Brexit: Risiken und Chancen für den Standort Deutschland

| Autor: Margit Kuther

Brexit: Die Risiken für deutsche Unternehmen sind immens
Brexit: Die Risiken für deutsche Unternehmen sind immens (Bild: Europa.eu)

Deloitte befragte über 200 deutsche Großunternehmen mit wirtschaftlichen Beziehungen zum UK, wie sie die Risiken und Chancen des Brexits für Deutschland bewerten. Hier finden Sie die Antworten.

Der im Juni 2016 beschlossene EU-Austritt des Vereinigten Königreiches (UK) wird weitreichende ökonomische und politische Folgen haben. Deloitte behandelt in seiner Reihe „Brexit-Briefings“ den „Brexit und die Folgen für Deutschland“ aus der Perspektive deutscher Unternehmen.

Im Fokus stehen dabei die Einschätzungen der Unternehmen zu den Brexit-Verhandlungen, den Folgen, Risiken und Chancen des Brexits für den Standort Deutschland und die Unternehmen selbst sowie die politischen Konsequenzen. 239 deutsche Großunternehmen mit wirtschaftlichen Beziehungen zum Vereinigten Königreich wurden vom 4. bis 13. Juni 2018 für die Studie befragt.

Ein harter Brexit schadet deutschen Unternehmen

53% der Befragten erwarten hohe bis sehr hohe Schäden für ihr Unternehmen im Falle eines harten Brexits. Den höchsten Schaden für ihr Unternehmen sehen mit 63% Vertreter des Bankenwesens und der Chemieindustrie, gefolgt von der Konsumgüterindustrie (62%), Technologiebranchen (61%) und der Automobilindustrie (60%). Mit etwas Abstand folgen der Maschinenbau (55%) und die verarbeitende Industrie (52%).

Geradezu entspannt reagieren dagegen Vertreter des Handels und des Transportwesens auf einen möglichen harten Brexit: Denn 68 respektive 67 % der Befragten schätzen den künftigen Schaden eines möglichen Brexits für ihr Unternehmen als „niedrig“ ein.

Vorbereitungen auf den Brexit

Kaum ein Unternehmen will einem harten Brexit unvorbereitet gegenüberstehen: So haben sich bereits 72% der Befragten intensiv auf den Brexit vorbereitet. Fast zwei Drittel haben die Risiken umfassend analysiert, knapp die Hälfte hat bereits die Lieferkette umgebaut und ein Drittel hat Investitionen gestoppt. Dabei setzen 54% der befragten Unternehmen auf „punktuelle Analysen“, 21% auf eine zentrale „Brexit-Task-Force“, 14% auf eine „externe Beratung“ und 11% machen „gar nichts“. Zu letzteren zählen aber ein Drittel der Transport- und Logistikunternehmen, die hier schon vorgearbeitet haben dürften.

Sollte es tatsächlich zu einem harten Brexit mit der Einführung von Zöllen und sonstigen Einschränkungen, etwa der Mitarbeitermobilität kommen, würden 58% der Unternehmen ihren Fokus auf andere Märkte rücken, 44% ihre Investitionen in UK reduzieren und 30% Verlagerungen in andere europäische Länder vornehmen. Auf höhere Preise, die die Kostensteigerung auffangen sollen, setzen 18% der Befragten, so die Deloitte-Studie.

Chancen & Risiken des Brexits

Zahlreiche der von Deloitte Befragten sehen im Brexit auch Chancen für ihr Unternehmen: 44% sehen ein „neues Geschäftspotenzial“ durch die Verlagerungen nach Deutschland/Europa als Chance. Dank „dauerhaft günstiger Wechselkurse“ beurteilen 36% ein Outsourcing nach UK als positiv, und 27% einen Bezug auf Vorleistungen. 21% rechnen nach dem Brexit mit „weniger Konkurrenz durch britische Unternehmen“ auf dem EU-Markt.

Bei den Risiken nach einem Brexit rangiert die „eingeschränkte Mobilität der Mitarbeiter“ mit 33% an erster Stelle, gefolgt von „verminderten Exportchancen durch Zölle und Regularien“ (30%) und eine „erschwerte Finanzierung durch den Ausschluss des Finanzplatzes London aus der EU“ (27%). Einen „Verlust von Aufträgen“ sehen dagegen lediglich 15% der Befragten als Risiko durch den Brexit.

Deutsche Unternehmer erwarten einen konventionellen Freihandelsvertrag

Wird sich die EU und das Vereinigte Königreich bis zum Herbst planmäßig auf ein Austrittsabkommen einigen? In diesem Punkt ist die Meinung der befragten deutschen Unternehmensvertreter klar zweigeteilt: Eine Mehrheit von rd. 49% verneint zwar diese Frage, doch gehen immerhin rd. 47% der Befragten von einer planmäßigen Einigung aus. Nur rd. 3% haben keine Meinung dazu, sprich: sie „wissen es nicht“.

41% der befragten Unternehmensvertreter erwarten einen konventionellen Freihandelsvertrag als endgültiges Ergebnis der Verhandlungen. Einen harten Brexit, also kein Abkommen, halten immerhin 23% der Befragten für möglich. Eine Zollunion zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich können sich 21% vorstellen, während lediglich 13% die Entwicklung binnenmarktähnlicher Beziehungen erwarten.

Obgleich die Mehrheit der Befragten bei einem harten Brexit Schaden für ihr Unternehmen erwartet, setzt in puncto Verhandlungsziel das Gros auf Härte der EU: So halten 44% einen „vollständigen Ausschluss des Vereinigten Königreiches aus dem Binnenmarkt“ für angemessen, „wenn die vier Grundfreiheiten nicht akzeptiert werden“. Vier Grundfreiheiten werden in der EU rechtlich garantiert: Sie besagen, dass sich Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen innerhalb der Europäischen Union ohne Einschränkungen bewegen können.

„Eine möglichst weitgehende Bewahrung des Binnenmarktes mit dem Vereinigten Königreich“ sehen 32% als Verhandlungsziel und zwar auch dann, wenn dafür die Personenfreizügigkeit aufgegeben werden muss. Einen Freihandelsvertrag mit anderen Ländern, etwa Kanada, können sich 22% der Befragten vorstellen, während der Rest unentschieden ist.

Post-Brexit: Hoffen auf eine verstärkte europäische Kooperation

Eine „vertiefte europäische Kooperation“ und mehr „Integration, sprich: mehr EU-Kompetenzen“, das ist die Hoffnung von 2/3 der von Deloitte befragten deutschen Unternehmen für die Zeit nach dem Brexit. Im Detail antworteten die Unternehmen auf die Frage: „Auf welches Ziel sollte sich Ihrer Meinung nach die EU in der post-Brexit Zeit hin entwickeln?“ folgendermaßen: 37% wünschen sich eine Vertiefung in ausgewählten Politikfeldern, etwa in der Außen- und Migrationspolitik. 28% hoffen auf eine stärkere Integration und Zentralisierung, etwa Eurozonen-Finanzminister, -Budget und eine Verlagerung der Kompetenzen hin zur EU.

20% wünschen sich den Status quo und lediglich 12% hoffen auf mehr Befugnisse der einzelnen Staaten in der EU, sprich: eine „Rückgabe von Kompetenzen an die Mitgliedsstaaten und stärkere Dezentralisierung“.

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