Analyse Chinas Chip-Importe sinken erstmals seit zwei Jahren

Von Henrik Bork

Seit Jahren versucht China seine Abhängigkeit von westlichen Hightech-Lieferanten zu verringern. Nun sind die Chip-Importe des Riesenreichs zum ersten Mal seit zwei Jahren gesunken. Ist das bereits die von der chinesischen Führung erhoffte Trendwende?

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China importiert fast 80% der weltweit hergestellten Halbleiter. Der überwiegende Teil davon kommt in Produkten zum Einsatz, die außerhalb Chinas verkauft werden. Für den Eigenbedarf importiert das Riesenreich viele moderne Chips, die es selbst (noch) nicht fertigen kann.
China importiert fast 80% der weltweit hergestellten Halbleiter. Der überwiegende Teil davon kommt in Produkten zum Einsatz, die außerhalb Chinas verkauft werden. Für den Eigenbedarf importiert das Riesenreich viele moderne Chips, die es selbst (noch) nicht fertigen kann.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Im Januar und Februar dieses Jahres hat die Volksrepublik 4,6% weniger Integrierte Schaltkreise (IC) aus dem Ausland eingeführt als ein Jahr zuvor, zeigen aktuelle Zollstatistiken. Dennoch machen Chinas Bemühungen um den Aufbau einer heimischen Halbleiter-Industrie nur langsame Fortschritte, sagen Analysten in Peking.

Die IC-Importe der Volksrepublik sind den jüngsten Zahlen zufolge in den ersten zwei Monaten des Jahres auf 91,9 Millionen Einheiten gesunken. Es war der erste Rückgang seit Anfang 2020. In den vergangenen zwei Jahren waren die Importe monatlich stets um rund 25% gewachsen.

Kurzfristiger Einbruch – oder langfristiger Trend?

Es ist noch zu früh, um mit Sicherheit zu wissen, ob es sich um einen vorübergehenden Einbruch handelt oder um einen langfristigen Trend. Dennoch werden die Zahlen in der Industrie aufmerksam verfolgt, weil die chinesische Regierung und private Kapitalgeber gewaltige Summen in Chinas eigene Produktions-Kapazitäten investieren.

Wegen der Chip-Boykotte im Zuge des Handelskrieges zwischen den USA und China, unter denen unter anderem chinesische Technologie-Konzerne wie Huawei oder auch der Halbleiter-Produzent „Semiconductor Manufacturing International Corp.” (SMIC) in Shanghai leiden, hat die kommunistische Staats- und Parteiführung in Peking mehr Autarkie in der Halbleiterfertigung ganz oben auf die Liste ihrer strategischen Ziele gesetzt.

Weniger importiert, mehr bezahlt

Die meisten Experten sind sich jedoch einig, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis Peking diesem Ziel entscheidend näherkommen wird – und dass die jüngsten Importstatistiken noch nicht viel an dieser Einschätzung ändern.

Zum einen ist trotz des Rückgangs bei den Stückzahlen der Gesamtwert der chinesischen IC-Importe erneut gestiegen. China importierte im Januar und Februar integrierte Schaltkreise im Wert von 68,8 Milliarden US-Dollar, 19,2% mehr als im Vorjahreszeitraum. Das liegt unter anderem an den in der Folge des Chipmangels gestiegenen Preisen. Fast 80% der importierten Chips werden in Produkten verbaut, die dann außerhalb Chinas verkauft werden – etwa Apples iPhones.

Der Anteil der chinesischen IC-Produktion am Volumen der in China verarbeiteten Chips wächst nur langsam.
Der Anteil der chinesischen IC-Produktion am Volumen der in China verarbeiteten Chips wächst nur langsam.
(Bild: Asia Waypoint)

Zum anderen bleibt die Volksrepublik auch beim Eigenverbrauch vor allem bei fortschrittlichen Halbleitern nach wie vor stark auf ausländische Lieferanten angewiesen. „Das Land ist bisher nicht in der Lage gewesen, seine Abhängigkeit von importierten ICs zu beenden, weil heimischen Produzenten das Know-How und die Technologie für das Design und die Fertigung der fortschrittlichsten Chips fehlen,“ schreibt die Zeitung South China Morning Post (SCMP) in einer Analyse.

China fehlen Top-Talente für die Halbleiterfertigung

Chip-Produzenten in der Volksrepublik versuchen seit Jahren, Top-Talente aus Taiwan abzuwerben. Die Regierung in Taipeh versucht neuerdings, dem nach und nach einen Riegel vorzuschieben. Es gab sogar schon Razzien in den Büros von Headhuntern in Taiwan, die sich auf die Halbleiterindustrie des Landes spezialisiert haben.

Doch selbst mit großzügigen Gehältern und Aktienpaketen und gelegentlichen Erfolgen beim Anwerben von Ingenieuren bleibt das Personalproblem für Chinas Chip-Produzenten einer der größten Engpässe. „Diese Industrie braucht viele Jahre der Akkumulation von Patenten und Erfahrung und der Mangel an Fachkräften ist daher eine wesentliche Hürde,“ sagte der taiwanesische Analyst Patrick Liao von Smartkarma gegenüber SCMP.

China holt auf – aber langsam

Die Chinesen machen zwar Fortschritte beim Aufbau ihrer Halbleiter-Industrie, doch der Prozess braucht Zeit. Im Jahr 2021 ist der globale Marktanteil chinesischer Pure-Play-Foundries um 0,9% auf 8,5% gestiegen, berichtet die Marktforschungsfirma IC Insights.

Doch bis 2026 werde sich daran trotz erheblicher Investitionen in der Volksrepublik nicht viel an den Relationen ändern, heißt es in einer neuen Prognose von IC Insights. 2026 werde der globale Marktanteil Chinas bei Pure-Play-Foundries 8,8% betragen – also in den kommenden fünf Jahren relativ zu anderen Ländern kaum zusätzlich an Gewicht gewinnen.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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