IGBTs Chinas Angriff auf Weltmarktführer Infineon

Redakteur: Johann Wiesböck

Infineon wächst in China zunehmend harte Konkurrenz heran. Ein Beispiel ist der bevorstehende Launch des neuen IGBT6.0-Chips, den der chinesische Hersteller BYD soeben angekündigt hat.

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Marktanteile der Top 10 IGBT-Modulhersteller in China, Quelle: NE-Times
Marktanteile der Top 10 IGBT-Modulhersteller in China, Quelle: NE-Times
(Bild: Asia Waypoint)

Besonders bei den in der Automobil-Industrie benötigten IGBT-Chips sind schon die wirtschaftlichen und politischen Trends erkennbar, die den chinesischen Herausforderer in den kommenden Jahren gegenüber den Deutschen begünstigen werden. „BYD Semiconductor wird in Xian bald seinen IGBT6.0-Chip mit gesteigerter Leistung vorstellen“, berichtet das chinesische Halbleiter-Fachmedium Bandaoti Hangye Guancha. Diese neue Generation von Chips sei mit einer „neuen Trench-Gate-Technologie mit hoher Dichte“ entwickelt worden und ermögliche eine bessere Verlässlichkeit und Leistung gegenüber der vorigen Generation, schreibt das Fachportal.

Noch dominiert das deutsche Infineon mit seiner führenden Technologie und breiten Produktpalette auch in China den Markt für IGBT-Chips. Im Jahr 2019 hatte Infineon in China einen Marktanteil von 58,2 Prozent, BYD dagegen rund 18 Prozent. Seither sei der Marktanteil von BYD auf „mehr als 20 Prozent gewachsen”, heißt es in einer Marktstudie von CITIC Securities.

Bipolartransistoren mit isolierter Gate-Elektrode (auf Englisch insulated-gate bipolar transistor oder IGBT) haben sich auch den Spitznamen „der CPU der E-Autos” erworben. Sie werden in Elektrofahrzeugen für verschiedene Funktionen eingesetzt - für die „Perzeption“ über Sensoren, als Kontrollchips in ECU, MCU oder VCU, und auch als Steuerungselemente in elektrischen Komponenten von der Powerbatterie bis hin zur Lenkung.

BYD ernster Konkurrent von Infineon und Mitsubishi

Marktanteile der Top 10 IGBT-Modulhersteller in China, Quelle: NE-Times
Marktanteile der Top 10 IGBT-Modulhersteller in China, Quelle: NE-Times
(Bild: Asia Waypoint)

Das chinesische OEM, das mit seiner Produktion von E-Autos einer der größten Nutznießer des neuen Booms der chinesischen E-Mobilität ist, produziert seine eigenen IGBT-Chips und gilt spätestens seit 2009 als ernster Konkurrent der etablierten Halbleiter-Produzenten wie Infineon oder Mitsubishi Electric. Zurzeit ist BYD Semiconductor das einzige chinesische Unternehmen, das eigenständig Autochips produzieren kann.

Damit hat der Mutterkonzern BYD, zu dessen Investoren unter anderem der legendäre Warren Buffet mit Berkshire Hathaway zählt, einen echten Wettbewerbsvorteil. Während gerade andere internationale Autohersteller von VW über Ford bis Toyota unter dem Mangel von Autochips leiden, baut sich BYD einfach seine eigenen IGBT-Chips. Der chinesische OEM habe davon „genügend, um die eigene Nachfrage zu decken“, schreiben Analysten von Daiwa Securities.

Völlig unberührt vom globalen Chipmangel darf sich BYD über eine Verdreifachung seines Börsenwertes in Hongkong allein in den vergangenen sechs Monaten freuen. BYD und seine Tochter BYD Semiconductor sind auch ein Liebling strategischer Investoren von Sequoia China über die koreanische SK Group, vom Handy-Hersteller Xiaomi über die Lenovo-Gruppe bis hin zu ARM.

Ein unabhängiger Börsengang, also ein „Spin-off“ von BYD Semiconductor war Medienberichten zufolge für Dezember 2022 geplant, könnte nun aber sogar vorgezogen werden. Das würde dann frisches Kapital für die Ausweitung des Angebots und noch härtere Konkurrenz für Infineon und Mitsubishi Electric bringen.

Noch ist Infineon mit seinem Produktpalette viel breiter aufgestellt als BYD. Seit seiner Übernahme von Cypress Semiconductors sind die Deutschen der weltgrößte Hersteller von automobilen Chips. Auch bei MOSFETs, Memory-Chips und bei Spezialchips für den Powertrain, ADAS- oder Infotainment-Systeme sind die Münchener momentan klar die Nummer Eins. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt.

Der weltweite Boom für IGBT-Chips begünstigt sowohl BYD wie seine Konkurrenten. Bis 2026 werde sich der globale Markt fast verdoppeln, auf fast 11 Milliarden US-Dollar, sagt die Marktforschungsfirma Mordor Intelligence voraus. IGBT-Chips werden schließlich nicht nur in E-Autos gebraucht, sondern auch in anderen Energie-intensiven Geräten, vom Kühlschrank über die Klimaanlage und den Hochgeschwindigkeitszug bis hin zur Ladesäule für Elektrofahrzeuge.

Ganz besonders schnell wächst der IGBT-Markt allerdings in BYDs Heimatmarkt China, wo die Regierung das Wachstum der E-Mobilität konsequent fördert. Das ist der erste Trend, der eher den in Chinas Autoindustrie gut vernetzten und von der heimischen Regierung bevorzugten Hersteller BYD begünstigt.

Emanzipation von ausländischen Herstellern oberstes Ziel

Doch das ist noch mehr. Ein weiterer China-spezifischer Trend, der BYD momentan Rückenwind in seiner Aufholjagd gegenüber ausländischen Anbietern gibt ist, dass Chinas Führung seit den Attacken auf Huawei von der „heimischen Substitution“ in der Halbleiter-Industrie Chinas geradezu besessen ist.

Es gibt seit dem von Donald Trump losgetretenem Handelskrieg mit Peking, in dessen Zentrum Halbleiter stehen, keinen einzigen Artikel in Chinas gleichgeschalteten, von der Kommunistischen Partei straff geführten Medien mehr, der nicht das Thema Emanzipation von ausländischen Herstellern aufgreift. „In der Vergangenheit war der IGBT-Markt für die Automobilindustrie von internationalen Giganten monopolisiert. Die chinesischen Unternehmen beschleunigen die heimische Substitution“, schreibt auch Bandaoti Hangye Guancha in seiner aktuellen Meldung über den neuen BYD-Chip.

In China gibt es eine neue Entschlossenheit, „nationale Champions“ unter den heimischen Produzenten von Autochips aufzubauen, die künftig auch auf dem Weltmarkt mitmischen sollen. Die von weltweiten Corona-Lockdowns verschärften Engpässe haben diese Entschlossenheit nur noch verstärkt. Was bedeutet das wohl für Infineon in München und Mitsubishi Electric in Tokio, mit Bezug auf ihre Marktanteile in China? Nun, man muss es wohl nicht hinschreiben.

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