Künstliche Intelligenz Chinas KI wird mit Börsengängen finanziert – nur nicht mehr an der Wall Street

Autor / Redakteur: Henrik Bork * / Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Chinas „vier KI-Drachen“ bereiten sich auf Börsengänge in Hongkong und Shanghai vor. Mehrere Milliarden US-Dollar werden Investoren dabei für künstliche Intelligenz „made in China“ bereitstellen. Die vier IPOs sind ein wichtiger Meilenstein in Chinas Wettrennen mit den USA um die Technologieführerschaft in dieser Schlüsselindustrie der Zukunft.

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Künstliche Intelligenz: Chinas „vier KI-Drachen“ bereiten sich auf Börsengänge in Hongkong und Shanghai vor.
Künstliche Intelligenz: Chinas „vier KI-Drachen“ bereiten sich auf Börsengänge in Hongkong und Shanghai vor.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

SenseTime, Chinas größtes KI-Unternehmen, habe seinen IPO-Antrag an der Börse in Hongkong abgegeben, berichtete das Wirtschaftsmagazin Caixin. Die Meldung sorgte weltweit für Schlagzeilen, weil das auf Bilderkennung spezialisierte Unternehmen, in das unter anderem Qualcomm und Softbank investiert haben, zuvor in den Strudel des „Technologie-Krieges“ zwischen Washington und Peking geraten war. Ein Börsengang in den USA, von dem früher einmal die Rede gewesen war, ist dem Unternehmen seither verwehrt.

Doch SenseTime ist nur der größte und berühmteste der „vier KI-Drachen“, wie Chinas erfolgreichste Unternehmen in dem Bereich kollektiv genannt werden. Auch die anderen drei Drachen – Yitu, Megvii und Cloudwalk – bereiten sich gerade auf Börsengänge vor. Alle Drei ebenfalls in Hongkong oder anderen chinesischen Städten.

Cloudwalk Technologies könnte es noch vor SenseTime schaffen

Cloudwalk Technologies könnte es sogar als erstes der vier führenden Unternehmen an die Börse schaffen, noch vor SenseTime. Die Technologie-Börse „STAR“ in Shanghai habe den IPO-Antrag von Cloudwalk bereits bewilligt, berichtet die Zeitung Global Times. Das Unternehmen, das genau wie SenseTime Algorithmen zur Gesichtserkennung entwickelt, bereite sich bereits auf seine Roadshow vor, heißt es.

Yitu Technologies, der vierte im Bunde, bereitet sich Medienberichten zufolge gerade auf einen Börsengang in Hongkong vor, nachdem ein erster Anlauf an der STAR-Börse in Shanghai gescheitert ist. Damit bleiben alle geplanten Notierungen der vier wichtigsten KI-Firmen Chinas „daheim“, was der Kommunistischen Führung des Landes sehr genehm ist.

Börsengänge in den USA sind ein erhöhtes politisches Risiko für Konzerne

Börsengänge in den USA bedeuten immer auch den Zwang zur Veröffentlichung mehr oder weniger sensibler Firmendaten – und seit dem vom ehemaligen US-Präsident Donald Trump eröffneten „Technologie-Krieg” auch ein erhöhtes politisches Risiko für Konzerne wie die vier KI-Drachen, die Peking als strategisch wichtige Säulen seiner neuen digitalen Wirtschaft versteht. Eine Entkoppelung der Kapitalmärkte Chinas und der USA ist daher vor allem im Bereich KI ganz im Sinne der Pekinger Zentralplaner.

Der Börsengang von SenseTime, der momentan für die meisten Schlagzeilen sorgt, könnte mindestens zwei Milliarden US-Dollar in die Kassen des Unternehmens spülen, schreibt Caixin, obwohl der angestrebte Börsenwert noch nicht veröffentlicht worden ist. Das erst 2014 von einigen Akademikern in HongKong gegründete Unternehmen ist am besten für seine Lösungen im Bereich „Computer Vision“ bekannt.

Bilderkennungs-Algorithmen erhalten hohe Aufmerksamkeit

Weil die chinesische Regierung ein wichtiger Kunde von SenseTime ist, und weil dem Unternehmen in den USA vorgeworfen wird, es unterstütze so den chinesischen Überwachungsstaat, unter anderem in Xinjiang, erhalten die Bilderkennungs-Algorithmen des Konzerns international die meiste Aufmerksamkeit. Dieser Geschäftsbereich ist chinesischen Medienberichten zufolge für rund 30% des Umsatzes von SenseTime verantwortlich.

Das Segment Computer Vision wächst für SenseTime aber nicht nur durch Aufträge aus Chinas Polizeibehörden, sondern neuerdings auch durch die Corona-Krise. Technologie von SenseTime wird in China unter anderem für automatische Fiebermessungen zur Epidemie-Bekämpfung in den Eingangsbereichen von Krankenhäusern eingesetzt. Auch werden sämtliche Verwaltungsbehörden Chinas seither viel schneller digitalisiert, als vor der Krise – also nicht nur die Sicherheitsbehörden.

Corona beschleunigt die digitale Transformation

„Es wird erwartet, dass die Covid-19-Pandemie langfristig die digitale Transformation von Unternehmen und Stadtverwaltungen beschleunigen wird, was auf mehr Chancen für die KI-Industrie verweist,“ zitiert Fortune aus dem IPO-Antrag von SenseTime in Hongkong. Dieser Trend ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern in der Volksrepublik bereits klar erkennbar.

Tatsächlich wachsen die Geschäftsbereiche „Smart City“, „Smart Cars“ und “Smart Life” bei SenseTime noch schneller als das Geschäft mit Überwachungselektronik. Als Teil ihres Konjunktur-Programms zur Meisterung der Corona-Krise beschleunigt der chinesische Staat die Digitalisierung der Verwaltungen auf aller Ebene und die Umsetzung von digitalen Konzepten aller Art in den Kommunen.

Erfolge mit der Digitalisierung von städtischen und kommunalen Dienstleistungen

Das Geschäft mit der Digitalisierung von städtischen und kommunalen Dienstleistungen sei bei SenseTime im Jahr 2018 noch für mehr als 28% der Einnahmen verantwortlich gewesen, sei aber in der ersten Hälfte dieses Jahres auf über 47% gestiegen, berichtet das chinesische Technologie-Portal Huxiu.

Der chinesische Staat ist nicht nur ein wichtiger Kunde von SenseTime, sondern zugleich auch einer der größten Investoren. Staatliche Investment-Fonds haben bereits vor dem Börsengang immer mehr Mittel für diesen von Peking geförderten „nationalen Champion“ bereitgestellt, und an diesem Trend dürfte sich durch eine Börsennotierung in Hongkong auch nichts ändern.

Entwicklung eigener KI-Halbleiter geplant

Zehn Prozent der Einnahmen aus dem Aktienverkauf in Hongkong will SenseTime auf die Entwicklung eigener KI-Halbleiter verwenden. Auch dieser Bereich liegt der Führung in Peking sehr am Herzen, seit die USA SenseTime, Huawei und anderen Unternehmen aus politischen Gründen den Zugang zu Hochleistungs-Chips verwehren. SenseTime war schon 2019 in Washington auf die sogenannte „Entity List“, eine schwarze Liste für Hochtechnologie-Exporte, gesetzt worden.

Salopp formuliert rufen die Pekinger Zentralregierung und ihre heimischen Modell-Unternehmen der KI-Industrie den Amerikanern mit diesen vier Börsengängen ein lautes „Wir brauchen Euch nicht!” entgegen. Das gilt ab jetzt nicht mehr nur für den Absatzmarkt, sondern auch für die Finanzierung der Konzerne auf dem Kapitalmarkt. Und bald, so hofft man in Peking, wohl auch für die Entwicklung von KI-Chips.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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