Auswirkungen der US-Sanktionen Chinas Chip-Designer: Gewinner und Verlierer

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

Huawei-Tochter Hisilicon hängt am Tropf der Mutter, Mainstream-Chip-Designer Unisoc und Mediatek machen das Geschäft ihres Lebens: Mit ihren Handelssanktionen haben die USA den Markt für IC-Entwickler durcheinander gewirbelt – und sich womöglich ins eigene Knie geschossen.

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Gold der Hightech-Industrie: Ohne Chips geht in den meisten Branchen nichts mehr. Doch längst nicht in allen Produkten stecken Highend-ICs. Das wissen chinesische Chip-Designer zu nutzen.
Gold der Hightech-Industrie: Ohne Chips geht in den meisten Branchen nichts mehr. Doch längst nicht in allen Produkten stecken Highend-ICs. Das wissen chinesische Chip-Designer zu nutzen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Was die US-Sanktionen gegen China langfristig bewirken, lässt sich kaum prognostizieren. Soviel aber steht jetzt schon fest: Die chinesische Industrie für Chip-Design hat Washington erst einmal kräftig aufgemischt. Es gibt Gewinner und Verlierer. Hisilicon, ein Tochterunternehmen von Huawei, ist der größte Verlierer. Die Chip-Design-Firma Unisoc, ebenfalls in der Volksrepublik, und auch die Firma Mediatek in Taiwan hingegen gehören zu den lachenden Gewinnern der politischen Krise.

Vor ziemlich genau zwei Jahren, am 15. Mai 2019, hatte der damalige US-Präsident Donald Trump angeordnet, Geschäfte mit solchen ausländischen Firmen mit strengen Sanktionen zu bestrafen, die als Risiko für die nationale Sicherheit der USA eingestuft werden. Schon einen Tag später, am 16. Mai 2019, fand sich Huawei auf der entsprechenden schwarzen Liste wieder, der „Entity List“ des US-Handelsministeriums, veröffentlicht und nachzulesen auf federalregister.gov.

USA betreiben systematische Zerstörung ohne Beweise vorzulegen

Anfangs wurde Huawei vor allem das Geschäft mit dem Ausbau von 5G-Netzen in den USA untersagt, wegen angeblicher Spionagegefahr. Doch auch das Handy-Geschäft der Chinesen geriet immer mehr ins Visier der Handelskrieger. Dazu hat Washington Huaweis Zugang zu Smartphone-Chips schrittweise immer weiter abgeschnürt.

Auftragshersteller können inzwischen keine Halbleiter mehr an Huawei und dessen Zulieferer verkaufen, sofern sie US-amerikanische Maschinen bei der Chip-Produktion verwendet haben. Und das trifft weltweit auf so gut wie alle Unternehmen zu.

Zwei Jahre nach Beginn des kalten Krieges um die Computerchips ist klar, dass die US-Sanktionen Huawei schwer geschädigt haben. Seine Chip-Design-Tochter Hisilicon, die vergangenes Jahr noch 23 Prozent des globalen Marktes für 5G-Chipsets für Handys kontrolliert, wird in diesem Jahr auf fünf Prozent abstürzen, sagt die Agentur “Counterpoint Technology Market Research“ voraus.

Huaweis Chip-Design-Tochter Hisilicon ist schwer angeschlagen

Huawei, das einst stolze Kronjuwel der chinesischen High-Tech-Ambitionen, musste bereits seine Handy-Sparte verkaufen, weil es nicht mehr genügend leistungsstarke Chips beschaffen konnte. Die Tochter Hisilicon, die einst den Huawei-Smartphone-Chip „Kirin“ entworfen hat und bei Auftragsherstellern fertigen ließ, ist vom Mutterkonzern vorerst auf die Intensivstation verlegt worden: Man werde die Firma solange es geht am Leben halten, obwohl sie keine Foundries finde, hat Huaweis Topmanager Eric Xu vergangenen Monat gesagt.

Was den Handelskrieg mit Halbleitern betrifft, und um einmal bei den martialischen Sprachbildern zu bleiben, ist also gerade das erste Opfer schwer getroffen zu Boden gegangen. „Der größte Verlierer dieses Rennens wird Hisilicon sein, das effektiv aus der globalen Top 5 der IC-Design-Firmen herausgeworfen und durch das 2001 gegründete und in Shanghai ansässige Unisoc ersetzt wird – ein chinesisches Unternehmen, das für seine günstigen Chipsets bekannt ist”, schreibt Counterpoint in seiner Anfang Mai veröffentlichten aktuellen Analyse der chinesischen IC-Design-Industrie.

Mainstream-Anbieter Unisoc plötzlich im Aufwind

Noch bis vor kurzem hatte Unisoc, in das neben staatlichen Investoren in China auch Intel investiert hat, überwiegend Chips für die vielen „Feature Phones“ zweitrangiger Handy-Hersteller oder für Smart Watches verkauft, wo es nicht ganz so auf Top-Leistung und einen etablierten Markennamen ankommt. Nun aber nutzt die bisherige Nummer Zwei auf dem chinesischen IC-Design-Markt hinter Hisilicon die Gunst der Stunde.

Seit Huawei seine Smartphone-Sparte „Honor“ im Zuge der Sanktionen verkaufen musste, und seit Hisilicon ausser Gefecht gesetzt ist, hat Unisoc auch eben diese Firma Honor als Chip-Kunden gewinnen können. Wohl auch wegen des verletzten Stolzes der kommunistischen Staats- und Parteiführung sagen Marktbeobachter in China der Firma unter anderem deshalb ab jetzt eine große Zukunft voraus. Schon wird von einem Börsengang gemunkelt, der Unisoc Spekulationen zufolge einen Börsenwert von zehn Milliarden US-Dollar bescheren könnte.

Unisoc sei momentan der vielversprechendste Anwärter darauf, „Hisilicon zu beerben und die chinesische Chip-Design-Industrie anzuführen”, schreibt die chinesische Wirtschaftszeitung Shangye Jingji Guancha. Vor allem für den nach wie vor boomenden Handy-Markt in China und in aufstrebenden Märkten wie Afrika und dem Mittleren Osten wird Unisoc zugetraut, mit seinen 5G-Chips zu einem sehr starken Konkurrenten für Qualcomm und den taiwanesischen Chiphersteller Mediatek zu werden.

Mediatek überholt Qualcomm bei Smartphone-Chipsets

Mediatek in Taiwan gehört allerdings ebenfalls zu den klaren Gewinnern der US-Sanktionen. Seit dem dritten Quartal 2020 konnte das Unternehmen Qualcomm als globalen Marktführer bei Smartphone-Chips ablösen, mit einem Marktanteil von 31 Prozent. Qualcomm kam noch auf 29 Prozent, blieb allerdings bei der neuesten Generation von 5G-Chips noch deutlich in Führung.

„Mediatek war in der Lage, die vom US-Bann gegen Huawei geschaffene Lücke zu füllen und für sich zu nutzen”, zitiert IEEE den Mediatek-Forschungsdirektor Dale Gai. „Günstige Mediatek-Chips, hergestellt von TSMC, sind für viele OEM zur ersten Wahl geworden, um die von Huaweis Abwesenheit zurückgelassene Lücke schnell zu schließen.”

Mediatek schließt Lücke, die Hisilicon hinterlassen hat

Mediatek zählt jene Handy-Hersteller in der Volksrepublik zu seinen Kunden, die ihren Marktanteil auf dem Rücken von Huaweis Unglück kräftig ausbauen konnten – Xiaomi, Oppo und Vivo. Für das laufende Jahr sagt Counterpoint Mediatek einen globalen Marktanteil bei sämtlichen Smartphone-Chips aller Generationen von 37 Prozent voraus, in solider Führung vor dem zweitplatzierten Qualcomm mit 31 Prozent.

Der Wert der Mediatek-Aktien habe sich seit Beginn des Handelskrieges mehr als verdoppelt, berichtete kürzlich das Wall Street Journal. Der Chip-Designer ist nun mit einem Börsenwert von 62 Milliarden Dollar die zweitgrößte Firma in Taiwan überhaupt.

Schießen sich die USA ins eigene Knie?

Langfristig ist der Ausgang des großen Chip-Pokers, der an die Ölkrisen der Vergangenheit erinnert, wie gesagt noch ungewiss. Momentan profitieren Firmen in Taiwan oder auch Qualcomm in den USA. Weil die US-Sanktionen und die erfolgreiche Demütigung Huaweis aber die kommunistische Führung Chinas an die strategische Wichtigkeit von Halbleitern erinnert haben, und weil diese Führung nun wie von einer Tarantel gestochen in heimische Foundries, Chip-Design-Firmen und Hersteller von Performance Materials investiert, könnte sich der von Donald Traump vom Zaun gebrochene Handelskrieg langfristig als ein kostspieliger Schuss ins eigene Knie erweisen. Doch das ist Zukunftsmusik.

Sehr gute Zukunftsaussichten für chinesische Chip-Design-Firmen

Die chinesische Chip-Design-Industrie boomte ohnehin schon, wuchs Angaben der China Semiconductor Industry Association zufolge im vergangenen Jahr um 23,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf einen Marktwert von knapp 378 Milliarden chinesische Yuan (rund 48,3 Milliarden Euro). Für die Zukunft sind die Prognosen gut bis sehr gut, unter anderem wegen der strategischen Ziele Pekings und der durch Corona beschleunigten Digitalisierung in China.

Hisilicon mag zumindest vorübergehend aus dem Rennen sein, doch Unisoc, Will Semiconductor, Huada Semiconductor, ZTE Microelectronics, Shenzhen Goodix, Hangzhou Silan und andere fabless Design-Firmen in der Volksrepublik stehen vor einem von patriotischen Gefühlen und Notwendigkeit gleichermaßen befeuerten Goldrausch. Und auch Mediatek auf der aus Pekinger Sicht „abtrünnigen Inselrepublik“ Taiwan lacht sich gerade ins Fäustchen. Wenn zwei sich streiten, freut sich eben auch in Asien immer der Dritte.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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