Interview zur Entwicklung der Mikroskopie

Carl Zeiss' 200. Geburtstag und ein Blick nach vorn

| Autor / Redakteur: Marc Platthaus / Marc Platthaus

LABORPRAXIS: Ist das technisch Machbare in der Mikroskopie immer erstrebenswert oder sollte hier ein Kompromiss zwischen Technik und gewünschter Anwendung gefunden werden?

Dr. Weber: Im ersten Moment steht der Anwender im Fokus: Es ist wichtig zu verstehen, was seine Aufgabe ist oder sein Problem, das er lösen will und wie ihm ein Mikroskop dabei helfen kann. Aber natürlich muss man auch manchmal etwas wagen und über die reine Anwendung hinausgehen. Henry Ford hat gesagt ‚Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde!‘ Aber er hat nicht auf diesen Wunsch gehört, sondern weiter an seine Idee geglaubt.

Zeiss steht sei über 170 Jahren für Innovationen – insbesondere im Bereich der Mikroskopie – und ist dabei schon mehrfach an die Grenzen der Physik gegangen. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende entwickelte Henry Siedentopf als Mitarbeiter von Zeiss das so genannte „Ultramikroskop“ zusammen mit dem späteren Nobelpreisträger Richard Zsigmondy. Aber es dauerte weitere Jahrzehnte und technische Fortschritte, bis Ernst Stelzer das Grundprinzip des Ultramikroskopes für die Lichtblatt-Fluoreszenzmikroskopie wiederentdeckte, für die wir wiederum das Zeiss Lightsheet Z.1 anbieten.

Ein aktuelles Beispiel: Zeiss Multi-SEM 506, das schnellste Elektronenmikroskop der Welt, war ursprünglich für den Einsatz in der Halbleitertechnik konzipiert, bevor Forscher wie Jeff Lichtman und Winfried Denk dessen Einsatz in der Konnektomforschung anregten. Unsere Lösungen haben in der Forschung schon zu mancher Entdeckung beigetragen, die vorher nicht denkbar war.

LABORPRAXIS: Abschließend ein Blick in die Zukunft: Wie denken Sie ist Ihr Unternehmen zum 250. Geburtstag von Carl Zeiss aufgestellt?

Dr. Weber: 50 Jahre in die Zukunft blicken kann niemand. Aber ich gehe davon aus, dass Zeiss und insbesondere der Unternehmensbereich Microscopy auch für die Zukunft gut aufgestellt ist: Die Märkte entwickeln sich stabil. Die Digitalisierung bringt neue Chancen und Anwendungsmöglichkeiten mit sich. Die korrelative Mikroskopie wird zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wir arbeiten unablässig daran, unser Portfolio mit Licht-, Elektronen-, Röntgen- und Ionenmikroskopie dichter zusammenzubringen und Forschern den Datenaustausch nicht nur über alle Technologien und alle Größenordnungen, sondern sogar zwischen global verteilten Forschergruppen und deren Instrumenten so einfach und präzise wie möglich zu gestalten. Vermutlich hat Ernst Abbe damals wie heute recht – und die Mikroskope der Zukunft werden mit den heutigen nicht viel gemeinsam haben. Außer dem Namen auf dem Instrument.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Dr. Weber.

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