Chinas Chipindustrie noch weit von der Weltmarktspitze entfernt

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Trotz aller Investitionen in den Aufbau einer konkurrenzfähigen Halbleiterproduktion hinkt China laut IC Insights bei Speichern und Prozessoren dem Weltmarkt noch weit hinterher. Es fehlt an nennenswerten Investitionen und Firmen mit entsprechenden Produktionskapazitäten.
Trotz aller Investitionen in den Aufbau einer konkurrenzfähigen Halbleiterproduktion hinkt China laut IC Insights bei Speichern und Prozessoren dem Weltmarkt noch weit hinterher. Es fehlt an nennenswerten Investitionen und Firmen mit entsprechenden Produktionskapazitäten. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

China versucht seinen Chipbedarf immer mehr aus der Produktion einheimischer Firmen zu decken. Doch die Vorstellung, dass China jederzeit zu den Führern der Chipindustrie aufschließen kann, sei ein Irrtum, berichtet IC Insights.

Seit einigen Jahren verfolgt China mit Nachdruck den Aufbau einer einheimischen Speicher- und Prozessorproduktion. Doch wie steht es um den Hype der einheimischen Halbleiterproduktion des Landes: ist die Furcht einer „chinesischen Invasion“ des Chipmarkts gerechtfertigt? Laut einer Untersuchung des Halbleiter-Marktforschungsinstituts IC Insights ist die Sorge unbegründet. Die chinesische Chipindustrie hinkt demnach der Weltmarktspitze noch um Dekaden hinterher.

So dürfte beispielsweise Chinas erster einheimischer DRAM-Anbieter, Changxin Memory Technologies (CXMT) erst bis Ende dieses Jahres soweit sein, seine ersten DRAM-Produkte zu testen. Changxin hat ein paar tausend Mitarbeiter und ein Investitionsbudget von etwa 1,5 Milliarden US-$ pro Jahr.

Im Gegensatz dazu haben beispielsweise Marktführer Micron und SK Hynix jeweils über 30.000 Mitarbeiter, Samsungs Speicherabteilung wird auf über 40.000 Angestellte geschätzt. Die Gesamtinvestitionen von Samsung, SK Hynix und Micron beliefen sich im Jahr 2018 allein auf 46,2 Milliarden US-$. Insgesamt machten DRAM und Flash-Speicher 41% des chinesischen Halbleitermarktes aus, der im vergangenen Jahr ein Volumen von 155,1 Milliarden US-$ betrug.

Innovationen bleiben aus

Meldungen aus China erwecken den Eindruck, dass die einheimische Waferfab-Produktion schnell steigt. Besonders im Bereich der Speicher sollen dabei die technologischen Fortschritte schnell zu denen der führenden Anbieter aufschließen. In einigen Fällen, so lauten entsprechende Meldungen, soll die chinesische Speicherindustrie innerhalb von 3-5 Jahren zur Weltspitze aufschließen.

IC Insights ist hingegen anderer Meinung. Zwar steckt China in der Tat weiterhin enorme Investitionen in seine Speicherfertigungsinfrastruktur. Zudem wurden durchaus einige clevere Designinnovationen entwickelt, um mögliche Patentstreitigkeiten zu vermeiden. Allerdings reiche das noch nicht aus, um die einheimische Speicherindustrie auch nur innerhalb der nächsten 10 Jahren wirklich wettbewerbsfähig zu machen und den einheimischen Speicherbaustein-Bedarf annähernd zu decken.

Keine nennenswerten chinesischen Speicher- oder Prozessoranbieter in Sicht

Bei allen Meldungen über die massiven Investitionen Chinas in die einheimische Halbleiterindustrie darf nicht vergessen werden, dass es in China zudem an nicht speicherbezogener Halbleitertechnologie mangelt. Derzeit gibt es keine großen chinesischen Hersteller von analogen, Mixed-Signal-, Server-MPU-, MCU- oder Spezial-Logik-ICs. Dabei machten diese Produktsegmente laut IC Insights im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte des chinesischen Halbleitermarktes aus. Diese Bereiche werden auch in den nächsten Jahren von gut eingegliederten ausländischen IC-Produzenten mit jahrzehntelanger Erfahrung und Tausenden von Mitarbeitern dominiert werden.

Volumen des Halbleitermarkts in China im Vergleich zur einheimischen Halbleiterproduktion: Der chinesische IC-Markt belief sich im Jahr 2018 auf 155 Milliarden US-$.
Volumen des Halbleitermarkts in China im Vergleich zur einheimischen Halbleiterproduktion: Der chinesische IC-Markt belief sich im Jahr 2018 auf 155 Milliarden US-$. (Bild: IC Insights)

IC Insights ist der Ansicht, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis chinesische Unternehmen in den Segmenten der nicht speicherbaren IC-Produkte wettbewerbsfähig werden. Während sich alle auf Chinas Schritte auf dem Speichermarkt konzentrieren, stellt die Selbstständigkeit in nicht-speicherbasierten Segmenten ein noch schwierigeres Problem für China dar. Von den 155 Milliarden US-$, mit denen 2018 Halbleiterprodukten umgesetzt wurden, wurden gerade einmal Bausteine im Wert von 24 Milliarden US-$ (15,5%) in China selbst gefertigt. Und von diesen Halbleitern stammten gerade einmal ein Viertel (im Gesamtvolumen von 6,5 Milliarden US-$) aus einheimischer Produktion. Der Rest wurde von TSMC, SK Hynix, Intel oder anderen ausländischen Unternehmen gefertigt, die selbst Wafer-Fabs in China betreiben.

IC Insights schätzt zudem, dass von den 6,5 Milliarden US-$ an Halbleitern, die von chinesischen Unternehmen hergestellt wurden, etwa 1,0 Milliarden US-$ von Integrated Device Manufacturern (IDMs) und 5,5 Milliarden Dollar von Foundries wie SMIC stammen.

In frühestens fünf Jahren 10 % des globalen Volumens erreicht

IC Insights schätzt weiter, dass die chinesische Halbleiterproduktion bis zum Jahr 2023 auf 45,2 Milliarden US-$ ansteigen wird. Selbst in diesem Fall würden Bausteine aus China jedoch gerade einmal 8,4% des gesamten prognostizierten weltweiten Halbleitermarkts von 538,8 Milliarden US-$ ausmachen.

Der Großteil der chinesischen Produzenten sind Foundries, die ihre Halbleiter im Auftrag kleinerer Unternehmen fertigen, die wiederum selbst diese Produkte an die Hersteller elektronischer Systeme weiterverkaufen. Selbst wenn man zu dieser Produktion noch einen Aufschlag hinzurechnet, dürfte die chinesische Halbleiterproduktion im Jahr 2023 nur etwa 10% des globalen Marktes betragen.

Derzeit zeigt sich China in Bezug auf seine zukünftigen Fähigkeiten in der Halbleiterindustrie recht selbstbewusst. Angesichts der extrem kleinen Ausgangsbasis der heutigen chinesischen Halbleiterproduktion und –technologie der einheimischen Unternehmen, hält es IC Insights jedoch für im Wesentlichen unmöglich, dass China innerhalb der nächsten 5 Jahre, und wahrscheinlich nicht einmal innerhalb der nächsten 10 Jahre, erhebliche Fortschritte bei der Selbstversorgung seiner Halbleiterbedürfnisse macht – weder bei Speichern, noch bei Prozessoren oder Analog-Bausteinen.

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Und das will uns nun ausgerechnet ein Firma aus Arizona/USA in Glaskugel-Manier weismachen?  lesen
posted am 18.06.2019 um 17:12 von Unregistriert


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