Chipmangel in der Autoindustrie China kauft Gebrauchtmarkt für IC-Fertigungsanlagen leer

Autor / Redakteur: Henrik Bork* / Michael Eckstein

Die „China AG“ reagiert auf den Chipmangel in der Autoindustrie: mehr „Made in China“ und Hamsterkäufe von Second-Hand-Fertigungsausrüstung in Japan.

Firmen zum Thema

China ist vom aktuellen Mangel an Chips für die Automobilindustrie besonders stark betroffen – und sucht nach Lösungen: Eine lautet, gebrauchte Fertigungsmaschinen für 8-Zoll-Wafer zu kaufen.
China ist vom aktuellen Mangel an Chips für die Automobilindustrie besonders stark betroffen – und sucht nach Lösungen: Eine lautet, gebrauchte Fertigungsmaschinen für 8-Zoll-Wafer zu kaufen.
(Bild: Clipdealer)

China setzt verstärkt darauf, den Mangel an Halbleitern durch mehr heimische Produktion zu bekämpfen. Auf der „Semicon China“, der größten Fachmesse der Volksrepublik, dominierte dieses Thema die Diskussionen. Besonders die schmerzhaften Engpässe bei Chips für die Autoindustrie haben begonnen, die Industrie und ihre Lieferketten zu verändern, war auf der Messe zu erfahren.

Die „China AG“ nutzte die Semicon China in der vergangenen Woche in Shanghai sehr intensiv, um den Chipmangel und mögliche Gegenmaßnahmen zu diskutieren. Ein deutlich erkennbarer Trend ist der zu mehr heimischer Produktion, um politisch motivierten Exportkontrollen und anderen Gefahren für die Lieferketten zu begegnen.

China forciert Aufbau eigener Chip-Produktionen

Der Chiphersteller GTA Semiconductor aus Shanghai hat auf der Messe neue Investitionen von 35,9 Mrd. Yuan (rund 4,6 Mrd. Euro) in die Produktion von Auto-Halbleitern angekündigt. Unter anderem soll damit eine eigene Wafer-Produktion im Industriegebiet Lingang bei Shanghai aufgebaut werden.

Wie auf der Semicon China deutlich zu beobachten war, erstreckt sich die neue Aufbruchstimmung in China auf alle Schritte der Wertschöpfungskette von Halbleitern. So konnte zum Beispiel das chinesische Startup „ChipOn Micro-Electronic Co.“ gerade eine neue Finanzierungsrunde zur Verstärkung seiner Forschung & Entwicklung von Mikrocontrollern (MCU) und anderen Automotiv-Chips abschließen. 300 Mio. Yuan (rund 38,7 Mio. Euro) stecken Investoren, darunter der chinesische Autohersteller und VW-Partner SAIC, in das Startup.

„Mehr chinesische Unternehmen verstärken ihre Anstrengungen beim Design und der Produktion von Halbleitern für Fahrzeuge”, berichtet die Zeitung Global Times. Dass Autohersteller weltweit ihre Produktion wegen der Chipmängel herunterfahren mussten, habe „das Bewusstsein für die Notwendigkeit unabhängiger Lieferketten für Schlüsselkomponenten” geschärft, schreibt das regierungsnahe Blatt.

Chinas Automobilindustrie leidet schwer unter Chipmangel

Die Automobilindustrie in China ist momentan besonders schwer von dem globalen Chipmangel betroffen, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen hat sich der chinesische, weltweit größte Automarkt schneller als die Märkte anderer Länder vom Schock der Coronakrise erholt. Die Pekinger Zentralregierung hatte nur kurz, im ersten Quartal 2020, mit einem landesweiten Lockdown auf die Epidemie reagiert, die Maßnahme dann aber schnell beendet. Schnell konnten alle Autofabriken in China wieder wie gewohnt produzieren.

25,3 Mio. Fahrzeuge konnten in 2020 in China insgesamt ausgeliefert werden - das war zwar ein leichter Rückgang von 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, doch wesentlich besser als noch am Anfang des Jahres angenommen. Für das laufende Jahr sagen Prognosen sogar wieder einen Anstieg der Autoverkäufe voraus – sofern die Chiphersteller und automobile Zulieferer die OEM in China nicht im Regen stehen lassen.

Abhängigkeit von Importen ist China ein Dorn im Auge

Der zweite Grund, aus dem China besonders hart unter dem Chipmangel für Autos leidet, ist seine Abhängigkeit von Importen. 90 Prozent aller Halbleiter für die Automobilindustrie muss derzeit aus dem Ausland eingeführt werden. OEM in China sind daher gerade stark von den Unterbrechungen der Lieferketten in anderen Ländern betroffen.

Der jüngste Autohersteller, der schwer von dem Chipmangel in China erwischt wurde, ist Volvo. Der OEM, inzwischen im Besitz der chinesischen Geely Holding, müsse im März seine Produktion in China und den USA stoppen oder herunterfahren, gab Volvo Cars in der vergangenen Woche in einer Presseerklärung bekannt. Anderen Herstellern in China geht es ähnlich. Die Halbleiterindustrie insgesamt ist viel zu globalisiert, als dass sie von lokalen oder gar nationalen Fortschritten bei der Eindämmung eines Virus profitieren könnte.

Zahlen vom chinesischen Verband der Automobilherstellern CAAM machen deutlich, wie kritisch sich der Chipmangel mittlerweile auf Chinas Autoindustrie auswirkt. Im Januar seien die Verkäufe etwa für Passagierwagen um 18,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat gefallen, und das “unzureichende Angebot von Auto-Chips” sei dafür verantwortlich, so CAAM.

Digitalisierung ist Kernthema für Automobilbranche – und fordert ICs

Der VW-Manager Thomas Manfred Müller sagte auf der Semicon, dass „Digitalisierung von Fahrzeugen” das gegenwärtige Kernthema der Autoindustrie sei. Nicht, dass die Halbleiter-Industrie dies noch nicht bemerkt hätte, aber von dem besonders raschen Anstieg der Nachfrage, noch dazu während einer globalen Pandemie, sind viele Produzenten dennoch überrascht worden.

Auch Chinas im Zuge der Coronakrise massiv verstärkte Förderung der E-Mobilität und des autonomen Fahrens – was beides wiederum die Nachfrage nach Auto-Chips aller Art deutlich ansteigen lässt – war in diesem Ausmaß nicht vorhergesehen worden.

Kein langes Lamentieren: China handelt schnell

Die „China AG“ handelt schnell. Im Februar hat SAIC Motor, einer der ältesten und größten staatlichen Autohersteller Chinas, eine neue Beteiligung an dem chinesischen Autochip-Hersteller Horizon Robotics angekündigt. Horizon ist momentan die einzige heimische Technologiefirma, die in China eine Massenproduktion von “Smart Chips” für Autos auf die Beine stellen konnte.

Die Bestrebungen zur Lokalisierung der Chip-Produktion sind nicht nur eine Reaktion auf den Markt. Sie haben auch eine eindeutig politische Komponente. Chinas Kommunistische Partei, die über ihre Sekretäre direkt in vielen Staatsbetriebe mitredet, reagiert auf den vom Ex-US-Präsident Trump begonnenen Technologie-Krieg, in dem sie die Produktion von Halbleitern in China intensiv fördert.

Staatsbetriebe aller Art und auch patriotische Privatfirmen stehen daher nun Schlange, um in chinesische Hersteller von Auto-Chips zu investieren. An der jüngsten C3-Runde für die chinesische Halbleiterfirma Horizon zum Beispiel waren mit Great Wall Motors, BYD, Yangtze Automotive Electronics und Dongfeng Assets eine Art „Who is Who“ der automobilen Wertschöpfungsketten in der Volksrepublik beteiligt.

Langfristige Investitionen erforderlich

Niemand redet sich indes in China ein, dass die Lokalisierung von komplizierten High-Tech-Produkten wie Halbleitern über Nacht erreicht werden kann. „Auf dem derzeitigen Stand unserer Technologie kann die heimische Substitution von Auto-Chips nicht erreicht werden”, sagte Xu Haidong, der Chefingenieur von CAAM, kürzlich gegenüber der Zeitschrift Zhongguo Xinwen Zhoukan. Dafür brauche es vielmehr „langfristige Investitionen“.

Von „ein bis zwei Jahren“ bis hin zu besonders pessimistischen „zehn Jahren“ lauteten daher die Prognosen für das Andauern des relativen Chipmangels in der chinesischen Autoindustrie, die am Rande der Semicon China zu hören waren. „Es gibt keine kurzfristige Lösung für den Engpass an Auto-Chips”, sagt auch Xu. Andererseits sollte auch niemand unterschätzen, was Chinas Halbleiter-Industrie mittel-und langfristig erreichen kann, wenn sie sich einmal ein strategisches Ziel gesetzt hat.

Pragmatische Notlösungen. Gebrauchte 8-Zoll-Fertigungsmaschinen aus Japan

Für die Gegenwart gibt es auch pragmatische Notlösungen. Besonders stark ist der Engpass in China momentan bei 8-Zoll-Wafers – und der betrifft die automobile Chipindustrie überproportional stark. Chinesische Chiphersteller haben daher damit begonnen, den gesamten Second-Hand-Markt für entsprechende Produktionsmaschinen in Japan leerzukaufen.

Japanische Händler von gebrauchten Anlagen zur Halbleiterfertigung berichten, dass „die Preise seit dem vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen seien“, schreibt Nikkei Asia. „Manche chinesische Produzenten kaufen sogar Maschinen auf, ohne sie sofort zu nutzen”, zitiert das japanische Wirtschaftsmagazin einen Insider.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

(ID:47303000)