Harter Brexit: Noch kann die Elektronikindustrie die Risiken minimieren

| Redakteur: Margit Kuther

Harter Brexit: Die Folgen für EU und UK wären gravierend.
Harter Brexit: Die Folgen für EU und UK wären gravierend. (Bild: Stux/gemeinfrei / CC0)

Am 29. März droht das Ende des freien Waren-, Kapital-, Dienstleistungs- und Personenverkehrs zwischen der EU und Großbritannien – mit gravierenden Folgen für Unternehmen. Doch diese lassen sich abfedern.

Der Stichtag für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union rückt immer näher, und sowohl die Industrie als auch Politiker und Bürger sind über die potenziellen Auswirkungen dieses einzigartigen Ereignisses auf ihre jeweiligen Bereiche im Unklaren. Aufgrund der wahrhaftig einmaligen Besonderheit des Brexit-Verfahrens sehen sogar Experten einem gewissen Grad von Ungewissheit und Verwirrung entgegen.

Die Elektronikindustrie ist ein interessantes Beispiel für die weitreichenden Auswirkungen, die die Fertigungsindustrie, den Handel und die Logistik verändern können – und werden. Die globalen Produktions- und Lieferketten der Elektronikindustrie sind von vielen Gesetzen und Normen der Europäischen Union beeinflusst, weshalb diese Branche exemplarisch für die anstehenden Herausforderungen eines harten Brexit steht.

Einschränkung des freien Warenverkehrs

Eine der Errungenschaften der Europäischen Union ist der 1993 vollendete Binnenmarkt, der den freien Waren-, Kapital- und Dienstleistungs- und Personenverkehr garantiert. Die Elektronikindustrie kann in ganz Europa Produkte über die Grenzen transportieren, ohne von Zollprozessen betroffen zu werden. Im Falle eines No-Deal-Brexits, was bedeutet, dass zwischen der EU und Großbritannien kein Übergangsabkommen verhandelt wird, wird Großbritannien den Binnenmarkt und die Zollunion verlassen. Es wird vermehrte Grenzkontrollen geben, die sowohl die Geschäftsverwaltungskosten als auch die Zeitspanne, in der Produkte befördert werden können beeinflussen werden.

Das bedeutet für die stark exportorientierte Elektronikindustrie, dass die Logistik für die Produktions- und Lieferketten besonders beeinflusst wird, wenn über die britische Grenze hinweg produziert und gehandelt wird. Mark Peers, Direktor von SupplyPoint, einem Hersteller von intelligenten Bestandsmanagementsystemen mit Einrichtungen in Großbritannien, beschäftigt sich vor allem mit Zeitabläufen: „Der Brexit bahnt sich an, und es gibt immer noch keine konkreten Aussagen dazu, wie Zoll- und Versandprozesse auf beiden Seiten des Ärmelkanals aussehen werden. Es könnte zu Verzögerungen von ein bis zwei Tagen bis hin zu drei bis vier Wochen kommen, und diese Unsicherheit erschwert das Planen. Um unsere europäischen Unternehmen und Kunden weiterhin effektiv zu unterstützen, mussten wir uns auf viele verschiedene Szenarien einstellen.“

Hersteller und Lieferanten, die Bauteile und Produkte versenden, müssen ihre Versandwege unter die Lupe nehmen. Falls der Weg über Großbritannien geht, warten potenziell unerschwingliche Kosten und Verzögerungen. Dies ist besonders relevant was die Lieferung am Folgetag anbelangt – ein Service, der von vielen Kunden bevorzugt wird. Elektronik-Distributoren mit Depots in Großbritannien, die in die EU versenden – oder umgekehrt – könnten auf einmal gegen Konkurrenten im Nachteil sein.

Einführung von Komponenten- und Produktzöllen

Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Binnenmarkts sind die fehlenden Zolltarife beim Warentransport in der EU. Sobald Großbritannien die EU verlässt muss ein Handelsabkommen abgeschlossen werden, das die neuen Import- und Exportvorschriften festlegt. Da aber bisher noch kein Abkommen arrangiert wurde, werden die neuen Vorschriften wahrscheinlich deutlich strenger als bisher ausfallen.

Das bedeutet, dass eine Auflegung von hohen Warenzöllen auch auf Elektronik wahrscheinlich ist. Besonders Konsumenten werden hiervon betroffen sein, da die erhöhten Produktions- und Versandkosten für Komponenten und Elektronikprodukte sich voraussichtlich in erhöhten Produktpreisen widerspiegeln werden. Und der Versand während der Produktion ist nicht die einzige Gelegenheit, bei der Zölle Preise negativ beeinflussen könnten – auch die Versandkosten für EU-Kunden, die Elektronikprodukte online bei Distributoren bestellen, deren Depots in Großbritannien sind (und vice versa) könnten sich erhöhen.

Als Vorbereitung auf die potenzielle Einschränkung des freien Warenverkehrs und die Einführung von Zöllen erhöhen viele Distributoren ihren Lagerstand von Produkten, deren Lieferanten voraussichtlich die Brexit-Auswirkungen besonders stark spüren werden. Richard Humphreys, Senior Operations Manager bei EAO, hat diesen Effekt bemerkt: „Obwohl unsere Lieferkette in der Schweiz, in Japan und in der USA basiert ist, stellen wir aufgrund erhöhter weltweiter Nachfrage nach unseren Produkten verlängerte Lieferzeiten fest. Deswegen empfehlen wir Distributoren, dass sie ihren Lagerstand unserer Produkte erhöhen, der im Fall eventueller Lieferverzögerungen als Sicherheitspolster agieren kann.“

Zugriff auf Facharbeit

In der Elektronikindustrie gibt es ein besonderes Bedürfnis nach Facharbeitern, damit der kontinuierliche Erfolg und das Wachstum der Industrie gesichert werden kann. Im Binnenmarkt einbegriffen ist auch der freie Personenverkehr. Mit bisher unklaren zukünftigen Einschränkungen ist unsicher, ob es der Industrie weiter möglich sein wird, ihre Arbeiter mühelos aus der EU und aus Großbritannien einzustellen. Dies kann dazu führen, dass qualifizierte Arbeiter mit besonderen Fähigkeiten nicht mehr dort arbeiten können – oder wollen –, wo sie am meisten gebraucht werden.

Es bleibt abzuwarten, wie Großbritannien mit diesem Thema umgeht, da Immigrationseinschränkungen eine Schlüsselthematik der Brexit-Kampagne waren. Die Elektronikindustrie in Großbritannien hat allerdings in Bezug auf Facharbeit deutlich mehr auf dem Spiel als ihr Gegenstück in der EU. Neue Immigrationseinschränkungen könnten besonders Berufsanfänger, die ansonsten sehr an binneneuropäischen Umzügen interessiert sind, davon abschrecken, in Großbritannien zu arbeiten, was die Insel in ihrer Arbeitslandschaft noch inselartiger machen könnte.

Auswirkungen auf die britische Industrie

Im Angesicht der bisher aufgezeigten Konsequenzen haben viele große Elektronikfirmen Bedenken daran geäußert, ihre Tätigkeiten in Großbritannien fortzusetzen. Sollten sie als Antwort auf diese Bedenken ihre britischen Aktivitäten einstellen, würde dies auch die Unternehmen in ihrer Peripherie, auf deren Lieferketten sie sich bisher verlassen hatten, und die unter Umständen mit dem einzigen Zweck, die Bedürfnisse der größeren Unternehmen zu decken, gegründet worden waren, beeinträchtigen. Im schlechtesten Fall könnte Großbritannien einen Großteil seiner Elektronikindustrie verlieren, was einen Dominoeffekt und so auch massive Auswirkungen auf das britische Wirtschaftswachstum haben könnte.

Aber nicht alle großen Unternehmen scheuen sich vor dem Post-Brexit-Markt in Großbritannien. Rob Hammond, CEO und Chairman von Hammond Manufacturing, kommentiert: „Hammond ist ein globales Unternehmen, und so positionieren wir uns proaktiv mit dem Ziel, unsere Kunden zu unterstützen, egal in welche Richtung der Brexit letztendlich geht.“

Fazit: Unternehmen sollten Vorkehrungen treffen

Neil Harrison, CEO von Distrelec, einem führenden europäischen Distributor für elektronische Bauelemente, Automatisierungs- und Messtechnik, fasst zusammen: „Die Ungewissheit in Verbindung mit dem näher rückenden Brexit wird am besten durch umfangreiche Planung bewältigt. Vorkehrungen für das Worst-Case-Szenario eines No-Deal-Brexits zu treffen, wie es viele Vertreter der Industrie getan haben, ist eine weise Maßnahme. Hersteller, Lieferanten und Distributoren sollten entweder sicherstellen, dass ihre Produktions- und Lieferketten nicht vom Brexit beeinträchtigt werden oder die nötigen Maßnahmen treffen, damit ihre Aktivitäten so glatt wie möglich weiterlaufen können.“

Allerdings verbindet die Europäische Union und Großbritannien eine wertvolle Handelspartnerschaft, und ihre Abhängigkeit voneinander wird nicht von einem Tag auf den anderen ausgelöscht werden. Wahrscheinlich wird der Brexit von einer Schonfrist gefolgt, und die hier beschriebenen Änderungen werden nicht sofort in Kraft treten. Und sobald klar ist, was genau der Brexit wirklich mit sich bringen wird, wird die europäische Elektronikindustrie sich als Antwort weiterentwickeln.

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