Trotz hoher Nachfrage Chip-, Material- und Teilemangel droht Aufschwung auszubremsen

Autor Michael Eckstein

Autohersteller und ihre Zulieferer sind nicht die einzige betroffene Branche: Die aktuelle Mangelsituation bremst fast die Hälfte der deutschen Industrie aus. Die Not ist so groß, dass analoge Tachometer plötzlich wieder en vogue sind.

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Renaissance der Rundinstrumente: Weil ICs fehlen, bekommt der Peugeot 308 wohl wieder ein analoges Tachometer. Ganz so stilvoll wie im Bild wird die Armaturentafel des Kompakten aber vermutlich nicht ausfallen.
Renaissance der Rundinstrumente: Weil ICs fehlen, bekommt der Peugeot 308 wohl wieder ein analoges Tachometer. Ganz so stilvoll wie im Bild wird die Armaturentafel des Kompakten aber vermutlich nicht ausfallen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Peter Altmaier hatte letzte Woche Dienstag in Berlin schon einmal prophylaktisch den Aufschwung prophezeit: „Dieses Jahr ist das Jahr, in dem wir die Trendwende endgültig schaffen“, sagte der Wirtschaftsminister. „Wir werden den Wirtschaftseinbruch nicht nur stoppen, sondern wir werden ihn umkehren.“ Prompt schraubte die Bundesregierung ihre Konjunkturprognose für 2021 nach oben. Das Zugpferd ist – wieder einmal – die exportstarke deutsche Industrie.

Bei seiner – sicher auch als Mutmacher gemeinten – Ansprache hat der Wirtschaftsminister offenbar wichtige Signale aus der Industrie und von Wirtschaftsverbänden überhört: Bei den dramatischen Lieferengpässen für Halbleiterbausteine sowie für wichtige Materialien und Halbzeuge ist kein Ende in Sicht. Und die sind nun einmal Voraussetzung für fertige Produkte, die man exportieren kann.

Wieder Produktionsstopps in der Autoindustrie

Immer mehr Konzerne – Hersteller wie Zulieferer – ziehen Konsequenzen. Die einen werden erfinderisch, die anderen fahren ihre Fertigung herunter. So wie Ford: Weil wichtige ICs fehlen, steht in Köln vom 3. Mai bis zum 18. Juni sowie vom 30. Juni bis zum 9. Juli die Auto-Produktion. Die betroffenen Mitarbeiter haben in dieser Zeit Kurzarbeit, berichtete am Montag ein Unternehmenssprecher. Betroffen sind laut dpa rund ein Drittel der 15.000 Angestellten in Köln. Ab dem 10. Juli schließen sich Werksferien an, so dass die Produktion laut Ford erst am 16. August wieder startet.

Praktisch alle Autokonzerne sind – zum Teil selbst verschuldet – in dieser prekären Lage. Laut aktueller Umfrage des Ifo-Instituts (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) berichten in der Automobilindustrie 64,7 Prozent der Firmen von nachschubbedingten Problemen. Daher haben laut dpa auch Volkswagen, Audi, Daimler und BMW bereits Einschränkungen bei der Kfz-Fertigung angekündigt.

Auch die französischen Hersteller Peugeot und Renault können nach eigenen Angaben derzeit keine verlässliche Vorhersage für die Produktion in diesem Jahr machen. Betroffen ist auch der britischer Autobauer Jaguar Land Rover: JLR muss seine Produktion an zwei britischen Standorten zeitweise pausieren. Eine Sprecherin bestätigte gegenüber dem „Guardian“ eine „begrenzte Phase der Nicht-Produktion“ in den Werken in Halewood und Castle Bromwich.

Chipmangel nicht das einzige Nachschubproblem

Doch der Chipmangel ist nicht das einzige Nachschubproblem – und die Autoindustrie nicht die einzige betroffene Branche: Teile- und Materialknappheit bremst aktuell fast die Hälfte der deutschen Industrie aus. Rund 45 Prozent der vom Ifo-Institut befragten Unternehmen gaben in einer aktuellen Umfrage an, von Engpässen betroffen zu sein. Nie seit Beginn der Erhebung 1991 sei der Wert höher gewesen, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen – und warnt: „Dieser neue Flaschenhals könnte die Erholung der Industrie gefährden!“

71,2 Prozent der Gummi- und Kunststoffwaren-Hersteller berichten in der Ifo-Erhebung von Schwierigkeiten, an essenzielle Rohstoffe und Vorerzeugnisse zu gelangen. So sehen sich die Hersteller von Kabeln und Leitungen laut ZVEI mit zunehmenden Problemen in den Lieferketten konfrontiert. Die Schwierigkeiten beschränken sich inzwischen nicht mehr nur auf einzelne Rohstoffe, sondern sind bei Kunststoffen, Silikonen und Weichmachern akut.

Not macht erfinderisch: Analog- statt Digital-Tacho

Stark betroffen sind demnach auch Hersteller von elektrischen Ausrüstungen, Computern, Möbeln sowie Holz-, Flecht- und Korbwaren. Neben dem Chipmangel gilt derzeit auch Holz als knapp. Darüber hinaus seien auch Logistikprobleme für die derzeitige Mangelsituation verantwortlich. Für den „Sand im Getriebe“ hätte unter anderem der tagelang durch einen quergestellten Frachter blockierte Suez-Kanal beigetragen.

Eine Binsenweisheit besagt, dass Not erfinderisch macht. Das hat sich offenbar der Peugeot-Mutterkonzern Stellantis zu Herzen genommen und zumindest für eines seiner Automodelle eine pragmatische Lösung überlegt: Beim Kompaktmodell Peugeot 308 erlebt das vor gut zwei Jahren ausgemusterte analoge Zeigertachometer eine Renaissance. Entsprechende Medienberichte bestätigte ein Unternehmenssprecher im Technikzentrum des Konzerns in Vélizy-Villacoublay bei Paris.

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