Chip-Aufträge aus dem Ausland abgelehnt Chinas Foundries schalten auf „China first!“

Autor / Redakteur: Henrik Bork * / Michael Eckstein

Chinas Chip-Hunger wächst. Da IC-Lieferungen aus dem Ausland die Nachfrage kaum noch decken und die politische Führung auf mehr Unabhängigkeit pocht, fertigen heimische Fabs zunehmend für den inländischen Markt und lehnen Aufträge aus dem Ausland ab. Das könnte den globalen Chipmangel verschärfen.

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Chinas Flagge ganz oben: Laut Global Times entscheiden sich auch große Auftragsgfertiger wie SMIC zunehmend für langfristige, stabile Kundenbeziehungen mit chinesischen Firmen. Eine Verschlechterung der Geschäftsbeziehungen zu ausländischen Kunden würde in Kauf genommen.
Chinas Flagge ganz oben: Laut Global Times entscheiden sich auch große Auftragsgfertiger wie SMIC zunehmend für langfristige, stabile Kundenbeziehungen mit chinesischen Firmen. Eine Verschlechterung der Geschäftsbeziehungen zu ausländischen Kunden würde in Kauf genommen.
(Bild: SMIC)

Chinesische Chiphersteller haben begonnen, bevorzugt heimische Kunden zu beliefern und ausländische Bestellungen abzulehnen. Dies berichtet die Zeitung Global Times in Peking. „Einige Großakteure der Industrie priorisieren Medienberichten zufolge Aufträge von heimischen Kunden und lehnen Aufträge aus dem Ausland ab“, schreibt das der Kommunistischen Partei Chinas nahestehende Blatt.

Zuerst hatte die Fachzeitung Dianzi Shibao aus Taiwan über diesen beunruhigenden Trend für die globale Halbleiterindustrie berichtet. So habe Hua Hong Semiconductor, der zweitgrößte Auftragshersteller in der Volksrepublik, habe kürzlich Aufträge mehrerer Unternehmen abgelehnt, die Mikrocontrollern fertigen lassen wollten – darunter einige aus Taiwan. Auch SMIC, die größte Foundry in der VR China, habe begonnen, „hauptsächlich Aufträge von heimischen Kunden anzunehmen“, schreibt das Fachmedium.

„Kampf um Produktionskapazität wird intensiver“

„Der Kampf um die Produktionskapazität wird intensiver,“ schreibt auch das chinesische Fachmedium Dianzi Gongcheng Shijie zu demselben Thema. Vor allem taiwanesische Design-Hersteller, die momentan ohnehin 30% ihrer Aufträge nicht erfüllen könnten, seien sehr besorgt über diese Entwicklung.

Hintergrund ist zum einen der globale Chipmangel. In der Berichterstattung der Pekinger Global Times sind aber auch nationalistische Untertöne zu hören. Die Absage ausländischer Bestellungen sei ein „notwendiger Schritt, um zunehmende Marktchancen daheim wahrzunehmen“, schreibt die Zeitung.

Vor die Wahl gestellt, welche Chip-Produzenten sie noch in vollem Umfang beliefern könnten, entscheiden sich chinesische Auftragshersteller wie Hua Hong oder die Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC) mit Hinblick auf langfristige, stabile Kundenbeziehungen mit chinesischen Firmen, analysiert die Global Times den Trend.

China ist weltweit größter Halbleiterabsatzmarkt

In der Tat ist China mittlerweile der größte Absatzmarkt für Halbleiter der Erde, und der wächst im internationalen Vergleich auch noch am schnellsten. Unter anderem die schnelle Erholung der chinesischen Autoindustrie nach den in China nur kurzen Corona-Lockdowns und der seit Beginn der Epidemie noch weiter beschleunigte Ausbau des 5G-Netzwerks in China sorgen für einen Bedarfsschub.

Man habe eine Forschungsgruppe für diesen neuen Industrie-Trend eingesetzt und beobachte ihn sehr aufmerksam, sagte ein Verbandssprecher der „China Semiconductor Industry Association“ der Zeitung.

Chinas Führung fordert „einheimische Substitution“ bei ICs

Für nicht-chinesische Chip-Hersteller ist der Trend abgesehen von kurzfristigen Lieferschwierigkeiten auch deshalb beunruhigend, weil er ein weiteres Indiz für die von der politischen Führung in Peking geförderte „einheimische Substitution“ in der chinesischen Halbleiterindustrie ist.

Als Reaktion auf Lieferboykotte aus Washington, die unter anderem die Versorgung des chinesischen Vorzeigekonzerns Huawei mit leistungsstarken Chips unterbrochen haben, hat die kommunistische Staats- und Parteiführung in Peking mit einer massiven Kampagne zur Förderung der chinesischen „Selbstversorgung“ mit Halbleitern begonnen.

Politischer Druck und marktwirtschaftliche Erwägungen

Aufgrund des politischen Drucks aus Peking und marktwirtschaftlichen Erwägungen entscheiden sich Foundries in der Volksrepublik dann notgedrungen für die Belieferung jener Kunden, mit denen sie langfristige Kooperationsverträge abgeschlossen haben. Und dies seien nun einmal überwiegend heimische, chinesische Unternehmen, hieß es in den Berichten.

Die begrenzte Produktionskapazität so zu kanalisieren, dass der Bedarf heimischer Käufer befriedigt werden kann, könnte zwar kurzfristig die Geschäftsbeziehungen mit ausländischen Unternehmen verschlechtern, zitierte die Global Times einen Analysten. Langfristig aber könnten so heimische Chip-Hersteller unterstützt werden und die Foundries würden mit „langfristigen, stabilen Aufträgen“ belohnt, kommentiert das Blatt.

Da China noch immer als „Werkbank der Welt“ fungiert, werden nirgendwo so viele Halbleiter verbaut wie in dort. Der chinesische IC-Markt wuchs im vergangenen Jahr auf einen Wert von 143,3 Milliarden US-Dollar (rund 121 Milliarden Euro). Das entspricht 36 Prozent des Weltmarktes. Doch nur 20 Prozent des globalen Bedarfs werden zum heutigen Zeitpunkt in der Volksrepublik selbst produziert.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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