätten jetzt eine einmalige Gelegenheit, die Preise nach fast 20 Jahren anzuheben und ihre Margen deutlich zu verbessern. „3 bis 6 Prozent Preissteigerung sind europaweit deshalb aktuell drin.“ In Deutschland seien es sogar zwischen 6 und 10 Prozent. Nach den Corona-Lockdowns sei die Nachfrage gestiegen. Die Neuzulassungen in Europa legten im ersten Halbjahr um 25 Prozent auf 5,4 Millionen Autos zu.

„Diese Erholung sowie die steigende Preissetzungsmacht ist für die gesamte Branche ein Hoffnungsschimmer für die baldige Rückkehr in eine neue Normalität“, sagte van het Hof. „Das ist auch für die Zulieferer ein wichtiges Signal.“ Um in Klimaschutz und neue Technik zu investieren, seien höhere Preise und Margen hilfreich.

Milliardengewinne trotz Chipmangel und Corona

In seiner Einschätzung unerwähnt bleibt allerdings die Tatsache, dass die Autokonzerne auch mit der bestehenden Preisstruktur seit Jahren Rekordumsätze und Gewinne einfahren – von einer Corona-bedingten Delle im letzten Jahr abgesehen.

Seit Wochen jagt jedenfalls eine Jubelmeldung die nächste. So hat etwa Audi ungeachtet von Corona und Chipmangel im ersten Halbjahr 2021 so viele Fahrzeuge verkauft wie nie zuvor. Auch Konzernschwester Porsche und Mutter VW sowie Daimler wiesen Milliardengewinne aus. Je nach Marke und Markt liegen die Steigerungsraten gegenüber dem Vorjahr bei bis zu 50 Prozent. BMW und Opel-Mutter Stellantis (Peugeot, Citroën, Fiat) lagen im Juni ebenfalls komfortabel im Plus bei den Neuzulassungen .

VW-Rivale Hyundai setzte seinen Aufwärtstrend seit Jahresbeginn ebenso fort, das Unternehmen berichtet von einem satten Umsatz- und Gewinnsprung. Und Tesla vermeldet einen Rekord: Erstmals hat der E-Auto-Pionier über eine Milliarde Gewinn gemacht – in nur einem Quartal. Der Bau des ersten europäischen Tesla-Werks in Grünheide bei Berlin liege im Plan, noch in diesem Jahr sollen erste Autos des Kompakt-SUV Model Y aus den Hallen rollen.

China: Absatz sinkt, liegt aber im ersten Halbjahr 20 Prozent über dem Vorjahr

Zuletzt hatte allerdings der wichtige chinesische Markt zu stottern begonnen. So sind die Autoverkäufe in China im Juli weiter zurückgegangen. Konkret ist der Fahrzeugabsatz im Vergleich zum Vorjahr um 6,4 Prozent zurückgegangen, wie der Branchenverband PCA (China Passenger Car Association) mitteilte. Damit war das Abflauen noch etwas stärker als im Juni.

Auch der Herstellerverband CAAM (China Association of Automobile Manufacturers) hatte vergangene Woche von einem Rückgang berichtet. Demnach schrumpfte die Zahl der verkauften Fahrzeuge im Vergleich zum Vorjahr sogar um knapp 14 Prozent auf 1,82 Millionen Stück. CAAM bezieht in seine Daten anders als PCA auch Nutzfahrzeuge ein und misst den Absatz der Produzenten an die Händler.

CAAM betonte aber auch, dass der Absatz von Fahrzeugen trotz des Rückgangs im Juni und Juli in den ersten sieben Monaten im Vergleich zum von Corona geprägten Vorjahreszeitraum noch um fast ein Fünftel zugelegt hat.

Kommt das dicke Ende noch?

Chipmangel und Rohstoffknappheit könnten die Fahrzeugfabrikanten allerdings noch einholen. Während einige Unternehmen davon ausgehen, das sich die Lage bei Mikrocontrollern bis nächstes Jahr entspannt, bleiben die wichtigen Flash-Speicher voraussichtlich auf die nächsten zwei, drei Jahre Mangelware.

So geht denn VW-Chef Herbert Diess davon aus, dass eine grundsätzliche Knappheit bei Chips besteht, die man wegen der vielen vernetzten Geräte in den Fahrzeugen brauche. „Das wird unsere Volkswagen-Werke auch in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren, weiter beschäftigen“, sagte er der Deutschen Presse Agentur dpa. Nach eigenen Angaben konnte VW in den ersten sechs Monaten eine hohe sechsstellige Zahl an Autos nicht wie geplant bauen. Experten schätzen, dass dieses Jahr weltweit bis zu fünf Millionen Autos nicht gebaut werden können, weil Teile fehlen.

In Großbritannien hat bereits der Brexit (nicht nur) die Autobranche hart getroffen, nun manifestieren sich auch Probleme durch Corona und den IC-Mangel: So meldet die britische Autoindustrie den schlechtesten Juli-Absatz seit 1998. Fast 30 Prozent liegt der Umsatz unter dem – bereits schwachen – Monat Juli 2020. Der Chef des Verbands Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT), Mike Hawes, geht davon aus, dass der Halbleitermangel mindestens bis zum Jahresende problematisch bleiben werde.

Mit Material von dpa

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