SEW-EURODRIVE Bruchsaler Familienunternehmen als Protagonist der Antriebstechnik

Redakteur: Wolfgang Leppert

Ganz nach den Leitideen ihrer Gründergeneration – innovate don’t imitate – hat die SEW-EURODRIVE in ihrer 75-jährigen Firmengeschichte eine steile Karriere gemacht: vom kleinen badischen Elektromotoren-Betrieb zum globalen Schrittmacher in der Antriebstechnik. Die Zutaten des Erfolgsmenüs haben sich durch alle Jahrzehnte kaum geändert: Mutige und entschlossene Investitionen in neue Technologien, in neue Märkte – und vor allem in die Mitarbeiter. Die selbe Philosophie gilt auch für die Zukunft.

Firmen zum Thema

Die hoch moderne Elektronikfertigung in Bruchsal – 2000 zur besten Fabrik des Jahres gekürt
Die hoch moderne Elektronikfertigung in Bruchsal – 2000 zur besten Fabrik des Jahres gekürt
( Archiv: Vogel Business Media )

Oft sind die einfachen, nahe liegenden Rezepte auch die erfolgreichen. Und dennoch gelingt es nur wenigen Unternehmen und Unternehmern, diese auch zielstrebig und konsequent umzusetzen sowie zu nachhaltigem Erfolg zu führen. Die bislang 75-jährige Geschichte des Bruchsaler Familienunternehmens SEW-EURODRIVE ist ein Paradebeispiel für die positive Variante. Schon als Christian Pähr im Juli 1931 mit den Fabrikationsrechten am damals revolutionären Vorgelegemotor sowie 16 Mitarbeitern seine eigene Firma, die Süddeutsche Elektromotoren-Werke gründete, war dies ein konsequenter, wenngleich unter den damaligen Bedingungen auch sehr mutiger Schritt. Und genau wie diese leistungsfähige Kombination aus Motor und Getriebe zum Vorreiter aller Antriebssysteme wurde, so verankerten sich auch Innovationsgeist und Technologieführerschaft als Grundprinzipien in der Unternehmenskultur. „Gerade heute müssen wir diese Tugenden pflegen und täglich von uns fordern, mutig und offen an alles Neue heranzugehen“, so Dr. Jörg Leonhardt, der bei SEW-EURODRIVE den Geschäftsführungsbereich Innovation verantwortet. „Denn nur so können wir unseren Vorsprung halten.“

Familienunternehmen mit Weitblick und langem Atem

Erworben wurde dieser Vorsprung zunächst mit unternehmerischem Weitblick sowie erneut konsequenten Entscheidungen. Bereits in den 1950er Jahren, als andere Unternehmen sich noch gänzlich im Wirtschaftswunder sonnten, begeisterte sich Christian Pährs Schwiegersohn Ernst Blickle, der die Firma seit 1945 in zweiter Generation führte, für die neuen Perspektiven der internationalen Märkte. Und getreu seines Wahlspruchs – der Kunde muss nicht zu uns kommen, sondern wir müssen zum Kunden gehen – erfolgte 1960 die Gründung der ersten Auslandstochter im französischen Haguenau. In Fortführung dieser frühen Internationalisierung verfügt SEW-EURODRIVE heute über Tochtergesellschaften und Niederlassungen in mehr als 60 Ländern rund um den Globus.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

„Bei dieser fortschreitenden Globalisierung kam und kommt uns immer wieder der lange strategische Atem eines Familienunternehmens zugute“, betont Geschäftsführer Hans Sondermann. Denn ob Japan, Lateinamerika oder auch Russland: Wann immer sich der Wettbewerb in Krisenzeiten zurückzog, blieb SEW-EURODRIVE standhaft vor Ort. „Für uns war bei allen Auslandsaktivitäten immer klar, dass wir nach überstandener Krise gestärkt und mit deutlichem Vorsprung hervor gehen“, so Sondermann, „und genau so kam es auch. Wir haben heute sogar in manchen lateinamerikanischen Ländern fast ein Monopol, einfach weil es dort keinen Wettbewerber mehr gibt.“

Erstes Baukastenkonzept für Getriebemotoren aus der Taufe gehoben

Der frühe Schritt aufs internationale Parkett brachte zugleich noch tiefer gehende, konzeptionelle Veränderungen. So reifte mit dem Aufbau ausländischer Montagewerke die Idee, die Komponenten in Großserien zentral und kostenoptimiert zu fertigen und dann wiederum dezentral vor Ort nach Kundenwunsch zu montieren. Folglich benötigte man ein modular aufgebautes System, und so entstand 1965 das erste Baukastenprinzip für Getriebemotoren. Noch heute profitieren die deutschen Standorte von dieser Entscheidung, weil die meisten Standard-Komponenten immer noch in hoher Stückzahl hierzulande produziert werden. Gleichzeitig garantieren die Auslandswerke den lokalen Kunden eine schnelle und flexible Auslieferung. „SEW hat sich damit einen bedeutenden zeitlichen Vorsprung verschafft, wenngleich das Konzept noch vor zwanzig Jahren von so manchem Wettbewerber belächelt wurde“, schmunzelt der Geschäftsführer. Doch die Rechnung ging auf, und auch diese Idee machte Schule.

Innovationen als Strategie gegen Nachahmer

Erfolgreiche Konzepte jedoch werden kopiert, „und deshalb betrachten wir die Innovationspolitik als bedeutsamen Schlüsselfaktor für die Zukunft unseres Unternehmens“, erklärt Dr. Leonhardt. Wo immer auf dem Globus SEW-EURODRIVE aktiv ist, werden Kundenwünsche akkumuliert, Marktanalysen getätigt und die Anforderungen an die zentrale Entwicklung im Headquarter kommuniziert. Im 2003 eröffneten Erst-Blickle-Innovation-Center in Bruchsal laufen alle Fäden zusammen. In interdisziplinären Teams werden die Kompetenzen aus allen relevanten Technologiesegmenten gebündelt, um im Know-how-Pool – abgekoppelt vom Tagesgeschäft – tiefere Erkenntnisse über die Zukunft der Antriebstechnik zu erarbeiten und neue Lösungsansätze zu entwickeln. „Wir haben diese Basisentwicklung ganz bewusst zentralisiert und mit integralem Wissen besetzt, um alle Kerntechnologien bündeln, Synergien erzeugen und unser Innovationstempo weiter erhöhen zu können“, so Dr. Leonhardt. „Und durch den hohen Input unserer globalen Organisation sowie den entsprechenden Output der Ergebnisse in alle Bereiche und Regionen bleiben wir am Markt dynamisch und flexibel.“

Auch in der Fertigung stecken noch erhebliche Potenziale

Zugleich werden in diversen Kompetenzzentren auch die eigenen Prozesse und Verfahren kritisch analysiert und permanent verbessert. Ein wichtiges Anliegen ist hier beispielsweise die bereichsübergreifende Standardisierung modernster Software-Tools. Hat sich etwa eine Konstruktions-Software als besonders effizient erwiesen, soll diese möglichst flächendeckend in der Getriebe-, der Motoren- und der Elektronik-Konstruktion angewendet werden. „Das ermöglicht Synergien, spart Kosten, reduziert Komplexität und erhöht die Effizienz“, weiß Dr. Leonhardt, „und ist die Voraussetzung, dass sich unsere Experten aus unterschiedlichen Einheiten austauschen und Prozessoptimierungen für alle generieren können“. Ab und an werden sogar in der vermeintlich ausgereizten Fertigungstechnologie neue Potenziale gehoben. „Unlängst ist es uns abermals gelungen, in einigen Produktionsbereichen mehr als 30 Prozent Produktivitätssteigerung herauszuholen“, berichtet Hans Sondermann.

Branchenorientierte Systemlösungen erzeugen Added-value

Auch strategisch hält sich der Antriebstechnik-Protagonist in permanenter Bewegung. „Es reicht uns heute eigentlich nicht mehr, nur einen aktuellen Kundenwunsch zu befriedigen“, führt der Geschäftsführer aus. „Wir stellen uns vielmehr die Frage, wie der Kunde selbst seine Anlagen weiter optimieren kann.“ Und auch das hat Konsequenzen. Denn wer auf diese Weise Added-value erzeugen will, muss völlig in die Welt seiner Abnehmer eintauchen. SEW-EURODRIVE stellt sich daher zunehmend branchenorientiert auf – insbesondere dort, „wo die Antriebstechnik hohe Potenziale hat, zusätzlichen Mehrwert zu erzeugen“. Und das ist im Prinzip überall, wo etwas bewegt, gefördert oder verteilt wird. Folglich hat man in Bruchsal neben der Nahrungs- und Genussmittel- sowie der Verpackungsindustrie vor allem die Logistikbranche im Visier. Denn ob Flughafentechnik oder Postverteilzentren: „Kaum eine andere Branche bietet derzeit ähnlich hohe Innovationschancen“, ist Hans Sondermann überzeugt, „und die Rationalisierungsmöglichkeiten moderner Logistiksysteme sind noch lange nicht ausgeschöpft“.

Mit hohem Elan ins Systemgeschäft

Bedeutet zugleich: Wandel vom traditionellen Komponenten- zum Systemanbieter. „Viele Kunden interessieren sich nicht mehr für die einzelne Komponente, sondern für komplette Systeme, die ihnen helfen, komplexe Aufgaben schneller, zuverlässiger und preiswerter zu erledigen“, verrät Dr. Leonhardt. Dies wird rein technisch vom Trend zur Modularisierung getragen, da sich in einem geschlossenen Modul vielschichtige und zugleich branchenspezifische Komplettlösungen vereinen lassen. Ebenso suchen viele Endanwender für ein spezielles Segment wie etwa die Antriebstechnik einen einzigen, verlässlichen Partner, der sie so entlastet, dass sie sich voll auf ihre eigenen Kompetenzen konzentrieren können. Ein solcher Partner aber muss ein komplettes und durchgängiges Produktportfolio besitzen – hier sieht sich SEW-EURODRIVE an vorderster Front. Und zur hohen Kunst gehört es dann eben, die individuelle Systemlösung aus einem weitgehend standardisierten Baukasten passgenau und zugleich wirtschaftlich profitabel zu generieren.

Neue Netzwerke mit ausgewiesenen Spezialisten

Profitabel bedeutet für Hans Sondermann auch: „Wir können und müssen heute nicht mehr alles selber machen.“ So setzt man im Projektgeschäft auf Networking mit hoch spezialisierten Partnern, „und die dafür notwendige Integrationsfähigkeit ist für uns ein weiteres Differenzierungsmerkmal.“ Was auch existenzsichernd ist, um mögliche Substitutionseffekte im Stammgeschäft auszugleichen. „Denn jede Innovation verändert zwangsläufig die bisherige Produktwelt“, erläutert Dr. Leonhard. Der Trend zur Miniaturisierung und energieeffizienten Systemen führt zu neuen Lösungen und Prozessen. „Wir können diese heute teilweise exakt simulieren und entsprechende Voraussagen treffen.“ Auch hier hat sich der strategische Weitblick der Gründerzeit manifestiert.

Nicht simulierbar hingegen – und dennoch Kernaufgabe des Managements – ist die richtige Mixtur der Arbeitsteilung im globalen Maßstab. „Wir müssen die internationalen Wachstumsmärkte durch eine lokale Wertschöpfung unterstützen, damit wir dort noch präsenter und schneller sind“, skizziert Hans Sondermann und bekräftigt die Notwendigkeit weiterer Auslandsinvests – in neuen Regionen wie auch zur Verbesserung der Performance bestehender Standorte. Wobei komplexe Projekte aus wenigen, aber über den ganzen Erdball verstreuten Kompetenzzentren koordiniert werden. „Ein Global Player erwartet von uns überall auf der Welt die gleiche Leistung, und was wir im Komponentengeschäft schon realisiert haben, muss auch im branchenorientierten Systemgeschäft gelten.“

Vom globalen Wachstum profitieren alle Werke

Mit wiederum positivem Feedback für die Standorte in Deutschland bzw. Europa, dessen ist sich der Geschäftsführer ganz sicher: „So lange wir im Ausland wachsen, partizipieren auch unsere deutschen Werke. Denn zum einen produzieren wir hier mit den besten Maschinen und Verfahren, mit sehr hoher Fertigungstiefe und in hohen Losgrößen und erzielen damit Skaleneffekte, die die Fertigung in Deutschland rentabel halten. Gleichzeitig ist aus diesem Grund der manuelle Anteil bei vielen Komponenten marginal, so dass Lohnkostenvorteile in Niedriglohnländern nicht zu Buche schlagen – zumal wenn man einen Teil der Produkte dann auch noch hierher transportieren müsste.“ Zweiter Grund: Die in Bruchsal zentralisierten Entwicklungseinheiten erhalten aus allen neuen Engagements zusätzliche Impulse für weitere innovative Lösungen. Und drittens schließlich ist Hans Sondermann ein überzeugter Verfechter heimischer Stärken: „Unsere Infrastruktur ist nahezu perfekt. Und bei Innovation, Forschung und Technologie ist Deutschland immer noch der performanteste Standort der Welt.“ Das beweist gerade auch die Erfolgsstory von SEW-EURODRIVE.

(ID:183596)