Buchtipp: Mein Kopf gehört mir - Brainhacking

| Autor / Redakteur: Annett Stein, dpa / Martina Hafner

Brainhacking bedeutet, das eigene Denken mit technischen Mitteln schneller, präziser, besser zu machen. «Das Gehirn zu manipulieren heißt, die Persönlichkeit zu manipulieren», warnt die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel.
Brainhacking bedeutet, das eigene Denken mit technischen Mitteln schneller, präziser, besser zu machen. «Das Gehirn zu manipulieren heißt, die Persönlichkeit zu manipulieren», warnt die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. (Bild: Clipdealer)

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Das Gehirn ist komplex und war deshalb vor technischen Erweiterungen und Verbesserungsversuchen bisher recht gut gefeit. Das könnte sich rasch ändern, warnt die Publizistin Miriam Meckel. In einem Buch beschreibt sie Gefahren für Selbstbestimmung und Persönlichkeit.

Den reinen Gedanken in Aktion umsetzen - zur Unterstützung Gelähmter wird daran ebenso gearbeitet wie für viele andere Bereiche. Mit solchen Fortschritten seien aber große Risiken verbunden, warnt die Publizistin Miriam Meckel («Das Glück der Unerreichbarkeit» und «Brief an mein Leben») in ihrem neuen Buch «Mein Kopf gehört mir». Die Erwartungen an ein perfekt funktionierendes Gehirn wüchsen, das Denken werde berechenbar, der Druck zur Optimierung größer.

Auf die Idee zum Buch kam Meckel, als sie 2017 in Boston (Massachusetts) ein Gerät ausprobierte, dass dem Gehirn über Elektroden helfen soll, aktiver oder entspannter zu werden. «Ich war sehr energetisch. So energetisch, dass ich mich mehrmals übergeben musste, an Essen oder Schlafen die nächsten 36 Stunden nicht zu denken war. Diese Optimierung des Gehirns hat sich alles andere als optimal angefühlt.»

Sie sei keine Neurowissenschaftlerin und wolle auch nicht so tun. «Die Fragen aber, die ich in diesem Buch stelle, gehen nicht nur die Hirnexperten etwas an. Sie betreffen jeden Menschen.» In einigen Jahren seien alle Gegenstände unseres Alltags an das Internet angeschlossen und redeten miteinander. «Wenn es medizinisch und technisch möglich ist, das Gehirn zu einem Knotenpunkt in diesem Netzwerk zu machen, wird das geschehen.»

Wir lebten in einer Zeit der «Selbstverbesserungswilligen», schreibt die Herausgeberin der «Wirtschaftswoche» und Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Die Selbstvermesser hätten sich zunächst den Körper vorgeknöpft. «Inzwischen sind Selbstvermessung und Selbstverbesserung uns wortwörtlich zu Kopfe gestiegen. Auch das Denken muss besser werden.» Brainhacking bedeute, das eigene Denken mit technischen Mitteln schneller, präziser, besser zu machen.

Aus dem Versuch der Selbstoptimierung könne aber Selbstbeschädigung werden, fürchtet Merkel. «Das Gehirn zu manipulieren heißt, die Persönlichkeit zu manipulieren. Das Gesicht der Menschheit wird sich verändern, wenn wir beginnen, unser Gehirn als Zone stetiger Selbstverbesserung und als ökonomische Ressource zu begreifen.» Hinter dem Anliegen stecke schon jetzt eine große Industrie, warnt Meckel. Sie sieht eine Zeit des Neurokapitalismus heraufziehen. «Der Anschluss an die Hirn-Daten-Cloud für 299 Euro im Monat ist zu teuer? Da bleibt leider nur Hartz-IV für die allzu ergrauten Zellen.»

Die Publizistin geht auf die Entwicklung des Gehirns und seine Leistungsfähigkeit, seine Arbeitsweise und seinen Energieverbrauch ein. Sie beschreibt, wie auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz (KI) versucht wird, die Fähigkeiten des Gehirns nachzubilden. Und warum das Gehirn das menschliche Gehirn wie ein Museum ist, das Überbleibsel sämtlicher vorangegangener Stadien unserer langen Evolutionsgeschichte enthält.

Immer wieder beschreibt Meckel eigene Erfahrungen – etwa ihre Gefühle und Gedanken bei einem 24-stündigen Aufenthalt in einer geräuschisolierten Dunkelkammer. Sie erzählt von einem Fernsehbeitrag über das Gehirn von Wladimir Iljitsch Uljanow – weithin bekannt unter dem Namen Lenin, das in den Schränken des Moskauer Instituts für Hirnforschung als Ansammlung von Proben aus 30.953 feinsten Schnitten existiere.

Auch Fallbeispiele sind aufgeführt. Zum Locked-in-Syndrom zum Beispiel der von Cathy Hutchinson, einer 60-jährigen Amerikanerin, die vor mehr als 15 Jahren einen Schlaganfall hatte und seither vollständig gelähmt und wie in ihrem eigenen Körper eingeschlossen ist. Über ein Hirnimplantat könne sie mit ihren Gedanken einen Roboterarm steuern. «Mit ihm kann sie zum Beispiel zu einer Getränkeflasche greifen oder einen Apfel essen. Für eine vollständig gelähmte Patientin ist das lebensverändernd.»

Meckel wirft einen Blick darauf, was künftig möglich sein könnte in diesem Bereich - und auch auf Entwicklungen, die sie für gefährlich hält. Im Silicon Valley werde der Begriff der «High Potentials» derzeit mit ganz neuer, sehr konkreter Bedeutung aufgeladen. «Wer nicht auf Erweiterungsdroge ist, kann mit den Anforderungen der Rund-um-die-Uhr-Leistungsgesellschaft nicht mehr mithalten.» Corneliu Giurgea, einer der Väter der biochemischen Hirnstimulation, habe es einmal auf den Punkt gebracht: «Die Menschheit wird nicht Millionen von Jahre passiv darauf warten, dass die Evolution ihr ein besseres Gehirn anbietet.»

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Sehr wichtiges und unterrepräsentiertes Thema , mit einem gewaltigen Denkfehler in dieser...  lesen
posted am 04.05.2018 um 15:50 von Unregistriert

Bin nur ein einfacher Elektrotechniker - Ausbildungsstart war 1983. Damals hatte ich schon...  lesen
posted am 04.05.2018 um 13:33 von Unregistriert

Leider gibt es noch viel zu weing geselschaftliche Diskussion darüber, was wir wollen. Die...  lesen
posted am 04.05.2018 um 12:11 von Unregistriert


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