Weg von Intel & Co China hat ausländische CPU-Hersteller im Visier

Von Henrik Bork

Prozessoren aus dem Ausland geben in China bis dato den Takt an. Das soll sich ändern. Bereits in fünf Jahren könnte sich der CPU-Markt stark gewandelt haben. Eine maßgebliche Rolle dabei spielt die offene Befehlssatzarchitektur RISC-V.

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Mit seinen Xeon-Prozessoren beherrscht Intel auch den chinesischen Rechenzentren-Markt. Über 25 Prozent seines Umsatzes macht das US-amerikanische Unternehmen in China. Doch die heimische Konkurrenz regt sich – massiv subventioniert von der heimischen Regierung.
Mit seinen Xeon-Prozessoren beherrscht Intel auch den chinesischen Rechenzentren-Markt. Über 25 Prozent seines Umsatzes macht das US-amerikanische Unternehmen in China. Doch die heimische Konkurrenz regt sich – massiv subventioniert von der heimischen Regierung.
(Bild: Intel Corporation)

Momentan ist Intel noch stark in China. „Noch nicht“, war die Antwort der Intel-China-Chefin Wang Rui, als sie kürzlich gefragt wurde, ob es schon ernsthafte Rivalen für ihre Firma in China gebe. „Aber in drei bis fünf Jahren“, fuhr sie fort, „wird es klar werden, welche heimischen CPU-Hersteller sich als starke Wettbewerber erweisen werden“, zitiert das Online-Portal guancha.cn die Vorstandsvorsitzende von Intel in China.

Drei bis fünf Jahre, auch zehn Jahre, sind schnell vorbei. Und der chinesische Markt trägt schon jetzt mehr als 25% zu den Einnahmen von Intel bei. Grund genug, einmal nachzufragen, was die chinesische Intel-Konkurrenz momentan so treibt.

Intel-CPUs sind in China allgegenwärtig – noch

Das Ergebnis der Momentaufnahme: Noch ist China in vielen Bereichen auf Chips aus Europa oder den USA angewiesen. „Hinter Firmen wie Tencent und Alibaba, in ihren Datenzentren, steht Technologie von Intel“, sagte Wang Rui – ohne dabei zu übertreiben.

Das Problem ist nur, dass Chinas kommunistische Staats- und Parteiführung die Abhängigkeit von ausländischen Chips reduzieren möchte, seit die USA unter den Präsidenten Trump und Biden eine Strategie der technologischen Eindämmung Chinas betreiben.

China will unabhängiger von ausländischen Prozessoren werden

Und Peking macht dabei langsam, aber sicher Fortschritte. Chinesische Chip-Hersteller wie Phytium erobern momentan als erstes den „Regierungsmarkt” in der Volksrepublik, zu dem nicht nur alle Ministerien gehören, sondern auch staatliche Banken und Finanzinstitute.

Den jüngsten vorliegenden Statistiken zufolge hat sich die Zahl der von Phytium ausgelieferten CPUs allein im Jahr 2021 um das 7,5-fache vermehrt – von 200.000 auf 1,5 Millionen Stück. Letztes Jahr kamen 80% der Aufträge der Firma von offiziellen chinesischen Stellen. Gleichzeitig aber beginnt Phytium, auch andere Kunden in den Bereichen Telekommunikation, Transport und Finanzwesen zu umwerben.

Der Regierungsmarkt wäre dieser Strategie zufolge also das Sprungbrett in andere Märkte, unter anderem als Lieferant für Unternehmen in strategisch relevanten Schlüsselindustrien wie Energie und militärische Ausrüstung. Die aktuellen Sanktionen aus den USA und Europa gegenüber Russland dürften Chinas politische Führung nur noch mehr davon überzeugen, dass dies der richtige Weg ist.

Cyber-Spionage: China dreht den Spieß um, schottet sich ab

Ein Argument, das Regierungsstellen und Banken in China immer häufiger anführen, wenn sie den Einkauf von chinesischen Chips vorziehen, ist die Datensicherheit. Von den USA beschuldigt, Cyber-Spionage im großen Stil anzuwenden, hat Peking den Spieß umgedreht und nutzt das Thema zunehmend zur Rechtfertigung der Abschottung des eigenen Marktes gegenüber Herstellern aus dem Ausland.

Wenn nun beispielsweise die chinesische Zentralbank einen Service für „Self-Service-Kreditanfragen“ einrichtet, so ist es selbstverständlich ein heimischer, chinesischer Hersteller, der die Server liefert (Phytium). Zuvor schon hatte das chinesische Unternehmen Inspur, großzügig subventioniert von chinesischen Regierungsstellen, die bisherigen Server der Marke IBM in lokalen Banken in vielen Provinzen Chinas zu ersetzen begonnen.

Heimische Regierungsstellen und auch Kunden in Schlüsselindustrien hätten „hohe Ansprüche“, was die Datensicherheit und auch die Customization betreffe, führt der ebenfalls explosiv wachsende chinesische CPU-Produzent Loongson in seinem Prospekt für einen bevorstehenden Börsengang aus.

Eigene Befehlssatzarchitekturen für mehr Unabhängigkeit

Sowohl Loongson wie auch sein chinesischer Konkurrent Sunway Microelectronic entwickeln bereits eigene Befehlssatz-Architekturen und IP-Cores. Dies ist der Entwicklungsweg, der aus chinesischer Sicht die größte Unabhängigkeit vom Ausland verspricht.

Andere CPU-Hersteller in der Volksrepublik – dazu zählen etwa Shanghai Zhaoxin Semiconductor und Hygon – arbeiten hingegen noch mit dem Lizensierungsmodell auf der Basis von x86-Cores. Das macht die Unternehmen angreifbar, sollten sich die Spannungen zwischen China und dem Westen verstärken.

Und eine dritte Gruppe von chinesischen Herstellern – darunter etwa Phytium und die Huawei-Tochter HiSilicon – arbeitet mit Befehlssätzen von ARM, aber mit CPU-Cores aus eigenem Design – aus der Perspektive der „Chip-Autarkie“ Chinas eine Art Mittelweg.

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RISC-V-Lösungen werden staatlich gefördert

Doch nicht nur die allmähliche Migration weg von Intel- (x86) und hin zu mehr ARM-Architektur zeigt die Bemühungen Chinas, von US-amerikanischen Chip-Herstellern unabhängig zu werden. Die Regierung fördert auch die Entwicklung von RISC-V-Befehlssätzen. Die ist Open Source und damit, so hofft man in Peking momentan jedenfalls, unabhängiger von geopolitischen Spannungen.

Ein Beispiel: Nachdem Huawei durch US-Sanktionen von Google´s Android-Betriebssystem abgeschnitten wurde, baute es eine eigene RISC-V-Plattform für Software-Entwickler auf. Damit soll das Huawei-eigene “Harmony OS” für Smartphones, IoT-Geräte und andere “Edge Devices” popularisiert werden. Weil es plötzlich keine Intel-Chips mehr kaufen durfte, verkaufte Huawei seinen Geschäftsbereich x86-Server an eine kleine Firma in der Provinz Henan.

Open-Source-Architektur als Chance

Die Zentralregierung in Peking sieht die Open-Source-Architektur RISC-V zunehmend als Chance, die Abhängigkeit der eigenen Chip-Industrie von Firmen wie Intel und ihrem Lizenz-pflichtigen Design-Architektur für Halbleiter. Sie hat die Etablierung eines „China RISC-V Industry Consortium” gefördert. Die Stadtregierung von Shanghai hat sogar damit begonnen, besondere Subventionen für Unternehmen auszuschütten, die mit RISC-V arbeiten.

Es wird nicht leicht werden, Intel und andere ausländische CPU-Hersteller zu ersetzen. Der Aufbau von gesamten Ökoystemen dauert eher Jahrzehnte als Jahre. Es wird wohl wirklich noch eine Zeit dauern, bis China ohne Intel auskommt. Doch Peking hat begonnen, diesen Weg einzuschlagen.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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