Landesweite Produktionsausfälle Chinas Strom-Not verschärft Chip-Mangel

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

Starre Planwirtschaft, hohe Binnennachfrage und ambitionierte Stromsparziele führen zu zeitweisen Fabrikschließungen in China – auch in der Elektronikbranche. Dies könnte den weltweiten Chip-Mangel weiter verschärfen und die IC-Preise nach oben treiben.

Firmen zum Thema

Realitätscheck: Chinas Planwirtschaft samt behördlich verfügter Anweisungen treffen auf eine komplexe, volatile Gemengelage aus unerwartet hoher Konsumnachfrage, strikten Klimaschutzzielen, hohen Kohlepreisen, Energiemangel, verschleppter Erneuerung, geopolitischen Spannungen und mehr. Kann China flexibel genug darauf reagieren?
Realitätscheck: Chinas Planwirtschaft samt behördlich verfügter Anweisungen treffen auf eine komplexe, volatile Gemengelage aus unerwartet hoher Konsumnachfrage, strikten Klimaschutzzielen, hohen Kohlepreisen, Energiemangel, verschleppter Erneuerung, geopolitischen Spannungen und mehr. Kann China flexibel genug darauf reagieren?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Eine akute Stromknappheit führt in China zu Produktionsstopps bei Chip-Herstellern. Auch Zulieferer der Halbleiterindustrie, inklusive der von internationalen Produzenten, mussten ihre Fertigung einschränken oder sogar vorübergehend einstellen.

Was ist passiert? Verantwortlich für die landesweite Energiekrise ist eine Mischung aus gestiegenen Kohlepreisen und ehrgeizigen Klimaschutz-Zielen der Regierung in Peking, die den knappen Strom in vielen Provinzen zusätzlich rationiert hatte, berichteten übereinstimmend chinesische und internationale Analysten.

Behördlich verfügte zeitweise Produktionsstopps

„Viele Beobachter der Industrie sagen, dass die Suspendierungen der Produktion den globalen Chip-Mangel weiter eskalieren und die Chip-Preise weiter steigern werden“, schreibt die Zeitung Global Times in Peking.

Einige Beispiele für die dramatische Situation: CWTC, ein Hersteller von Packaging-Material für NXP und Infineon, hatte bekannt gegeben, dass seine Fabrik in Suzhou unweit von Shanghai vom 26. bis 30. September auf behördliche Anweisung die Produktion einstellen musste, hieß es in demselben Bericht.

Auch Fabriken von Intel, Nvidia und Qualcomm betroffen

Auch das auf Packaging und Testing spezialisierte Unternehmen ASE Kunshan habe eine Anweisung der lokalen Behörden erhalten, vom 27. bis 30. September die gesamte Fertigung einzustellen, berichtet die Global Times. Dieselben Stromausfälle legten die Produktion bei ESON lahm, einem Konkurrenten von ASE im Ort Kunshan. Lokale Fabriken von Intel, Nvidia und Qualcomm hätten ebenfalls Briefe mit der Aufforderung zu vorübergehenden Produktionsstopps bekommen, berichten chinesische Medien.

Auch eine ganze Reihe von Unternehmen der Elektronikbranche in mehreren Landesteilen der Volksrepublik sind von Produktionsausfällen betroffen, darunter „viele“ und „wichtige“ Zulieferer von Apple und Tesla, berichtet das Elektronikfachportal Dianzi Gongcheng Zhuanji.

Aktuelle Stromkrise hat landesweit Auswirkungen

Während frühere Stromausfälle in China meist lokaler Natur waren und vor allem die Fertigungsindustrie betrafen, ist die aktuelle Krise landesweit spürbar – von der Provinz Guangdong im Süden über die Ost-Provinzen an der Küste bis hin nach Liaoning und Heilongjiang im Norden.

Sogar Verbraucher sind betroffen: Sie können ihre E-Autos nicht mehr aufladen oder müssen bei Kerzenlicht einkaufen. Manche Einkaufszentren und Bürogebäude sind angewiesen worden, ihre Rolltreppen und Lifte auszuschalten. In Shenyang fielen vorübergehend die Straßenampeln aus.

Gründe für die Stromknappheit

Mehrere Faktoren haben zu den Rationierungen von Strom und den Produktionsausfällen in der Elektronikbranche in China beigetragen. Zum einen hatte die Zentralregierung mit ihren „dualen Kontrollen zum Energieverbrauch“ versucht, die ehrgeizigen Klimaziele von Staats- und Parteichef Xi Jinping durchzusetzen.

Nachdem mindestens zehn verschiedene lokale Regierungen die für das letzte Quartal verordneten Energiesparziele nicht erreicht hatten, wurden sie von der Zentralplanungsbehörde NDRC in Peking gerügt und zu drastischen Maßnahmen gedrängt. Einige stellten ohne Vorwarnung den Strom ab, anderen schickten kurzfristig Befehle zur Einschränkung oder vorübergehenden Einstellung der Produktion an viele Industriebetriebe.

Angespannte Energieversorgungslage

Diese künstliche Verknappung der Stromversorgung traf auf eine ohnehin anspannte Energieversorgungslage in der Volksrepublik seit Anfang dieses Jahres. Eine Reihe von Faktoren hatte den Preis für Kohle in China und auch regional stark in die Höhe getrieben.

So war vom Januar bis August dieses Jahres die Stromerzeugung zunächst landesweit um 11,3% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Chinas Fabriken produzierten auf Rekordniveau, unter anderem weil Corona-Lockdowns in Südostasien und global die Nachfrage nach Gütern „made in China” explodieren ließen. Gleichzeitig stieg die Kohleproduktion in China aber nur um 4,4%.

Festgelegte Strompreise machen Energieerzeugung unrentabel

Weil der Strompreis in China von der Regierung weitgehend festgelegt ist, gelten bei Kohle andererseits zumindest teilweise Marktpreise. Für viele Energiebetriebe ist es daher momentan unrentabel geworden, Kohlestrom zu erzeugen.

Doch 67 Prozent aller Kraftwerke in China heizen noch mit Kohle, schreibt die chinesische Wirtschaftszeitung Caixin in einem aktuellen Bericht. Während nun die Kohlepreise explodieren, die Strompreise aber gleichbleiben, „resultiert jede Kilowattstunde an erzeugtem Strom in einem Verlust” für die Energiebetriebe, kommentiert die Zeitung Global Times.

Politische Faktoren: Kein Kohleimport aus Australien

Auch politische Faktoren sind beteiligt. So hat Pekings kommunistische Führung beschlossen, keine Kohle aus Australien mehr zu importieren, um Canberra wegen Querelen um die Herkunft des Corona-Virus oder dem geplanten Bau von Atom-U-Booten in Australien zu bestrafen. Immerhin zehn Prozent der in Chinas Kohlekraftwerken verfeuerten Kohle wird gewöhnlich importiert, und die als Ersatz für die australische Kohle untern anderem aus Indonesien beschaffte Kohle ist von minderer Qualität.

Vor allem aber ergibt sich das Bild einer Pekinger Zentralregierung, die mit dem Ausbalancieren entgegengesetzter ökonomischer Ziele überfordert zu sein scheint. „Der fundamentale Grund für das Versorgungsloch mit Kohle ist die wachsende Nachfrage der heimischen Wirtschaft bei gleichzeitigen Kontrollen zur Reduzierung von Kohlendioxid-Emissionen,“ schreibt die Global Times.

Inzwischen hat die Zentralregierung angekündigt, die Versorgung der Kohlekraftwerke, die für mehr als die Hälfte der Stromerzeugung in China verantwortlich sind, mit Kohle kurzfristig wieder zu verbessern.

Stop-and-Go-Energie besonders für Chip-Hersteller problematisch

Für die Elektronik-Industrie und insbesondere für Chip-Hersteller ist dieses „Stop and Go“ der chinesischen Planwirtschaft in diesem Jahr allerdings besonders problematisch, weil ihre Fertigungslinien auf eine stabile Stromversorgung angewiesen sind und nicht einfach ein- und ausgeschaltet werden können wie eine Deckenbeleuchtung. Und allein mit Notstromversorgungen lassen sich die Energieausfälle nicht abfangen.

Fest steht, dass die Energiekrise in China die globale Elektronik-Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt trifft. „Zu einer Zeit, wo die globale Chip-Produtkion ohnehin schon sehr angespannt ist, und wo die Preise für verschiedene Typen von Chips ohnehin schon auf einem hohen Niveau angekommen sind, mussten Halbleiterhersteller nun auch noch ihre Produktion wegen Stromrationierungen einstellen”, kommentiert das chinesische Fachportal EET. Man müsse sich weltweit auf einen weiteren Anstieg der Chip-Preise einstellen, hieß es.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

(ID:47716198)